[8] Wie Siegfried nach Worms kam.
Den Herrn beschwerte selten / irgendein Herzeleid.
Er hörte Kunde sagen, / wie eine schöne Maid
Bei den Burgunden wäre, / nach Wünschen wohlgetan,
Von der er bald viel Freuden / und auch viel Leides gewann.
Von ihrer hohen Schöne / vernahm man weit und breit,
Und auch ihr Hochgemüte / ward zur selben Zeit
Bei der Jungfrauen / den Helden oft bekannt:
Das ladete der Gäste / viel in König Gunthers Land.
So viel um ihre Minne / man Werbende sah,
Kriemhild in ihrem Sinne / sprach dazu nicht ja,
Daß sie einen wollte / zum geliebten Mann:
Er war ihr noch gar fremde, / dem sie bald war untertan.
Da sann auf hohe Minne / Sieglindens Kind;
All der andern Werben / war wider ihn wie Wind.
Er mochte wohl verdienen / ein Weib so auserwählt:
Bald ward die edle Kriemhild / dem kühnen Siegfried vermählt.
Ihm rieten seine Freunde / und die in seinem Lehn,
Hab er stete Minne / sich zum Ziel ersehn,
So soll' er werben, daß er sich / der Wahl nicht dürfe schämen.
Da sprach der edle Siegfried: / »So will ich Kriemhilden nehmen,
Die edle Königstochter / von Burgundenland,
Um ihre große Schöne. / Das ist mir wohl bekannt,
Kein Kaiser sei so mächtig, / hätt er zu frein im Sinn,
Dem nicht zu minnen ziemte / diese reiche Königin.«
[9] Solche Märe hörte / der König Siegmund.
Es sprachen seine Leute: / also ward ihm kund
Seines Kindes Wille. / Es war ihm höchlich leid,
Daß er werben wolle / um diese herrliche Maid.
Es erfuhr es auch die Königin, / die edle Siegelind:
Die mußte große Sorge / tragen um ihr Kind,
Weil sie wohl Gunthern kannte / und die in seinem Heer;
Die Werbung dem Degen / zu verleiden fliß man sich sehr.
Da sprach der kühne Siegfried: / »Viel lieber Vater mein,
Ohn edler Frauen Minne / wollt ich immer sein,
Wenn ich nicht werben dürfte / nach Herzensliebe frei.«
Was jemand reden mochte, / so blieb er immer dabei.
»Ist dir nicht abzuraten,« / der König sprach da so,
»So bin ich deines Willens / von ganzem Herzen froh
Und will dirs fügen helfen, / so gut ich immer kann;
Doch hat der König Gunther / manchen hochfährtigen Mann.
Und wär es anders niemand / als Hagen der Degen,
Der kann im Übermute / wohl der Hochfahrt pflegen,
So daß ich sehr befürchte, / es mög uns werden leid,
Wenn wir werben wollen / um diese herrliche Maid.«
»Was mag uns gefährden?« / hub da Siegfried an:
»Was ich mir im Guten / da nicht erbitten kann,
Mag ich schon sonst erwerben / mit meiner starken Hand:
Ich will von ihm erzwingen / so die Leute wie das Land.«
»Leid ist mir deine Rede,« / sprach König Siegmund,
»Denn würde diese Märe / dort am Rheine kund,
Du dürftest nimmer reiten / in König Gunthers Land.
Gunther und Gernot, / die sind mir lange bekannt.
[10] Mit Gewalt erwerben / kann niemand die Magd,«
Sprach der König Siegmund, / »das ist mir wohl gesagt;
Willst du jedoch mit Recken / reiten in das Land,
Die Freunde, die wir haben / die werden eilends besandt.«
»So ist mir nicht zumute,« / fiel ihm Siegfried ein,
»Daß mir Recken sollten / folgen an den Rhein
Einer Heerfahrt willen: / das wäre mir wohl leid,
Sollt ich damit erzwingen / diese herrliche Maid.
Ich will sie schon erwerben / allein mit meiner Hand.
Ich will mit zwölf Gesellen / in König Gunthers Land;
Dazu sollt ihr mir helfen, / Vater Siegmund.«
Da gab man seinen Degen / zu Kleidern grau und auch bunt.
