[241] Wie Dankwart Gelfraten erschlug.
Als sie nun alle waren / gekommen an den Strand,
Da fragte König Gunther: / »Wer soll uns durch das Land
Die rechten Wege weisen, / daß wir nicht irre gehn?«
Da sprach der kühne Volker: / »Laßt mich das Amt nur versehn.«
»Nun haltet an,« sprach Hagen, / »sei's Ritter oder Knecht:
Man soll Freunden folgen, / das bedünkt mich recht.
Eine ungefüge Märe / mach ich euch bekannt:
Wir kommen nimmer wieder / heim in der Burgunden Land.
Das sagten mir zwei Meerfraun / heute morgen fruh,
Wir kämen nimmer wieder. / Nun rat ich, was man tu:
Waffnet euch, ihr Helden, / ihr sollt euch wohl bewahren:
Wir finden starke Feinde / und müssen drum wehrhaft fahren.
Ich wähnt auf Lug zu finden / die weisen Meerfraun;
Sie sagten mir, nicht einer / werde wiederschaun
Die Heimat von uns allen / bis auf den Kapellan;
Drum hätt' ich ihm so gerne / heut den Tod angetan.«
Da flogen diese Mären / von Schar zu Schar einher.
Bleich vor Schrecken wurden / Degen kühn und hehr,
Als sie die Sorge faßte / vor dem herben Tod
Auf dieser Hofreise: / das schuf ihnen wahrlich Not.
Bei Möringen waren / sie über Flut gekommen,
Wo dem Fährmann Elses / das Leben ward benommen.
Da sprach Hagen wieder: / »Die ich mir so gewann
Unterwegs der Feinde, / so greift man ehstens uns an.
[242] Ich erschlug den Fährmann / heute morgen fruh;
Sie wissen nun die Kunde. / Drum eilt und greifet zu,
Wenn Gelfrat und Elsen / heute hier besteht
Unser Ingesinde, / daß es ihnen übel ergeht.
Sie sind gar kühn, ich weiß es, / es wird gewiß geschehn.
Drum laßt nur die Rosse / in sanftem Schritte gehn,
Daß nicht jemand wähne, / wir flöhn vor ihrem Heer.«
»Dem Rate will ich folgen,« / sprach da der junge Geiselher.
»Wer zeigt nun dem Gesinde / die Wege durch das Land?«
Sie sprachen: »Das soll Volker: / dem sind hie wohlbekannt
Die Straßen und die Steige, / dem stolzen Fiedelmann.«
Eh mans von ihm verlangte, / kam er gewaffnet heran.
Der schnelle Fiedelspieler, / den Helm er überband:
Von herrlicher Farbe / war sein Streitgewand.
Am Schaft ließ er flattern / ein Zeichen, das war rot.
Bald kam er mit den Königen / in eine furchtbare Not.
Gewisse Kunde hatte / Gelfrat nun bekommen
Von des Fergen Tode; / da hatt' es auch vernommen
Else der starke: / beiden war es leid.
Sie besandten ihre Helden: / die traf man balde bereit.
Darauf in kurzen Zeiten, / nun hört mich weiter an,
Sah man zu ihnen reiten, / denen Schade war getan,
In starkem Kriegszuge / ein ungefüges Heer:
Wohl siebenhundert stießen / zu Gelfrat oder noch mehr.
Als das den grimmen Feinden / nachzuziehn begann,
Die Herren, die es führten, / huben zu jagen an
Den kühnen Gästen hinterdrein. / Sie wollten Rache haben:
Da müßten sie der Freunde / hernach noch manchen begraben.
[243] Hagen von Tronje / richtete das ein
(Wie konnte seiner Freunde / ein beßrer Hüter sein?),
Daß er die Nachhut hatte / und die ihm untertan
Mit Dankwart seinem Bruder; / das war gar weislich getan.
Ihnen war der Tag zerronnen, / den hatten sie nicht mehr.
Er bangte vor Gefahren / für seine Freunde sehr.
Sie ritten unter Schilden / durch der Bayern Land:
Darnach in kurzer Weile / die Helden wurden angerannt.
Beiderseits der Straße / und hinter ihnen her
Vernahm man Hufe schlagen; / die Haufen eilten sehr.
