[250] Wie sie nach Bechlaren kamen.
Hin ging der Markgraf, / wo er die Frauen fand,
Sein Weib und seine Tochter. / Denen macht' er da bekannt
Diese liebe Märe, / die er jetzt vernommen,
Daß ihrer Frauen Brüder / zu ihrem Hause sollten kommen.
»Viel liebe Traute,« / sprach da Rüdiger,
»Ihr sollt sie wohl empfangen, / die edeln Könge hehr,
Wenn sie und ihr Gesinde / vor euch zu Hofe gehn;
Ihr sollt auch freundlich grüßen / Hagen in Gunthers Lehn.
Mit ihnen kommt auch einer / mit Namen Dankwart;
Ein andrer heißet Volker / an Ehren wohlbewahrt.
Die Sechse sollt ihr küssen, / ihr und die Tochter mein,
Und sollt in höfschen Züchten / diesen Recken freundlich sein.«
Das gelobten ihm die Frauen / und warens gern bereit.
Sie suchten aus den Kisten / manch herrliches Kleid,
Darin sie den Recken / entgegen wollten gehn.
Da mocht ein groß Befleißen / von schönen Fraun geschehn.
[251] Gefälschter Frauenzierde / gar wenig man da fand:
Sie trugen auf dem Haupte / lichtes goldnes Band
Und daran reiche Kränze, / damit ihr schönes Haar
Die Winde nicht verwehten; / sie waren höfisch und klar.
In solcher Unmuße / lassen wir die Fraun.
Da war ein schnelles Reiten / über Feld zu schaun
Von Rüdigers Freunden, / bis man die Fürsten fand.
Sie wurden wohl empfangen / in des Markgrafen Land.
Als sie der Markgraf / zu sich kommen sah,
Rüdiger der schnelle, / wie fröhlich sprach er da:
»Willkommen mir, ihr Herren, / und die in euerm Lehn.
Hier in diesem Lande / seid ihr gerne gesehn.«
Da dankten ihm die Recken / in Treuen ohne Haß.
Daß sie willkommen waren, / wohl erzeigt' er das.
Besonders grüßt' er Hagen, / der war ihm längst bekannt;
So tat er auch mit Volkern, / dem Helden aus Burgundenland.
Er begrüßt' auch Dankwarten. / Da sprach der kühne Degen:
»Wollt ihr uns hier versorgen, / wer soll dann verpflegen
Unser Ingesinde / aus Worms an dem Rhein?«
Da begann der Markgraf: / »Diese Angst lasset sein.
All euer Gesinde / und was ihr in das Land
Mit euch hergeführt habt, / Roß, Silber und Gewand,
Ich schaff ihm solche Hüter, / nichts geht davon verloren,
Das euch zu Schaden brächte / nur um einen halben Sporen.
Spannet auf, ihr Knechte, / die Hütten in dem Feld;
Was ihr hier verlieret, / dafür leist ich Entgelt;
Zieht die Zäume nieder / und laßt die Rosse gehn.«
Das war ihnen selten / von einem Wirt noch geschehn.
[252] Des freuten sich die Gäste. / Als das geschehen war,
Und die Herrn von dannen ritten, / legte sich die Schar
Der Knecht' im Grase nieder: / sie hatten gut Gemach.
Sie fandens auf der Reise / nicht besser vor oder nach.
Die Markgräfin eilte / vor die Burg zu gehn
Mit ihrer schönen Tochter. / Da sah man bei ihr stehn
Die minniglichen Frauen / und manche schöne Maid:
Die trugen viel der Spangen / und manches herrliche Kleid.
Das edle Gesteine / glänzte fern hindann
Aus ihrem reichen Schmucke; / sie waren wohlgetan.
Da kamen auch die Gäste / und sprangen auf den Sand.
Hei! was man edle Sitte / an den Burgunden fand!
Sechsunddreißig Mägdelein / und viel andre Fraun,
Die wohl nach Wunsche waren / und wonnig anzuschaun,
Gingen dem Herrn entgegen / mit manchem kühnen Mann.
Da ward ein schönes Grüßen / von edeln Frauen getan.
Die Markgräfin küßte / die Könge alle drei;
So tat auch ihre Tochter. / Hagen stand dabei;
Den hieß ihr Vater küssen; / da blickte sie ihn an:
Er dauchte sie so furchtbar, / sie hätt' es lieber nicht getan.
Doch mußte sie es leisten, / wie ihr der Wirt gebot.
Gemischt ward ihre Farbe, / bleich und auch rot.
Auch Dankwarten küßte sie, / darnach den Fiedelmann:
Seiner Kraft und Kühnheit wegen / ward ihm das Grüßen getan.
Die junge Markgräfin / nahm bei der Hand
Geiselher den jungen / von Burgundenland;
So nahm auch ihre Mutter / Gunthern den kühnen Mann.