Da vernahm auch diese Märe / seine Mutter Siegelind;
Sie begann zu trauern / um ihr liebes Kind:
Sie bangt es zu verlieren / durch die in Gunthers Heer.
Die edle Königstochter / weinte darüber sehr.
Siegfried der Degen / ging hin, wo er sie sah.
Wider seine Mutter / gütlich sprach er da:
»Frau, ihr sollt nicht weinen / um den Willen mein:
Wohl will ich ohne Sorgen / vor allen Weiganden sein.
Nun helft mir zu der Reise / nach Burgundenland,
Daß mich und meine Recken / ziere solch Gewand,
Wie so stolze Degen / mit Ehren mögen tragen:
Dafür will ich immer / den Dank von Herzen euch sagen.«
»Ist dir nicht abzuraten,« / sprach Frau Siegelind,
»So helf ich dir zur Reise, / mein einziges Kind,
Mit den besten Kleidern, / die je ein Ritter trug,
Dir und deinen Degen: / ihr sollt der haben genug.«
[11] Da neigte sich ihr dankend / Siegfried der junge Mann.
Er sprach: »Nicht mehr Gesellen / nehm ich zur Fahrt mir an
Als der Recken zwölfe: / verseht die mit Gewand.
Ich möchte gern erfahren, / wie's um Kriemhild sei bewandt.«
Da saßen schöne Frauen / über Nacht und Tag,
Daß ihrer selten eine / der Muße eher pflag,
Bis sie gefertigt hatten / Siegfriedens Staat.
Er wollte seiner Reise / nun mit nichten haben Rat.
Sein Vater hieß ihm zieren / sein ritterlich Gewand,
Womit er räumen wollte / König Siegmunds Land.
Ihre lichten Panzer, / die wurden auch bereit,
Und ihre festen Helme, / ihre Schilde schön und breit.
Nun sahen sie die Reise / zu den Burgunden nahn.
Um sie begannen zu sorgen / beides, Weib und Mann,
Ob sie je wiederkommen / sollten in das Land.
Sie geboten aufzusäumen / die Waffen und das Gewand.
Schön waren ihre Rosse, / ihr Reitzeug goldesrot;
Wenn wer sich höher deuchte, / so war es ohne Not,
Als der Degen Siegfried / und die ihm untertan.
Nun hielt er um Urlaub / zu den Burgunden an.
Den gaben ihm mit Trauern / König und Königin.
Er tröstete sie beide / mit minniglichem Sinn
Und sprach: »Ihr sollt nicht weinen / um den Willen mein,
Immer ohne Sorgen / mögt ihr um mein Leben sein.«
Es war leid den Recken, / auch weinte manche Maid:
Sie ahnten wohl im Herzen, / daß sie es nach der Zeit
Noch schwer entgelten müßten / durch lieber Freunde Tod.
Sie hatten Grund zu klagen, / es tat ihnen wahrlich not.
[12] Am siebenten Morgen / zu Worms an den Strand
Ritten schon die Kühnen; / all ihr Gewand
War von rotem Golde, / ihr Reitzeug wohlbestellt;
Ihnen gingen sanft die Rosse, / die sich da Siegfried gesellt.
Neu waren ihre Schilde, / licht dazu und breit,
Und schön ihre Helme, / als mit dem Geleit
Siegfried der kühne / ritt in Gunthers Land.
Man ersah an Helden / nie mehr so herrlich Gewand.
Der Schwerter Enden gingen / nieder auf die Sporen;
Scharfe Speere führten / die Ritter auserkoren.
Von zweier Spannen Breite / war, welchen Siegfried trug;
Der hat an seinen Schneiden / grimmer Schärfe genug.
Goldfarbne Zäume / führten sie an der Hand;
Der Brustriem war von Seide; / so kamen sie ins Land.
Da gafften sie die Leute / allenthalben an:
Gunthers Mannen liefen / sie zu empfangen heran.
Die hochbeherzten Recken, / Ritter sowie Knecht,
Liefen den Herrn entgegen, / so war es Fug und Recht,
Und begrüßten diese Gäste / in ihrer Herren Land;
Die Pferde nahm man ihnen / und die Schilde von der Hand.
Da wollten sie die Rosse / ziehn zu ihrer Rast;
Da sprach aber Siegfried / alsbald, der kühne Gast:
»Laßt uns noch die Pferde / stehen kurze Zeit;
Wir reiten bald von hinnen; / dazu bin ich ganz bereit.
