Sechzehntes Abenteuer.

[138] Wie Siegfried erschlagen ward.


Gunther und Hagen, / die Recken wohlgetan,

Gelobten mit Untreuen / ein Birschen in den Tann.

Mit ihren scharfen Spießen / wollten sie jagen Schwein'

Und Bären und Wisente: / was mochte Kühneres sein?


Da ritt auch mit ihnen / Siegfried mit stolzem Sinn.

Man bracht ihnen Speise / aller Art dahin.

An einem kühlen Brunnen / ließ er da das Leben.

Den Rat hatte Brunhild, / König Gunthers Weib, gegeben.


Da ging der kühne Degen / hin, wo er Kriemhild fand.

Schon war aufgeladen / das edle Birschgewand

Ihm und den Gefährten: / sie wollten überrhein.

Da konnte Kriemhilden / nicht leider zumute sein.


Seine liebe Traute / küßt' er auf den Mund:

»Gott lasse mich dich, Liebe, / noch wiedersehn gesund

Und deine Augen mich auch; / mit holden Freunden dein

Kürze dir die Stunden: / ich kann nun nicht bei dir sein.«


Da gedachte sie der Märe, / sie durft es ihm nicht sagen,

Nach der sie Hagen fragte: / da begann zu klagen

Die edle Königstochter, / daß ihr das Leben ward:

Ohne Maßen weinte / die wunderschöne Fraue zart.


[139] Sie sprach zu dem Recken: / »Laßt euer Jagen sein:

Mir träumte heut von Leide, / wie euch zwei wilde Schwein'

Über die Heide jagten: / da wurden Blumen rot.

Daß ich so bitter weine, / das tut mir armen Weibe not.


Wohl muß ich fürchten / etlicher Verrat,

Wenn man den und jenen / vielleicht beleidigt hat,

Die uns verfolgen könnten / mit feindlichem Haß.

Bleibt hier, lieber Herre, / mit Treuen rat ich euch das.«


Er sprach: »Liebe Traute, / ich kehr in kurzer Zeit;

Ich weiß nicht, daß hier jemand / mir Haß trüg oder Neid.

Alle deine Freunde / sind insgemein mir hold:

Auch verdient' ich von den Degen / wohl nicht anderlei Sold.«


»Ach nein, lieber Siegfried: / wohl fürcht ich deinen Fall.

Mir träumte heut von Leide, / wie über dir zu Tal

Fielen zwei Berge, / daß ich dich nie mehr sah:

Und willst du von mir scheiden, / das geht mir inniglich nah.«


Er umfing mit Armen / das zuchtreiche Weib,

Mit holden Küssen herzt' er / ihr den schönen Leib.

Da nahm er Urlaub / und schied in kurzer Stund;

Sie ersah ihn leider / danach nicht wieder gesund.


Da ritten sie von dannen / in einen tiefen Tann

Der Kurzweile willen; / manch kühner Rittersmann

Ritt mit dem König: / hinaus gesendet ward

Auch viel der edeln Speise, / die sie brauchten zu der Fahrt.


Manch Saumroß zog beladen / vor ihnen überrhein,

Das den Jagdgesellen / das Brot trug und den Wein,

Das Fleisch mit den Fischen / und Vorrat aller Art,

Wie sie ein reicher König / wohl haben mag auf der Fahrt.


[140] Da ließ man herbergen / bei dem Walde grün

Vor des Wildes Wechsel / die stolzen Jäger kühn,

Wo sie da jagen wollten / auf breitem Angergrund.

Auch Siegfried war gekommen: / das ward dem Könige kund.


Von den Jagdgesellen / ward umhergestellt

Die Wart an allen Enden: / da sprach der kühne Held,

Siegfried der starke: / »Wer soll uns in den Wald

Nach dem Wilde weisen, / ihr Degen kühn und wohlgestalt?«


»Wollen wir uns scheiden,« / hub da Hagen an,

»Eh wir beginnen / zu jagen hier im Tann?

So mögen wir erkennen, / ich und der Herre mein,

Wer die besten Jäger / bei dieser Waldreise sei'n.


