[195] Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.
Die Boten laßt reiten, / so tun wir euch bekannt,
Wie die Königstochter / fuhr durch das Land,
Und wo von ihr Geiselher / schied mit Gernot:
Sie hatten ihr gedienet, / wie ihre Treue gebot.
Sie kamen an die Donau / gen Vergen nun geritten.
Da begannen sie um Urlaub / die Königin zu bitten,
Weil sie wieder wollten / reiten an den Rhein.
Da mocht es ohne Weinen / von guten Freunden nicht sein.
Geiselher der schnelle / sprach zu der Schwester sein:
»Schwester, wenn du jemals / bedürfen solltest mein,
Was immer dich gefährde, / so mach es mir bekannt
Dann reit ich dir zu dienen / hin in König Etzels Land.«
[196] Die Verwandten alle / küßten sie auf den Mund.
Minniglich sich scheiden / sah man da zur Stund
Die schnellen Burgunden / von Rüdigers Geleit.
Da zog mit der Königin / manche wohlgetane Maid,
Hundert und viere; / sie trugen schön Gewand
Von buntgewebten Zeugen; / manch breiten Schildesrand
Führte man der Königin / nach auf ihren Wegen.
Da bat auch um Urlaub / Volker der zierliche Degen.
Über die Donau kamen / sie jetzt gen Bayerland:
Da sagte man die Märe, / es kämen angerannt
Viel unkunder Gäste. / Wo noch ein Kloster steht,
Und der Innfluß mündend / in die Donau niedergeht,
In der Stadt zu Passau / saß ein Bischof.
Herbergen leerten sich / und auch des Fürsten Hof:
Den Gästen entgegen / gings auf durch Bayerland,
Wo der Bischof Pilgerin / die schöne Kriemhilde fand.
Den Recken in dem Lande / war es nicht zu leid,
Als sie ihr folgen sahen / so manche schöne Maid.
Da kos'ten sie mit Augen / manch edeln Ritters Kind.
Gute Herberge / wies man den Gästen geschwind.
Dort zu Pledelingen / schuf man ihnen Ruh;
Das Volk allenthalben / ritt auf sie zu.
Man gab, was sie bedurften, / williglich und froh:
Sie nahmen es mit Ehren; / so tat man bald auch anderswo.
Der Bischof mit der Nichte / ritt auf Passau an.
Als es da den Bürgern / der Stadt ward kundgetan,
Das Schwesterkind des Fürsten, / Kriemhild wolle kommen,
Da ward sie wohl mit Ehren / von den Kaufherrn aufgenommen.
[197] Als der Bischof wähnte, / sie blieben nachts ihm da,
Sprach Eckewart der Markgraf: / »Unmöglich ist das ja:
Wir müssen abwärts reiten / in Rüdigers Land:
Viel Degen harren unser: / ihnen allen ist es bekannt.«
Nun wußt auch wohl die Märe / die schöne Gotelind:
Sie rüstete sich fleißig / und auch ihr edel Kind.
Ihr hatt' entboten Rüdiger, / ihn bedünk es gut,
Wenn sie der Königstochter / damit tröstete den Mut
Und ihr entgegenritte / mit seiner Mannen Schar
Hinauf bis zur Ense. / Als das im Werke war,
Da sah man allenthalben / erfüllt die Straßen stehn:
Sie wollten ihren Gästen / entgegen reiten und gehn.
Nun war gen Everdingen / die Königin gekommen.
Man hatt im Bayerlande / von Schächern wohl vernommen,
Die auf den Straßen raubten, / wie es ihr Gebrauch:
So hätten sie die Gäste / mögen schädigen auch.
Das hatte wohl verhütet / der edle Rüdiger:
Er führte tausend Ritter / oder wohl noch mehr.
Da kam auch Gotelinde, / Rüdigers Gemahl;
Mit ihr in stolzem Zuge / kühner Recken große Zahl.
Über die Traune kamen sie / bei Ense auf das Feld;
Da sah man aufgeschlagen / Hütten und Gezelt,
Daß gute Ruhe fänden / die Gäste bei der Nacht.