Man soll uns auch die Schilde / nicht von dannen tragen;
Wo ich den König finde, / kann mir das jemand sagen,
Gunther den reichen, / aus Burgunderland?«
Da sagt es ihm einer, / dem es wohl war bekannt.
[13] »Wollt ihr den König finden, / das mag gar leicht geschehn:
In jenem weiten Saale / hab ich ihn gesehn
Unter seinen Helden: / da geht zu ihm hinan,
So mögt ihr bei ihm finden / manchen herrlichen Mann.«
Nun waren auch die Mären / dem König schon gesagt
Daß auf dem Hofe wären / Ritter unverzagt;
Sie führten lichte Panzer / und herrlich Gewand;
Sie erkenne niemand / in der Burgunden Land.
Den König nahm es wunder, / woher gekommen sei'n
Die herrlichen Recken / im Kleid von lichtem Schein
Und mit so guten Schilden, / so neu und so breit.
Daß ihm das niemand sagte, / das war König Gunthern leid.
Zur Antwort gab dem König / von Metz Herr Ortewein;
Stark und kühnen Mutes / mocht er wohl sein:
»Da wir sie nicht erkennen, / so heißt jemand gehn
Nach meinem Oheim Hagen: / dem sollt ihr sie lassen sehn.
Ihm sind wohl kund die Reiche / und alles fremde Land:
Erkennt er die Herren, / das macht er uns bekannt.«
Der König ließ ihn holen / und die in seinem Lehn:
Da sah man ihn herrlich / mit Recken hin zu Hofe gehn.
Warum nach ihm der König, / frug Hagen da, geschickt?
»Es werden fremde Degen / in meinem Haus erblickt,
Die niemand mag erkennen: / habt ihr in fernem Land
Sie wohl schon gesehen? / das macht mir, Hagen, bekannt.«
»Das will ich,« sprach Hagen. / Zum Fenster schritt er drauf:
Da ließ er nach den Gästen / den Augen freien Lauf.
Wohl gefiel ihm ihr Geräte / und all ihr Gewand;
Doch waren sie ihm fremde / in der Burgunden Land.
[14] Er sprach, woher die Recken / auch kämen an den Rhein,
Es möchten selber Fürsten / oder Fürstenboten sein.
»Schön sind ihre Rosse / und ihr Gewand ist gut:
Von wannen sie auch ritten, / es sind Helden hochgemut.«
Also sprach da Hagen: / »Soviel ich mag verstehn,
Hab ich gleich im Leben / Siegfrieden nie gesehn,
So will ich doch wohl glauben, / wie es damit auch steht,
Daß er es sei, der Degen, / der so herrlich dorten geht.
Er bringt neue Mären / her in dieses Land:
Die kühnen Nibelungen / schlug des Helden Hand,
Die reichen Königssöhne / Schilbung und Nibelung;
Er wirkte große Wunder / mit des starken Armes Schwung.
Als der Held alleine / ritt aller Hilfe bar,
Fand er an einem Berge, / so hört' ich immerdar,
Bei König Niblungs Horte / manchen kühnen Mann;
Sie waren ihm gar fremde, / bis er hier die Kunde gewann.
Der Hort König Nibelungs / ward hervorgetragen
Aus einem hohlen Berge: / nun hört Wunder sagen,
Wie ihn teilen wollten, / die Niblung untertan.
Das sah der Degen Siegfried, / den es zu wundern begann.
So nah kam er ihnen, / daß er die Helden sah
Und ihn die Degen wieder. / Der eine sagte da:
›Hier kommt der starke Siegfried, / der Held aus Niederland.‹
Seltsame Abenteuer / er bei den Nibelungen fand.
Den Recken wohl empfingen / Schilbung und Nibelung.
Einhellig baten / die edeln Fürsten jung,
Daß ihnen teilen möchte / den Schatz der kühne Mann:
Das begehrten sie, bis endlich / ers zu geloben begann.
[15] Er sah so viel Gesteines, / wie wir hören sagen,
Hundert Leiterwagen, / die möchten es nicht tragen,
Noch mehr des roten Goldes / vom Nibelungenland:
Das alles sollte teilen / des kühnen Siegfriedes Hand.
