Vierundzwanzigstes Abenteuer.

[214] Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten.


Als Etzel seine Fiedler / hin zum Rheine sandte,

Da flogen diese Mären / von Lande zu Lande:

Mit schnellen Abgesandten / bat er und entbot

Zu seinem Hofgelage; / da holte mancher sich den Tod.


Die Boten ritten hinnen / aus der Heunen Land

Zu den Burgunden, / wohin man sie gesandt

Zu dreien edeln Königen / und ihrer Mannen Heer,

Daß sie zu Etzeln kämen; / da beeilten sie sich sehr.


Zu Bechlaren ritten / schon die Boten ein.

Ihnen diente man da gerne / und ließ auch das nicht sein:

Ihre Grüße sandten / Rüdger und Gotelind

Den Degen an dem Rheine / und auch des Markgrafen Kind.


Sie ließen ohne Gaben / die Boten nicht hindann,

Daß desto sanfter führen, / die Etzeln untertan.

Uten und ihren Söhnen / entbot da Rüdiger,

Ihnen so gewogen hätten / sie keinen Markgrafen mehr.


Sie entboten auch Brunhilden / alles, was lieb und gut,

Ihre stete Treue / und dienstbereiten Mut.

Da wollten nach der Rede / die Boten weiter ziehn;

Gott bat sie zu bewahren / Gotlind die edle Markgräfin.


Eh noch die Boten völlig / durchzogen Bayerland,

Werbel der schnelle / den guten Bischof fand.

Was der da seinen Freunden / hin an den Rhein entbot,

Davon hab ich nicht Kunde; / jedoch sein Gold also rot[215]


Gab er den Boten milde. / Als sie wollten ziehn,

»Sollt ich sie bei mir schauen,« / sprach Bischof Pilgerin,

»So wär mir wohl zumute, / die Schwestersöhne mein:

Ich mag leider selten / zu ihnen kommen an den Rhein.«


Was sie für Wege fuhren / zum Rhein durch das Land,

Kann ich euch nicht bescheiden. / Ihr Gold und ihr Gewand

Blieb ihnen unbenommen; / man scheute Etzels Zorn:

So gewaltig herrschte / der edle König wohlgeborn.


Binnen zwölf Tagen / kamen sie an den Rhein

Gen Worms in die Feste, / Werbel und Schwemmelein.

Da sagte mans dem König / und seinen Mannen an,

Es kämen fremde Boten; / Gunther zu fragen begann.


Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Wer macht uns bekannt,

Von wannen diese Gäste / ritten in das Land?«

Davon wußte niemand, / bis die Boten sah

Hagen von Tronje: / der begann zu Gunthern da:


»Wir hören Neues heute, / dafür will ich euch stehn:

Etzels Fiedelspieler, / die hab ich hier gesehn;

Die hat eure Schwester / gesendet an den Rhein:

Ihrer Herren willen / sollen sie uns willkommen sein.«


Sie ritten ohne Weilen / zu dem Saal heran:

So herrlich fuhr wohl nimmer / eines Fürsten Fiedelmann.

Des Königs Ingesinde / empfing sie gleich zur Hand;

Herberge gab man ihnen / und bewahrte ihr Gewand.


Ihre Reisekleider waren / reich und so wohlgetan,

Sie mochten wohl mit Ehren / sich so dem König nahn;

Doch wollten sie nicht länger / sie dort am Hofe tragen.

»Ob jemand sie begehre?« / ließen da die Boten fragen.[216]


Da waren auch bedürftige / Leute bei der Hand,

Die sie gerne nahmen: / denen wurden sie gesandt.

Da schmückten mit Gewanden / so reich die Gäste sich,

Wie es Königsboten / herrlich stand und wonniglich.


Da ging mit Urlaube / hin, wo der König saß,

Etzels Ingesinde: / gerne sah man das.

Herr Hagen gleich den Boten / vom Sitz entgegensprang,

Sie freundlich zu begrüßen: / des sagten ihm die Knappen Dank.


Da hub er um die Kunde / sie zu befragen an,

Wie Etzel sich gehabe / und die ihm untertan.