Für ihre Kost zu sorgen / war der Markgraf bedacht.
Von den Herbergen / ritt ihrer Frau entgegen
Gotelind die schöne. / Da zogen auf den Wegen
Mit klingenden Zäumen / viel Pferde wohlgetan.
Sie wurde wohl empfangen; / lieb tat man Rüdigern daran.
[198] Die sie zu beiden Seiten / begrüßten auf dem Feld
Mit kunstvollem Reiten, / das war mancher Held.
Sie übten Ritterspiele; / das sah manch schöne Maid.
Auch war der Dienst der Helden / der Königstochter nicht leid.
Als zu den Gästen kamen / die in Rüdigers Lehn,
Viel Schaftsplitter sah man / in die Lüfte gehn
Von der Recken Händen / nach ritterlichen Sitten.
Da wurde wohl zu Danke / vor den Frauen geritten.
Sie ließen es bewenden. / Da grüßte mancher Mann
Freundlich den andern. / Nun führten sie heran
Die schöne Gotlinde, / wo sie Kriemhild sah.
Die Frauen dienen konnten, / hatten selten Muße da.
Der Vogt von Bechelaren / ritt zu Gotlinden hin.
Wenig Kummer schuf es / der edeln Markgräfin,
Daß sie wohl geborgen / ihn sah vom Rheine kommen.
Ihr war die meiste Sorge / mit großer Freude benommen.
Als sie ihn hatt' empfangen, / hieß er sie auf das Feld
Mit den Frauen steigen, / die er ihr sah gesellt.
Da zeigte sich geschäftig / mancher edle Mann;
Den Frauen wurden Dienste / mit großem Fleiße getan.
Da ersah Frau Kriemhild / die Markgräfin stehn
Mit ihrem Ingesinde: / sie ließ nicht näher gehn:
Sie zog mit dem Zaume / das Roß an, das sie trug,
Und ließ sich aus dem Sattel / heben schleunig genug.
Den Bischof sah man führen / seiner Schwester Kind,
Ihn und Eckewarten / hin zu Frau Gotelind.
Es mußte vor ihr weichen, / wer im Wege stund.
Da küßte die Fremde / die Markgräfin auf den Mund.
[199] Da sprach mit holden Worten / die edle Markgräfin:
»Nun wohl mir, liebe Herrin, / daß ich so glücklich bin,
Hier in diesem Lande / mit Augen euch zu sehn:
Mir konnt in diesen Zeiten / nimmer lieber geschehn.«
»Nun lohn euch Gott,« sprach Kriemhild, / »viel edle Gotelind.
So ich gesund verbleibe / mit Botlungens Kind,
Mag euch zugute kommen, / daß ihr mich habt gesehn.«
Noch ahnten nicht die beiden, / was später mußte geschehn.
Mit Züchten zueinander / ging da manche Maid;
Zu Diensten waren ihnen / die Recken gern bereit.
Sie setzten nach dem Gruße / sich nieder auf den Klee:
Da lernten sich kennen, / die sich fremd gewesen eh.
Man ließ den Frauen schenken. / Es war am hohen Tag;
Das edle Ingesinde / der Ruh nicht länger pflag:
Sie ritten, bis sie fanden / viel breiter Hütten stehn.
Da konnten große Dienste / den edeln Gästen geschehn.
Über Nacht da pflegen / sollten sie der Ruh.
Die von Bechelaren / schickten sich dazu,
Nach Würden zu bewirten / so manchen werten Mann.
So hatte Rüdiger gesorgt, / es gebrach nicht viel daran.
Die Fenster an den Mauern / sah man offen stehn;
Man mochte Bechelaren / weit erschlossen sehn.
Da ritten ein die Gäste, / die man gerne sah;
Gut Gemach schuf ihnen / der edle Rüdiger da.
Des Markgrafen Tochter / mit dem Gesinde ging
Dahin, wo sie die Königin / minniglich empfing.
Da war auch ihre Mutter, / Rüdigers Gemahl;
Liebreich empfangen wurden / die Jungfrauen allzumal.