Leute sowie Hunde, / wir teilen uns darein:

Dann fährt, wohin ihm lüstet, / jeglicher allein,

Und wer das Beste jagte, / dem sagen wir den Dank.«

Da weilten die Jäger / beieinander nicht mehr lang.


Da sprach der edle Siegfried: / »Der Hunde hab ich Rat

Bis auf einen Bracken, / der so genossen hat,

Daß er die Fährte spüre / der Tiere durch den Tann.

Wir kommen wohl zum Jagen!« / sprach der Kriemhilde Mann.


Da nahm ein alter Jäger / einen Spürhund hinter sich

Und brachte den Herren, / eh lange Zeit verstrich,

Wo sie viel Wildes fanden: / was des erstöbert ward,

Das erjagten die Gesellen, / wie heut noch guter Jäger Art.


Was da der Brack ersprengte, / das schlug mit seiner Hand

Siegfried der kühne, / der Held von Niederland.

Sein Roß lief so geschwinde, / daß ihm nicht viel entrann:

Das Lob er bei dem Jagen / vor ihnen allen gewann.


[141] Er war in allen Dingen / mannhaft genug.

Das erste der Tiere, / die er zu Tode schlug,

War ein starker Büffel, / den traf des Helden Hand;

Nicht lang darauf der Degen / einen grimmen Leuen fand.


Als den der Hund ersprengte, / schoß er ihn mit dem Bogen

Und dem scharfen Pfeile, / den er darauf gezogen;

Der Leu lief nach dem Schusse / nur dreier Sprünge lang.

Seine Jagdgesellen, / die sagten Siegfrieden Dank.


Einen Wisent schlug er wieder / darnach und einen Elk,

Vier starker Auer nieder / und einen grimmen Schelk.

So schnell trug ihn die Mähre, / daß ihm nichts entsprang:

Hinden und Hirsche / wurden viele sein Fang.


Einen großen Eber / trieb der Spürhund auf.

Als der flüchtig wurde, / da kam in schnellem Lauf

Alles Jagens Meister / und nahm zum Ziel ihn gleich.

Anlief das Schwein im Zorne / diesen Helden tugendreich.


Da schlug es mit dem Schwerte / der Kriemhilde Mann:

Das hätt' ein andrer Jäger / nicht so leicht getan.

Als er nun gefällt lag, / fing man den Spürhund.

Seine reiche Beute wurde / den Burgunden allen kund.


Da sprachen seine Jäger: / »Kann es füglich sein,

So laßt uns, Herr Siegfried, / des Wilds ein Teil gedeihn:

Ihr wollt uns heute leeren / den Berg und auch den Tann.«

Darob begann zu lächeln / der Degen kühn und wohlgetan.


Da vernahm man allenthalben / Lärmen und Getos.

Von Leuten und von Hunden / ward der Schall so groß,

Man hörte widerhallen / den Berg und auch den Tann.

Vierundzwanzig Meuten / hatten die Jäger losgetan.


[142] Da wurde viel des Wildes / vom grimmen Tod ereilt.

Sie wähnten es zu fügen, / daß ihnen zugeteilt

Der Preis des Jagens würde: / das konnte nicht geschehn,

Als bei der Feuerstätte / der starke Siegfried ward gesehn.


Die Jagd war zu Ende, / doch nicht so ganz und gar.

Zu der Feuerstelle / brachte der Jäger Schar

Häute mancher Tiere / und des Wilds genug.

Hei! was des zur Küche / des Königs Ingesinde trug!


Da ließ der König künden / den Jägern wohlgeborn,

Daß er zum Imbiß wolle; / da wurde laut ins Horn

Einmal gestoßen: / so machten sie bekannt,

Daß man den edeln Fürsten / nun bei den Herbergen fand.


Da sprach ein Jäger Siegfrieds: / »Mit eines Hornes Schall

Ward uns kund gegeben, / Herr, daß wir nun all

Zur Herberge sollen: / erwidr ichs, das behagt.«

Da ward nach den Gesellen / mit Blasen lange gefragt.


