Achtzehntes Abenteuer.

[161] Wie Siegmund heimkehrte und Kriemhild daheim blieb.


Der Schwäher Kriemhildens / ging hin, wo er sie fand.

Er sprach zu der Königin: / »Laßt uns in unser Land.

Wir sind unliebe Gäste, / wähn ich, hier am Rhein.

Kriemhild, liebe Herrin, / nun folgt uns zu dem Lande mein.


[162] Daß man in diesen Landen / uns so verwaiset hat

Eures edeln Mannes / durch böslichen Verrat,

Ihr sollt es nicht entgelten: / hold will ich euch sein

Aus Liebe meines Sohnes / und des edeln Kindes sein.


Ihr sollt auch, Frau, gebieten / mit all der Gewalt,

Die Siegfried euch verstattete, / der Degen wohlgestalt.

Das Land und auch die Krone / soll euch zu Diensten stehn;

Euch sollen gern gehorchen / die in Siegfriedens Lehn.«


Da sagte man den Knechten: / »Wir reiten heim vor Nacht.«

Da sah man nach den Rossen / eine schnelle Jagd:

Bei den verhaßten Feinden / zu leben war ein Leid.

Den Frauen und den Maiden / suchte man ihr Reisekleid.


Als König Siegmund gerne / weggeritten wär,

Da bat ihre Mutter / Kriemhilden sehr,

Sie sollte bei den Freunden / im Lande doch bestehn.

Da sprach die Freudenarme: / »Das könnte schwerlich geschehn.


Wie vermöcht ichs, mit den Augen / den immer anzusehen,

Von dem mir armen Weibe / so leid ist geschehn?«

Da sprach der junge Geiselher: / »Liebe Schwester mein,

Du sollst bei deiner Treue / hier mit deiner Mutter sein.


Die dir das Herz beschwerten / und trübten dir den Mut,

Du bedarfst nicht ihrer Dienste, / du zehrst von meinem Gut.«

Sie sprach zu dem Recken: / »Wie könnte das geschehn?

Vor Leide mußt ich sterben, / wenn ich Hagen sollte sehn.«


»Dessen überheb ich dich, / viel liebe Schwester mein.

Du sollst bei deinem Bruder / Geiselher hier sein.

Ich will dir wohl vergüten / deines Mannes Tod.«

Da sprach die Freudenlose: / »Das wäre Kriemhilden not.«


[163] Als es ihr der Junge / so gütlich erbot,

Da begannen auch zu flehen / Ute und Gernot

Und ihre treuen Freunde, / sie möchte da bestehn:

Sie hätte wenig Sippen / unter Siegfriedens Lehn.


»Sie sind euch alle fremde,« / sprach da Gernot.

»Wie stark auch einer gelte, / so rafft ihn doch der Tod.

Bedenkt das, liebe Schwester, / und tröstet euern Mut:

Bleibt hier bei euern Freunden, / es gerät euch wahrlich gut.«


Da gelobte sie dem Bruder, / im Lande zu bestehn.

Man zog herbei die Rosse / denen in Siegmunds Lehn,

Als sie reiten wollten / gen Nibelungenland;

Da war auch aufgeladen / der Recken Zeug und Gewand.


Da ging König Siegmund / vor Kriemhilden stehn

Und sprach zu der Frauen: / »Die in Siegfrieds Lehn

Warten bei den Rossen: / reiten wir denn hin,

Da ich gar so ungern / hier bei den Burgunden bin.«


Frau Kriemhild sprach: »Mir raten / hier die Freunde mein,

Die besten, die ich habe, / bei ihnen soll' ich sein.

Ich habe keinen Blutsfreund / in Nibelungenland.«

Leid war es Siegmunden, / da er dies an Kriemhild fand.


Da sprach König Siegmund: / »Das laßt euch niemand sagen:

Vor allen meinen Freunden / sollt ihr die Krone tragen

Nach rechter Königswürde, / wie ihr vordem getan:

Ihr sollt es nicht entgelten, / daß ihr verloren habt den Mann.


