Zweiunddreißigstes Abenteuer.

[292] Wie Blödel mit Dankwart in der Herberge stritt.


Blödels Recken standen / gerüstet allzumal

In tausend Halsbergen / betraten sie den Saal,

Wo Dankwart mit den Knechten / an den Tischen saß.

Da hob sich unter Helden / der allergrimmigste Haß.


Als der Degen Blödel / vor die Tische ging,

Dankwart der Marschall / ihn freundlich empfing:

»Willkommen hier im Hause, / mein Herr Blödelein:

Mich wundert euer Kommen: / sagt, was soll die Märe sein?«


»Du brauchst mich nicht zu grüßen,« / sprach da Blödelein:

»Denn dieses mein Kommen / muß dein Ende sein

Um Hagen deinen Bruder, / der Siegfrieden schlug.

Des entgiltst du bei den Heunen / und andre Helden genug.«


»Nicht doch, mein Herr Blödel,« / sprach da Dankwart,

»So möchte sehr uns reuen / zu Hofe diese Fahrt.

Ich war ein Kind, als Siegfried / Leben ließ und Leib:

Nicht weiß ich, was mir wolle / dem König Etzel sein Weib.«


»Ich weiß dir von der Märe / nicht mehr zu sagen;

Es tatens deine Freunde / Gunther und Hagen.

Nun wehrt euch, ihr Armen, / ihr könnt nicht länger leben,

Ihr müßt mit dem Tode / hier ein Pfand Kriemhilden geben.«[292]


»Wollt ihrs nicht lassen?« / sprach da Dankwart,

»So gereut mich meines Flehens: / hätt' ich das gespart!«

Der schnelle kühne Degen / von dem Tische sprang,

Eine scharfe Waffe zog er, / die war gewaltig und lang.


Damit schlug er Blödeln / einen schwinden Schwertesschlag,

Daß ihm das Haupt im Helme / vor den Füßen lag,

»Das sei die Morgengabe,« / sprach der schnelle Degen,

»Zu Nudungens Witwe, / der du mit Minne solltest pflegen.


Vermähle man sie morgen / einem andern Mann:

Will er den Brautschatz, / wird ihm wie dir getan.«

Ein getreuer Heune / hatt' ihm das hinterbracht,

Wie die Königstochter / auf ihr Verderben gedacht.


Da sahen Blödels Mannen, / ihr Herr sei erschlagen;

Das wollten sie den Gästen / länger nicht vertragen.

Mit geschwungnen Schwertern / auf die Knappen ein

Drangen sie mit Ingrimm: / das mußte manchen gereun.


Laut rief da Dankwart / all die Knappen an:

»Ihr seht wohl, edle Knechte, / es ist um uns getan.

Nun wehrt euch, ihr Armen, / wie euch zwingt die Not,

Daß ihr ohne Schanden / erliegt in wehrlichem Tod.«


Die nicht Schwerter hatten, / die griffen vor die Bank,

Vom Boden aufzuheben / manchen Schemel lang.

Die Burgundenknechte / wollten nichts vertragen:

Mit schweren Stühlen sah man / starker Beulen viel geschlagen.


Wie grimm die armen Knappen / sich wehrten in dem Strauß!

Sie trieben zu dem Hause / die Gewaffneten hinaus:

Fünfhundert oder drüber / erlagen drin dem Tod.

Da war das Ingesinde / vom Blute naß und auch rot.[293]


Diese schwere Botschaft / drang in kurzer Zeit

Zu König Etzels Recken: / ihnen wars grimmig leid,

Daß mit seinen Mannen / Blödel den Tod gewann:

Das hatte Hagens Bruder / mit den Knechten getan.


Eh es vernahm der König, / stand schon ein Heunenheer

In hohem Zorn gerüstet, / zweitausend oder mehr.

Sie gingen zu den Knechten, / es mußte nun so sein,

Und ließen des Gesindes / darin nicht einen gedeihn.


Die Ungetreuen brachten / vors Haus ein mächtig Heer.

Die landlosen Knechte / standen wohl zur Wehr.

Was half da Kraft und Kühnheit? / sie fanden doch den Tod.

Danach in kurzer Weile / hob sich noch grimmere Not.