Sie gaben ihm zum Lohne / König Niblungs Schwert.
Da wurden sie des Dienstes / gar übel gewährt,
Den ihnen leisten sollte / Siegfried der Degen gut:
Er konnt es nicht vollbringen: / sie hatten zornigen Mut.
So mußt er ungeteilet / die Schätze lassen stehn.
Da bestanden ihn die Degen / in der zwei Könge Lehn:
Mit ihres Vaters Schwerte, / das Balmung war genannt,
Stritt ihnen ab der Kühne / den Hort und Nibelungenland.
Da hatten sie zu Freunden / kühne zwölf Mann,
Die starke Riesen waren: / was konnt es sie verfahn?
Die erschlug im Zorne / Siegfriedens Hand,
Und siebenhundert Recken / zwang er vom Nibelungenland
Mit dem guten Schwerte / geheißen Balmung.
Vom Schrecken überwältigt / war mancher Degen jung
Zumal vor dem Schwerte / und vor dem kühnen Mann:
Das Land mit den Burgen / machten sie ihm untertan.
Dazu die reichen Könige, / die schlug er beide tot.
Er kam durch Albrichen / darauf in große Not:
Der wollte seine Herren / rächen allzuhand,
Eh er die große Stärke / noch an Siegfrieden fand.
Mit Streit bestehen konnt ihn / da nicht der starke Zwerg.
Wie die wilden Leuen / liefen sie an den Berg,
Wo er die Tarnkappe / Albrichen abgewann:
Da war des Hortes Meister / Siegfried der schreckliche Mann.
[16] Die sich getraut zu fechten, / die lagen all erschlagen,
Den Schatz ließ er wieder / nach dem Berge tragen,
Dem ihn entnommen hatten, / die Niblung untertan.
Alberich der starke / das Amt des Kämmrers gewann.
Er mußt ihm Eide schwören, / er dien ihm als sein Knecht;
Zu aller Art Diensten / ward er ihm gerecht.«
So sprach von Tronje Hagen: / »Das hat der Held getan;
Also große Kräfte / nie mehr ein Recke gewann.
Noch ein Abenteuer / ist mir von ihm bekannt:
Einen Linddrachen / schlug des Heldes Hand;
Als er im Blut sich badete, / ward hörnern seine Haut.
So versehrt ihn keine Waffe: / das hat man oft an ihm geschaut.
Man soll ihn wohl empfangen, / der beste Rat ist das,
Damit wir nicht verdienen / des schnellen Recken Haß.
Er ist so kühnen Sinnes, / man seh ihn freundlich an:
Er hat mit seinen Kräften / so manche Wunder getan.«
Da sprach der mächtge König: / »Gewiß, du redest wahr:
Nun sieh, wie stolz er dasteht / vor des Streits Gefahr,
Dieser kühne Degen / und die in seinem Lehn!
Wir wollen ihm entgegen / hinab zu dem Recken gehn.«
»Das mögt ihr,« sprach da Hagen, / »mit allen Ehren schon:
Er ist von edelm Stamme, / eines reichen Königs Sohn;
Auch hat er die Gebäre, / mich dünkt, beim Herren Christ,
Es sei nicht kleine Märe, / um die er hergeritten ist.«
Da sprach der Herr des Landes: / »Nun sei er uns willkommen.
Er ist kühn und edel, / das hab ich wohl vernommen;
Des soll er auch genießen / im Burgundenland.«
Da ging der König Gunther / hin, wo er Siegfrieden fand.
[17] Der Wirt und seine Recken / empfingen so den Mann,
Daß wenig an dem Gruße / gebrach, den er gewann;
Des neigte sich vor ihnen / der Degen ausersehn.
In großen Züchten sah man / ihn mit seinen Recken stehn.
»Mich wundert diese Märe,« / sprach der Wirt zuhand,
»Von wannen, edler Siegfried, / ihr kamt in dieses Land,
Oder was ihr wollet suchen / zu Worms an dem Rhein.«
Da sprach der Gast zum König: / »Das soll euch unverhohlen sein.
Ich habe sagen hören / in meines Vaters Land,
An euerm Hofe wären, / das hätt ich gern erkannt,
Die allerkühnsten Recken, / so hab ich oft vernommen,
Die je gewann ein König: / darum bin ich hierher gekommen.
