Vierundzwanzigstes Abenteuer.

[215] Wie Werbel und Schwemmel die Botschaft brachten.


Als Etzel seine Fiedler / hin zum Rheine sandte,

Da flogen diese Mären / von Lande zu Lande:

Mit schnellen Abgesandten / bat er und entbot

Zu seinem Hofgelage; / da holte mancher sich den Tod.


Die Boten ritten hinnen / aus der Heunen Land

Zu den Burgunden, / wohin man sie gesandt

Zu dreien edeln Königen / und ihrer Mannen Heer,

Daß sie zu Etzeln kämen; / da beeilten sie sich sehr.


Zu Bechlaren ritten / schon die Boten ein.

Ihnen diente man da gerne / und ließ auch das nicht sein:

Ihre Grüße sandten / Rüdger und Gotelind

Den Degen an dem Rheine / und auch des Markgrafen Kind.


Sie ließen ohne Gaben / die Boten nicht hindann,

Daß desto sanfter führen, / die Etzeln untertan.

Uten und ihren Söhnen / entbot da Rüdiger,

Ihnen so gewogen hätten / sie keinen Markgrafen mehr.


Sie entboten auch Brunhilden / alles, was lieb und gut,

Ihre stete Treue / und dienstbereiten Mut.

Da wollten nach der Rede / die Boten weiter ziehn;

Gott bat sie zu bewahren / Gotlind die edle Markgräfin.


Eh noch die Boten völlig / durchzogen Bayerland,

Werbel der schnelle / den guten Bischof fand.

Was der da seinen Freunden / hin an den Rhein entbot,

Davon hab ich nicht Kunde; / jedoch sein Gold also rot


[216] Gab er den Boten milde. / Als sie wollten ziehn,

»Sollt ich sie bei mir schauen,« / sprach Bischof Pilgerin,

»So wär mir wohl zumute, / die Schwestersöhne mein:

Ich mag leider selten / zu ihnen kommen an den Rhein.«


Was sie für Wege fuhren / zum Rhein durch das Land,

Kann ich euch nicht bescheiden. / Ihr Gold und ihr Gewand

Blieb ihnen unbenommen; / man scheute Etzels Zorn:

So gewaltig herrschte / der edle König wohlgeborn.


Binnen zwölf Tagen / kamen sie an den Rhein

Gen Worms in die Feste, / Werbel und Schwemmelein.

Da sagte mans dem König / und seinen Mannen an,

Es kämen fremde Boten; / Gunther zu fragen begann.


Da sprach der Vogt vom Rheine: / »Wer macht uns bekannt,

Von wannen diese Gäste / ritten in das Land?«

Davon wußte niemand, / bis die Boten sah

Hagen von Tronje: / der begann zu Gunthern da:


»Wir hören Neues heute, / dafür will ich euch stehn:

Etzels Fiedelspieler, / die hab ich hier gesehn;

Die hat eure Schwester / gesendet an den Rhein:

Ihrer Herren willen / sollen sie uns willkommen sein.«


Sie ritten ohne Weilen / zu dem Saal heran:

So herrlich fuhr wohl nimmer / eines Fürsten Fiedelmann.

Des Königs Ingesinde / empfing sie gleich zur Hand;

Herberge gab man ihnen / und bewahrte ihr Gewand.


Ihre Reisekleider waren / reich und so wohlgetan,

Sie mochten wohl mit Ehren / sich so dem König nahn;

Doch wollten sie nicht länger / sie dort am Hofe tragen.

»Ob jemand sie begehre?« / ließen da die Boten fragen.


[217] Da waren auch bedürftige / Leute bei der Hand,

Die sie gerne nahmen: / denen wurden sie gesandt.

Da schmückten mit Gewanden / so reich die Gäste sich,

Wie es Königsboten / herrlich stand und wonniglich.


Da ging mit Urlaube / hin, wo der König saß,

Etzels Ingesinde: / gerne sah man das.

Herr Hagen gleich den Boten / vom Sitz entgegensprang,

Sie freundlich zu begrüßen: / des sagten ihm die Knappen Dank.


