[202] Wie Kriemhild bei den Heunen empfangen ward.
Sie blieb zu Traisenmauer / bis an den vierten Tag.
Der Staub in den Straßen / derweil nicht stille lag;
Aufstob er allenthalben / wie in hellem Brand.
Da ritten Etzels Leute / durch das Österreicherland.
Es war dem König Etzel / gemeldet in der Zeit,
Daß ihm vor Gedanken / schwand sein altes Leid,
Wie herrlich Frau Kriemhild / zöge durch das Land.
Da eilte hin der König, / wo er die Minnigliche fand.
Von gar manchen Sprachen / sah man auf den Wegen
Vor König Etzeln reiten / viel der kühnen Degen,
Von Christen und von Heiden / manches breite Heer.
Als sie die Herrin fanden, / sie zogen fröhlich einher.
Von Reußen und von Griechen / ritt da mancher Mann:
Die Polen und Walachen / zogen geschwind heran
Auf den guten Rossen, / die sie herrlich ritten.
Da zeigte sich ein jeder / in seinen heimischen Sitten.
[203] Aus dem Land zu Kiew / ritt da mancher Mann,
Und die wilden Peschenegen. / Mit Bogen hub man an
Zu schießen nach den Vögeln, / die in den Lüften flogen;
Mit Kräften sie die Pfeile / bis zu des Bogens Ende zogen.
Eine Stadt liegt an der Donau / im Österreicherland,
Die ist geheißen Tulna. / Da ward ihr bekannt
Manche fremde Sitte, / die sie noch niemals sah.
Da empfingen sie gar viele, / denen noch Leid von ihr geschah.
Es ritt dem König Etzel / ein Ingesind voran,
Fröhlich und prächtig, / höfisch und wohlgetan,
Wohl vierundzwanzig Fürsten / mächtig und hehr:
Ihre Königin zu schauen, / sie begehrten sonst nichts mehr.
Ramung der Herzog / aus Walachenland,
Mit siebenhundert Mannen / kam er vor sie gerannt.
Wie fliegende Vögel / sah man sie alle fahren.
Da kam der Fürst Gibeke / mit viel herrlichen Scharen.
Hornbog der schnelle / ritt mit tausend Mann
Von des Königs Seite / zu seiner Fraun heran.
Sie prangten und stolzierten / nach ihres Landes Sitten.
Von den Heunenfürsten / ward auch da herrlich geritten.
Da kam vom Dänenlande / der kühne Hawart
Und Iring der schnelle, / vor allem Falsch bewahrt;
Von Thüringen Irnfried, / ein weidlicher Mann:
Sie empfingen Kriemhilden, / die so viel Ehre gewann,
Mit zwölfhundert Mannen: / die zählte ihre Schar.
Da kam der Degen Blödel / mit dreitausend gar,
König Etzels Bruder / aus dem Heunenland:
Der ritt in stolzem Zuge, / bis er die Königin fand.
[204] Da kam der König Etzel / und Herr Dieterich
Mit seinen Helden allen. / Da sah man ritterlich
Manchen edeln Ritter / bieder und auch gut.
Davon ward auch Kriemhilden / gar wohl erhoben der Mut.
Da sprach zu der Königin / der edle Rüdiger:
»Frau, euch will empfangen / hier der König hehr.
Wen ich euch küssen heiße, / dem sei der Kuß gegönnt:
Wißt, daß ihr Etzels Recken / nicht alle gleich empfangen könnt.«
Da hob man von der Mähre / die Königin hehr.
Etzel der reiche, / nicht säumt' er länger mehr:
Er schwang sich von dem Rosse / mit manchem kühnen Mann:
Voller Freuden kam er / zu Frau Kriemhilden heran.
Zwei mächtige Fürsten, / das ist uns wohlbekannt,
Gingen bei der Frauen / und trugen ihr Gewand,
Als der König Etzel / ihr entgegenging,
Und sie den edlen Fürsten / mit Küssen gütlich empfing.
Sie schob hinauf die Binden; / ihre Farbe wohlgetan
Erglänzt' aus dem Golde. / Da sagte mancher Mann,
Frau Helke könne schöner / nicht gewesen sein.
Da stand in der Nähe / des Königs Bruder Blödelein.
Den riet ihr zu küssen / Rüdiger der Markgraf reich,
Und den König Gibeke / Dietrichen auch zugleich:
Zwölf der Recken küßte / Etzels Königin;
Da blickte sie mit Grüßen / noch zu manchem Ritter hin.
