[123] Wie die Königinnen sich schalten.
Es war vor einer Vesper, / als man den Schall vernahm,
Der von manchem Recken / auf dem Hofe kam:
Sie stellten Ritterspiele / der Kurzweil willen an.
Da eilten es zu schauen / Frauen viel und mancher Mann.
Da saßen beisammen / die Königinnen reich
Und gedachten zweier Recken, / die waren ohnegleich.
Da sprach die schöne Kriemhild: / »Ich hab einen Mann,
Dem wären diese Reiche / alle billig untertan.«
Da sprach zu ihr Frau Brunhild: / »Wie könnte das wohl sein?
Wenn anders niemand lebte / als du und er allein,
So möchten ihm die Reiche / wohl zu Gebote stehn:
Solange Gunther lebte, / so könnt es nimmer geschehn.«
Da sprach Kriemhild wieder: / »Siehst du, wie er steht,
Wie er da so herrlich / vor allen Recken geht,
Wie der lichte Vollmond / vor den Sternen tut!
Darob mag ich wohl immer / tragen fröhlichen Mut.«
Da sprach wieder Brunhild: / »Wie weidlich sei dein Mann,
Wie schön und wie bieder, / so steht ihm doch voran
Gunther, der Recke, / der edle Bruder dein:
Der muß vor allen Königen, / das wisse du, wahrlich sein.«
Da sprach Kriemhild wieder: / »So wert ist mein Mann,
Daß er ohne Grund nicht / solch Lob von mir gewann.
An gar manchen Dingen / ist seine Ehre groß.
Glaubst du das, Brunhild? / er ist wohl Gunthers Genoß!«
[124] »Das sollst du mir, Kriemhild, / im argen nicht verstehn;
Es ist auch meine Rede / nicht ohne Grund geschehn.
Ich hört' es beide sagen, / als ich zuerst sie sah,
Und als des Königs Willen / in meinen Spielen geschah,
Und da er meine Minne / so ritterlich gewann,
Da sagt' es Siegfried selber, / er sei des Königs Mann:
Drum halt ich ihn für eigen: / ich hört' es ihn gestehn.«
Da sprach die schöne Kriemhild: / »So wär mir übel geschehn.
Wie hätten so geworben / die edlen Brüder mein,
Daß ich des Eigenmannes / Gemahl sollte sein?
Darum will ich, Brunhild, / gar freundlich dich bitten,
Laß mir zulieb die Rede / hinfort mit gütlichen Sitten.«
Die Königin versetzte: / »Sie lassen mag ich nicht:
Wie tät ich auf so manchen / Ritter wohl Verzicht,
Der uns mit dem Degen / zu Dienst ist untertan?«
Kriemhild die schöne / hub da sehr zu zürnen an.
»Dem mußt du wohl entsagen, / daß er in der Welt
Dir irgend Dienste leiste. / Werter ist der Held
Als mein Bruder Gunther, / der Degen unverzagt.
Erlaß mich der Dinge, / die du mir jetzo gesagt.
Auch muß mich immer wundern, / wenn er dein Dienstmann ist,
Und du ob uns beiden / so gewaltig bist,
Warum er dir so lange / den Zins versessen hat;
Deines Übermutes / wäre ich billig nun satt.«
»Du willst dich überheben,« / sprach da die Königin.
»Wohlan, ich will doch schauen, / ob man dich fürderhin
So hoch in Ehren halte, / als man mich selber tut.«
Die Frauen waren beide / in sehr zornigem Mut.
[125] Da sprach wieder Kriemhild: / »Das wird dir wohl bekannt:
Da du meinen Siegfried / dein Eigen hast genannt,
So sollen heut die Degen / der beiden Könge sehn,
Ob ich vor der Königin / wohl zur Kirche dürfe gehn.
Ich lasse dich wohl schauen, / daß ich edel bin und frei,
Und daß mein Mann viel werter / als der deine sei.
Ich will damit auch selber / nicht bescholten sein:
Du sollst noch heute sehen, / wie die Eigenholde dein
Zu Hof geht vor den Helden / in Burgundenland.
Ich will höher gelten, / als man je gekannt
Eine Königstochter, / die noch die Krone trug.«
Unter den Frauen / hob sich der Haß da grimm genug.