Nun mögt ihr Wunder hören / und Ungeheures sagen:

Neuntausend Knechte / lagen totgeschlagen,

Darüber zwölf Ritter / in Dankwartens Lehn.

Man sah ihn weltalleine / noch bei seinen Feinden stehn.


Der Lärm war beschwichtigt, / das Tosen eingestellt.

Über die Achsel blickte / Dankwart der Held;

Er sprach: »O weh der Freunde, / die ich fallen sah!

Nun steh ich leider einsam / unter meinen Feinden da.«


Die Schwerter fielen heftig / auf des einen Leib:

Das mußte bald beweinen / manches Helden Weib.

Den Schild rückt' er höher, / der Riemen ward gesenkt:

Mit rotem Blute sah man / noch manchen Harnisch getränkt.


»O weh mir dieses Leides!« / sprach Aldrianens Kind.

»Nun weicht, Heunenrecken, / und laßt mich an den Wind,

Daß die Lüfte kühlen / mich sturmmüden Mann.«

Da drang er auf die Türe / unter Schlägen herrlich an.[294]


Als der Streitmüde / aus dem Hause sprang,

Wie manches Schwert von neuem / auf seinem Helm erklang!

Die nicht gesehen hatten / die Wunder seiner Hand,

Die sprangen da entgegen / dem aus Burgundenland.


»Nun wollte Gott,« sprach Dankwart, / »daß mir ein Bote käm,

Durch den mein Bruder Hagen / Kunde vernähm,

Daß ich vor diesen Recken / steh in solcher Not.

Der hülfe mir von hinnen / oder fände selbst den Tod.«


Da sprachen Heunenrecken: / »Der Bote mußt du sein,

Wenn wir tot dich tragen / vor den Bruder dein.

Dann sieht erst sein Herzeleid / Gunthers Untertan.

Du hast dem König Etzel / hier großen Schaden getan.«


Er sprach: »Nun laßt das Dräuen / und weicht zurück von mir,

Sonst netz ich noch manchem / mit Blut den Harnisch hier.

Ich will die Märe selber / hin zu Hofe tragen

Und will meinen Herren / meinen großen Kummer klagen.«


Er verleidete so sehr sich / dem Volk in Etzels Lehn,

Daß sie ihn mit Schwertern / nicht wagten zu bestehn:

Da schossen sie der Speere / so viel ihm in den Rand,

Er mußt ihn seiner Schwere / wegen lassen aus der Hand.


Sie wähnten ihn zu zwingen, / weil er den Schild nicht trug;

Hei, was er tiefer Wurden / durch die Helme schlug!

Da mußte vor ihm straucheln / mancher kühne Mann,

Daß sich viel Lob und Ehre / der kühne Dankwart gewann.


Von beiden Seiten sprangen / die Gegner auf ihn zu.

Wohl kam ihrer mancher / in den Kampf zu fruh.

Da ging er vor den Feinden, / wie ein Eberschwein

Im Walde tut vor Hunden: / wie mocht er wohl kühner sein?[295]


Sein Weg war stets aufs neue / genetzt mit heißem Blut.

Wie konnte je ein Recke / allein wohl so gut

Mit so vielen Feinden streiten / als hier von ihm geschehn?

Man sah Hagens Bruder / herrlich hin zu Hofe gehn.


Truchsessen und Schenken / vernahmen Schwerterklang:

Gar mancher die Getränke / aus den Händen schwang

Oder auch die Speisen, / die man zu Hofe trug.

Da fand er vor der Stiege / noch starker Feinde genug.


»Wie nun, ihr Truchsessen?« / sprach der müde Degen,

»Nun solltet ihr die Gäste / gütlich verpflegen

Und solltet den Herren / die edle Speise tragen

Und ließet mich die Märe / meinen lieben Herren sagen.«


Wer da den Mut gewonnen / und vor die Stieg ihm sprang,

Deren schlug er etlichen / so schweren Schwertesschwang,

Daß ihm aus Schreck die andern / ließen freie Bahn.

Da hatten seine Kräfte / viel große Wunder getan.

Quelle:
Das Nibelungenlied. Stuttgart 1954, S. 292-296.
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