Während König Etzel / bei Kriemhilden stand,
Taten junge Degen, / wie Sitte noch im Land:
Waffenspiele wurden / schön vor ihr geritten;
Das taten Christenhelden / und Heiden nach ihren Sitten.
[205] Wie ritterlich die Degen / in Dietrichens Lehn
Die splitternden Schäfte / in die Lüfte ließen gehn
Hoch über Schilde / aus guter Ritter Hand!
Vor den deutschen Gästen / brach da mancher Schildesrand.
Von der Schäfte Krachen / vernahm man lauten Schall.
Da waren aus dem Lande / die Recken kommen all
Und auch des Königs Gäste, / so mancher edle Mann!
Da ging der reiche König / mit der Königin hindann.
Sie fanden in der Nähe / ein herrlich Gezelt.
Erfüllt war von Hütten / rings das ganze Feld:
Da war nach den Beschwerden / Rast für sie bereit.
Da geleiteten die Helden / darunter manche schöne Maid
Zu Kriemhild der Königin, / die dort danieder saß
Auf reichem Stuhlgewande: / der Markgraf hatte das
So prächtig schaffen lassen, / sie fandens schön und gut.
Da stand dem König Etzel / in hohen Freuden der Mut.
Was sie zusammen redeten, / das ist mir unbekannt:
In seiner Rechten ruhte / ihre weiße Hand.
So saßen sie in Minne, / als Rüdiger der Degen
Dem König nicht gestattete / Kriemhildens heimlich zu pflegen.
Da ließ man unterbleiben / das Kampfspiel überall:
Mit Ehren ward beendet / der laute Freudenschall.
Da gingen zu den Hütten, / die Etzeln untertan;
Herberge wies man ihnen / ringsum allenthalben an.
Den Abend und nachtüber / fanden sie Ruhe da,
Bis man den lichten Morgen / wieder scheinen sah.
Da kamen hoch zu Rosse / viel Helden ausersehn.
Hei! was sah man Kurzweil / zu des Königs Ehren geschehn!
[206] Nach Würden es zu schaffen / der Fürst die Heunen bat.
Da ritten sie von Tulna / gen Wien in die Stadt;
In schönem Schmucke fand man / da Frauen ohne Zahl;
Sie empfingen wohl mit Ehren / König Etzels Gemahl.
In Überfluß und Fülle / war da für sie bereit,
Wes sie nur bedurften. / Viel Degen allbereit
Sahn froh dem Fest entgegen. / Herbergen wies man an:
Die Hochzeit des Königs / mit hohen Freuden begann.
Man mochte sie nicht alle / herbergen in der Stadt:
Die nicht Gäste waren, / Rüdiger die bat,
Daß sie Herberge / nähmen auf dem Land.
Wohl weiß ich, daß man immer / den König bei Kriemhilden fand.
Dietrich der Degen / und mancher andre Held,
Die hatten ihre Muße / mit Arbeit eingestellt,
Auf daß sie den Gästen / trösteten den Mut;
Rüdger und seine Freunde / hatten Kurzweile gut.
Die Hochzeit war gefallen / auf einen Pfingstentag,
Wo der König Etzel / bei Kriemhilden lag
In der Stadt zu Wiene. / Fürwahr so manchen Mann
Bei ihrem ersten Manne / sie nicht zu Diensten gewann.
Durch Gabe ward sie manchem, / der sie nicht kannte, kund.
Darüber zu den Gästen / hub mancher an zur Stund:
»Wir wähnten, Kriemhilden / benommen wär ihr Gut,
Die nun mit ihren Gaben / hier so große Wunder tut.«
Diese Hochzeit währte / siebzehn Tage lang.
Von keinem andern König / weiß der Heldensang,
Der solche Hochzeit hielte: / es ist uns unbekannt.
All, die da waren, / die trugen neues Gewand.
[207] Sie hatten nie gesessen / daheim in Niederland
Vor so manchem Recken; / auch ist mir wohlbekannt,
War Siegfried reich an Schätzen, / so hatte er doch nicht
So viel der edeln Recken, / als sie hier sah in Etzels Pflicht.
Wohl gab auch nie ein König / bei seiner Hochzeit
So manchen reichen Mantel, / lang, tief und weit,
Noch so gute Kleider, / als man hier gewann,
Die Kriemhildens willen / alle wurden vertan.