Da sprach der Fiedelspieler: / »Nie besser stands im Land,

Das Volk war niemals froher: / das sei euch wahrlich bekannt.«


Er führte sie dem Wirte zu. / Der Königssaal war voll:

Da empfing man die Gäste, / wie man immer soll

Boten freundlich grüßen / in andrer Könge Land.

Werbel der Recken / viel bei König Gunthern fand.


Der König wohlgezogen / zu grüßen sie begann:

»Willkommen, beide Fiedler, / die Etzeln untertan,

Mit euern Heergesellen: / wozu hat euch gesandt

Etzel der reiche / zu der Burgunden Land?«


Sie neigten sich dem König. / Da sprach Werbelein:

»Euch entbietet seine Dienste / der liebe Herre mein

Und Kriemhild eure Schwester / hierher in dieses Land;

Sie haben uns euch Recken / auf gute Treue gesandt.«


Da sprach der reiche König: / »Der Märe bin ich froh.

Wie gehabt sich Etzel,« / der Degen fragte so,

»Und Kriemhild meine Schwester / in der Heunen Land?«

Da sprach der Fiedelspieler: / »Das mach ich gern euch bekannt.[217]


Besser wohl gehabten / sich Könge nirgend mehr

Und fröhlicher, das wisset, / als die Fürsten hehr

Und ihre Degen alle, / Freund und Untertan.

Sie freuten sich der Reise, / da wir schieden hindann.


Nun Dank ihm für die Dienste, / die er mir entbeut,

Ihm und meiner Schwester: / gern erfahr ich heut,

Daß sie in Freuden leben, / der König und sein Lehn;

Meine Frage war nach ihnen / in großen Sorgen geschehn.«


Die beiden jungen Könige / waren auch gekommen,

Die hatten diese Märe / eben erst vernommen.

Geiselher der junge / die Boten gerne sah

Aus Liebe zu der Schwester; / gar minniglich sprach er da:


»Ihr Boten sollt uns beide / hochwillkommen sein:

Kämet ihr nur öfter / geritten an den Rhein,

Ihr fändet hier der Freunde, / die ihr gerne möchtet sehn;

Euch sollte hier zulande / wenig Leides geschehn.«


»Wir versehn uns alles Guten / zu euch,« sprach Schwemmelein;

»Ich könnt euch nicht bedeuten / mit den Worten mein,

Wie minnigliche Grüße / euch Etzel hat gesandt

Und eure edle Schwester, / die da in hohen Ehren stand.


An eure Lieb und Treue / mahnt euch die Königin

Und daß ihr stets gewogen / war euer Herz und Sinn.

Zuvörderst euch, Herr König, / sind wir hierher gesandt,

Daß ihr geruht zu reiten / zu ihnen in der Heunen Land.


Auch sollen mit euch reiten / Herr Geisler und Gernot.

Etzel der reiche / euch allen das entbot,

Wenn ihr nicht kommen wolltet / eure Schwester sehn,

So möcht er doch wohl wissen, / was euch von ihm wär geschehn,[218]


Daß ihr ihn also meidet / und auch sein Reich und Land.

Wär euch auch die Königin / fremd und unbekannt,

So möcht er selbst verdienen, / ihr kämet ihn zu sehn:

Wenn ihr das leisten wolltet, / so wär ihm Liebes geschehn.«


Da sprach der König Gunther: / »Nach der siebten Nacht

Will ich euch bescheiden, / was ich mich bedacht

Hab im Rat der Freunde; / geht derweilen hin

Zu eurer Herberge / und findet gute Ruh darin.«


Da sprach wieder Werbel: / »Könnt es nicht geschehn,

Daß wir unsre Fraue, / die reiche Ute, sehn,

Eh wir müden Degen / fragten nach der Ruh?«

Da sprach wohlgezogen / der edle Geiselher dazu:


»Das soll euch niemand wehren; / wollt ihr vor sie gehn,

So ist auch meiner Mutter / Will und Wunsch geschehn:

Denn sie sieht euch gerne / um die Schwester mein,

Frau Kriemhilde: / ihr sollt ihr willkommen sein.«


Geiselher sie brachte / hin, wo er Uten fand.

