[228] Wie die Könige zu den Heunen fuhren.
Wie man dort gebahrte, / vernahmt ihr nun genug.
Wohl kamen nie gefahren / in solchem stolzen Zug
So hochgemute Degen / in eines Königs Land;
Sie hatten, was sie wollten, / beides, Waffen und Gewand.
Der Vogt vom Rheine kleidete / aus seinem Heergeleit
Der Degen tausendsechzig, / so gab man uns Bescheid,
Und neuntausend Knechte / zu dem Hofgelag;
Die sie zu Hause ließen, / beweinten es wohl hernach.
Da trug man ihr Geräte / zu Worms übern Hof.
Wohl sprach da von Speier / ein alter Bischof
Zu der schönen Ute: / »Unsre Freunde wollen fahren
Zu dem Gastgebote: / möge Gott sie da bewahren.«
Da sprach zu ihren Söhnen / Ute die Fraue gut:
»Ihr sollet hier verbleiben, / Helden hochgemut.
Geträumt hat mir heute / von ängstlicher Not,
Wie all das Gevögel / in diesem Lande wäre tot.«
»Wer sich an Träume wendet,« / sprach dawider Hagen,
»Der weiß noch die rechte / Kunde nicht zu sagen,
Wie es mög am besten / um seine Ehre stehn:
Es mag mein Herr nur immer / mit Urlaub hin zu Hofe gehn.
Wir wollen gerne reiten / in König Etzels Land:
Da mag wohl Köngen dienen / guter Helden Hand,
So wir da schauen sollen / Kriemhildens Hochzeit.«
Hagen riet die Reise; / doch ward es später ihm leid.
[229] Er hätt' es widerraten, / nur daß Gernot
Mit ungefügen Reden / ihm Spott entgegenbot.
Er mahnt' ihn an Siegfried, / Frau Kriemhildens Mann;
Er sprach: »Darum steht Hagen / die große Reise nicht an.«
Da sprach von Tronje Hagen: / »Nicht Furcht ists, daß ichs tu.
Gebiete ihr es, Helden, / so greift immer zu:
Gern will ich mit euch reiten / in König Etzels Land.«
Bald ward von ihm zerhauen / mancher Helm und Schildesrand.
Die Schiffe standen fertig / zu fahren über Rhein:
Was sie von Kleidern hatten, / trugen sie darein.
Sie fanden viel zu schaffen / bis zur Abendzeit;
Sie huben sich von Hause / zur Reise freudig bereit.
Sie schlugen auf im Grase / sich Hütten und Gezelt
Jenseits des Rheines, / wo das Lager war bestellt.
Da bat noch zu verweilen / Gunthern sein schönes Weib;
Sie herzte nachts noch einmal / des Mannes weidlichen Leib.
Flöten und Posaunen / erschollen morgens fruh
Den Aufbruch anzukündigen: / da griff man bald dazu.
Wem Liebes lag im Arme, / herzte des Freundes Leib.
Mit Leid trennte viele / bald des König Etzel Weib.
Der schönen Ute Söhne, / die hatten einen Mann,
Der kühn war und bieder; / als man die Fahrt begann,
Sprach er zu dem Könige / geheim nach seinem Mut.
Er sprach: »Ich muß wohl trauern, / daß ihr die Hofreise tut.«
Er war geheißen Rumold, / ein Degen auserkannt.
Er sprach: »Wem wollt ihr lassen / Leute nun und Land?
Daß niemand doch euch Recken / wenden mag den Mut!
Die Mären Kriemhildens / dauchten mich niemals gut.«
[230] »Das Land sei dir befohlen / und auch mein Söhnelein;
Und diene wohl den Frauen: / das ist der Wille mein.
Wen du weinen siehest, / dem tröste Herz und Sinn;
Es wird uns nichts zuleide / Kriemhild tun, die Königin.«
Eh man schied von dannen, / beriet der König hehr
Sich mit den höchsten Mannen; / er ließ nicht ohne Wehr
Das Land und die Burgen: / die ihrer sollten pflegen,
Zum Schutze ließ er denen / manchen auserwählten Degen.