Da sprach der edle Siegfried: / »Nun räumen wir den Wald.«

Sein Roß trug ihn eben; / die andern folgten bald.

Sie ersprengten mit dem Schalle / ein Waldtier fürchterlich,

Einen wilden Bären: / da sprach der Degen hinter sich:


»Ich schaff uns Jagdgesellen / eine Kurzweil.

Da seh ich einen Bären; / den Bracken löst vom Seil.

Zu den Herbergen / soll mit uns der Bär:

Er kann uns nicht entrinnen, / und flöh er auch noch so sehr.«


Da lösten sie den Bracken; / der Bär sprang hindann.

Da wollt ihn erreiten / der Kriemhilde Mann.

Er kam in eine Bergschlucht: / da konnt er ihm nicht bei;

Das starke Tier wähnte / von den Jägern schon sich frei.


[143] Da sprang von seinem Rosse / der stolze Ritter gut

Und begann ihm nachzulaufen. / Das Tier war ohne Hut,

Es konnt ihm nicht entrinnen; / er fing es allzuhand.

Ohn es zu verwunden, / der Degen eilig es band.


Kratzen oder beißen / konnt es nicht den Mann;

Er band es an den Sattel; / auf saß der Schnelle dann

Und bracht es an die Feuerstatt / in seinem hohen Mut

Zu einer Kurzweile, / dieser Degen kühn und gut.


Er ritt zur Herberge / in welcher Herrlichkeit!

Sein Speer war gewaltig, / stark dazu und breit;

Eine schmucke Waffe hing ihm / herab bis auf den Sporn;

Von rotem Golde führte / der Held ein herrliches Horn.


Von besserm Birschgewande / hört ich niemals sagen.

Einen Rock von schwarzem Zeuge / sah man ihn tragen

Und einen Hut von Zobel, / der reich war genug.

Hei! was edler Borten / an seinem Köcher er trug!


Ein Vließ von einem Panther / war darauf gezogen

Des Wohlgeruches wegen. / Auch trug er einen Bogen:

Mit einer Winde / mußt ihn ziehen an,

Wer ihn spannen wollte, / er hätt' es selbst denn getan.


Von fremden Tierhäuten / war all sein Gewand,

Das man von Kopf zu Füßen / bunt überhangen fand.

Aus dem lichten Rauchwerk / zu beiden Seiten hold

An dem kühnen Jägermeister / schien manche Flitter von Gold.


Auch führt' er Balmungen, / das breite schmucke Schwert:

Das war solcher Schärfe, / nichts blieb unversehrt,

Wenn man es schlug auf Helme: / seine Schneiden waren gut.

Der herrliche Jäger / trug gar hoch seinen Mut.


[144] Wenn ich euch der Märe / ganz bescheiden soll,

So war sein edler Köcher / guter Pfeile voll

Mit goldenen Röhren, / die Eisen händebreit.

Was er traf mit Schießen, / dem war das Ende nicht weit.


Da ritt der edle Ritter / stattlich aus dem Tann;

Gunthers Leute sahen, / wie er ritt heran.

Sie liefen ihm entgegen / und hielten ihm das Roß:

Da trug er an dem Sattel / einen Bären stark und groß.


Als er vom Roß gestiegen, / löst' er ihm das Band

Vom Mund und von den Füßen: / die Hunde gleich zur Hand

Begannen laut zu heulen, / als sie den Bären sahn.

Das Tier zu Walde wollte: / das erschreckte manchen Mann.


Der Bär durch die Küche / von dem Lärm geriet:

Hei, was er Küchenknechte / da vom Feuer schied!

Gestürzt ward mancher Kessel, / verschleudert mancher Brand:

Hei! was man guter Speisen / in der Asche liegen fand!


Da sprang von den Sitzen / Herr und Knecht zumal.

Der Bär begann zu zürnen; / der König gleich befahl

Der Hunde Schar zu lösen, / die an den Seilen lag;

Und wär es wohl geendet, / sie hätten fröhlichen Tag.


