[209] Wie Kriemhild ihr Leid zu rächen gedachte.
In so hohen Ehren, / das ist alles wahr,
Wohnten sie beisammen / bis an das siebte Jahr.
Eines Sohns war genesen / derweil die Königin:
Das schien König Etzel / der allergrößte Gewinn.
[210] Bis sie es erlangte, / ließ sie nicht ab davon,
Die Taufe mußt empfangen / König Etzels Sohn
Nach christlichem Brauche; / Ortlieb ward er genannt.
Darob war große Freude / über Etzels ganzem Land.
Der Zucht, deren jemals / zuvor Frau Helke pflag,
Fliß sich Frau Kriemhild / darauf gar manchen Tag.
Es lehrte sie die Sitte / Herrat die fremde Maid;
Die trug noch in der Stille / um Helke schmerzliches Leid.
Vor Heimischen und Fremden / war sie wohlbekannt;
Es hieß, so gut und milde / hab eines Königs Land
Nie eine Frau besessen: / das hielten sie für wahr.
Des rühmten sie die Heunen / bis an das dreizehnte Jahr.
Nun wußte sie, daß niemand / ihr feindlich sei gesinnt,
Wie oft wohl Königinnen / der Fürsten Recken sind,
Und daß sie täglich mochte / zwölf Könige vor sich sehn.
Sie vergaß auch nicht des Leides, / das ihr daheim war geschehn.
Sie gedachte noch der Ehren / in Nibelungenland,
Die ihr geboten worden, / und die ihr Hagens Hand
Mit Siegfriedens Tode / hatte gar benommen,
Und ob ihm das nicht jemals / noch zuleide sollte kommen.
»Es geschäh, wenn ich ihn bringen / möcht in dieses Land.«
Ihr träumte wohl, ihr ginge / bei Etzel an der Hand
Geiselher ihr Bruder; / sie küßt' ihn allezeit
In ihrem sanften Schlafe: / das ward zu schmerzlichem Leid.
Der üble Teufel war es wohl, / der Kriemhilden riet,
Daß sie in Freundschaft / von König Gunther schied
Und ihn zur Sühne küßte / in Burgundenland.
Aufs neu begann zu triefen / von heißen Tränen ihr Gewand.
[211] Es lag ihr an dem Herzen / beides, spat und fruh,
Wie man mit Widerstreben / sie doch gebracht dazu,
Daß sie minnen mußte / einen heidnischen Mann:
Die Not hatt ihr Hagen / und Herr Gunther angetan.
Wie sie das rächen möchte, / dachte sie alle Tage:
»Ich bin nun wohl so mächtig, / wem es auch mißbehage,
Daß ich meinen Feinden / mag schaffen Herzeleid:
Dazu wär ich dem Hagen / von Tronje gerne bereit.
Nach den Getreuen jammert / noch oft die Seele mein;
Doch die mir Leides taten, / möcht ich bei denen sein,
So würde noch gerochen / meines Friedels Tod.
Kaum kann ich es erwarten,« / sprach sie in des Herzens Not.
Es liebten sie alle, / die dem König untertan,
Die Recken Kriemhildens; / das war auch wohlgetan.
Ihr Kämmerer war Eckewart: / drum ward er gern gesehn.
Kriemhildens Willen / konnte niemand widerstehen.
Sie gedacht auch alle Tage: / »Ich will den König bitten,«
Er möcht ihr vergönnen / mit gütlichen Sitten,
Daß man ihre Freunde / brächt in der Heunen Land.
Den argen Willen niemand / an der Königin verstand.
Als eines Nachts Frau Kriemhild / bei dem König lag,
Umfangen mit den Armen / hielt er sie, wie er pflag,
Der edeln Frau zu kosen; / sie war ihm wie sein Leib:
Da gedachte ihrer Feinde / dieses herrliche Weib.
Sie sprach zu dem König: / »Viel lieber Herre mein,
Ich wollt euch gerne bitten, / möcht es mit Hulden sein,
Daß ihr mich sehen ließet, / ob ich verdient den Sold,
Daß ihr meinen Freunden / wäret inniglich hold.«
[212] Da sprach der mächtge König, / arglos war sein Mut:
»Des sollt ihr inne werden: / was man den Helden tut
Zu Ehren und zu Gute, / mir geschieht ein Dienst daran,
Da ich von Weibesminne / nie beßre Freunde gewann.«
Noch sprach zu ihm die Königin: / »Ihr wißt so gut wie ich,
Ich habe hohe Freunde: / darum betrübt es mich,
Daß mich die so selten / besuchen hier im Land:
Ich bin allen Leuten / hier nur als freundlos bekannt.«
Da sprach der König Etzel: / »Viel liebe Fraue mein,
Däucht' es sie nicht zu ferne, / so lüd ich überrhein,
Die ihr da gerne sähet, / hierher zu meinem Land.«
Sie freute sich der Rede, / als ihr sein Wille ward bekannt.