Die Rosse standen aufgezäumt / den Mannen wie den Herrn:
Mit minniglichem Kusse / zog da mancher fern,
Dem noch in hohem Mute / lebte Seel und Leib.
Daß mußte bald beweinen / manches weidliche Weib.
Wehruf und Weinen / hörte man genug;
Auf dem Arm die Königin / ihr Kind dem König trug:
»Wie wollt ihr so verwaisen / uns beide auf einmal?
Verbleibt uns zuliebe,« / sprach sein jammerreich Gemahl.
»Frau, ihr sollt nicht weinen / um den Willen mein,
Ihr mögt hier ohne Sorgen / in hohem Mute sein;
Wir kommen bald euch wieder / mit Freuden wohl gesund.«
Sie schieden von den Freunden / minniglich zur selben Stund.
Als man die schnellen Recken / sah zu den Rossen gehn,
Fand man viel der Frauen / in hoher Trauer stehn;
Daß sie auf ewig schieden, / sagt' ihnen wohl der Mut.
Zu großem Schaden kommen, / das tut niemanden gut.
Die schnellen Burgunden / begannen ihren Zug.
Da ward in dem Lande / das Treiben groß genug:
Beiderseits der Berge / meinte Weib und Mann.
Wie auch das Volk gebarte, / sie fuhren fröhlich hindann.
[231] Niblungens Helden / zogen mit ihnen aus
In tausend Halsbergen: / die hatten dort zu Haus
Viel schöne Fraun gelassen / und sahn sie nimmermehr.
Siegfriedens Wunden, / die schmerzten Kriemhilden sehr.
Nur schwach in jenen Zeiten / war der Glaube noch;
Es sang ihnen Messe / ein Kaplan jedoch.
Der kam gesund zurücke, / obwohl aus großer Not;
Die andern blieben alle / dort im Heunenlande tot.
Da lenkten mit der Reise / auf den Mainstrom an
Hinauf durch Ostfranken / die Gunthern untertan.
Hagen war ihr Führer, / der war da wohlbekannt;
Ihr Marschall war Dankwart, / der Held von Burgundenland.
Da sie von Ostfranken / gen Schwanefelde ritten,
Da konnte man sie kennen / an den herzlichen Sitten,
Die Fürsten und die Freunde, / die Helden lobesam.
An dem zwölften Morgen / der König an die Donau kam.
Da ritt von Tronje Hagen / den andern all zuvor:
Er hielt den Nibelungen / zumal den Mut empor.
Bald sprang der kühne Degen / nieder auf den Strand,
Wo er sein Roß in Eile / fest an einem Baume band.
Die Flut war ausgetreten, / die Schifflein verborgen:
Die Nibelungen kamen / da in große Sorgen,
Wie sie hinüber sollten: / das Wasser war zu breit.
Da schwang sich zur Erde / mancher Ritter allbereit.
»Übel,« sprach da Hagen, / »mag dir wohl hier geschehn,
König an dem Rheine; / du magst es selber sehn.
Das Wasser ist ergossen, / zu stark ist seine Flut:
Ich fürchte, wir verlieren / noch heute manchen Recken gut.«
[232] »Hagen, was verweis't ihr mir?« / sprach der König hehr,
»Um eurer Hofzucht willen / erschreckt uns nicht noch mehr.
Ihr sollt die Furt uns suchen / hinüber in das Land,
Daß wir von hinnen bringen / beides, Ross' und Gewand.«
»Mir ist ja noch,« sprach Hagen, / »mein Leben nicht so leid,
Daß ich mich möcht ertränken / in diesen Wellen breit:
Erst soll von meinen Händen / ersterben mancher Mann
In König Etzels Landen, / wozu ich gute Lust gewann.
Bleibt hier am Wasser, / ihr stolzen Ritter gut;
So geh ich und suche / die Fergen bei der Flut,
Die uns hinüber bringen / in Gelfratens Land.«
Da nahm der kühne Hagen / seinen festen Schildesrand.