Sie gingen mit den Helden / beide fröhlich hindann.
[253] Der Wirt ging mit Gernot / in einen weiten Saal.
Die Ritter und die Frauen / setzten sich zumal.
Man ließ alsdann den Gästen / schenken guten Wein:
Gütlicher bewirtet / mochten Helden nimmer sein.
Mit zärtlichen Augen / sah da mancher an
Rüdigers Tochter, / die war so wohlgetan.
Wohl kos't' in seinem Sinne / sie mancher Ritter gut;
Das mochte sie verdienen: / sie trug gar hoch ihren Mut.
Sie gedachten, was sie wollten; / nur konnt es nicht geschehn.
Man sah die guten Ritter / hin und wider spähn
Nach Mägdelein und Frauen: / deren saßen da genug.
Dem Wirt geneigten Willen / der edle Fiedeler trug.
Da wurden sie geschieden, / wie Sitte war im Land;
Zu andern Zimmern gingen / Ritter und Fraun zur Hand.
Man richtete die Tische / in dem Saale weit
Und ward den fremden Gästen / zu allen Diensten bereit.
Den Gästen ging zuliebe / die edle Markgräfin
Mit ihnen zu den Tischen: / die Tochter ließ sie drin
Bei den Mägdlein weilen, / wo sie nach Sitte blieb.
Daß sie die nicht mehr sahen, / das war den Gästen nicht lieb.
Als sie getrunken hatten / und gegessen überall,
Da führte man die Schöne / wieder in den Saal.
Anmutge Reden / wurden nicht gescheut:
Viel sprach deren Volker, / ein Degen kühn und allbereit.
Da sprach unverhohlen / derselbe Fiedelmann:
»Viel reicher Markgraf, / Gott hat an euch getan
Nach allen seinen Gnaden: / er hat euch gegeben
Ein Weib, ein so recht schönes, / dazu ein wonnigliches Leben.
[254] Wenn ich ein König wäre,« / sprach der Fiedelmann,
»Und sollte Krone tragen, / zum Weibe nähm ich dann
Eure schöne Tochter: / die wünschte sich mein Mut.
Sie ist so minniglich zu schauen, / dazu edel und gut.«
Der Markgraf entgegnete: / »Wie möchte das wohl sein,
Daß ein König je begehrte / der lieben Tochter mein?
Wir sind hier beide heimatlos, / ich und mein Weib,
Und haben nichts zu geben: / was hilft ihr dann der schöne Leib?«
Zur Antwort gab ihm Gernot, / der edle Degen gut:
»Sollt ich ein Weib mir wählen / nach meinem Sinn und Mut,
So wär ich solches Weibes / stets von Herzen froh.«
Darauf versetzte Hagen / in höfischen Züchten so:
»Nun soll sich doch beweiben / mein Herr Geiselher:
Es ist so hohen Stammes / die Markgräfin hehr,
Daß wir ihr gerne dienten, / ich und all sein Lehn,
Wenn sie bei den Burgunden / unter Krone sollten gehn.«
Diese Rede dauchte / den Markgrafen gut
Und auch Gotelinde; / wohl freute sich ihr Mut.
Da schufen es die Helden, / daß sie zum Weibe nahm
Geiselher der edle, / wie er es mocht ohne Scham.
Soll ein Ding sich fügen, / wer mag ihm widerstehn?
Man bat die Jungfraue / hin zu Hof zu gehn.
Da schwur man ihm zu geben / das schöne Mägdelein,
Wogegen er sich erbot / die Wonnigliche zu frein.
Man beschied der Jungfrau / Burgen und auch Land.
Da sicherte mit Eiden / des edeln Königs Hand
Und Gernot der Degen, / es werde so getan.
Da begann der Markgraf: / »Da ich Burgen nicht gewann,
[255] So kann ich euch in Treuen / nur immer bleiben hold.
Ich gebe meiner Tochter / an Silber und an Gold,
Was hundert Saumrosse / nur immer mögen tragen,
Daß es wohl nach Ehren / euch Helden möge behagen.«
Da wurden diese beiden / in einen Kreis gestellt
Nach dem Rechtsgebrauche. / Mancher junge Held
Stand ihr gegenüber / in fröhlichem Mut;
Er gedachte in seinem Sinne, / wie noch ein Junger gerne tut.
Als man begann zu fragen / die minnigliche Maid,
Ob sie den Recken wolle, / zum Teil war es ihr leid;
Doch dachte sie zu nehmen / den weidlichen Mann.
Sie schämte sich der Frage, / wie manche Maid hat getan.
