[4] Von Siegfrieden.
Da wuchs im Niederlande / eines edeln Königs Kind,
Siegmund hieß sein Vater, / die Mutter Siegelind,
In einer mächtgen Feste, / weithin wohlbekannt,
Unten am Rheine; / Xanten war sie genannt.
Ich sag euch von dem Degen, / wie so schön er ward,
Er war vor allen Schanden / immer wohl bewahrt.
Stark und hohen Namens / ward bald der kühne Mann;
Hei! was er großer Ehren / auf dieser Erde gewann!
Siegfried war geheißen / der edle Degen gut.
Er erprobte viel der Recken / in hochbeherztem Mut.
Seine Stärke führt' ihn / in manches fremde Land:
Hei! was er schneller Degen / bei den Burgunden fand!
Bevor der kühne Degen / voll erwuchs zum Mann,
Da hat er solche Wunder / mit seiner Hand getan,
Davon man immer wieder / singen mag und sagen:
Wir müssen viel verschweigen / von ihm in heutigen Tagen.
In seinen besten Zeiten / bei seinen jungen Tagen
Mochte man viel Wunder / von Siegfrieden sagen,
Wie Ehr an ihm erblühte, / und wie schön er war zu schaun:
Drum dachten sein in Minne / viel der weidlichen Fraun.
Man erzog ihn mit dem Fleiße, / wie ihm geziemend war;
Was ihm Zucht und Sitte / der eigne Sinn gebar!
Das ward noch eine Zierde / für seines Vaters Land,
Daß man zu allen Dingen / ihn so recht herrlich fand.
[5] Er war nun so erwachsen, / mit an den Hof zu gehn.
Die Leute sahn ihn gerne; / viel Fraun und Mädchen schön
Wünschten wohl, er käme / dahin noch immerdar;
Hold waren ihm gar viele, / des ward der Degen wohl gewahr.
Selten ohne Hüter / man reiten ließ das Kind.
Mit Kleidern hieß ihn zieren / seine Mutter Siegelind;
Auch pflegten sein die Weisen, / denen Ehre war bekannt:
Drum mocht er wohl gewinnen / so die Leute wie das Land.
Nun war er in der Stärke, / daß er wohl Waffen trug:
Was er dazu bedurfte, / des gab man ihm genug.
Schon sann er zu werben / um manches schöne Kind;
Die hätten wohl mit Ehren / den schönen Siegfried geminnt.
Da ließ sein Vater Siegmund / kund tun seinem Lehn,
Mit lieben Freunden woll er / ein Hofgelag begehn.
Da brachte man die Märe / in andrer Könge Land.
Den Heimischen und Gästen / gab er Roß und Gewand.
Wen man finden mochte, / der nach der Eltern Art
Ritter werden sollte, / die edeln Knappen zart
Lud man nach dem Lande / zu der Lustbarkeit,
Wo sie das Schwert empfingen / mit Siegfried zu gleicher Zeit.
Man mochte Wunder sagen / von dem Hofgelag.
Siegmund und Siegelind / gewannen an dem Tag
Viel Ehre durch die Gaben, / die spendet' ihre Hand:
Drum sah man viel der Fremden / zu ihnen reiten in das Land.
Vierhundert Schwertdegen / sollten gekleidet sein
Mit dem jungen Könige. / Manch schönes Mägdelein
Sah man am Werk geschäftig; / ihm waren alle hold.
Viel edle Steine legten / die Frauen da in das Gold,
[6] Die sie mit Borten wollten / auf die Kleider nähn
Den stolzen jungen Recken; / daß mußte so ergehn.
Der Wirt ließ Sitze bauen / für manchen kühnen Mann
Zu der Sonnenwende, / wo Siegfried Ritters Stand gewann.
Da ging zu einem Münster / mancher reiche Knecht
Und viel der edeln Ritter. / Die Alten taten recht,
Daß sie den Jungen dienten, / wie ihnen war geschehn.
Sie hatten Kurzweile / und freuten sich es zu sehn.
Als man da Gott zu Ehren / eine Messe sang,
Da hub sich von den Leuten / ein gewaltiger Drang,
Da sie zu Rittern wurden / dem Ritterbrauch gemäß
Mit also hohen Ehren, / so leicht nicht wieder geschähs.
Sie eilten, wo sie fanden / geschirrter Rosse viel.
Da ward in Siegmunds Hofe / so laut das Ritterspiel,
Daß man ertosen hörte / Pallas und Saal.
Die hochbeherzten Degen / gewannen fröhlichen Schall.
Von Alten und von Jungen / mancher Stoß erklang,
Daß der Schäfte Brechen / in die Lüfte drang.
Die Splitter sah man fliegen / bis zum Saal hinan.
Die Kurzweile sahen / die Fraun und Männer mit an.
Der Wirt bat es zu lassen. / Man zog die Rosse fort;
Wohl sah man auch zerbrochen / viel starke Schilde dort
Und viel der edeln Steine / auf das Gras gefällt
Von des lichten Schildes Spangen: / die hatten Stöße zerschellt.
Da setzten sich die Gäste, / wohin man ihnen riet,
Zu Tisch, wo von Ermüdung / viel edle Kost sie schied
Und Wein der allerbeste, / des man die Fülle trug.
Den Heimischen und Fremden / bot man Ehren da genug.
[7] So viel sie Kurzweile / gefunden all den Tag,
Das fahrende Gesinde / doch keiner Ruhe pflag:
Sie dienten um die Gabe, / die man da reichlich fand;
Ihr Lob ward zur Zierde / König Siegmunds ganzem Land.
Da ließ der Fürst verleihen / Siegfried, den jungen Mann,
Das Land und die Burgen, / wie sonst er selbst getan.
Seinen Schwertgenossen / gab er mit milder Hand:
So freute sie die Reise, / die sie geführt in das Land.
Das Hofgelage währte / bis an den siebten Tag,
Sieglind die reiche / der alten Sitte pflag,
Daß sie dem Sohne zuliebe / verteilte rotes Gold:
Sie konnt es wohl verdienen, / daß ihm die Leute waren hold.
Da blieb zuletzt kein armer / Fahrender mehr im Land.
Ihnen stoben Kleider / und Rosse von der Hand,
Als hätten sie zu leben / nicht mehr denn einen Tag.
Man sah nie Ingesinde, / das so großer Milde pflag.
Mit preiswerten Ehren / zerging die Lustbarkeit.
Man hörte wohl die Reichen / sagen nach der Zeit,
Daß sie dem Jungen / gerne wären untertan;
Das begehrte nicht Siegfried, / dieser weidliche Mann.
Solange sie noch lebten, / Siegmund und Siegelind,
Wollte nicht Krone tragen / der beiden liebes Kind;
Doch wollt er herrlich wenden / alle die Gewalt,
Die in den Landen fürchtete / der Degen kühn und wohlgestalt.
Ihn durfte niemand schelten; / seit er die Waffen nahm,
Pflag er der Ruh nur selten, / der Recke lobesam.
Er suchte nur zu streiten, / und seine starke Hand
Macht' ihn zu allen Zeiten / in fremden Reichen wohlbekannt.