Er war wohl bewaffnet: / den Schild er bei sich trug;
Sein Helm war aufgebunden / und glänzte hell genug.
Überm Harnisch führt' er / eine breite Waffe mit,
Die an beiden Schärfen / aufs allergrimmigste schnitt.
Er suchte hin und wieder / nach einem Schiffersmann.
Da hört' er Wasser rauschen; / zu lauschen hub er an.
In einem schönen Brunnen / tat das manch weises Weib:
Die gedachten da im Bade / sich zu kühlen den Leib.
Hagen ward ihrer inne, / da schlich er leis heran;
Sie eilten schnell von hinnen, / als sie den Helden sahn.
Daß sie ihm entrannen, / des freuten sie sich sehr.
Da nahm er ihre Kleider / und schadet' ihnen nicht mehr.
Da sprach das eine Meerweib, / Hadburg war sie genannt:
»Hagen, edler Ritter, / wir machen euch bekannt,
Wenn ihr uns dagegen / die Kleider wiedergebt,
Was ihr auf dieser Reise / bei den Heunen erlebt.«
[233] Sie schwammen wie die Vögel / schwebend auf der Flut.
Da daucht ihn ihr Wissen / von den Dingen gut:
So glaubt' er um so lieber, / was sie ihm wollten sagen.
Sie beschieden ihn darüber, / was er begann sie zu fragen.
Sie sprach: »Ihr mögt wohl reiten / in König Etzels Land.
Ich setz euch meine Treue / dafür zum Unterpfand:
Niemals fuhren Helden / noch in ein fremdes Reich
Zu so hohen Ehren: / in Wahrheit, ich sag es euch.«
Der Rede war da Hagen / im Herzen froh und hehr:
Die Kleider gab er ihnen / und säumte sich nicht mehr.
Als sie umgezogen / ihr wunderbar Gewand,
Vernahm er erst die Wahrheit / von der Fahrt in Etzels Land.
Da sprach das andre Meerweib / mit Namen Siegelind:
»Ich will dich warnen, Hagen, / Aldrianens Kind.
Meine Muhme hat dich / der Kleider halb belogen,
Und kommst du zu den Heunen, / so bist du übel betrogen.
Wieder umzukehren, / wohl wär es an der Zeit,
Dieweil ihr kühnen Helden / also geladen seid,
Daß ihr müßt ersterben / in der Heunen Land;
Wer da hinreitet, / der hat den Tod an der Hand.«
Da sprach aber Hagen: / »Ihr trügt mich ohne Not:
Wie sollte das sich fügen, / daß wir alle tot
Blieben bei dem Hofgelag / durch jemandes Groll?«
Da sagten sie dem Degen / die Märe deutlich und voll.
Da sprach die eine wieder: / »Es muß nun so geschehn;
Keiner wird von euch allen / die Heimat wiedersehn
Als der Kaplan des Königs: / das ist uns wohlbekannt,
Der kommt geborgen wieder / heim in König Gunthers Land.«
[234] Ingrimmen Mutes / sprach der kühne Hagen:
»Das ließen meine Herren / schwerlich sich sagen,
Wir verlören bei den Heunen / Leben all und Leib.
Nun zeig uns übers Wasser, / allerweisestes Weib.«
Sie sprach: »Willst du nicht anders, / und soll die Fahrt geschehn,
So siehst du überm Wasser / eine Herberge stehn:
Darin ist eine Ferge / und sonst nicht nah noch fern.«
Weiter nachzufragen, / des begab er nun sich gern.
Dem unmutvollen Recken / rief noch die eine nach:
»Nun wartet, Herr Hagen, / euch ist auch gar zu jach;
Vernehmt noch erst die Kunde, / wie ihr kommt durchs Land.
Der Herr dieser Marke, / der ist Else genannt.
Sein Bruder ist geheißen / Gelfrat der Held,
Ein Herr im Bayerlande; / nicht so leicht es hält,
Wollt ihr durch seine Marke: / ihr mögt euch wohl bewahren
Und sollt auch mit dem Fergen / gar bescheidentlich verfahren.