Da sprach Brunhild wieder: / »Willst du nicht eigen sein,
So mußt du dich scheiden / mit den Frauen dein
Von meinem Ingesinde, / wenn wir zum Münster gehn.«
»In Treuen,« sprach da Kriemhild, / »also soll es geschehn.«
»Nun kleidet euch, ihr Maide,« / hub da Kriemhild an:
»Ob ich frei von Schande / hier nicht verbleiben kann,
Laßt es heute schauen, / besitzt ihr reichen Staat:
Sie soll es noch verleugnen, / was ihr Mund gesprochen hat.«
Ihnen war das leicht zu raten; / sie suchten reich Gewand.
Wie bald man da im Schmucke / viel Fraun und Maide fand.
Da ging mit dem Gesinde / des edeln Wirts Gemahl;
Zu Wunsch gekleidet ward auch / die schöne Kriemhild zumal
Mit dreiundvierzig Maiden, / die sie zum Rhein gebracht;
Die trugen lichte Zeuge, / in Arabien gemacht.
So kamen zu dem Münster / die Mägdlein wohlgetan.
Ihrer harrten vor dem Hause, / die Siegfrieden untertan.
[126] Die Leute nahm es wunder, / warum das geschah,
Daß man die Königinnen / so geschieden sah,
Und daß sie beieinander / nicht gingen so wie eh.
Das geriet noch manchen Degen / zu Sorgen und großem Weh.
Nun stand vor dem Münster / König Gunthers Weib.
Da fanden viel der Ritter / genehmen Zeitvertreib
Bei den schönen Frauen, / die sie da nahmen wahr.
Da kam die edle Kriemhild / mit mancher herrlichen Schar.
Was Kleider je getragen / eines edeln Ritters Kind,
Gegen ihr Gesinde / war alles nur wie Wind.
Sie war so reich an Gute, / dreißig Königsfraun
Mochten die Pracht nicht zeigen, / die da an ihr war zu schaun.
Was man auch wünschen mochte, / niemand konnte sagen,
Daß er so reiche Kleider / je gesehen tragen,
Als da zur Stunde trugen / ihre Mägdlein wohlgetan.
Brunhilden wars zuleide, / sonst hätt es Kriemhild nicht getan.
Nun kamen sie zusammen / vor dem Münster weit.
Die Hausfrau des Königs / aus ingrimmem Neid
Hieß da Kriemhilden / unwirsch stille stehn:
»Es soll vor Königsweibe / die Eigenholde nicht gehn.«
Da sprach die schöne Kriemhild, / zornig war ihr Mut:
»Hättest du noch geschwiegen, / das wär dir wohl gut.
Du hast geschändet selber / deinen schönen Leib:
Mocht eines Mannes Kebse / je werden Königsweib?«
»Wen willst du hier verkebsen?« / sprach des Königs Weib.
»Das tu ich dich,« sprach Kriemhild: / »deinen schönen Leib
Hat Siegfried erst geminnet, / mein geliebter Mann:
Wohl war es nicht mein Bruder, / der dein Magdtum gewann.
[127] Wo blieben deine Sinne? / Es war doch arge List:
Was ließest du ihn minnen, / wenn er dein Dienstmann ist?
Ich höre dich,« sprach Kriemhild, / »ohn alle Ursach klagen.«
»In Wahrheit,« sprach da Brunhild, / »das will ich doch Gunthern sagen.«
»Wie mag mich das gefährden? / Dein Übermut hat dich betrogen:
Du hast mich mit Reden / in deine Dienste gezogen.
Das wisse du in Treuen, / es ist mir immer leid:
Zu trauter Freundschaft bin ich / dir nimmer wieder bereit.«
Brunhild begann zu weinen; / Kriemhild es nicht verhing,
Vor des Königs Weibe / sie in das Münster ging
Mit ihrem Ingesinde. / Da hub sich großer Haß;
Es wurden lichte Augen / sehr getrübt davon und naß.
Wie man da Gott auch diente / oder jemand sang,
Brunhilden währte / die Weile viel zu lang,
Ihr war allzutrübe / der Sinn und auch der Mut:
Des mußte bald entgelten / mancher Degen kühn und gut.
Brunhild mit ihren Frauen / ging vor das Münster stehn.