Sie sprach: »Wollt ihr mir Treue / leisten, Herre mein,
So sollt ihr Boten senden / gen Worms überrhein.
So entbiet ich meinen Freunden / meinen Sinn und Mut:
So kommen uns zu Lande / viel Ritter edel und gut.«
Er sprach: »Wenn ihr gebietet, / so laß ich es geschehn.
Ihr könntet eure Freunde / nicht so gerne sehn,
Der edeln Ute Kinder, / als ich sie sähe gern:
Es ist mir ein Kummer, / daß sie so fremd uns sind und fern.«
Er sprach: »Wenn dirs gefiele, / viel liebe Fraue mein,
Wollt ich als Boten senden / zu den Freunden dein
Meine Fiedelspieler / gen Burgundenland.«
Die guten Spielleute / ließ man bringen gleich zur Hand.
Die Knappen kamen beide, / wo sie den König sahn
Sitzen bei der Königin. / Da sagt' er ihnen an,
Sie sollten Boten werden / nach Burgundenland.
Auch ließ er ihnen schaffen / reiches herrliches Gewand.
[213] Vierundzwanzig Recken / schnitt man da das Kleid.
Ihnen ward auch von dem König / gegeben der Bescheid,
Wie sie Gunthern laden sollten / und die ihm untertan.
Frau Kriemhild mit ihnen / geheim zu sprechen noch sann.
Da sprach der reiche König: / »Nun hört, wie ihr tut:
Ich entbiete meinen Freunden / alles, was lieb und gut,
Daß sie geruhn zu reiten / hierher in mein Land.
Ich habe noch gar selten / so liebe Gäste gekannt.
Und wenn sie meinen Willen / gesonnen sind zu tun,
Kriemhilds Verwandte, / so mögen sie nicht ruhn
Und mir zuliebe kommen / zu meinem Hofgelag,
Da meiner Schwäger Freundschaft / mich so sehr erfreuen mag.«
Da sprach der Fiedelspieler, / der stolze Schwemmelein:
»Wann soll euer Gastgebot / in diesen Landen sein,
Daß wirs euern Freunden / am Rhein mögen sagen?«
Da sprach der König Etzel: / »In der nächsten Sonnewende Tagen.«
»Wir tun, was ihr gebietet,« / sprach da Werbelein.
Kriemhild ließ die Boten / zu ihrem Kämmerlein
Führen in der Stille / und besprach mit ihnen da,
Wodurch noch manchem Degen / bald wenig Liebes geschah.
Sie sprach zu den Boten: / »Ihr verdient groß Gut,
Wenn ihr besonnen / meinen Willen tut
Und sagt, was ich entbiete / heim in unser Land:
Ich mach euch reich an Gute / und geb euch herrlich Gewand.
Wen ihr von meinen Freunden / immer möget sehn
Zu Worms an dem Rheine, / dem sollt ihrs nie gestehn,
Daß ihr mich immer sahet / betrübt in meinem Mut;
Und entbietet meine Grüße / diesen Helden kühn und gut.
[214] Bittet sie zu leisten, / was mein Gemahl entbot,
Und mich dadurch zu scheiden / von all meiner Not.
Ich scheine hier den Heunen / freundlos zu sein.
Wenn ich ein Ritter hieße, / ich käme manchmal an den Rhein.
Und sagt auch Gernoten, / dem edlen Bruder mein,
Daß ihm auf Erden niemand / holder möge sein:
Bittet, daß er mir bringe / hierher in dieses Land
Unsre besten Freunde; / so wird uns Ehre bekannt.
Sagt auch Geiselheren, / ich mahn ihn daran,
Daß ich mit seinem Willen / nie ein Leid gewann:
Drum sähn ihn hier im Lande / gern die Augen mein;
Auch will ich all mein Leben / ihm zu Dienst verpflichtet sein.
Sagt auch meiner Mutter, / wie mir Ehre hier geschieht;
Und wenn von Tronje Hagen / der Reise sich entzieht,
Wer ihnen zeigen / die Straßen durch das Land?
Die Wege zu den Heunen / sind von frühauf ihm bekannt.«
Nun wußten nicht die Boten, / warum das möge sein,
Daß sie diesen Hagen / von Tronje nicht am Rhein
Bleiben lassen sollten. / Bald ward es ihnen leid:
Durch ihn war manchem Degen / mit dem grimmen Tode gedräut.
Botenbrief und Siegel / ward ihnen nun gegeben;
Sie fuhren reich an Gute / und mochten herrlich leben.
Urlaub gab ihnen Etzel / und sein schönes Weib;
Ihnen war auch wohlgezieret / mit guten Kleidern der Leib.