[166] Wie der Nibelungenhort nach Worms kam.
Als die edle Kriemhild / so verwitwet ward,
Blieb bei ihr im Lande / der Markgraf Eckewart
Zurück mit seinen Mannen, / wie ihm die Treu gebot.
Er diente seiner Frauen / willig bis an seinen Tod.
Zu Worms am Münster wies man / ihr ein Gezimmer an,
Weit und geräumig, / reich und wohlgetan,
Wo mit dem Gesinde / die Freudenlose saß.
Sie ging zur Kirche gerne, / mit großer Andacht tat sie das.
Wo ihr Freund begraben lag, / wie fleißig ging sie hin!
Sie tat es alle Tage / mit trauerndem Sinn
Und bat seiner Seele / Gott den Herrn zu pflegen:
Gar oft bejammert wurde / mit großer Treue der Degen.
Ute und ihr Gesinde / sprachen ihr immer zu,
Und doch im wunden Herzen / fand sie so wenig Ruh,
Es konnte nicht verfangen / der Trost, den man ihr bot.
Sie hatte nach dem Freunde / die allergrößeste Not,
Die nach liebem Manne / je ein Weib gewann:
Ihre große Treue / ersah man wohl daran.
Sie klagt' ihn bis zu Ende, / da sie zu sterben kam.
Bald rächte sie gewaltig / mit großer Treue den Gram.
Sie saß in ihrem Leide, / das ist alles wahr,
Nach ihres Mannes Tode / bis in das vierte Jahr
Und hatte nie zu Gunthern / gesprochen einen Laut
Und auch Hagen ihren Feind / in all der Zeit nicht erschaut.
[167] Da sprach von Tronje Hagen: / »Könnte das geschehn,
Daß ihr euch die Schwester / gewogen möchtet sehn,
So käm zu diesem Lande / der Nibelungen Gold:
Des mögt ihr viel gewinnen, / wird uns die Königin hold.«
»Wir wollen es versuchen,« / sprach der König hehr.
»Es sollen für uns bitten / Gernot und Geiselher,
Bis sie es erlangen, / daß sie das gerne sieht.«
»Ich glaube nicht,« sprach Hagen, / »daß es jemals geschieht.«
Da befahl er Ortweinen / hin an den Hof zu gehn
Und dem Markgrafen Gere: / als das war geschehn,
Brachte man auch Gernot / und Geiselhern das Kind:
Da versuchten bei Kriemhilden / sie es freundlich und gelind.
Da sprach von Burgunden / der kühne Gernot:
»Frau, ihr klagt zu lange / um Siegfriedens Tod.
Der König will euch zeigen, / er hab ihn nicht erschlagen.
Man hört zu allen Zeiten / euch so heftig um ihn klagen.«
Sie sprach: »Des zeiht ihn niemand, / ihn schlug Hagens Hand.
Wo er verwundbar wäre, / macht ich ihm bekannt.
Wie konnt ich michs versehen, / er trüg ihm Haß im Sinn?
Sonst hätt ichs wohl vermieden,« / sprach die edle Königin,
»Daß ich verraten hätte / seinen schönen Leib:
So ließ ich nun mein Weinen, / ich unselig Weib!
Hold werd ich ihnen nimmer, / die das an ihm getan!«
Zu flehn begann da Geiselher, / dieser weidliche Mann.
Sie sprach: »Ich muß ihn grüßen, / ihr liegt zu sehr mir an.
Von euch ists große Sünde: / Gunther hat mir getan
So viel Herzeleides / ganz ohne meine Schuld:
Mein Mund schenkt ihm Verzeihung, / mein Herz ihm nimmer die Huld.«
[168] »Hernach wird es besser,« / ihre Freunde sprachen so,
»Wenn ers zuwege brächte, / daß wir sie sähen froh!«
»Er mags ihr wohl vergüten,« / sprach da Gernot.
Da sprach die Jammersreiche: / »Seht, nun leist ich eur Gebot:
Ich will den König grüßen.« / Als er das vernahm,
Mit seinen besten Freunden / der König zu ihr kam.
Da getraute Hagen / sich nicht, zu ihr zu gehn;
Er kannte seine Schuld wohl: / ihr war Leid von ihm geschehn.
Als sie verschmerzen wollte / auf Gunther den Haß,
Daß er sie küssen sollte, / wohl ziemte sich ihm das:
Wär ihr mit seinem Willen / so leid nicht geschehn,
So dürft er dreisten Mutes / immer zu Kriemhilden gehn.
Es ward mit so viel Tränen / nie eine Sühne mehr
Gestiftet unter Freunden. / Sie schmerzt' ihr Schade sehr;
Doch verzieh sie allen / bis auf den einen Mann:
Niemand hätt' ihn erschlagen, / hätt' es Hagen nicht getan.