Da sprach der kühne Dankwart: / »Gleich fallen sie uns an:
Bindet auf die Helme, / das dünkt mich rätlich getan.«
Sie hielten ein mit Reiten, / als es mußte sein:
Da sahen sie im Dunkel / der lichten Schilde Schein.
Nicht länger stille schweigen / mochte da Herr Hagen:
»Wer verfolgt uns auf der Straße?« / Das mußte Gelfrat ihm sagen.
Da sprach zu ihm der Markgraf / aus der Bayern Land:
»Wir suchen unsre Feinde, / denen sind wir nachgerannt.
Ich weiß nicht, wer mir heute / meinen Fergen schlug:
Das war ein schneller Degen; / mir ist leid um ihn genug.«
Da sprach von Tronje Hagen: / »War der Ferge dein?
Er wollt uns nicht fahren; / alle Schuld ist mein:
Ich erschlug den Recken; / fürwahr, es tat mir not:
Ich hatte von dem Degen / schier selbst den grimmigen Tod.
Ich bot ihm zum Lohne / Gold und Gewand
Daß er uns überführe, / Held, in euer Land.
Darüber zürnt' er also, / daß er nach mir schlug
Mit starker Ruderstange: / da ward ich grimmig genug.
[244] Ich griff nach Schwerte / und wehrte seinem Zorn
Mit einer schweren Wunde: / da war der Held verlorn.
Ich steh euch hier zur Sühne, / wie es euch dünke gut.«
Da ging es an ein Streiten: / sie hatten zornigen Mut.
»Ich wußte wohl,« sprach Gelfrat, / »als hier mit dem Geleit
Gunther zog vorüber, / uns geschäh ein Leid
Von Hagens Übermute. / Nun büßt ers mit dem Leben:
Für des Fergen Ende / soll er selbst hier Bürgschaft geben.«
Über die Schilde neigten / da zum Stich den Speer
Gelfrat und Hagen; / sie zürnten beide schwer.
Dankwart und Else / zusammen herrlich ritten:
Sie erprobten, wer sie waren: / da wurde grimmig gestritten.
Wer je versuchte kühner / sich und die Gunst des Glücks?
Von einem starken Stoße / sank Hagen hinterrücks
Von der Mähre nieder / durch Gelfratens Hand.
Der Brustriem war gebrochen: / so ward ihm Fallen bekannt.
Man hört' auch beim Gesinde / krachender Schäfte Schall.
Da erholte Hagen / sich wieder von dem Fall,
Den er auf das Gras getan / von des Gegners Speer.
Da zürnte der von Tronje / wider Gelfraten sehr.
Wer ihnen hielt die Rosse, / das ist mir unbekannt.
Sie waren aus den Sätteln / gekommen auf den Sand,
Hagen und Gelfrat: / nun liefen sie sich an.
Ihre Gesellen halfen, / daß ihnen Streit ward kundgetan.
Wie heftig auch Hagen / zu Gelfraten sprang,
Ein Stück von Ellenlänge / der edle Markgraf schwang
Ihm vom Schilde nieder; / das Feuer stob hindann.
Da wäre schier erstorben / König Gunthers Untertan.
[245] Er rief mit lauter Stimme / Dankwarten an:
»Hilf mir, lieber Bruder! / ein schneller starker Mann
Hat mich hier bestanden: / der läßt mich nicht gedeihn.«
Da sprach der kühne Dankwart: / »So will ich denn Schiedsmann sein.«
Da sprang der Degen näher / und schlug ihm solchen Schlag
Mit einer scharfen Waffe, / daß er tot da lag.
Else wollte Rache / nehmen für den Mann:
Doch er und sein Gesinde / schied mit Schaden hindann.
Sein Bruder war erschlagen, / selber ward er wund;
Wohl achtzig seiner Degen / wurden gleich zur Stund
Des grimmen Todes Beute: / da mußte wohl der Held
Günthers Mannen räumen / in geschwinder Flucht das Feld.
Als die vom Bayerlande / wichen aus dem Wege,
Man hörte nachhallen / die furchtbaren Schläge.
Da jagten die von Tronje / ihren Feinden nach;
Die es nicht büßen wollten, / die hatten wenig Gemach.
Da sprach beim Verfolgen / Dankwart der Degen:
»Kehren wir nun wieder / zurück auf unsern Wegen
Und lassen wir sie reiten: / sie sind vom Blute naß.