Sie gedachte: »Ich muß von Kriemhild / mehr zu hören sehn,
Wes mich so laut hier zeihte / das wortscharfe Weib:
Und wenn er sichs gerühmt hat, / gehts ihm an Leben und Leib!«
Nun kam die edle Kriemhild / mit manchem kühnen Mann.
Da begann Frau Brunhild: / »Haltet hier noch an.
Ihr wolltet mich verkebsen: / laßt uns Beweise sehn;
Mir ist von euern Reden, / das wisset, übel geschehn.«
Da sprach die schöne Kriemhild: / »Was laßt ihr mich nicht gehn?
Ich bezeug es mit dem Golde, / an meiner Hand zu sehn.
Das brachte mir Siegfried, / nachdem er bei euch lag.«
Nie erlebte Brunhild / wohl einen leidigern Tag.
[128] Sie sprach: »Dies Gold, das edle, / das ward mir gestohlen
Und blieb mir lange Jahre / übel verhohlen:
Ich komme nun dahinter, / wer mir es hat genommen.«
Die Frauen waren beide / in großen Unmut gekommen.
Da sprach wieder Kriemhild: / »Ich will nicht sein der Dieb.
Du hättest schweigen sollen, / wär dir Ehre lieb.
Ich bezeug es mit dem Gürtel, / den ich umgetan,
Ich habe nicht gelogen: / wohl wurde Siegfried dein Mann.«
Von Niniveer Seide / sie eine Borte trug
Mit edelm Gesteine, / die war wohl schön genug.
Als Brunhild sie erblickte, / zu weinen hub sie an.
Das mußte Gunther wissen / und alle, die ihm untertan.
Da sprach des Landes Königin: / »Sendet her zu mir
Den König vom Rheine: / hören soll er hier,
Wie sehr seine Schwester / schändet meinen Leib;
Sie sagt vor allen Leuten, / ich sei Siegfriedens Weib.«
Der König kam mit Recken: / als er weinen sah
Brunhild seine Traute, / gütlich sprach er da:
»Von wem, liebe Fraue, / ist euch ein Leid geschehn?«
Sie sprach zu dem König: / »Unfröhlich muß ich hier stehn.
Aller meiner Ehren / hat die Schwester dein
Mich berauben wollen. / Geklagt soll dir sein,
Sie sagt: ich sei die Kebse / von Siegfried, ihrem Mann.«
Da sprach König Gunther: / »So hat sie übel getan.«
»Sie trägt hier meinen Gürtel, / den ich längst verloren,
Und mein Gold das rote. / Daß ich je ward geboren,
Des muß mich sehr gereuen: / befreist du, Herr, mich nicht
Solcher großen Schande, / ich minne nie wieder dich.«
[129] Da sprach König Gunther: / »So ruft ihn herbei:
Hat er sichs gerühmet, / das gesteh er frei,
Er woll es denn leugnen, / der Held vom Niederland.«
Da ward der kühne Siegfried / bald hin zu ihnen gesandt.
Als Siegfried der Degen / die Unmutvollen sah
Und den Grund nicht wußte, / balde sprach er da:
»Was weinen diese Frauen? / das macht mir bekannt:
Oder wessentwegen / wurde hier nach mir gesandt?«
Da sprach König Gunther: / »Groß Herzleid fand ich hier.
Eine Märe sagte / mein Weib Frau Brunhild mir:
Du habest dich gerühmet, / du wärst ihr erster Mann.
So spricht dein Weib Frau Kriemhild: / hast du Degen das getan?«
»Niemals,« sprach da Siegfried; / »und hat sie das gesagt,
Nicht eher will ich ruhen, / bis sie es beklagt,
Und will davon mich reinigen / vor deinem ganzen Heer
Mit meinen hohen Eiden, / ich sagte solches nimmermehr.«
Da sprach der Fürst vom Rheine: / »Wohlan, das zeige mir.
Der Eid, den du geboten, / geschieht der allhier,
Aller falschen Dinge / laß ich dich ledig gehn.«
Man ließ in einem Ringe / die stolzen Burgunden stehn.
Da bot der kühne Siegfried / zum Eide hin die Hand.
Da sprach der reiche König: / »Jetzt hab ich wohl erkannt,
Ihr seid hieran unschuldig, / und sollt des ledig gehn:
Des euch Kriemhild zeihte, / das ist nicht von euch geschehn.«
Da sprach wieder Siegfried: / »Und kommt es ihr zugut,
Daß deinem schönen Weibe / sie so betrübt den Mut,
Das wäre mir wahrlich / aus der Maßen leid.«
Da blickten zueinander / die Ritter kühn und allbereit.