Nun währt' es nicht mehr lange, / so stellten sie es an,
Daß die Königstochter / den großen Hort gewann
Vom Nibelungenlande / und bracht ihn an den Rhein:
Ihre Morgengabe war es / und mußt ihr billig eigen sein.
Nach diesem fuhr da Geiselher / und auch Gernot.
Achtzighundert Mannen / Frau Kriemhild gebot,
Daß sie ihn holen sollten, / wo er verborgen lag,
Und sein der Degen Alberich / mit seinen besten Freunden pflag.
Als man des Schatzes willen / vom Rhein sie kommen sah,
Alberich der kühne / sprach zu den Freunden da:
»Wir dürfen ihr wohl billig / den Hort nicht entziehn,
Da sein als Morgengabe / heischt die edle Königin.
[169] Dennoch sollt es nimmer,« / sprach Alberich, »geschehn,
Müßten wir nicht leider / uns verloren sehn
Die gute Tarnkappe / mit Siegfried zumal,
Die immer hat getragen / der schönen Kriemhild Gemahl.
Nun ist es Siegfrieden / leider schlimm bekommen,
Daß die Tarnkappe / der Held uns hat genommen,
Und daß ihm dienen mußte / all dieses Land.«
Da ging dahin der Kämmerer, / wo er die Schlüssel liegen fand.
Da standen vor dem Berge, / die Kriemhild gesandt,
Und mancher ihrer Freunde: / man ließ den Schatz zur Hand
Zu dem Meere bringen / an die Schiffelein
Und führt' ihn auf den Wellen / zu Berg bis in den Rhein.
Nun mögt ihr von dem Horte / Wunder hören sagen:
Zwölf Leiterwagen konnten / ihn kaum von dannen tragen
In vier Tag und Nächten / aus des Berges Schacht,
Hätten sie des Tages / den Weg auch dreimal gemacht.
Es war auch nicht anders / als Gestein und Gold.
Und hätte man die ganze Welt / erkauft mit diesem Sold,
Um keine Mark vermindern / möcht es seinen Wert.
Wahrlich Hagen hatte / nicht ohne Grund sein begehrt.
Der Wunsch lag darunter, / ein golden Rütelein:
Wer es hätt' erkundet, / der möchte Meister sein
Auf der weiten Erde / wohl über jeden Mann.
Von Albrichs Freunden zogen / mit Gernot viele hindann.
Als Gernot der Degen / und der junge Geiselher
Des Horts sich unterwandten, / da wurden sie auch Herr
Des Landes und der Burgen / und der Recken wohlgestalt:
Die mußten ihnen dienen / zumal durch Furcht und Gewalt.
[170] Als sie den Hort gewannen / in König Gunthers Land,
Und sich darob die Königin / der Herrschaft unterwand,
Kammern und Türme, / die wurden voll getragen:
Man hörte nie von Schätzen / so große Wunder wieder sagen.
Und wären auch die Schätze / noch größer tausendmal,
Und wär der edle Siegfried / erstanden von dem Fall,
Gern wäre bei ihm Kriemhild / geblieben hemdebloß.
Nie war zu einem Helden / eines Weibes Treue so groß.
Als sie den Hort nun hatte, / da bracht es in das Land
Viel der fremden Recken; / wohl gab der Frauen Hand,
Daß man so große Milde / nie zuvor gesehn,
Sie übte hohe Güte: / das mußte man ihr zugestehn.
Den Armen und den Reichen / zu geben sie begann.
Hagen sprach zum König: / »Läßt man sie so fortan
Noch eine Weile schalten, / so wird sie in ihr Lehn
So manchen Degen bringen, / daß es uns übel muß ergehn.«
Da sprach König Gunther: / »Ihr gehört das Gut:
Wie darf ich mich drum kümmern, / was sie mit ihm tut?
Ich konnt es kaum erlangen, / daß sie mir wurde hold;
Nicht frag ich, wie sie teilte / ihr Gestein und rotes Gold.«
Hagen sprach zum König: / »Vertraut ein kluger Mann
Doch solche Schätze billig / keiner Frauen an.
Sie bringt es mit Gaben / wohl noch an den Tag,
Da es sehr gereuen / die kühnen Burgunden mag.«
Da sprach König Gunther: / »Ich schwur ihr einen Eid,
Daß ich ihr nie wieder / fügen wollt ein Leid,
Und will es künftig meiden: / sie ist die Schwester mein.«
Da sprach wieder Hagen: / »Laß mich den Schuldigen sein.«
[171] Sie nahmen ihre Eide / meistens schlecht in Hut:
Da raubten sie der Witwe / das mächtige Gut.
Hagen aller Schlüssel / dazu sich unterwand.
Ihr Bruder Gernot zürnte, / als ihm das wurde bekannt.