Ihr riet ihr Vater Rüdiger, / daß sie spräche ja
Und daß sie gern ihn nähme: / wie schnell war er da
Mit seinen weißen Händen, / womit er sie umschloß,
Geiselher der junge! / Wie wenig sie ihn doch genoß!
Da begann der Markgraf: / »Ihr edeln Könge reich,
Wenn ihn nun wieder reitet / heim in euer Reich,
So geb ich euch, so ist es / am schicklichsten, die Magd,
Daß ihr sie mit euch führet.« / Also ward es zugesagt.
Der Schall, den man hörte, / der mußte nun vergehn.
Da ließ man die Jungfrau / zu ihrer Kammer gehn
Und auch die Gäste schlafen / und ruhn bis an den Tag.
Da schuf man ihnen Speise: / der Wirt sie gütlich verpflag.
Als sie gegessen hatten / und nun von dannen fahren
Wollten zu den Heunen, / »Davor will ich euch wahren,«
Sprach der edle Markgraf: / »ihr sollt noch hier bestehn:
So liebe Gäste hab ich / lange nicht bei mir gesehn.«
[256] Dankwart entgegnete: / »Das kann ja nicht sein:
Wo nähmt ihr die Speise, / das Brot und den Wein,
Die ihr doch haben müßtet / für solch ein Heergeleit?«
Als das der Wirt erhörte, / er sprach: »Die Rede laßt beiseit.
Meine lieben Herren, / ihr dürft mir nicht versagen.
Wohl geb ich euch die Speise / zu vierzehen Tagen,
Euch und dem Gesinde, / das mit euch hergekommen.
Mir hat der König Etzel / noch gar selten was genommen.«
Wie sehr sie sich wehrten, / sie mußten da bestehn
Bis an den vierten Morgen. / Da sah man geschehn
Durch des Wirtes Milde, / was weithin ward bekannt:
Er gab seinen Gästen / beides, Ross' und Gewand.
Nicht länger mocht es währen, / sie mußten an ihr Ziel.
Seines Gutes konnte / Rüdiger nicht viel
Vor seiner Milde sparen: / wonach man trug Begehr,
Das versagt' er niemand; / er gab es gern den Helden hehr.
Ihr edel Ingesinde / brachte vor das Tor
Gesattelt viel der Rosse; / zu ihnen kam davor
Mancher fremde Recke, / den Schild an der Hand,
Da sie reiten wollten / mit ihnen in Etzels Land.
Der Wirt bot seine Gaben / den Degen allzumal,
Eh die edlen Gäste / kamen vor den Saal.
Er konnte wohl mit Ehren / in hoher Milde leben.
Seine schöne Tochter / hatt' er Geiselher gegeben.
Da gab er Gernoten / eine Waffe gut genug,
Die hernach in Stürmen / der Degen herrlich trug.
Ihm gönnte wohl die Gabe / des Markgrafen Weib;
Doch verlor der gute Rüdiger / davon noch Leben und Leib.
[257] Er gab König Gunthern, / dem Helden ohnegleich,
Was wohl mit Ehren führte / der edle König reich,
Wie selten er auch Gab empfing, / ein gutes Streitgewand.
Da neigte sich der König / vor des milden Rüdger Hand.
Gotelind bot Hagnen, / sie durft es ohne Scham,
Ihre freundliche Gabe: / da sie der König nahm,
So sollt auch er nicht fahren / zu dem Hofgelag
Ohn ihre Steuer; / der edle Held aber sprach:
»Alles was ich je gesehn,« / entgegnete Hagen,
»So begehr ich nichts weiter / von hinnen zu tragen
Als den Schild, der dorten / hängt an der Wand:
Den möcht ich gerne führen / mit mir in der Heunen Land.«
Als die Rede Hagens / die Markgräfin vernahm,
Ihres Leids ermahnt' es sie, / daß ihr das Weinen kam.
Mit Schmerzen gedachte / sie an Nudungs Tod,
Den Wittich hatt' erschlagen: / das schuf ihr Jammer und Not.
Sie sprach zu dem Degen: / »Den Schild will ich euch geben.
Wollte Gott vom Himmel, / daß der noch dürfte leben,
Der einst ihn hat getragen! / er fand im Kampf den Tod.
Ich muß ihn stets beweinen: / das schafft mir armem Weibe Not.«
Da erhob sich vom Sitze / die Markgräfin mild:
Mit ihren weißen Händen / hob sie herab den Schild
Und trug ihn hin zu Hagen: / der nahm ihn an die Hand.
Die Gabe war mit Ehren / an den Recken gewandt.
Eine Hülle lichten Zeuges / auf seinen Farben lag.
Bessern Schild als diesen / beschien wohl nie der Tag.
Mit edelm Gesteine / war er so besetzt,
Man hätt ihn im Handel / wohl auf tausend Mark geschätzt.
[258] Den Schild hinwegzutragen / befahl der Degen hehr.