Wir eilen zu den Freunden: / in Treuen rat ich das.«
Als sie hinwieder kamen, / wo der Schade war geschehn,
Da sprach von Tronje Hagen: / »Helden, laßt uns sehn,
Wen wir hier vermissen, / oder wer uns verlorn
Hier in diesem Streite / ging durch Gelfrats Zorn.«
Sie hatten vier verloren; / der Schade ließ sich tragen:
Sie waren wohl vergolten; / dagegen aber lagen
Deren vom Bayerlande / mehr als hundert tot.
Den Tronejern waren / von Blut die Schilde trüb und rot.
[246] Ein wenig brach aus Wolken / des hellen Mondes Licht;
Da sprach wieder Hagen: / »Hört, berichtet nicht
Meinen lieben Herren, / was hier von uns geschah:
Bis zum Morgen komme / ihnen keine Sorge nah.«
Als zu ihnen stießen, / die da kamen von dem Streit,
Da klagte das Gesinde / über Müdigkeit:
»Wie lange sollen wir reiten?« / fragte mancher Mann.
Da sprach der kühne Dankwart: / »Wir treffen keine Herberg an.
Ihr müßt alle reiten / bis an den hellen Tag.«
Volker, der schnelle, / der des Gesindes pflag,
Ließ den Marschall fragen: / »Wo kehren wir heut ein?
Wo rasten unsre Pferde / und die lieben Herren mein?«
Da sprach der kühne Dankwart: / »Ich weiß es nicht zu sagen.
Wir können uns nicht ruhen, / bis es beginnt zu tagen;
Wo wir es dann finden, / legen wir uns ins Gras.«
Als sie die Kunde hörten, / wie leid war etlichen das!
Sie blieben unverraten / vom heißen Blute rot,
Bis daß die Sonne / die lichten Strahlen bot
Dem Morgen über Berge, / wo es der König sah,
Daß sie gestritten hatten: / sehr im Zorne sprach er da:
»Wie nun denn, Freund Hagen? / Verschmähtet ihr wohl das,
Daß ich euch Hilfe brächte, / als euch die Ringe naß
Wurden von dem Blute? / Wer hat euch das getan?«
Da sprach er: »Else tat es, / der griff nächten uns an.
Seines Fergen wegen / wurden wir angerannt.
Da erschlug Gelfraten / meines Bruders Hand.
Zuletzt entrann uns Else, / es zwang ihn große Not:
Ihnen hundert, uns nur viere / blieben da im Streite tot.«
[247] Wir können euch nicht melden, / wo man die Nachtruh fand.
All den Landleuten / ward es bald bekannt,
Der edeln Ute Söhne / zögen zum Hofgelag.
Sie wurden wohl empfangen / dort zu Passau bald hernach.
Der werten Fürsten Oheim, / der Bischof Pilgerin,
Dem wurde wohl zumute, / als seine Neffen ihn
Mit so viel der Recken / besuchten da im Land:
Daß er sie gerne sähe, / ward ihnen balde bekannt.
Sie wurden wohl empfangen / von Freunden vor dem Ort.
Nicht all verpflegen mochte / man sie in Passau dort:
Sie mußten übers Wasser, / wo Raum sich fand und Feld:
Da schlugen auf die Knechte / Hütten und reich Gezelt.
Sie mußten da verweilen / einen vollen Tag
Und eine Nacht darüber. / Wie schön man sie verpflag!
Dann ritten sie von dannen / in Rüdigers Land;
Dem kamen auch die Mären: / da ward ihm Freude bekannt.
Als die Wegemüden / Nachtruh genommen,
Und sie dem Lande waren / näher gekommen,
Sie fanden auf der Marke / schlafen einen Mann,
Dem von Tronje Hagen / ein starkes Waffen abgewann.
Eckewart geheißen / war dieser Ritter gut.
Der gewann darüber / gar traurigen Mut,
Daß er verlor das Waffen / durch der Helden Fahrt.
Rüdgers Grenzmarke, / die fand man übel bewahrt.
»O weh mir dieser Schande,« / sprach da Eckewart.
»Schwer muß ich beklagen / der Burgunden Fahrt.
Als ich verlor Siegfrieden, / hub all mein Kummer an:
O weh, mein Herr Rüdiger, / wie hab ich wider dich getan!«
[248] Wohl hörte Hagen / des edeln Recken Not:
Er gab das Schwert ihm wieder, / dazu sechs Spangen rot.