Die sah die Boten gerne / aus der Heunen Land

Und empfing sie freundlich / mit wohlgezognem Mut.

Da sagten ihr die Märe / die Boten höfisch und gut.


»Meine Frau läßt euch entbieten,« / sprach da Schwemmelein,

»Dienst und stete Treue, / und wenn es möchte sein,

Daß sie euch öfter sähe, / so glaubet sicherlich,

Wohl keine andre Freude / auf Erden wünschte sie sich.«


Da sprach die Königin Ute: / »Das kann nun nicht sein.

So gern ich öfter sähe / die liebe Tochter mein,

So wohnt zu fern uns leider / die edle Königin;

Nun geh ihr immer selig / die Zeit mit Etzeln dahin.[219]


Ihr sollt mich wissen lassen, / eh ihr von hinnen müßt,

Wann ihr reiten wollet; / ich sah in langer Frist

Boten nicht so gerne, / als ich euch gesehn.«

Da gelobten ihr die Knappen, / ihr Wille solle geschehn.


Zu den Herbergen gingen / die von Heunenland.

Der reiche König hatte / die Freunde nun besandt.

Gunther der edle / fragte Mann für Mann,

Was sie darüber dächten. / Wohl manche huben da an,


Er möge wohl reiten / in König Etzels Land.

Das rieten ihm die Besten, / die er darunter fand.

Hagen nur alleine, / dem war es grimmig leid.

Zum König sprach er heimlich: / »Mit euch selbst seid ihr im Streit.


Ihr habt doch nicht vergessen, / was ihr von uns geschehn:

Vor Kriemhilden müssen wir / stets in Sorge stehn.

Ich schlug ihr zu Tode / den Mann mit meiner Hand:

Wie dürften wir wohl reiten / hin in König Etzels Land?«


Da sprach der reiche König: / »Meiner Schwester Zürnen schwand:

Mit minniglichem Kusse, / eh sie verließ dies Land,

Hat sie uns verziehen, / was wir an ihr getan;

Es wäre denn, sie stände / bei euch, Herr Hagen, noch an.«


»Nun laßt euch nicht betrügen,« / sprach Hagen, »was auch sagen

Diese Heunenboten: / wollt ihrs mit Kriemhild wagen,

Da verliert ihr zu der Ehre / Leben leicht und Leib:

Sie weiß wohl nachzutragen, / dem König Etzel sein Weib!«


Da sprach vor dem Rate / der König Gernot:

»Ihr mögt aus guten Gründen / fürchten dort den Tod

In heunischen Reichen; / ständen wir drum an

Und mieden unsre Schwester, / das wär übel getan.«[220]


Da sprach zu dem Degen / der junge Geiselher:

»Da ihr euch, Freund Hagen, / schuldig wißt so sehr,

So bleibt hier im Lande / euer Heil zu wahren;

Nur laßt, die sichs getrauen, / mit uns zu den Heunen fahren.«


Darob begann zu zürnen / von Tronje der Held:

»Ich will nicht, daß euch jemand / sei bei der Fahrt gesellt,

Der an den Hof zu reiten / sich mehr getraut als ich:

Wollt ihrs nicht bleiben lassen, / ich beweis' es euch sicherlich.«


Da sprach der Küchenmeister / Rumold der Degen:

»Der Heimischen und Fremden / mögt ihr zu Hause pflegen

Nach euerm Wohlgefallen: / da habt ihr vollen Rat:

Ich wüßte nicht, daß jemand / euch dahin vergeiselt hat.


Wollt ihr nicht Hagen folgen, / so rät euch Rumold,

Der ich euch dienstlich / gewogen bin und hold,

Daß ihr im Lande bleibet / nach dem Willen mein

Und laßt den König Etzel / dort bei Kriemhilden sein.


Wo könntet ihr auf Erden / so gut als hier gedeihn?

Ihr mögt vor euern Feinden / daheim geborgen sein.

Ihr sollt mit guten Kleidern / zieren euern Leib,

Des besten Weines trinken / und minnen manches schöne Weib.