Fahrt auch mit uns zur Heimat / um euer Kindelein:

Das sollt ihr eine Waise, / Frau, nicht lassen sein.

Ist euer Sohn erwachsen, / er tröstet euch den Mut.

Derweil soll euch dienen / mancher Degen kühn und gut.«


[164] Sie sprach: »Mein Herr Siegmund, / ich kann nicht mit euch gehn.

Ich muß hier verbleiben, / was halt mir mag geschehn,

Bei meinen Anverwandten, / die mir helfen klagen.«

Da wollten diese Mären / den guten Recken nicht behagen.


Sie sprachen einhellig: / »So möchten wir gestehn,

Es sei in dieser Stunde / uns erst ein Leid geschehn.

Wollt ihr hier im Lande / bei unsern Feinden sein,

So könnte Helden niemals / eine Hoffahrt übler gedeihn.«


»Ihr sollt ohne Sorge / Gott befohlen fahren:

Ich schaff euch gut Geleite / und heiß euch wohl bewahren

Bis zu eurem Lande; / mein liebes Kindelein,

Das soll euch guten Recken / auf Gnade befohlen sein.«


Als sie das recht vernahmen, / sie wolle nicht hindann,

Da huben Siegfrieds Mannen / all zu weinen an.

Mit welchem Herzensjammer / nahm da Siegmund

Urlaub von Kriemhilden! / Da ward ihm Unfreude kund.


»Weh dieses Hofgelages!« / sprach der König hehr.

»Einem König und den Seinen / geschieht wohl nimmermehr

Einer Kurzweil willen, / was uns hier ist geschehn:

Man soll uns nimmer wieder / hier bei den Bugunden sehn.«


Da sprachen laut die Degen / in Siegfriedens Heer:

»Wohl möchte noch die Reise / geschehen hierher,

Wenn wir den nur fänden, / der uns den Herrn erschlug.

Sie haben Todfeinde / bei seinen Freunden genug.«


Er küßte Kriemhilden: / kläglich sprach er da,

Als er daheim zu bleiben / sie so entschlossen sah:

»Wir reiten arm an Freuden / nun heim in unser Land:

All mein Kummer / ist mir erst jetzo bekannt.«


[165] Sie ritten ungeleitet / von Worms an den Rhein:

Sie mochten wohl des Mutes / in ihrem Sinne sein,

Wenn sie in Feindschaft / würden angerannt,

Daß sich schon wehren sollte / der kühnen Niblungen Hand.


Sie erbaten Urlaub / von niemandem sich.

Da sah man Geiselheren / und Gernot minniglich

Zu dem König kommen; / ihnen war sein Schade leid:

Das ließen ihn wohl schauen / die kühnen Helden allbereit.


Da sprach wohlgezogen / der kühne Gernot:

»Wohl weiß es Gott im Himmel, / an Siegfriedens Tod

Bin ich ganz unschuldig: / ich hört auch niemals sagen,

Wer hier feind ihm wäre: / ich muß ihn billig beklagen.«


Da gab ihm gut Geleite / Geiselher das Kind.

Er bracht ohne Sorgen, / die sonst bei Leide sind,

Den König und die Recken / heim nach Niederland.

Wie wenig der Verwandten / man dort fröhlich wiederfand!


Wie's ihnen nun ergangen ist, / weiß ich nicht zu sagen.

Man hörte hier Kriemhilden / zu allen Zeiten klagen,

Daß ihr niemand tröstete / das Herz noch den Mut

Als ihr Bruder Geiselher: / der war getreu und auch gut.


Brunhild die schöne / des Übermutes pflag:

Wie viel Kriemhild weinte, / was fragte sie darnach!

Sie war zu Lieb und Treue / ihr nimmermehr bereit.

Bald schuf auch ihr Frau Kriemhild / wohl so ungefüges Leid.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 161-165.
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