»Die nimm dir, Held, zu Lohne, / willst du hold mir sein:
Du bist ein kühner Degen, / lägst du hier noch so allein.«
»Gott lohn euch eure Spangen,« / sprach da Eckewart;
»Doch muß ich sehr beklagen / zu den Heunen eure Fahrt.
Ihr erschlugt Siegfrieden; / hier trägt man euch noch Haß:
Daß ihr euch wohl behütet, / in Treuen rat ich euch das.«
»Nun mög uns Gott behüten,« / sprach Hagen entgegen.
»Keine andre Sorge / haben diese Degen
Als um die Herberge, / die Fürsten und ihr Lehn,
Wo wir in diesem Lande / heute Nachtruh sollen sehn.
Vermüdet sind die Rosse / uns auf den fernen Wegen,
Die Speise gar zerronnen,« / sprach Hagen der Degen:
»Wir findens nicht zu Kaufe: / es wär ein Wirt uns not,
Der uns heute gäbe / in seiner Milde das Brot.«
Da sprach wieder Eckewart: / »Ich zeig euch solchen Wirt,
Daß niemand euch im Hause / so gut empfangen wird
Irgend in den Landen, / als hier euch mag geschehn,
Wenn ihr schnellen Degen / wollt zu Rüdigern gehn.
Der Wirt wohnt an der Straße, / der beste allerwärts,
Der je ein Haus besessen. / Milde gebiert sein Herz,
Wie das Gras mit Blumen / der lichte Maimond tut,
Und soll er Helden dienen, / so ist er froh und wohlgemut.«
Da sprach der König Gunther: / »Wollt ihr mein Bote sein,
Ob uns behalten wolle / bis an des Tages Schein
Mein lieber Freund Rüdiger / und die mir untertan?
Das will ich stets verdienen, / so gut ich irgend nur kann.«
[249] »Der Bote bin ich gerne,« / sprach da Eckewart.
Mit gar gutem Willen / erhob er sich zur Fahrt
Rüdigern zu sagen, / was er da vernommen.
Dem war in langen Zeiten / so liebe Kunde nicht gekommen.
Man sah zu Bechlaren / eilen einen Degen,
Den Rüdger wohl erkannte; / er sprach: »Auf diesen Wegen
Kommt Eckewart in Eile, / Kriemhildens Untertan.«
Er wähnte schon, die Feinde / hätten ihm ein Leid getan.
Da ging er vor die Pforte, / wo er den Boten fand.
Der nahm sein Schwert vom Gurte / und legt' es aus der Hand.
Er sprach zu dem Degen: / »Was habt ihr vernommen,
Daß ihr so eilen müsset? / hat uns jemand was genommen?«
»Geschadet hat uns niemand,« / sprach Eckewart zuhand;
»Mich haben drei Könige / her zu euch gesandt,
Gunther von Burgunden, / Geisler und Gernot;
Jeglicher der Recken / euch seine Dienste her entbot.
Dasselbe tut auch Hagen, / Volker auch zugleich,
Mit Fleiß und rechter Treue; / dazu bericht ich euch,
Was des Königs Marschall / euch durch mich entbot:
Es sei den guten Degen / eure Herberge not.«
Mit lachendem Munde / sprach da Rüdiger:
»Nun wohl mir dieser Märe, / daß die Könge hehr
Meinen Dienst verlangen: / dazu bin ich bereit.
Wenn sie ins Haus mir kommen, / des bin ich höchlich erfreut.«
»Dankwart der Marschall / hat euch kund getan,
Wer euch zu Hause / noch heute zieht heran:
Sechzig schneller Recken / und tausend Ritter gut
Mit neuntausend Knechten.« / Da ward ihm fröhlich zumut.
[250] »Wohl mir dieser Gäste,« / sprach da Rüdiger,
»Daß mir zu Hause kommen / diese Recken hehr,
Denen ich noch selten / hab einen Dienst getan.
Entgegen reitet ihnen, / sei's Freund oder Untertan.«
Da eilte zu den Rossen / Ritter so wie Knecht:
Was sie der Herr geheißen, / das dauchte alle recht.
Sie brachten ihre Dienste / um so schneller dar.
Noch wußt es nicht Frau Gotlind, / die in ihrer Kammer war.