[130] »Man soll so Frauen ziehen,« / sprach Siegfried der Degen,
»Daß sie üppige Reden / lassen unterwegen.
Verbiet es deinem Weibe, / ich will es meinem tun.
Solchen Übermutes / in Wahrheit schäm ich mich nun.«
Viel schöne Frauen wurden / durch Reden schon entzweit.
Da erzeigte Brunhild / solche Traurigkeit,
Daß es erbarmen mußte / die in Gunthers Lehn.
Von Tronje Hagen sah man / zu der Königin gehn.
Er fragte, was ihr wäre, / da er sie weinend fand.
Sie sagt ihm die Märe. / Er gelobt' ihr gleich zur Hand,
Daß es büßen sollte / der Kriemhilde Mann,
Oder man treff ihn nimmer / unter Fröhlichen an.
Über die Rede kamen / Ortwein und Gernot.
Allda die Helden rieten / zu Siegfriedens Tod.
Dazu kam auch Geiselher, / der schönen Ute Kind;
Als er die Rede hörte, / sprach der Getreue geschwind:
»O weh, ihr guten Recken, / warum tut ihr das?
Siegfried verdiente / ja niemals solchen Haß,
Daß er darum verlieren / Leben sollt und Leib;
Auch sind es viele Dinge, / um die wohl zürnet ein Weib.«
»Sollen wir Gäuche ziehen?« / sprach Hagen entgegen:
»Das brächte wenig Ehre / solchen guten Degen.
Daß er sich rühmen durfte / der lieben Frauen mein,
Ich will des Todes sterben, / oder es muß gerochen sein.«
Da sprach der König selber: / »Er hat uns nichts getan
Als Liebes und Gutes: / leb er denn fortan.
Was sollt ich dem Recken / hegen solchen Haß?
Er bewies uns immer Treue, / gar williglich tat er das.«
[131] Da begann der Degen / von Metz Herr Ortewein:
»Wohl kann ihm nicht mehr helfen / die große Stärke sein.
Will es mein Herr erlauben, / ich tu ihm alles Leid.«
Da waren ihm die Helden / ohne Grund zu schaden bereit.
Dem folgte doch niemand, / außer daß Hagen
Alle Tage pflegte / zu Gunthern zu sagen:
Wenn Siegfried nicht mehr lebte, / ihm würden untertan
Manches Königs Lande. / Da hub der Held zu trauern an.
Man ließ es bewenden / und ging dem Kampfspiel nach.
Hei! was man starker Schäfte / vor dem Münster brach
Vor Siegfriedens Weibe / bis hinan zum Saal!
Mit Unmut sah es mancher, / dem König Gunther befahl.
Der König sprach: »Laßt fahren / den mordlichen Zorn.
Er ist uns zu Ehren / und zum Heil geborn;
Auch ist so grimmer Stärke / der wunderkühne Mann,
Wenn ers inne würde, / so dürfte niemand ihm nahn.«
»Nicht doch,« sprach da Hagen, / »da dürft ihr ruhig sein:
Wir leiten in der Stille / alles sorglich ein.
Brunhildens Weinen / soll ihm werden leid.
Immer sei ihm Hagen / zu Haß und Schaden bereit.«
Da sprach der König Gunther: / »Wie möcht es geschehn?«
Zur Antwort gab ihm Hagen: / »Das sollt ihr bald verstehn:
Wir lassen Boten reiten / her in dieses Land,
Uns offnen Krieg zu künden, / die hier niemand sind bekannt.
Dann sagt ihr vor den Gästen, / ihr wollt mit euerm Lehn
Euch zur Heerfahrt rüsten. / Sieht er das geschehn,
So verspricht er euch zu helfen: / dann gehts ihm an den Leib,
Erfahr ich nur die Märe / von des kühnen Recken Weib.«
[132] Der König folgte leider / seines Dienstmanns Rat.
So huben an zu sinnen / auf Untreu und Verrat,
Eh es wer erkannte, / die Ritter auserkoren:
Durch zweier Frauen Zanken / ging da mancher Held verloren.