Der ist so grimmes Mutes, / er läßt euch nicht gedeihn,
Wollt ihr nicht verständig / bei dem Helden sein.
Soll er euch über holen, / so bietet ihm den Sold;
Er hütet dieses Landes / und ist Gelfraten hold.
Und kommt er nicht beizeiten, / so ruft über Flut
Und sagt, ihr heißet Amelrich; / das war ein Degen gut,
Der seiner Feinde willen / räumte dieses Land:
So wird der Fährmann kommen, / wird ihm der Name genannt.«
Der übermütge Hagen / dankte den Frauen hehr
Des Rats und der Lehre; / kein Wörtlein sprach er mehr.
Dann ging er bei dem Wasser / hinauf an den Strand,
Wo er auf jener Seite / eine Herberge fand.
[235] Laut begann zu rufen / der Degen über Flut:
»Nun hol mich über, Ferge,« / sprach der Degen gut,
»So geb ich dir zum Lohne / eine Spange goldesrot;
Mir tut das Überfahren, / das wisse, wahrhaftig not.«
Es brauchte nicht zu dienen / der reiche Schiffersmann:
Lohn nahm er selten / von jemanden an;
Auch waren seine Knechte / zumal von stolzem Mut.
Noch immer stand Hagen / diesseits allein bei der Flut.
Da rief er so gewaltig, / der ganze Strom erscholl
Von des Helden Stärke, / die war so groß und voll:
»Mich, Amelrich hol über; / ich bin es, Elses Mann,
Der vor starker Feindschaft / aus diesen Landen entrann.«
Hoch an seinem Schwerte / er ihm die Spange bot,
Die war schön und glänzte / von lichtem Golde rot,
Daß er ihn überbrächte / in Gelfratens Land.
Der übermütge Ferge / nahm selbst das Ruder an die Hand.
Auch hatte dieser Ferge / habsüchtgen Sinn:
Die Gier nach großem Gute / bringt endlich Ungewinn.
Er dachte zu verdienen / Hagens Gold so rot,
Da litt er von dem Degen / hier den schwertgrimmen Tod.
Der Ferge zog gewaltig / hinüber an den Strand.
Welcher ihm genannt war, / als er den nicht fand,
Da hub er an zu zürnen: / als er Hagen sah,
Mit grimmem Ungestüme / zu dem Helden sprach er da:
»Ihr mögt wohl sein geheißen / mit Namen Amelrich;
Doch seht ihr dem nicht ähnlich, / des ich versehen mich.
Von Vater und von Mutter / war er der Bruder mein:
Nun ihr mich betrogen habt, / so müßt ihr dieshalben sein.«
[236] »Nein! um Gottes willen,« / sprach Hagen dagegen.
»Ich bin ein fremder Recke, / besorgt um andre Degen.
So nehmet denn freundlich / hin meinen Sold
Und fahrt uns hinüber; / ich bin euch wahrhaftig hold.«
Da sprach der Ferge wieder: / »Das kann einmal nicht sein.
Viel der Feinde haben / die lieben Herren mein;
Drum fahr ich keinen Fremden / hinüber in ihr Land.
Wenn euch das Leben lieb ist, / so tretet aus an den Strand.«
»Das tu ich nicht,« sprach Hagen, / »traurig ist mein Mut.
Nehmt zum Gedächtnis / die goldne Spange gut
Und fahrt uns über, tausend Ross' / und auch so manchen Mann.«
Da sprach der grimmge Ferge: / »Das wird nimmer getan.«
Er hob ein starkes Ruder, / mächtig und breit,
Und schlug es auf Hagen / (es ward ihm später leid),
Daß er im Schiffe nieder / strauchelt' auf die Knie.
Solchen grimmen Fergen / fand der von Tronje noch nie.
Noch stärker zu erzürnen / den kühnen Fremdling, schwang
Er seine Ruderstange, / daß sie gar zersprang,
Auf das Haupt dem Hagen; / er war ein starker Mann;
Davon Elses Ferge / bald großen Schaden gewann.