[200] Sie fügten ihre Hände / in eins und gingen dann
Zu einem weiten Saale, / der war gar wohlgetan,
Vor dem die Donau unten / die Flut vorübergoß.
Da saßen sie im Freien / und hatten Kurzweile groß.
Ich kann euch nicht bescheiden, / was weiter noch geschah.
Daß sie so eilen müßten, / darüber klagten da
Die Recken Kriemhildens; / wohl war es ihnen leid.
Was ihnen guter Degen / aus Bechlarn gaben Geleit!
Viel minnigliche Dienste / der Markgraf ihnen bot.
Da gab die Königstochter / zwölf Armspangen rot
Der Tochter Gotlindens / und also gut Gewand,
Daß sie kein beßres brächte / hin in König Etzels Land.
Obwohl ihr war benommen / der Nibelungen Gold,
Alle, die sie sahen, / machte sie sich hold
Noch mit dem kleinen Gute, / das ihr verblieben war.
Dem Ingesind des Wirtes / bot sie große Gaben dar.
Dafür erwies Frau Gotlind / den Gästen von dem Rhein
Auch so hohe Ehre / mit Gaben groß und klein,
Daß man da der Fremden / wohl selten einen fand,
Der nicht von ihr Gesteine / trug oder herrlich Gewand.
Als man nach dem Imbiß / fahren sollt hindann,
Ihre treuen Dienste / trug die Hausfrau an
Mit minniglichen Worten / Etzels Gemahl.
Die liebkos'te scheidend / der schönen Jungfrau zumal.
Da sprach sie zu der Königin: / »Dünkt es euch nun gut,
So weiß ich, wie gern es / mein lieber Vater tut,
Daß er mich zu euch sendet / in der Heunen Land.«
Daß sie ihr treu gesinnt war, / wie wohl Frau Kriemhild das fand!
[201] Die Rosse kamen aufgezäumt / von Bechelaren an.
Als die edle Königin / Urlaub hatt' empfahn
Von Rüdigers Weibe / und von der Tochter sein,
Da schieden auch mit Grüßen / viel der schönen Mägdelein.
Sie sahn einander selten / mehr nach diesen Tagen.
Aus Medelick auf Händen / brachte man getragen
Manch schönes Goldgefäße / angefüllt mit Wein
Den Gästen auf die Straße / und hieß sie willkommen sein.
Ein Wirt war dagesessen, / Astold genannt,
Der wies sie die Straße / ins Österreicherland
Gegen Mautaren / an der Donau nieder:
Da ward viel Dienst erboten / der reichen Königin wieder.
Der Bischof mit Liebe / von seiner Nichte schied.
Daß sie sich wohl gehabe, / wie sehr er ihr das riet,
Und sich Ehr erwerbe, / wie Helke einst getan.
Hei! was sie großer Ehren / bald bei den Heunen gewann!
An die Traisem kamen / die Gäst in kurzer Zeit.
Sie zu pflegen fliß sich / Rüdigers Geleit,
Bis daß man die Heunen / sah reiten über Land:
Da ward der Königstochter / erst große Ehre bekannt.
Bei der Traisem hatte / der Fürst von Heunenland
Eine reiche Feste, / im Lande wohlbekannt,
Mit Namen Traisenmauer: / einst wohnte Helke da
Und pflag so hoher Milde, / als wohl nicht wieder geschah,
Es sei denn von Kriemhilden; / die mochte gerne geben.
Sie durfte wohl die Freude / nach ihrem Leid erleben,
Daß ihre Güte priesen, / die Etzeln untertan.
Das Lob sie bei den Helden / in der Fülle bald gewann.
[202] König Etzels Herrschaft / war so weit erkannt,
Daß man zu allen Zeiten / an seinem Hofe fand
Die allerkühnsten Recken, / davon man je vernommen
Bei Christen oder Heiden; / die waren all mit ihm gekommen.
Bei ihm war allerwegen, / so sieht mans nimmermehr,
So christlicher Glaube / als heidnischer Verkehr.
Wozu nach seiner Sitte / sich auch ein jeder schlug,
Das schuf des Königs Milde, / man gab doch allen genug.