Da hub er um die Kunde / sie zu befragen an,

Wie Etzel sich gehabe / und die ihm untertan.

Da sprach der Fiedelspieler: / »Nie besser stands im Land,

Das Volk war niemals froher: / das sei euch wahrlich bekannt.«


Er führte sie dem Wirte zu. / Der Königssaal war voll:

Da empfing man die Gäste, / wie man immer soll

Boten freundlich grüßen / in andrer Könge Land.

Werbel der Recken / viel bei König Gunthern fand.


Der König wohlgezogen / zu grüßen sie begann:

»Willkommen, beide Fiedler, / die Etzeln untertan,

Mit euern Heergesellen: / wozu hat euch gesandt

Etzel der reiche / zu der Burgunden Land?«


Sie neigten sich dem König. / Da sprach Werbelein:

»Euch entbietet seine Dienste / der liebe Herre mein

Und Kriemhild eure Schwester / hierher in dieses Land;

Sie haben uns euch Recken / auf gute Treue gesandt.«


Da sprach der reiche König: / »Der Märe bin ich froh.

Wie gehabt sich Etzel,« / der Degen fragte so,

»Und Kriemhild meine Schwester / in der Heunen Land?«

Da sprach der Fiedelspieler: / »Das mach ich gern euch bekannt.


[218] Besser wohl gehabten / sich Könge nirgend mehr

Und fröhlicher, das wisset, / als die Fürsten hehr

Und ihre Degen alle, / Freund und Untertan.

Sie freuten sich der Reise, / da wir schieden hindann.


Nun Dank ihm für die Dienste, / die er mir entbeut,

Ihm und meiner Schwester: / gern erfahr ich heut,

Daß sie in Freuden leben, / der König und sein Lehn;

Meine Frage war nach ihnen / in großen Sorgen geschehn.«


Die beiden jungen Könige / waren auch gekommen,

Die hatten diese Märe / eben erst vernommen.

Geiselher der junge / die Boten gerne sah

Aus Liebe zu der Schwester; / gar minniglich sprach er da:


»Ihr Boten sollt uns beide / hochwillkommen sein:

Kämet ihr nur öfter / geritten an den Rhein,

Ihr fändet hier der Freunde, / die ihr gerne möchtet sehn;

Euch sollte hier zulande / wenig Leides geschehn.«


»Wir versehn uns alles Guten / zu euch,« sprach Schwemmelein;

»Ich könnt euch nicht bedeuten / mit den Worten mein,

Wie minnigliche Grüße / euch Etzel hat gesandt

Und eure edle Schwester, / die da in hohen Ehren stand.


An eure Lieb und Treue / mahnt euch die Königin

Und daß ihr stets gewogen / war euer Herz und Sinn.

Zuvörderst euch, Herr König, / sind wir hierher gesandt,

Daß ihr geruht zu reiten / zu ihnen in der Heunen Land.


Auch sollen mit euch reiten / Herr Geisler und Gernot.

Etzel der reiche / euch allen das entbot,

Wenn ihr nicht kommen wolltet / eure Schwester sehn,

So möcht er doch wohl wissen, / was euch von ihm wär geschehn,


[219] Daß ihr ihn also meidet / und auch sein Reich und Land.

Wär euch auch die Königin / fremd und unbekannt,

So möcht er selbst verdienen, / ihr kämet ihn zu sehn:

Wenn ihr das leisten wolltet, / so wär ihm Liebes geschehn.«


Da sprach der König Gunther: / »Nach der siebten Nacht

Will ich euch bescheiden, / was ich mich bedacht

Hab im Rat der Freunde; / geht derweilen hin

Zu eurer Herberge / und findet gute Ruh darin.«


Da sprach wieder Werbel: / »Könnt es nicht geschehn,

Daß wir unsre Fraue, / die reiche Ute, sehn,

Eh wir müden Degen / fragten nach der Ruh?«

Da sprach wohlgezogen / der edle Geiselher dazu:


»Das soll euch niemand wehren; / wollt ihr vor sie gehn,

So ist auch meiner Mutter / Will und Wunsch geschehn:

Denn sie sieht euch gerne / um die Schwester mein,

Frau Kriemhilde: / ihr sollt ihr willkommen sein.«


Geiselher sie brachte / hin, wo er Uten fand.