Mit Bogen und mit Spießen, / man säumte sich nicht mehr,

Liefen hin die Schnellen, / wo da ging der Bär;

Doch wollte niemand schießen, / von Hunden wars zu voll.

So laut war das Getöse, / daß rings der Bergwald erscholl.


Der Bär begann zu fliehen / vor der Hunde Zahl;

Ihm konnte niemand folgen / als Kriemhilds Gemahl.

Er erlief ihn mit dem Schwerte, / zu Tod er ihn da schlug;

Wieder zu dem Feuer / das Gesind den Bären trug.


[145] Da sprachen, die es sahen, / er wär ein starker Mann.

Die stolzen Jagdgesellen / rief man zu Tisch heran.

Auf schönem Anger saßen / der Helden da genug.

Hei! was man Ritterspeise / vor die stolzen Jäger trug!


Die Schenken waren säumig, / sie brachten nicht den Wein;

So gut bewirtet mochten / sonst Helden nimmer sein.

Wären manche drunter / nicht so falsch dabei,

So wären wohl die Degen / aller Schanden los und frei.


Des wurde da nicht inne / der verratne kühne Mann,

Daß man solche Tücke / wider sein Leben spann.

Er war in höfschen Züchten / alles Truges bar;

Seines Todes mußt entgelten / dem es nie Frommen war.


Da sprach der edle Siegfried: / »Mich verwundert sehr,

Man trägt uns aus der Küche / doch so viel daher,

Was bringen uns die Schenken / nicht dazu den Wein?

Pflegt man so der Jäger, / will ich nicht Jagdgeselle sein.


Ich möcht es doch verdienen, / bedächte man mich gut.«

Von seinem Tisch der König / sprach mit falschem Mut:

»Wir büßen euch ein andermal, / was heut uns muß entgehn:

Die Schuld liegt an Hagen, / der will uns verdursten sehn.«


Da sprach von Tronje Hagen: / »Lieber Herre mein,

Ich wähnte, das Birschen / sollte heute sein

Fern im Spechtsharte: / den Wein hinsandt ich dort.

Heute gibt es nichts zu trinken, / doch vermeid ich es hinfort.«


Da sprach der edle Siegfried: / »Dem weiß ich wenig Dank:

Man sollte sieben Lasten / mit Met und Lautertrank

Mir hergesendet haben; / konnte das nicht sein,

So sollte man uns näher / gesiedelt haben dem Rhein.«


[146] Da sprach von Tronje Hagen: / »Ihr edeln Ritter schnell,

Ich weiß hier in der Nähe / einen kühlen Quell:

Daß ihr mir nicht zürnet, / da rat ich hinzugehn.«

Der Rat war manchem Degen / zu großem Leide geschehn.


Siegfried den Recken / zwang des Durstes Not;

Den Tisch hinwegzurücken / der Held alsbald gebot:

Er wollte vor die Berge / zu dem Brunnen gehen.

Da war der Rat aus Arglist / von den Degen geschehen.


Man hieß das Wild auf Wagen / führen in das Land,

Das da verhauen hatte / Siegfriedens Hand.

Wer es auch sehen mochte, / sprach großen Ruhm ihm nach.

Hagen seine Treue / sehr an Siegfrieden brach.


Als sie von dannen wollten / zu der Linde breit,

Da sprach von Tronje Hagen: / »Ich hörte jederzeit,

Es könne niemand folgen / Kriemhilds Gemahl,

Wenn er rennen wolle: / hei! schauten wir das einmal!«


Da sprach von Niederlanden / der Degen kühn und gut:

»Das mögt ihr wohl versuchen, / wenn ihr mit mir tut

Einen Wettlauf nach dem Brunnen. / Soll das geschehn,

So habe der gewonnen, / den wir den vordersten sehn.«


»Wohl, laßt es uns versuchen,« / sprach Hagen der Degen.

Da sprach der starke Siegfried: / »So will ich mich legen,

Verlier ich, euch zu Füßen / nieder in das Gras.«

Als er das erhörte, / wie lieb war König Gunthern das!