Da sprach der junge Geiselher: / »Viel Leides ist geschehn
Von Hagen meiner Schwester: / dem sollt ich widerstehn:
Wär er nicht mein Blutsfreund: / es ging' ihm an den Leib.«
Wieder neues Weinen / begann da Siegfriedens Weib.
Da sprach der König Gernot: / »Eh wir solche Pein
Um dieses Gold erlitten, / wir solltens in den Rhein
All versenken lassen; / so gehört' es niemand an.«
Sie kam mit Klaggebärde / da zu Geiselher heran.
Sie sprach: »Lieber Bruder, / du sollst gedenken mein,
Lebens und Gutes / sollst du ein Vogt mir sein.«
Da sprach er zu der Schwester: / »Gewiß, es soll geschehn,
Wenn wir wiederkommen: / eine Fahrt ist zu bestehn.«
Gunther und seine Freunde / räumten das Land,
Die allerbesten drunter, / die man irgend fand;
Hagen nur alleine / verblieb um seinen Haß,
Den er Kriemhilden hegte: / ihr zum Schaden tat er das.
Ehe der reiche König / wieder war gekommen,
Derweil hatte Hagen / den ganzen Schatz genommen:
Er ließ ihn bei dem Loche / versenken in den Rhein.
Er wähnt', er sollt ihn nutzen; / das aber konnte nicht sein.
Bevor von Tronje Hagen / den Schatz also verbarg,
Da hatten sie's beschworen / mit Eiden hoch und stark,
Daß er verhohlen bliebe, / so lang sie möchten leben:
So konnten sie's sich selber / noch auch jemand anders geben.
[172] Die Fürsten kamen wieder, / mit ihnen mancher Mann.
Kriemhild den großen Schaden / zu klagen da begann
Mit Mägdlein und Frauen; / sie hatten Herzensnot.
Da stellten sich die Degen, / als sännen sie auf seinen Tod.
Sie sprachen einhellig: / »Er hat nicht wohlgetan.«
Bis er zu Freunden wieder / die Fürsten sich gewann,
Entwich er ihrem Zorne: / sie ließen ihn genesen;
Aber Kriemhild konnt ihm / wohl nicht feinder sein gewesen.
Mit neuem Leide wieder / belastet war ihr Mut,
Erst um des Mannes Leben, / und nun da sie das Gut
Ihr sogar benahmen; / da ruht auch ihre Klage,
So lang sie lebte, nimmer / bis zu ihrem jüngsten Tage.
Nach Siegfriedens Tode, / das ist alles wahr,
Lebte sie im Leide / noch dreizehen Jahr,
Daß ihr der Tod des Recken / stets im Sinne lag:
Sie wahrt' ihm immer Treue: / das rühmen ihr die meisten nach.
Eine reiche Fürstenabtei / hatte Frau Ute
Nach Dankrats Tod gestiftet / von ihrem Gute
Mit großen Einkünften, / die es noch heute zieht:
Dort zu Lorsch das Kloster, / das man in hohen Ehren sieht.
Dazu gab auch Kriemhild / hernach ein großes Teil
Um Siegfriedens Seele / und aller Seelen Heil,
Gold und Edelsteine / mit williger Hand;
Getreuer Weib auf Erden / ward uns selten noch bekannt.
Seit Kriemhild König Gunthern / wieder schenkte Huld
Und dann doch den großen Hort / verlor durch seine Schuld,
Ihres Herzeleides / ward da noch viel mehr:
Da zöge gern von dannen / die Fraue edel und hehr.
[173] Nun war Frau Uten / ein Sedelhof bereit
Zu Lorsch bei ihrem Kloster, / reich, groß und weit,
Dahin von ihren Kindern / sie zog und sich verbarg,
Wo noch die hehre Königin / begraben liegt in einem Sarg.
Da sprach die Königswitwe: / »Liebe Tochter mein,
Hier magst du nicht verbleiben: / bei mir denn sollst du sein,
Zu Lorsch in meinem Hause, / und läßt dein Weinen dann.«
Kriemhild gab zur Antwort: / »Wo ließ' ich aber meinen Mann?«
»Den laß nur hier verbleiben,« / sprach Frau Ute.
»Nicht woll es Gott vom Himmel,« / sprach da die Gute.
»Nein, liebe Mutter, / davor will ich mich wahren:
Mein Mann muß von hinnen / in Wahrheit auch mit mir fahren.«
Da schuf die Jammersreiche, / daß man ihn erhub
Und sein Gebein, das edle, / wiederum begrub
Zu Lorsch bei dem Münster / mit Ehren mannigfalt:
Da liegt im langen Sarge / noch der Degen wohlgestalt.
Zu denselben Zeiten, / da Kriemhild gesollt
Zu ihrer Mutter ziehen, / wohin sie auch gewollt,
Da mußte sie verbleiben, / weil es nicht sollte sein:
Das schufen neue Mären, / die da kamen über Rhein.