Dazu gibt man euch Speise, / so gut sie in der Welt

Ein König mag gewinnen. / Euer Land ist wohl bestellt:

Der Hochzeit Etzels mögt ihr euch / mit Ehren wohl begeben

Und hier mit euern Freunden / in guter Kurzweile leben.


Und hättet ihr nichts anderes / davon zu zehren hier,

Ich gäb euch eine Speise / die Fülle für und für:

In Öl gesottne Schnitten. / Das ist, was Rumold rät,

Da es gar so ängstlich, / ihr Herrn, dort bei den Heunen steht.[221]


Hold wird euch Frau Kriemhild / doch nimmer, glaubet mir:

Auch habt ihr und Hagen / es nicht verdient an ihr.

Und wollt ihr nicht verbleiben, / wer weiß, wie ihr's beklagt:

Ihr werdets noch erkennen, / ich hab' euch Wahrheit gesagt.


Drum rat ich euch zu bleiben. / Reich ist euer Land:

Ihr könnt hier besser lösen, / was ihr gabt zu Pfand,

Als dort bei den Heunen: / wer weiß, wie es da steht?

Verbleibt hier, ihr Herren: / das ist, was Rumold euch rät.«


»Wir wollen nun nicht bleiben,« / sprach da Gernot

»Da es meine Schwester / so freundlich uns entbot

Und Etzel der reiche, / was führen wir nicht hin?

Die nicht mit uns wollen, / mögen bleiben immerhin.«


»In Treuen,« sprach da Rumold, / »ich will der eine sein,

Der um Etzels Hofgelag / kommt nimmer überrhein.

Wie setzt' ich wohl das Beßre / aufs Spiel, das ich gewann?

Ich will mich selbst so lange / am Leben lassen als ich kann.«


»So denk' ich's auch zu halten,« / sprach Ortwein der Degen:

»Ich will der Geschäfte / zu Hause mit euch pflegen.«

Da sprachen ihrer viele, / sie wollten auch nicht fahren:

»Gott woll euch, liebe Herren, / bei den Heunen wohl bewahren.«


Der König Gunther zürnte, / als er ward gewahr,

Sie wollten dort verbleiben, / der Ruhe willen zwar:

»Wir wollens drum nicht lassen, / wir müssen an die Fahrt;

Der waltet guter Sinne, / der sich allezeit bewahrt.«


Zur Antwort gab da Hagen: / »Laßt euch zum Verdruß

Meine Rede nicht gereichen: / was auch geschehen muß,

So rat ich euch in Treuen, / wenn ihr euch gern bewahrt,

Daß ihr nur wohlgerüstet / zu dem Heunenlande fahrt.[222]


Wenn ihr's euch unterwindet, / so entbietet euer Heer,

Die Besten, die ihr findet / und irgend wißt umher.

Aus ihnen allen wähl ich dann / tausend Ritter gut:

So mag euch nicht gefährden / der argen Kriemhilde Mut.«


»Dem Rate will ich folgen,« / sprach der König gleich.

Da sandt er seine Boten / umher in seinem Reich.

Bald brachte man der Helden / dreitausend oder mehr.

Sie dachten nicht zu finden / so großes Leid und Beschwer.


Sie ritten hohes Mutes / durch König Gunthers Land.

Sie verhießen allen / Ross' und Gewand,

Die ihnen geben wollten / zum Heunenland Geleit.

Da fand viel gute Ritter / der König zu der Fahrt bereit.


Da ließ von Tronje Hagen / Dankwart den Bruder sein

Achtzig ihrer Recken / führen an den Rhein.

Sie kamen stolz gezogen; / Harnisch und Gewand

Brachten viel die schnellen / König Gunthern in das Land.


Da kam der kühne Volker, / ein edler Spielmann,

Mit dreißig seiner Degen / zu der Fahrt heran.

Ihr Gewand war herrlich, / ein König mocht' es tragen.

Er wollte zu den Heunen, / ließ er dem Könige sagen.


Wer Volker sei gewesen, / das sei euch kund getan.