Da sprach der kühne Degen: / »Noch mehr will ich euch sagen:

Gewand und Gewaffen / will ich bei mir tragen,

Den Wurfspieß samt dem Schilde / und all mein Birschgewand.«

Das Schwert und den Köcher / um die Glieder schnell er band.


[147] Die Kleider vom Leibe / zogen die andern da;

In zwei weißen Hemden / man beide stehen sah.

Wie zwei wilde Panther / liefen sie durch den Klee;

Man sah bei dem Brunnen / den schnellen Siegfried doch eh.


Den Preis in allen Dingen / vor manchem man ihm gab.

Da löst' er schnell die Waffe, / den Köcher legt' er ab,

Den starken Spieß lehnt' er / an den Lindenast:

Bei des Brunnens Flusse / stand der herrliche Gast.


Die höfsche Zucht erwies da / Siegfried daran:

Den Schild legt' er nieder, / wo der Brunnen rann;

Wie sehr ihn auch dürstete, / der Held nicht eher trank,

Bis der König getrunken; / dafür gewann er übeln Dank.


Der Brunnen war lauter, / kühl und auch gut:

Da neigte sich Gunther / hernieder zu der Flut.

Als er getrunken hatte, / erhob er sich hindann:

Also hätt auch gerne / der kühne Siegfried getan.


Da entgalt er seiner höfschen Zucht; / den Bogen und das Schwert

Trug beiseite Hagen / von dem Degen wert.

Dann sprang er zurücke, / wo er den Wurfspieß fand,

Und sah nach einem Zeichen / an des Kühnen Gewand.


Als der edle Siegfried / aus dem Brunnen trank,

Er schoß ihm durch das Kreuze, / daß aus der Wunde sprang

Das Blut von seinem Herzen / an Hagens Gewand.

Kein Held begeht wohl wieder / solche Untat nach der Hand.


Den Gerschaft im Herzen / ließ er ihm stecken tief.

Wie im Fliehen Hagen / da so grimmig lief,

So lief er wohl auf Erden / nie vor einem Mann!

Als da Siegfried Kunde / der schweren Wunde gewann,


[148] Der Degen mit Toben / von dem Brunnen sprang;

Ihm ragte von der Achsel / eine Gerstange lang.

Nun wähnt' er da zu finden / Bogen oder Schwert,

Gewiß, so hätt' er Hagnen / den verdienten Lohn gewährt.


Als der Todwunde / da sein Schwert nicht fand,

Da blieb ihm nichts weiter / als der Schildesrand.

Den rafft' er von dem Brunnen / und rannte Hagnen an:

Da konnt ihm nicht entrinnen / König Gunthers Untertan.


Wie wund er war zum Tode, / so kräftig doch er schlug,

Daß von dem Schilde nieder / wirbelte genug

Des edeln Gesteines: / der Schild zerbrach auch fast:

So gern gerochen hätte / sich der herrliche Gast.


Da mußte Hagen fallen / von seiner Hand zu Tal;

Der Anger von den Schlägen / erscholl im Widerhall.

Hätt' er sein Schwert in Händen / so wär es Hagens Tod.

Sehr zürnte der Wunde; / es zwang ihn wahrhafte Not.


Seine Farbe war erblichen; / er konnte nicht mehr stehn.

Seines Leibes Stärke / mußte ganz zergehn,

Da er des Todes Zeichen / in lichter Farbe trug.

Er ward hernach betrauert / von schönen Frauen genug.


Da fiel in die Blumen / der Kriemhilde Mann.

Das Blut von seiner Wunde / stromweis niederrann.

Da begann er die zu schelten, / ihn zwang die große Not,

Die da geraten / mit Untreue seinen Tod.


Da sprach der Todwunde: / »Weh, ihr bösen Zagen,

Was helfen meine Dienste, / da ihr mich habt erschlagen?

Ich war euch stets gewogen / und sterbe nun daran.

Ihr habt an euern Freunden / leider übel getan.


[149] Die sind davon bescholten, / so viele noch geborn

Werden nach diesem Tage: / ihr habt euern Zorn

Allzusehr gerochen / an dem Leben mein.