Ihre Freunde wie die Gäste / hatten einen Mut;
Sie dachten nichts zu sparen, / und wärs das beste Gut.
Was einer wünschen mochte, / man war dazu bereit;
Da standen viel der Degen / vor Milde bloß und ohne Kleid.
Was einer tat aus Milde, / das war doch gar ein Wind
Gegen Dietrichen: / was Botlungens Kind
Ihm gegeben hatte, / das wurde gar verwandt.
Da beging auch große Wunder / des milden Rüdiger Hand.
Auch aus Ungarlande / der Degen Blödelein
Ließ da ledig machen / manchen Reiseschrein
Von Silber und von Golde: / das ward dahin gegeben.
Man sah des Königs Helden / so recht fröhlich alle leben.
Des Königs Spielleute, / Werbel und Schwemmelein,
Wohl an tausend Marken / nahm jedweder ein
Bei dem Hofgelage / (oder mehr als das),
Als die schöne Kriemhild / bei Etzeln unter Krone saß.
Am achtzehnten Morgen / von Wien die Helden ritten.
In Ritterspielen wurden / der Schilde viel verschnitten
Von Speeren, so da führten / die Recken an der Hand:
So kam der König Etzel / mit Freuden in der Heunen Land.
[208] In Heimburg der alten / verblieb man über Nacht.
Da konnte niemand wissen / recht des Volkes Macht,
Mit welchen Heerkräften / sie ritten durch das Land.
Hei! was schöner Frauen / man in seiner Heimat fand!
In Misenburg der reichen / fing man zu segeln an.
Verdeckt war das Wasser / von Roß und auch von Mann,
Als ob es Erde wäre, / was man doch fließen sah.
Die wegemüden Frauen / mochten sich wohl ruhen da.
Zusammen war gebunden / manches Schifflein gut,
Daß ihnen wenig schaden / Woge mocht und Flut;
Darüber ausgebreitet / manch köstlich Gezelt,
Als ob sie noch immer / beides hätten, Land und Feld.
Nun ward auch in Etzelnburg / die Märe kundgetan:
Da freute sich darinnen / beides, Weib und Mann.
Etzels Ingesinde, / das einst Frau Helke pflag,
Erlebte bei Kriemhilden / noch manchen fröhlichen Tag.
Da stand ihrer harrend / gar manche edle Maid,
Die seit Helkens Tode / getragen Herzeleid.
Sieben Königstöchter / Kriemhild noch da fand;
Durch die so ward gezieret / König Etzels ganzes Land.
Herrat die Jungfrau / noch des Gesindes pflag,
Helkens Schwestertochter, / in der viel Tugend lag,
Dietrichs Verlobte, / eines edeln Königs Sproß,
Die Tochter Nentweinens, / die noch viel Ehren genoß.
Auf der Gäste Kommen / freute sich ihr Mut;
Auch war dazu verwendet / viel kostbares Gut.
Wer könnt euch des bescheiden, / wie Etzel saß seitdem?
Den Heunen ward nicht wieder / eine Königin so genehm.
[209] Als der Fürst mit seinem Weibe / geritten kam vom Strand,
Wer eine jede führte, / das ward da wohl benannt
Kriemhild der edeln: / sie grüßte desto mehr.
Wie saß an Helkens Stelle / sie bald gewaltig und hehr!
Getreulichen Dienstes / ward ihr viel bekannt.
Die Königin verteilte / Gold und Gewand,
Silber und Gesteine; / was sie des überrhein
Zum Heunenlande brachte, / das mußte gar vergeben sein.
Auch wurden ihr mit Diensten / ergeben allzumal
Die Freunde des Königs / und denen er befahl,
Daß Helke nie, die Königin, / so gewaltiglich gebot,
Als sie ihr dienen mußten / bis an Kriemhildens Tod.
Da stand in solchen Ehren / der Hof und auch das Land,
Daß man zu allen Zeiten / die Kurzweile fand,
Wonach einem jedem / verlangte Herz und Mut:
Das schuf des Königs Liebe, / dazu der Königin Gut.
Wenn sie daran gedachte, / wie sie am Rheine saß
Bei ihrem edeln Manne, / ihre Augen wurden naß:
Doch hehlte sie es immer, / daß es niemand sah,
Da ihr nach manchem Leide / so viel der Ehren geschah.