Es war ein edler Herre; / ihm waren untertan

Viel der guten Recken / im Burgundenland;

Weil er fiedeln konnte, / ward er der Spielmann genannt.


Hagen wählte tausend, / die waren ihm bekannt;

Was sie in starken Stürmen / gefrommt mit ihrer Hand

Und sonst begangen hatten, / das hatt' er oft gesehn;

Auch alle andern mußten / ihnen Ehre zugestehn.[223]


Die Boten Kriemhildens / der Aufenthalt verdroß;

Die Furcht vor ihrem Herren / war gewaltig groß;

Sie hielten alle Tage / um den Urlaub an.

Das gönnt' ihnen Hagen nicht: / das ward aus Vorsicht getan.


Er sprach zu seinem Herren: / »Wir wollen uns bewahren,

Daß wir sie reiten lassen, / bevor wir selber fahren

Sieben Tage später / in König Etzels Land;

Trägt man uns argen Willen, / das wird so besser gewandt.


So mag sich auch Frau Kriemhild / bereiten nicht dazu,

Daß uns nach ihrem Rate / jemand Schaden tu.

Will sie es doch versuchen, / so fährt sie übel an:

Wir führen zu den Heunen / manchen auserwählten Mann.«


Die Sättel und die Schilde / und all ihr Gewand,

Das sie führen wollten / in König Etzels Land,

War nun bereit und fertig / für manchen kühnen Mann.

Etzels Spielleute / rief man zu Gunthern heran.


Da die Boten kamen, / begann Herr Gernot:

»Der König will leisten, / was Etzel uns entbot.

Wir wollen gerne kommen / zu seiner Lustbarkeit

Und unsre Schwester sehen; / daß ihr des außer Zweifel seid.«


Da sprach der König Gunther: / »Wißt ihr uns zu sagen,

Wann das Gastgebot beginnt, / oder zu welchen Tagen

Wir erwartet werden?« / Da sprach Schwemmelein:

»Zur nächsten Sonnenwende, / da soll es in Wahrheit sein.«


Der König erlaubte, / das war noch nicht geschehn,

Wenn sie Frau Brunhilden / wünschten noch zu sehn,

Daß sie mit seinem Willen / sprächen bei ihr an.

Dem widerstrebte Volker: / da war ihr Liebes getan.[224]


»Es ist ja Frau Brunhild / nun nicht so wohlgemut,

Daß ihr sie schauen möchtet,« / sprach der Ritter gut.

»Wartet bis morgen, / so läßt man sie euch sehn.«

Sie wähnten sie zu schauen, / da konnt es doch nicht geschehn.


Da ließ der reiche König, / er war den Boten hold,

Aus eigner hoher Milde / daher von seinem Gold

Auf breiten Schilden bringen; / wohl war er reich daran.

Ihnen ward auch reiche Schenkung / von seinen Freunden getan.


Geiselher und Gernot, / Gere und Ortewein,

Wie sie auch milde waren, / das leuchtete wohl ein:

So reiche Gaben boten / sie den Boten an,

Daß sie's vor ihrem Herren / nicht getrauten zu empfahn.


Da sprach zu dem König / der Bote Werbelein:

»Herr König, laßt die Gaben / nur hier im Lande sein.

Wir könnens nicht verführen, / weil uns der Herr verbot,

Daß wir Geschenke nähmen: / auch tut es uns wenig not.«


Da ward der Vogt vom Rheine / darüber ungemut,

Daß sie verschmähen wollten / so reichen Königs Gut.

Da mußten sie empfahen / sein Gold und sein Gewand,

Daß sie es mit sich führten / heim in König Etzels Land.


Sie wollten Ute schauen / vor ihrer Wiederkehr.

Die Spielleute brachte / der junge Geiselher

Zu Hof vor seine Mutier: / sie entbot der Königin,

Wenn man ihr Ehre biete, / so bedünk es sie Gewinn.


Da ließ die Königswitwe / ihre Borten und ihr Gold

Verteilen um Kriemhildens, / denn der war sie hold,

Und König Etzels willen / an das Botenpaar.