Die sah die Boten gerne / aus der Heunen Land

Und empfing sie freundlich / mit wohlgezognem Mut.

Da sagten ihr die Märe / die Boten höfisch und gut.


»Meine Frau läßt euch entbieten,« / sprach da Schwemmelein,

»Dienst und stete Treue, / und wenn es möchte sein,

Daß sie euch öfter sähe, / so glaubet sicherlich,

Wohl keine andre Freude / auf Erden wünschte sie sich.«


Da sprach die Königin Ute: / »Das kann nun nicht sein.

So gern ich öfter sähe / die liebe Tochter mein,

So wohnt zu fern uns leider / die edle Königin;

Nun geh ihr immer selig / die Zeit mit Etzeln dahin.


[220] Ihr sollt mich wissen lassen, / eh ihr von hinnen müßt,

Wann ihr reiten wollet; / ich sah in langer Frist

Boten nicht so gerne, / als ich euch gesehn.«

Da gelobten ihr die Knappen, / ihr Wille solle geschehn.


Zu den Herbergen gingen / die von Heunenland.

Der reiche König hatte / die Freunde nun besandt.

Gunther der edle / fragte Mann für Mann,

Was sie darüber dächten. / Wohl manche huben da an,


Er möge wohl reiten / in König Etzels Land.

Das rieten ihm die Besten, / die er darunter fand.

Hagen nur alleine, / dem war es grimmig leid.

Zum König sprach er heimlich: / »Mit euch selbst seid ihr im Streit.


Ihr habt doch nicht vergessen, / was ihr von uns geschehn:

Vor Kriemhilden müssen wir / stets in Sorge stehn.

Ich schlug ihr zu Tode / den Mann mit meiner Hand:

Wie dürften wir wohl reiten / hin in König Etzels Land?«


Da sprach der reiche König: / »Meiner Schwester Zürnen schwand:

Mit minniglichem Kusse, / eh sie verließ dies Land,

Hat sie uns verziehen, / was wir an ihr getan;

Es wäre denn, sie stände / bei euch, Herr Hagen, noch an.«


»Nun laßt euch nicht betrügen,« / sprach Hagen, »was auch sagen

Diese Heunenboten: / wollt ihrs mit Kriemhild wagen,

Da verliert ihr zu der Ehre / Leben leicht und Leib:

Sie weiß wohl nachzutragen, / dem König Etzel sein Weib!«


Da sprach vor dem Rate / der König Gernot:

»Ihr mögt aus guten Gründen / fürchten dort den Tod

In heunischen Reichen; / ständen wir drum an

Und mieden unsre Schwester, / das wär übel getan.«


[221] Da sprach zu dem Degen / der junge Geiselher:

»Da ihr euch, Freund Hagen, / schuldig wißt so sehr,

So bleibt hier im Lande / euer Heil zu wahren;

Nur laßt, die sichs getrauen, / mit uns zu den Heunen fahren.«


Darob begann zu zürnen / von Tronje der Held:

»Ich will nicht, daß euch jemand / sei bei der Fahrt gesellt,

Der an den Hof zu reiten / sich mehr getraut als ich:

Wollt ihrs nicht bleiben lassen, / ich beweis' es euch sicherlich.«


Da sprach der Küchenmeister / Rumold der Degen:

»Der Heimischen und Fremden / mögt ihr zu Hause pflegen

Nach euerm Wohlgefallen: / da habt ihr vollen Rat:

Ich wüßte nicht, daß jemand / euch dahin vergeiselt hat.


Wollt ihr nicht Hagen folgen, / so rät euch Rumold,

Der ich euch dienstlich / gewogen bin und hold,

Daß ihr im Lande bleibet / nach dem Willen mein

Und laßt den König Etzel / dort bei Kriemhilden sein.