Mit grimmigem Mute / griff Hagen gleich zur Hand
Zur Seite nach der Scheide, / wo er ein Waffen fand:
Er schlug das Haupt ihm nieder / und warf es auf den Grund.
Bald wurden diese Mären / den stolzen Burgunden kund.
Im selben Augenblicke, / als er den Fährmann schlug,
Glitt das Schiff zur Strömung; / das war ihm leid genug.
Eh er es richten konnte, / fiel ihn Ermüdung an.
Da zog am Ruder kräftig / König Gunthers Untertan.
[237] Er versucht' es umzukehren / mit manchem schnellen Schlag,
Bis ihm das starke Ruder / in der Hand zerbrach.
Er wollte zu den Recken / sich wenden an den Strand;
Da hat er keines weiter: / wie bald er es zusammenband
Mit seinem Schildriemen, / einer Borte schmal.
Hin zu einem Walde / wandt er das Schiff zu Tal,
Da fand er seine Herren / sein harren an dem Strand;
Es gingen ihm entgegen / viel der Degen auserkannt.
Mit Gruß ihn wohl empfingen / die edeln Ritter gut,
Sie sahen in dem Schiffe / rauchen noch das Blut
Von einer starken Wunde, / die er dem Fergen schlug:
Darüber mußte Hagen / fragen hören genug.
Als der König Gunther / das heiße Blut ersah
In dem Schiffe schweben, / wie bald sprach er da:
»Wo ist denn, Herr Hagen, / der Fährmann hingekommen?
Eure starken Kräfte haben / ihm wohl das Leben benommen?«
Da sprach er mit Verleugnen: / »Als ich das Schifflein fand
Bei einer wilden Weide, / da löst' es meine Hand.
Ich habe keinen Fergen / heute hier gesehn;
Leid ist auch niemand / von meinen Händen geschehn.«
Da sprach von Burgunden / der König Gernot:
»Heute muß ich bangen / um lieber Freunde Tod,
Da wir keinen Schiffmann / hier am Strome sehn:
Wie wir hinüber kommen, / darob muß ich in Sorgen stehn.«
Laut rief da Hagen: / »Legt auf den Boden her,
Ihr Knechte, das Geräte: / ich gedenke, daß ich mehr
Der allerbeste Ferge war, / den man am Rheine fand:
Ich bring euch hinüber / gar wohl in Gelfratens Land.«
[238] Daß sie desto schneller / kämen über Flut,
Trieb man hinein die Mähren; / ihr Schwimmen ward so gut,
Daß ihnen auch nicht eines / der starke Strom benahm.
Einige trieben ferner, / als sie Ermüdung überkam.
Sie trugen zu dem Schiffe / ihr Gut und ihre Wehr,
Nun einmal ihre Reise / nicht zu vermeiden mehr.
Hagen fuhr sie über: / da bracht er an den Strand
Manchen zieren Recken / in das unbekannte Land.
Zum ersten fuhr er über / tausend Ritter hehr
Und seine sechzig Degen; / dann kamen ihrer mehr:
Neuntausend Knechte, / die bracht er an das Land.
Des Tags war unmüßig / des kühnen Tronjers Hand.
Das Schiff war ungefüge, / stark und weit genug:
Fünfhundert oder drüber / es leicht auf einmal trug
Ihres Volks mit Speise / und Waffen über Flut:
Am Ruder mußte ziehen / des Tages mancher Ritter gut.
Da er sie wohlgeborgen / über Flut gebracht,
Da war der fremden Märe / der schnelle Held bedacht,
Die ihm verkündet hatte / das wilde Meerweib;
Dem Kaplan des Königs ging es / da schier an Leben und Leib.
Bei seinem Weihgeräte / er den Pfaffen fand
Auf dem Heiligtume / sich stützend mit der Hand:
Das kam ihm nicht zugute, / als Hagen ihn ersah;
Der unglückselge Priester, / viel Beschwerde litt er da.
Er schwang ihn aus dem Schiffe / mit jäher Gewalt.