Da kam sein Bruder Dankwart / auch zu Hofe her.
Dem gab reicher Kleider / Rüdgers Kind genug,
Die er bei den Heunen / hernach mit Freuden noch trug.
Wieviel sie der Gaben / empfingen insgemein,
Nichts würd in ihre Hände / davon gekommen sein,
Wars nicht dem Wirt zuliebe, / der es so gütlich bot.
Sie wurden ihm so feind hernach, / daß sie ihn schlagen mußten tot.
Da hatte mit der Fiedel / Volker der schnelle Held
Sich vor Gotelinde / höfisch hingestellt.
Er geigte süße Töne / und sang dazu sein Lied:
Damit nahm er Urlaub, / als er von Bechlaren schied.
Da ließ die Markgräfin / eine Lade näher tragen.
Von freundlicher Gabe / mögt ihr nun hören sagen:
Zwölf Spangen, die sie aus ihr nahm, / schob sie ihm an die Hand:
»Die sollt ihr führen, Volker, / mit euch in der Heunen Land
Und sollt sie mir zuliebe / dort am Hofe tragen,
Wenn ihr wiederkehret, / daß man mir möge sagen,
Wie ihr mir gedient habt / bei dem Hofgelag.«
Wie sie ihn gebeten, / so tat der Degen hernach.
Der Wirt sprach zu den Gästen: / »Daß ihr nun sichrer fahrt,
Will ich euch selbst geleiten: / so seid ihr wohl bewahrt,
Daß ihr auf der Straße / nicht werdet angerannt.«
Seine Saumrosse, / die belud man gleich zur Hand.
Der Wirt war reisefertig / und fünfhundert Mann
Mit Rossen und mit Kleidern: / die führt' er hindann
Zu dem Hofgelage / mit fröhlichem Mut:
Nach Bechlaren kehrte / nicht einer all der Ritter gut.
[259] Mit minniglichen Küssen / der Wirt von dannen schied;
Also tat auch Geiselher, / wie ihm die Liebe riet.
Sie herzten schöne Frauen / mit zärtlichem Umfahn;
Das mußten bald beweinen / viel Jungfrauen wohlgetan.
Da wurden allenthalben / die Fenster aufgetan,
Als mit seinen Mannen / der Markgraf ritt hindann.
Sie fühlten wohl im Herzen / voraus das herbe Leid:
Drum weinten viel der Frauen / und manche weidliche Maid.
Nach den lieben Freunden / trug manche groß Beschwer,
Die sie in Bechelaren / ersahen nimmermehr.
Doch ritten sie mit Freuden / nieder an dem Strand
Dort im Donautale / bis an da heunische Land.
Da sprach zu den Burgunden / der milde Markgraf hehr,
Rüdiger der edle: / »Nun darf nicht länger mehr
Verhohlen sein die Kunde, / daß wir nach Heunland kommen.
Es hat der König Etzel / noch nie so Liebes vernommen.«
Da ritt manch schneller Bote / durchs Österreicherland:
So ward es allenthalben / den Leuten bald bekannt,
Daß die Helden kämen / von Worms über Rhein.
Dem Ingesind des Königs / konnt es nicht lieber sein.
Die Boten vordrangen / mit diesen Mären,
Daß die Nibelungen / bei den Heunen wären.
Kriemhild in einem Fenster / stand, die Königin,
Und sah nach den Verwandten / wie Freunde nach Freunden hin.
Aus ihrem Heimatlande / sah sie manchen Mann;
Der König auch erfuhr es, / der sich zu freuen begann.
»Du sollst sie wohl empfangen, / Kriemhild, Fraue mein:
Nach großen Ehren kommen / dir die lieben Brüder dein.«
[260] Als die Königstochter / vernahm die Märe,
Zum Teil wich ihr vom Herzen / ihr Leid, das schwere.
Aus ihres Vaters Lande / zog mancher ihr heran,
Durch den der König Etzel / bald großen Jammer gewann.
»Nun wohl mir dieser Freude,« / sprach da Kriemhild.
»Hier bringen meine Freunde / gar manchen neuen Schild
Und Panzer glänzend helle: / wer nehmen will mein Gold
Und meines Leids gedenken, / dem will ich immer bleiben hold.«
Sie gedachte heimlich: / »Noch wird zu allem Rat.
Der mich an meinen Freunden / so gar gepfändet hat,
Weiß ich es zu fügen, / es soll ihm werden leid
Bei diesem Gastgebote: / dazu bin ich gern bereit.
Ich will es also schaffen, / daß meine Rach' ergeht
Bei diesem Hofgelage / wie es hernach auch steht,
An seinem argen Leibe, / der mir hat benommen
So viel meiner Wonne: / des soll mir nun Entgeltung kommen.«