Wo könntet ihr auf Erden / so gut als hier gedeihn?

Ihr mögt vor euern Feinden / daheim geborgen sein.

Ihr sollt mit guten Kleidern / zieren euern Leib,

Des besten Weines trinken / und minnen manches schöne Weib.


Dazu gibt man euch Speise, / so gut sie in der Welt

Ein König mag gewinnen. / Euer Land ist wohl bestellt:

Der Hochzeit Etzels mögt ihr euch / mit Ehren wohl begeben

Und hier mit euern Freunden / in guter Kurzweile leben.


Und hättet ihr nichts anderes / davon zu zehren hier,

Ich gäb euch eine Speise / die Fülle für und für:

In Öl gesottne Schnitten. / Das ist, was Rumold rät,

Da es gar so ängstlich, / ihr Herrn, dort bei den Heunen steht.


[222] Hold wird euch Frau Kriemhild / doch nimmer, glaubet mir:

Auch habt ihr und Hagen / es nicht verdient an ihr.

Und wollt ihr nicht verbleiben, / wer weiß, wie ihr's beklagt:

Ihr werdets noch erkennen, / ich hab' euch Wahrheit gesagt.


Drum rat ich euch zu bleiben. / Reich ist euer Land:

Ihr könnt hier besser lösen, / was ihr gabt zu Pfand,

Als dort bei den Heunen: / wer weiß, wie es da steht?

Verbleibt hier, ihr Herren: / das ist, was Rumold euch rät.«


»Wir wollen nun nicht bleiben,« / sprach da Gernot

»Da es meine Schwester / so freundlich uns entbot

Und Etzel der reiche, / was führen wir nicht hin?

Die nicht mit uns wollen, / mögen bleiben immerhin.«


»In Treuen,« sprach da Rumold, / »ich will der eine sein,

Der um Etzels Hofgelag / kommt nimmer überrhein.

Wie setzt' ich wohl das Beßre / aufs Spiel, das ich gewann?

Ich will mich selbst so lange / am Leben lassen als ich kann.«


»So denk' ich's auch zu halten,« / sprach Ortwein der Degen:

»Ich will der Geschäfte / zu Hause mit euch pflegen.«

Da sprachen ihrer viele, / sie wollten auch nicht fahren:

»Gott woll euch, liebe Herren, / bei den Heunen wohl bewahren.«


Der König Gunther zürnte, / als er ward gewahr,

Sie wollten dort verbleiben, / der Ruhe willen zwar:

»Wir wollens drum nicht lassen, / wir müssen an die Fahrt;

Der waltet guter Sinne, / der sich allezeit bewahrt.«


Zur Antwort gab da Hagen: / »Laßt euch zum Verdruß

Meine Rede nicht gereichen: / was auch geschehen muß,

So rat ich euch in Treuen, / wenn ihr euch gern bewahrt,

Daß ihr nur wohlgerüstet / zu dem Heunenlande fahrt.


[223] Wenn ihr's euch unterwindet, / so entbietet euer Heer,

Die Besten, die ihr findet / und irgend wißt umher.

Aus ihnen allen wähl ich dann / tausend Ritter gut:

So mag euch nicht gefährden / der argen Kriemhilde Mut.«


»Dem Rate will ich folgen,« / sprach der König gleich.

Da sandt er seine Boten / umher in seinem Reich.

Bald brachte man der Helden / dreitausend oder mehr.

Sie dachten nicht zu finden / so großes Leid und Beschwer.


Sie ritten hohes Mutes / durch König Gunthers Land.

Sie verhießen allen / Ross' und Gewand,

Die ihnen geben wollten / zum Heunenland Geleit.

Da fand viel gute Ritter / der König zu der Fahrt bereit.


Da ließ von Tronje Hagen / Dankwart den Bruder sein

Achtzig ihrer Recken / führen an den Rhein.

