Schmollen

[197] Wir waren bös geworden wegen eines Nichts – –; aber die Gehirne entzündeten sich daran, wurden reizbar, flammten auf, standen in Brand, verzehrten ihre ruhige Logik wie Zunder.

Sie verschwand in der nächtlichen Straße, tief gekränkt.

Ich nahm einen Wagen, fuhr zu ihrem Haustore.

Ich wartete von 1–5.

Um 5 kam sie.

»Wo warst du bis jetzt?!?«

Sie gab keine Antwort.

Sie läutete der Hausmeisterin.

Sie sagte: »Blamiere mich nicht vor der Hausmeisterin, verstehst du?!?«

Es wurde Licht im Hausflure.

Als ich den Torschlüssel im Torschlosse hörte, gab ich ihr einen Stoß zwischen die Schultern, daß sie an das Tor anflog. Nach einigen Minuten öffnete sich im ersten Stock ihr Fenster: »Peter, ich bin so unglücklich – – –.«

»Wo warst du bis 5?!?«

»Mit einem fremden Manne, der mich ansprach, mich fragte, weshalb ich weine und so allein sei in der Nacht – – –.«

»Sentimentale Verbrecherin!«

»O Peter, verzeihe mir – – –.«

»Ich dir?! Vielleicht du mir?! Wer könnte es entscheiden!?! Ein Erlebnis ist jedenfalls etwas, was einem nachträglich nützen soll für die nächsten Erlebnisse! Dazu allein ist es eigentlich vorhanden. [197] Das ist sein Platz in unserem Leben. Nur tot soll es nicht liegen bleiben in uns und uns noch unseren frischen Mut verpesten wollen mit seinem Leichendunste!«

»O Peter, hättest du – – –«

»Du irrst! Nichts hätte dich abhalten können, innerlich gerade so zu sein, wie du es warst! Törin, glaube wenigstens, daß deine Schändlichkeit und Schwäche unentrinnbar waren!!! Dies sei deine einzige Entschuldigung!«[198]

Quelle:
Peter Altenberg: Märchen des Lebens. Berlin 7–81924, S. 197-199.
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