Da liefen ihrer viele: / »Halt, Hagen, halt!«
Geiselher der junge / hub zu zürnen an;
Er wollt es doch nicht lassen, / bis er ihm Leides getan.
[239] Da sprach von Burgunden / der König Gernot:
»Was hilft euch wohl, Herr Hagen / de Kaplanes Tod?
Tät dies anders jemand, / es sollt ihm werden leid.
Was verschuldete der Priester, / daß ihr so wider ihn seid?«
Der Pfaffe schwamm nach Kräften: / er hoffte zu entgehn,
Wenn ihm nur jemand hülfe; / das konnte nicht geschehn:
Denn der starke Hagen, / gar zornig war sein Mut,
Stieß ihn zu Grunde wieder; / das dauchte niemanden gut.
Als der arme Pfaffe / hier keine Hilfe sah,
Da wandt er sich ans Ufer; / Beschwerde litt er da.
Ob er nicht schwimmen konnte, / doch half ihm Gottes Hand,
Daß er wohlgeborgen / hinwieder kam an den Strand.
Da stand der arme Priester / und schüttelte sein Kleid.
Daran erkannte Hagen, / ihm habe Wahrheit,
Unmeidliche, verkündet / das wilde Meerweib.
Er dachte: »Diese Degen / verlieren Leben und Leib.«
Als sie das Schiff entladen / und ans Gestad geschafft,
Was darauf besessen / der Könge Ritterschaft,
Schlug Hagen es in Stücke / und warf es in die Flut:
Das wunderte gewaltig / die Recken edel und gut.
»Bruder, warum tut ihr das?« / sprach da Dankwart.
»Wie sollen wir hinüber / bei unsrer Wiederfahrt,
Wenn wir von den Heunen / reiten an den Rhein?«
Hernach sagt' ihm Hagen, / das könne nimmermehr sein.
Da sprach der Held von Tronje: / »Ich tats mit Wohlbedacht:
Haben wir einen Feigen / in dieses Land gebracht,
Der uns entrinnen möchte / in seines Herzens Not,
Der muß an diesen Wogen / leiden schmählichen Tod.«
[240] Sie führten bei sich einen / aus Burgundenland,
Der ein gar behender Held / und Volker ward genannt.
Der redete da launig / nach seinem kühnen Mut:
Was Hagen je begangen, / den Fiedler dauchte das gut.
Als der Kaplan des Königs / das Schiff zerschlagen sah,
Über das Wasser / zu Hagen sprach er da:
»Ihr Mörder ohne Treue, / was hatt' ich euch getan,
Daß mich unschuldgen Pfaffen / eur Herz zu ertränken sann?«
Zur Antwort gab ihm Hagen: / »Die Rede laßt beiseit:
Mich kümmert, meiner Treue, / daß ihr entkommen seid
Hier von meinen Händen, / das glaubt ohne Spott.«
Da sprach der arme Priester: / »Dafür lob ich ewig Gott.
Ich fürcht euch nun wenig, / des dürft ihr sicher sein:
Fahrt ihr zu den Heunen, / so will ich über Rhein.
Gott laß euch nimmer wieder / nach dem Rheine kommen,
Das wünsch ich euch von Herzen: / schier das Leben habt ihr mir genommen.«
Da sprach König Gunther / zu seinem Kapellan:
»Ich will euch alles büßen, / was Hagen euch getan
Hat in seinem Zorne, / komm ich an den Rhein
Mit meinem Leben wieder: / des sollt ihr außer Sorge sein.
Fahrt wieder heim zu Lande; / es muß nun also sein.
Ich entbiete meine Grüße / der lieben Frauen mein
Und meinen andern Freunden, / wie ich billig soll:
Sagt ihnen liebe Märe, / daß wir noch alle fuhren wohl.«
Die Rosse standen harrend, / die Säumer wohl geladen;
Sie hatten auf der Reise / bisher noch keinen Schaden
Genommen, der sie schmerzte, / als des Königs Kaplan:
Der mußt auf seinen Füßen / sich zum Rheine suchen Bahn.