Sie kamen stolz gezogen; / Harnisch und Gewand

Brachten viel die schnellen / König Gunthern in das Land.


Da kam der kühne Volker, / ein edler Spielmann,

Mit dreißig seiner Degen / zu der Fahrt heran.

Ihr Gewand war herrlich, / ein König mocht' es tragen.

Er wollte zu den Heunen, / ließ er dem Könige sagen.


Wer Volker sei gewesen, / das sei euch kund getan.

Es war ein edler Herre; / ihm waren untertan

Viel der guten Recken / im Burgundenland;

Weil er fiedeln konnte, / ward er der Spielmann genannt.


Hagen wählte tausend, / die waren ihm bekannt;

Was sie in starken Stürmen / gefrommt mit ihrer Hand

Und sonst begangen hatten, / das hatt' er oft gesehn;

Auch alle andern mußten / ihnen Ehre zugestehn.


[224] Die Boten Kriemhildens / der Aufenthalt verdroß;

Die Furcht vor ihrem Herren / war gewaltig groß;

Sie hielten alle Tage / um den Urlaub an.

Das gönnt' ihnen Hagen nicht: / das ward aus Vorsicht getan.


Er sprach zu seinem Herren: / »Wir wollen uns bewahren,

Daß wir sie reiten lassen, / bevor wir selber fahren

Sieben Tage später / in König Etzels Land;

Trägt man uns argen Willen, / das wird so besser gewandt.


So mag sich auch Frau Kriemhild / bereiten nicht dazu,

Daß uns nach ihrem Rate / jemand Schaden tu.

Will sie es doch versuchen, / so fährt sie übel an:

Wir führen zu den Heunen / manchen auserwählten Mann.«


Die Sättel und die Schilde / und all ihr Gewand,

Das sie führen wollten / in König Etzels Land,

War nun bereit und fertig / für manchen kühnen Mann.

Etzels Spielleute / rief man zu Gunthern heran.


Da die Boten kamen, / begann Herr Gernot:

»Der König will leisten, / was Etzel uns entbot.

Wir wollen gerne kommen / zu seiner Lustbarkeit

Und unsre Schwester sehen; / daß ihr des außer Zweifel seid.«


Da sprach der König Gunther: / »Wißt ihr uns zu sagen,

Wann das Gastgebot beginnt, / oder zu welchen Tagen

Wir erwartet werden?« / Da sprach Schwemmelein:

»Zur nächsten Sonnenwende, / da soll es in Wahrheit sein.«


Der König erlaubte, / das war noch nicht geschehn,

Wenn sie Frau Brunhilden / wünschten noch zu sehn,

Daß sie mit seinem Willen / sprächen bei ihr an.

Dem widerstrebte Volker: / da war ihr Liebes getan.


[225] »Es ist ja Frau Brunhild / nun nicht so wohlgemut,

Daß ihr sie schauen möchtet,« / sprach der Ritter gut.

»Wartet bis morgen, / so läßt man sie euch sehn.«

Sie wähnten sie zu schauen, / da konnt es doch nicht geschehn.


Da ließ der reiche König, / er war den Boten hold,

Aus eigner hoher Milde / daher von seinem Gold

Auf breiten Schilden bringen; / wohl war er reich daran.

Ihnen ward auch reiche Schenkung / von seinen Freunden getan.


Geiselher und Gernot, / Gere und Ortewein,

Wie sie auch milde waren, / das leuchtete wohl ein:

So reiche Gaben boten / sie den Boten an,

Daß sie's vor ihrem Herren / nicht getrauten zu empfahn.


Da sprach zu dem König / der Bote Werbelein:

»Herr König, laßt die Gaben / nur hier im Lande sein.

Wir könnens nicht verführen, / weil uns der Herr verbot,

Daß wir Geschenke nähmen: / auch tut es uns wenig not.«


Da ward der Vogt vom Rheine / darüber ungemut,

Daß sie verschmähen wollten / so reichen Königs Gut.

Da mußten sie empfahen / sein Gold und sein Gewand,

Daß sie es mit sich führten / heim in König Etzels Land.


Sie wollten Ute schauen / vor ihrer Wiederkehr.

Die Spielleute brachte / der junge Geiselher

Zu Hof vor seine Mutier: / sie entbot der Königin,

Wenn man ihr Ehre biete, / so bedünk es sie Gewinn.


Da ließ die Königswitwe / ihre Borten und ihr Gold

Verteilen um Kriemhildens, / denn der war sie hold,

Und König Etzels willen / an das Botenpaar.

Sie mochtens wohl empfahen: / getreulich bot sie es dar.


[226] Urlaub genommen hatten / nun von Weib und Mann

Die Boten Kriemhildens; / sie fuhren froh hindann

Bis zum Schwabenlande: / dahin ließ Gernot

Seine Helden sie begleiten, / daß sie nirgend litten Not.


Als die von ihnen schieden, / die sie sollten pflegen,

Gab ihnen Etzels Herrschaft / Frieden auf den Wegen,

Daß ihnen niemand raubte / ihr Roß noch ihr Gewand.

Sie ritten sehr in Eile / wieder in der Heunen Land.


Wo sie Freunde wußten, / da machten sie es kund,

In wenig Tagen kämen / die Helden von Burgund

Vom Rheine hergezogen / in der Heunen Land.

Pilgerin, dem Bischof, / ward auch die Märe bekannt.


Als sie vor Bechlaren / die Straße niederzogen,

Da ward um die Märe / Rüdger nicht betrogen,

Noch Frau Gotelinde, / die Markgräfin hehr.

Daß sie sie schauen sollten, / des freuten beide sich sehr.


Die Spielleute spornten / die Rosse mächtig an.

Sie fanden König Etzeln / in seiner Stadt zu Gran.

Gruß über Grüße, / die man ihm her entbot,

Brachten sie dem Könige: / vor Liebe ward er freudenrot.


Als Kriemhild der Königin / die Märe ward bekannt,

Ihre Brüder wollten / kommen in ihr Land,

Da ward ihr wohl zumute: / sie gab den Boten Lohn

Mit reichlichen Geschenken; / sie hatte Ehre davon.


Sie sprach: »Nun sagt mir beide, / Werbel und Schwemmelein,

Wer will von meinen Freunden / beim Hofgelage sein,

Von den höchsten, die wir luden / hierher in dieses Land?

Sagt an, was sprach wohl Hagen, / als ihm die Märe ward bekannt?«


[227] »Er kam zu ihrem Rate / an einem Morgen fruh;

Wenig gute Sprüche / redet' er dazu,

Als sie die Fahrt gelobten / nach dem Heunenland:

Die hat der grimme Hagen / die Todesreise genannt.


Es kommen eure Brüder, / die Könge alle drei

In herrlichem Mute. / Wer mehr mit ihnen sei,

Darüber ich des weitern / euch nicht bescheiden kann.

Es will mit ihnen reiten / Volker der kühne Fiedelmann.«


»Des mag ich leicht entbehren,« / sprach die Königin,

»Daß ich auch Volkern sähe / her zu Hofe ziehn!

Hagen bin ich gewogen, / der ist ein Degen gut:

Daß wir ihn schauen sollen, / des hab ich fröhlichen Mut.«


Hin ging die Königstochter, / wo sie den König sah.

Wie minnigliche Worte / sprach Frau Kriemhild da:

»Wie gefallen euch die Mären, / viel lieber Herre mein?

Wes mich je verlangte, / des soll nun bald vollendet sein.«


»Dein Will' ist meine Freude,« / der König sprach da so:

»Ich wär der eignen Freunde / nicht so von Herzen froh,

Wenn sie kommen sollten / hieher in unser Land.

Durch deiner Freunde Liebe / viel meiner Sorge verschwand.«


Des Königs Amtleute / befahlen überall

Mit Gestühl zu schmücken / Pallas und Saal

Für die lieben Gäste, / die da sollten kommen.

Durch die ward bald dem König / viel hoher Freude benommen.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 214-227.
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