So hör ich auch euch selber / viel Mannheit zugestehn,
Man habe keinen König / noch je so kühn gesehn.
Das rühmen oft die Leute / in all diesem Land;
Nun kann ichs nicht verwinden, / bis ich die Wahrheit befand.
Ich bin auch ein Recke / und soll die Krone tragen:
Ich möcht es gerne fügen, / daß sie von mir sagen,
Daß ich mit Recht besäße / die Leute wie das Land.
Mein Haupt und meine Ehre / setz ich dawider zu Pfand.
Wenn ihr denn so kühn seid, / wie euch die Sage zeiht,
So frag ich nicht, ists jemand / lieb oder leid:
Ich will von euch erzwingen, / was euch angehört,
Das Land und die Burgen / unterwerf ich mit meinem Schwert.«
Der König war verwundert / und all sein Volk umher,
Als sie vernahmen / sein seltsam Begehr,
Daß er ihm zu nehmen / gedächte Leut und Land.
Das hörten seine Degen, / die wurden zornig zuhand.
[18] »Wie sollt ich das verdienen,« / sprach Gunther der Degen,
»Wes mein Vater lange / mit Ehren durfte pflegen,
Daß wir das verlören / durch jemands Überkraft?
Das wäre schlecht bewiesen, / daß wir auch pflegen Ritterschaft!«
»Ich will davon nicht lassen,« / fiel ihm der Kühne drein:
»Von deinen Kräften möge / dein Land befriedet sein,
Ich will es nun verwalten; / doch auch das Erbe mein,
Erwirbst du es durch Stärke, / es soll dir untertänig sein.
Dein Erbe wie das meine, / wir schlagen gleich sie an,
Und wer von uns den andern / überwinden kann,
Dem soll es alles dienen, / die Leute wie das Land.«
Dem widersprach da Hagen / und mit ihm Gernot zuhand.
»So stehn uns nicht die Sinne,« / sprach da Gernot,
»Nach neuen Lands Gewinne, / daß jemand sollte tot
Vor Heldeshänden liegen: / reich ist unser Land,
Das uns mit Recht gehorsamt, / zu niemand besser bewandt.«
In grimmigem Mute / standen da die Freunde sein.
Da war auch darunter / von Metz Herr Ortewein.
Der sprach: »Diese Sühne / ist mir von Herzen leid:
Euch ruft der starke Siegfried / ohn allen Grund in den Streit.
Wenn ihr und eure Brüder / ihm auch nicht steht zur Wehr,
Und ob er bei sich führte / ein ganzes Königsheer,
So wollt ichs doch erstreiten, / daß der starke Held
Also hohen Übermut / wohl mit Recht beiseite stellt.«
Darüber zürnte mächtig / der Held vom Niederland:
»Nicht wider mich vermessen / darf sich deine Hand:
Ich bin ein reicher König, / du bist in Königs Lehn;
Deiner zwölfe dürften / mich nicht im Streite bestehn.«
[19] Nach Schwertern rief da heftig / von Metz Herr Ortewein:
Er durfte Hagens Schwestersohn / von Tronje wahrlich sein.
Daß der so lang geschwiegen, / das war dem König leid.
Da sprach zum Frieden Gernot, / ein Ritter kühn und allbereit.
»Laßt euer Zürnen bleiben,« / hub er zu Ortwein an:
»Uns hat der edle Siegfried / noch solches nicht getan:
Wir scheiden es in Güte / wohl noch, das rat ich sehr,
Und haben ihn zum Freunde; / es geziemt uns wahrlich mehr.«
Da sprach der starke Hagen: / »Uns ist billig leid
Und all euern Degen, / daß er je zum Streit
Kam an den Rhein geritten: / was ließ er das nicht sein?
So übel nie begegnet / wären ihm die Herren mein.«
Da sprach wieder Siegfried, / der kraftvolle Held:
»Wenn euch, was ich gesprochen, / Herr Hagen, mißfällt,
So will ich schauen lassen, / wie noch die Hände mein
Gedenken, so gewaltig / bei den Burgunden zu sein.«
»Das hoff ich noch zu wenden,« / sprach da Gernot.
Allen seinen Degen / zu reden er verbot
In ihrem Übermute, / was ihm wäre leid.
Da gedacht auch Siegfried / an die viel herrliche Maid.