Mit Schanden geschieden / sollt ihr von guten Recken sein.«


Hinliefen all die Ritter, / wo er erschlagen lag.

Es war ihrer vielen / ein freudeloser Tag.

Wer Treue kannt und Ehre, / der hat ihn beklagt:

Das verdient' auch wohl um alle / dieser Degen unverzagt.


Der König der Burgunden / klagt' auch seinen Tod.

Da sprach der Todwunde: / »Das tut nimmer not,

Daß der um Schaden weine, / von dem man ihn gewann:

Er verdient groß Schelten: / er hätt' es besser nicht getan.«


Da sprach der grimme Hagen: / »Ich weiß nicht, was euch reut.

Nun hat doch gar ein Ende, / was uns je gedräut.

Es gibt nun nicht manchen, / der uns darf bestehn;

Wohl mir, daß seiner Herrschaft, / durch mich ein End ist geschehn.«


»Ihr mögt euch leichtlich rühmen,« / sprach der von Niederland.

»Hätt' ich die mörderische / Weis' an euch erkannt,

Vor euch behütet hätt' ich. / Leben wohl und Leib.

Mich dauert nichts auf Erden / als Frau Kriemhild mein Weib.


Nun mög es Gott erbarmen, / daß ich gewann den Sohn,

Der jetzt auf alle Zeiten / den Vorwurf hat davon,

Daß seine Freunde jemand / meuchlerisch erschlagen:

Hätt ich Zeit und Weile, / daß müßt ich billig beklagen.


Wohl nimmer hat begangen / so großen Mord ein Mann,«

Sprach er zu dem König, / »als ihr an mir getan.

Ich erhielt euch unbescholten / in großer Angst und Not;

Ihr habt mir schlimm vergolten, / daß ich so wohl es euch bot.«


[150] Da sprach im Jammer weiter / der todwunde Held:

»Wollt ihr, edler König, / noch auf dieser Welt

An jemand Treue pflegen, / so laßt befohlen sein

Doch auf eure Gnade / euch die liebe Traute mein.


Es komm ihr zugute, / daß sie eure Schwester ist:

Bei aller Fürsten Tugend / helft ihr zu jeder Frist.

Mein mögen lange harren / mein Vater und mein Lehn:

Nie ist an liebem Freunde / einem Weib so leid geschehn.«


Er krümmte sich in Schmerzen, / wie ihm die Not gebot,

Und sprach aus jammerndem Herzen: / »Mein mordlicher Tod

Mag euch noch gereuen / in der Zukunft Tagen:

Glaubt mir in rechten Treuen, / daß ihr euch selber habt erschlagen.«


Die Blumen allenthalben / waren vom Blute naß.

Da rang er mit dem Tode, / nicht lange tat er das,

Denn des Todes Waffe / schnitt ihn allzusehr.

Da konnte nicht mehr reden / dieser Degen kühn und hehr.


Als die Herren sahen / den edeln Helden tot,

Sie legten ihn auf einen Schild, / der war von Golde rot;

Da gingen sie zu Rate, / wie sie es stellten an,

Daß es verhohlen bliebe, / Hagen hab es getan.


Da sprachen ihrer viele: / »Ein Unfall ist geschehn;

Ihr sollt es alle hehlen / und einer Rede stehn!

Als er allein ritt jagen, / der Kriemhilde Mann,

Erschlugen ihn Schächer, / als er fuhr durch den Tann.«


Da sprach von Tronje Hagen: / »Ich bring ihn an das Land.

Mich soll es nicht kümmern, / wird es ihr auch bekannt,

Die so betrüben konnte / der Königin hohen Mut;

Ich werde wenig fragen, / wie sie nun weinet und tut.«


[151] Von demselben Brunnen, / wo Siegfried ward erschlagen,

Sollt ihr die rechte Wahrheit / von mir hören sagen.

Vor dem Odenwalde / ein Dorf liegt Odenheim:

Da fließt noch der Brunnen, / kein Zweifel kann daran sein.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 138-151.
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