Sie mochtens wohl empfahen: / getreulich bot sie es dar.[225]


Urlaub genommen hatten / nun von Weib und Mann

Die Boten Kriemhildens; / sie fuhren froh hindann

Bis zum Schwabenlande: / dahin ließ Gernot

Seine Helden sie begleiten, / daß sie nirgend litten Not.


Als die von ihnen schieden, / die sie sollten pflegen,

Gab ihnen Etzels Herrschaft / Frieden auf den Wegen,

Daß ihnen niemand raubte / ihr Roß noch ihr Gewand.

Sie ritten sehr in Eile / wieder in der Heunen Land.


Wo sie Freunde wußten, / da machten sie es kund,

In wenig Tagen kämen / die Helden von Burgund

Vom Rheine hergezogen / in der Heunen Land.

Pilgerin, dem Bischof, / ward auch die Märe bekannt.


Als sie vor Bechlaren / die Straße niederzogen,

Da ward um die Märe / Rüdger nicht betrogen,

Noch Frau Gotelinde, / die Markgräfin hehr.

Daß sie sie schauen sollten, / des freuten beide sich sehr.


Die Spielleute spornten / die Rosse mächtig an.

Sie fanden König Etzeln / in seiner Stadt zu Gran.

Gruß über Grüße, / die man ihm her entbot,

Brachten sie dem Könige: / vor Liebe ward er freudenrot.


Als Kriemhild der Königin / die Märe ward bekannt,

Ihre Brüder wollten / kommen in ihr Land,

Da ward ihr wohl zumute: / sie gab den Boten Lohn

Mit reichlichen Geschenken; / sie hatte Ehre davon.


Sie sprach: »Nun sagt mir beide, / Werbel und Schwemmelein,

Wer will von meinen Freunden / beim Hofgelage sein,

Von den höchsten, die wir luden / hierher in dieses Land?

Sagt an, was sprach wohl Hagen, / als ihm die Märe ward bekannt?«[226]


»Er kam zu ihrem Rate / an einem Morgen fruh;

Wenig gute Sprüche / redet' er dazu,

Als sie die Fahrt gelobten / nach dem Heunenland:

Die hat der grimme Hagen / die Todesreise genannt.


Es kommen eure Brüder, / die Könge alle drei

In herrlichem Mute. / Wer mehr mit ihnen sei,

Darüber ich des weitern / euch nicht bescheiden kann.

Es will mit ihnen reiten / Volker der kühne Fiedelmann.«


»Des mag ich leicht entbehren,« / sprach die Königin,

»Daß ich auch Volkern sähe / her zu Hofe ziehn!

Hagen bin ich gewogen, / der ist ein Degen gut:

Daß wir ihn schauen sollen, / des hab ich fröhlichen Mut.«


Hin ging die Königstochter, / wo sie den König sah.

Wie minnigliche Worte / sprach Frau Kriemhild da:

»Wie gefallen euch die Mären, / viel lieber Herre mein?

Wes mich je verlangte, / des soll nun bald vollendet sein.«


»Dein Will' ist meine Freude,« / der König sprach da so:

»Ich wär der eignen Freunde / nicht so von Herzen froh,

Wenn sie kommen sollten / hieher in unser Land.

Durch deiner Freunde Liebe / viel meiner Sorge verschwand.«


Des Königs Amtleute / befahlen überall

Mit Gestühl zu schmücken / Pallas und Saal

Für die lieben Gäste, / die da sollten kommen.

Durch die ward bald dem König / viel hoher Freude benommen.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 214-227.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Catharina von Georgien

Catharina von Georgien

Das Trauerspiel erzählt den letzten Tag im Leben der Königin von Georgien, die 1624 nach Jahren in der Gefangenschaft des persischen Schah Abbas gefoltert und schließlich verbrannt wird, da sie seine Liebe, das Eheangebot und damit die Krone Persiens aus Treue zu ihrem ermordeten Mann ausschlägt. Gryphius sieht in seiner Tragödie kein Geschichtsdrama, sondern ein Lehrstück »unaussprechlicher Beständigkeit«.

94 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon