Dreiundzwanzigstes Abenteuer.

[209] Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte.


In so hohen Ehren, / das ist alles wahr,

Wohnten sie beisammen / bis an das siebte Jahr.

Eines Sohns war genesen / derweil die Königin:

Das schien König Etzel / der allergrößte Gewinn.[209]


Bis sie es erlangte, / ließ sie nicht ab davon,

Die Taufe mußt empfangen / König Etzels Sohn

Nach christlichem Brauche; / Ortlieb ward er genannt.

Darob war große Freude / über Etzels ganzem Land.


Der Zucht, deren jemals / zuvor Frau Helke pflag,

Fliß sich Frau Kriemhild / darauf gar manchen Tag.

Es lehrte sie die Sitte / Herrat die fremde Maid;

Die trug noch in der Stille / um Helke schmerzliches Leid.


Vor Heimischen und Fremden / war sie wohlbekannt;

Es hieß, so gut und milde / hab eines Königs Land

Nie eine Frau besessen: / das hielten sie für wahr.

Des rühmten sie die Heunen / bis an das dreizehnte Jahr.


Nun wußte sie, daß niemand / ihr feindlich sei gesinnt,

Wie oft wohl Königinnen / der Fürsten Recken sind,

Und daß sie täglich mochte / zwölf Könige vor sich sehn.

Sie vergaß auch nicht des Leides, / das ihr daheim war geschehn.


Sie gedachte noch der Ehren / in Nibelungenland,

Die ihr geboten worden, / und die ihr Hagens Hand

Mit Siegfriedens Tode / hatte gar benommen,

Und ob ihm das nicht jemals / noch zuleide sollte kommen.


»Es geschäh, wenn ich ihn bringen / möcht in dieses Land.«

Ihr träumte wohl, ihr ginge / bei Etzel an der Hand

Geiselher ihr Bruder; / sie küßt' ihn allezeit

In ihrem sanften Schlafe: / das ward zu schmerzlichem Leid.


Der üble Teufel war es wohl, / der Kriemhilden riet,

Daß sie in Freundschaft / von König Gunther schied

Und ihn zur Sühne küßte / in Burgundenland.

Aufs neu begann zu triefen / von heißen Tränen ihr Gewand.[210]


Es lag ihr an dem Herzen / beides, spat und fruh,

Wie man mit Widerstreben / sie doch gebracht dazu,

Daß sie minnen mußte / einen heidnischen Mann:

Die Not hatt ihr Hagen / und Herr Gunther angetan.


Wie sie das rächen möchte, / dachte sie alle Tage:

»Ich bin nun wohl so mächtig, / wem es auch mißbehage,

Daß ich meinen Feinden / mag schaffen Herzeleid:

Dazu wär ich dem Hagen / von Tronje gerne bereit.


Nach den Getreuen jammert / noch oft die Seele mein;

Doch die mir Leides taten, / möcht ich bei denen sein,

So würde noch gerochen / meines Friedels Tod.

Kaum kann ich es erwarten,« / sprach sie in des Herzens Not.


Es liebten sie alle, / die dem König untertan,

Die Recken Kriemhildens; / das war auch wohlgetan.

Ihr Kämmerer war Eckewart: / drum ward er gern gesehn.

Kriemhildens Willen / konnte niemand widerstehen.


Sie gedacht auch alle Tage: / »Ich will den König bitten,«

Er möcht ihr vergönnen / mit gütlichen Sitten,

Daß man ihre Freunde / brächt in der Heunen Land.

Den argen Willen niemand / an der Königin verstand.


Als eines Nachts Frau Kriemhild / bei dem König lag,

Umfangen mit den Armen / hielt er sie, wie er pflag,

Der edeln Frau zu kosen; / sie war ihm wie sein Leib:

Da gedachte ihrer Feinde / dieses herrliche Weib.


Sie sprach zu dem König: / »Viel lieber Herre mein,

Ich wollt euch gerne bitten, / möcht es mit Hulden sein,

Daß ihr mich sehen ließet, / ob ich verdient den Sold,

Daß ihr meinen Freunden / wäret inniglich hold.«[211]


Da sprach der mächtge König, / arglos war sein Mut:

»Des sollt ihr inne werden: / was man den Helden tut

Zu Ehren und zu Gute, / mir geschieht ein Dienst daran,

Da ich von Weibesminne / nie beßre Freunde gewann.«


Noch sprach zu ihm die Königin: / »Ihr wißt so gut wie ich,

Ich habe hohe Freunde: / darum betrübt es mich,

Daß mich die so selten / besuchen hier im Land:

Ich bin allen Leuten / hier nur als freundlos bekannt.«


Da sprach der König Etzel: / »Viel liebe Fraue mein,

Däucht' es sie nicht zu ferne, / so lüd ich überrhein,

Die ihr da gerne sähet, / hierher zu meinem Land.«

Sie freute sich der Rede, / als ihr sein Wille ward bekannt.


Sie sprach: »Wollt ihr mir Treue / leisten, Herre mein,

So sollt ihr Boten senden / gen Worms überrhein.

So entbiet ich meinen Freunden / meinen Sinn und Mut:

So kommen uns zu Lande / viel Ritter edel und gut.«


Er sprach: »Wenn ihr gebietet, / so laß ich es geschehn.

Ihr könntet eure Freunde / nicht so gerne sehn,

Der edeln Ute Kinder, / als ich sie sähe gern:

Es ist mir ein Kummer, / daß sie so fremd uns sind und fern.«


Er sprach: »Wenn dirs gefiele, / viel liebe Fraue mein,

Wollt ich als Boten senden / zu den Freunden dein

Meine Fiedelspieler / gen Burgundenland.«

Die guten Spielleute / ließ man bringen gleich zur Hand.


Die Knappen kamen beide, / wo sie den König sahn

Sitzen bei der Königin. / Da sagt' er ihnen an,

Sie sollten Boten werden / nach Burgundenland.

Auch ließ er ihnen schaffen / reiches herrliches Gewand.[212]


Vierundzwanzig Recken / schnitt man da das Kleid.

Ihnen ward auch von dem König / gegeben der Bescheid,

Wie sie Gunthern laden sollten / und die ihm untertan.

Frau Kriemhild mit ihnen / geheim zu sprechen noch sann.


Da sprach der reiche König: / »Nun hört, wie ihr tut:

Ich entbiete meinen Freunden / alles, was lieb und gut,

Daß sie geruhn zu reiten / hierher in mein Land.

Ich habe noch gar selten / so liebe Gäste gekannt.


Und wenn sie meinen Willen / gesonnen sind zu tun,

Kriemhilds Verwandte, / so mögen sie nicht ruhn

Und mir zuliebe kommen / zu meinem Hofgelag,

Da meiner Schwäger Freundschaft / mich so sehr erfreuen mag.«


Da sprach der Fiedelspieler, / der stolze Schwemmelein:

»Wann soll euer Gastgebot / in diesen Landen sein,

Daß wirs euern Freunden / am Rhein mögen sagen?«

Da sprach der König Etzel: / »In der nächsten Sonnewende Tagen.«


»Wir tun, was ihr gebietet,« / sprach da Werbelein.

Kriemhild ließ die Boten / zu ihrem Kämmerlein

Führen in der Stille / und besprach mit ihnen da,

Wodurch noch manchem Degen / bald wenig Liebes geschah.


Sie sprach zu den Boten: / »Ihr verdient groß Gut,

Wenn ihr besonnen / meinen Willen tut

Und sagt, was ich entbiete / heim in unser Land:

Ich mach euch reich an Gute / und geb euch herrlich Gewand.


Wen ihr von meinen Freunden / immer möget sehn

Zu Worms an dem Rheine, / dem sollt ihrs nie gestehn,

Daß ihr mich immer sahet / betrübt in meinem Mut;

Und entbietet meine Grüße / diesen Helden kühn und gut.[213]


Bittet sie zu leisten, / was mein Gemahl entbot,

Und mich dadurch zu scheiden / von all meiner Not.

Ich scheine hier den Heunen / freundlos zu sein.

Wenn ich ein Ritter hieße, / ich käme manchmal an den Rhein.


Und sagt auch Gernoten, / dem edlen Bruder mein,

Daß ihm auf Erden niemand / holder möge sein:

Bittet, daß er mir bringe / hierher in dieses Land

Unsre besten Freunde; / so wird uns Ehre bekannt.


Sagt auch Geiselheren, / ich mahn ihn daran,

Daß ich mit seinem Willen / nie ein Leid gewann:

Drum sähn ihn hier im Lande / gern die Augen mein;

Auch will ich all mein Leben / ihm zu Dienst verpflichtet sein.


Sagt auch meiner Mutter, / wie mir Ehre hier geschieht;

Und wenn von Tronje Hagen / der Reise sich entzieht,

Wer ihnen zeigen / die Straßen durch das Land?

Die Wege zu den Heunen / sind von frühauf ihm bekannt.«


Nun wußten nicht die Boten, / warum das möge sein,

Daß sie diesen Hagen / von Tronje nicht am Rhein

Bleiben lassen sollten. / Bald ward es ihnen leid:

Durch ihn war manchem Degen / mit dem grimmen Tode gedräut.


Botenbrief und Siegel / ward ihnen nun gegeben;

Sie fuhren reich an Gute / und mochten herrlich leben.

Urlaub gab ihnen Etzel / und sein schönes Weib;

Ihnen war auch wohlgezieret / mit guten Kleidern der Leib.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 209-214.
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