»Wie geziemt uns mit euch streiten?« / sprach wieder Gernot.
»Wieviel dabei der Helden / auch fielen in den Tod,
Wenig Ehre brächt uns / so ungleicher Streit.«
Die Antwort hielt da Siegfried, / König Siegmunds Sohn, bereit:
»Warum zögert Hagen / und auch Ortewein,
Daß er nicht zum Streite / eilt mit den Freunden sein,
Deren er so manchen / bei den Burgunden hat?«
Sie blieben Antwort schuldig, / das war Gernotens Rat.
[20] »Ihr sollt uns willkommen sein,« / sprach Geiselher das Kind,
»Und eure Heergesellen, / die hier bei euch sind:
Wir wollen gern euch dienen, / ich und die Freunde mein.«
Da hieß man den Gästen / schenken König Gunthers Wein.
Da sprach der Wirt des Landes: / »Alles was uns gehört,
Verlangt ihr es in Ehren, / das sei euch unverwehrt;
Wir wollen mit euch teilen / unser Gut und Blut.«
Da ward dem Degen Siegfried / ein wenig sanfter zumut.
Da ließ man ihnen wahren / all ihr Wehrgewand:
Man suchte Herbergen, / die besten, die man fand:
Siegfriedens Knappen / schuf man gut Gemach.
Man sah den Fremdling gerne / in Burgundenland hernach.
Man bot ihm große Ehre / darauf in manchen Tagen,
Mehr zu tausend Malen, / als ich euch könnte sagen;
Das hatte seine Kühnheit / verdient, das glaubt fürwahr.
Ihn sah wohl selten jemand, / der ihm nicht gewogen war.
Flissen sich der Kurzweil / die Könge und ihr Lehn,
So war er stets der Beste, / was man auch ließ geschehn.
Es konnt ihm niemand folgen, / so groß war seine Kraft,
Ob sie den Stein warfen / oder schossen den Schaft.
Nach höfscher Sitte ließen / sich auch vor den Fraun
Der Kurzweile pflegend / die kühnen Ritter schaun;
Da sah man stets den Helden / gern vom Niederland;
Er hatt' auf hohe Minne / seinen Sinn gewandt.
Die schönen Fraun am Hofe / erfragten Märe,
Wer der stolze fremde / Recke wäre.
»Er ist so schön gewachsen, / so reich ist sein Gewand!«
Da sprachen ihrer viele: / »Das ist der Held von Niederland.«
[21] Was man beginnen wollte, / er war dazu bereit;
Er trug in seinem Sinne / eine minnigliche Maid,
Und auch nur ihn die Schöne, / die er noch nie gesehn,
Und die sich doch viel Gutes / von ihm schon heimlich versehn.
Wenn man auf dem Hofe / das Waffenspiel begann,
Ritter so wie Knappen, / immer sah es an
Kriemhild aus den Fenstern, / die Königstochter hehr;
Keiner andern Kurzweil / hinfort bedurfte sie mehr.
Und wüßt er, daß ihn sähe, / die er im Herzen trug,
Davon hätt er Kurzweil / immerdar genug.
Ersähn sie seine Augen, / ich glaube sicherlich,
Keine andre Freude / hier auf Erden wünscht' er sich.
Wenn er bei den Recken / auf dem Hofe stand,
Wie man noch zur Kurzweil / pflegt in allem Land,
Wie stand dann so minniglich / das Sieglindenkind,
Daß manche Frau ihm heimlich / war von Herzen hold gesinnt.
Er gedacht auch manchmal: / »Wie soll das geschehn,
Daß ich das edle Mägdlein / mit Augen möge sehn,
Die ich von Herzen minne, / wie ich schon längst getan?
Die ist mir noch gar fremde; / mit Trauern denk ich daran.«
So oft die reichen Könige / ritten in ihr Land,
So mußten auch die Recken / mit ihnen all zur Hand.
Auch Siegfried ritt mit ihnen: / das war der Frauen leid;
Er litt von ihrer Minne / auch Beschwer zu mancher Zeit.
So wohnt' er bei den Herren, / das ist alles wahr,
In König Gunthers Lande / völliglich ein Jahr,
Daß er die Minnigliche / in all der Zeit nicht sah,
Durch die ihm bald viel Liebes / und auch viel Leides geschah.