Dritte Rune.

[23] Wäinämöinen alt und wahrhaft

Lebte nun sein liebes Leben

Auf den Fluren von Wäinölä,

Auf den Flächen Kalewalas,

Sang dort seine ew'gen Lieder,

Sang beständig kunsterfahren.


Sang von einem Tag zum andern,

Nacht um Nacht in steter Folge,

Das Gedächtnis alter Zeiten,

Sang den Ursprung aller Dinge,

Was die Kinder nimmer können,

Nicht ein jeder Held verstehet

Jetzt in diesen schlimmen Zeiten,

Bei dem sinkenden Geschlechte.


Weithin hörte man die Nachricht,

Weit verbreitet sich die Kunde

Von dem Liede Wäinämöinens,

Von dem Sang des starken Helden;

Hin nach Süden dringt die Kunde,

Nach dem Nordland kommt die Nachricht.


Allda lebte Joukahainen,

Dieser magre Lappenjüngling;

Einst zu Gast im Nachbardorfe

Hört' er wundersame Worte,[24]

Daß man schöner singen könnte,

Beßre Lieder wüßt' zu schaffen

Auf den Fluren von Wäinölä,

Auf den Flächen Kalewalas,

Als er selber je vermochte,

Als vom Vater er erlernte.


Wurde darob weidlich böse,

War die ganze Zeit voll Neides

Ob des Sangs von Wäinämöinen,

Daß er besser sei denn seiner;

Eilte bald zu seiner Mutter,

Hin zu ihr, der greisen Alten,

Sagt', er wolle gleich von hinnen,

Unverweilt sich fortbegeben

Zu den Stuben von Wainölä,

Um mit Wäinö dort zu streiten.


Es verbot's dem Sohn der Vater,

Wie der Vater, so die Mutter,

Hin nach Wainölä zu gehen,

Um mit Wäinö dort zu streiten:

Bannen wird man dich gewißlich,

Bannen dich und dir versenken

Mund und Kopf in Schneegefilde,

Deine Hand in rauhe Lüfte,

Daß den Arm du nimmer rührest,

Daß die Füße du nicht regest.


Sprach der junge Joukahainen:

Gut wohl ist des Vaters Wissen

Und noch besser das der Mutter,

Doch das eigne steht am höchsten;

Will mich gegenüberstellen

Und den Mann zum Kampfe fordern,

Übersinge, wer mich ansingt,[25]

Überspreche, wer mich anspricht,

Singe, daß der beste Sänger

Bald als schlechtester erscheinet,

Sing' ihm Steinschuh' an die Füße,

Hölzern Beinkleid an die Hüften,

Sing' ihm Steinlast auf das Brustbein,

Einen Steinblock auf die Schultern,

Steinern' Handschuh' an die Hände,

Eine Steinmütz' auf den Schädel.


Darauf ging er ungehorsam,

Nahm sein Roß rasch aus dem Stalle,

Feuer sprüht' aus dessen Nüstern,

Funken schlugen dessen Hufe;

Schirrte an das Roß voll Feuer,

Spannt' es an den goldnen Schlitten;

Setzt' sich selber in den Schlitten

Hob sich auf dem Hintersitze,

Schlug das Roß mit seiner Gerte,

Mit der perlenreichen Peitsche,

Lebhaft lief das Roß von dannen,

Leichten Laufes seine Wege.


Stürmte ungestüm von dannen,

Jagte einen Tag, den zweiten,

Jagte noch am dritten Tage;

Endlich an dem dritten Tage

Hält er auf Wäinöläs Fluren,

Auf den Flächen Kalewalas.


Wäinämöinen alt und wahrhaft,

Er, der ew'ge Zaubersprecher,

War gerade auf dem Wege,

Fuhr gelassen seine Straße

Auf den Fluren von Wäinölä,

Auf den Flächen Kalewalas.[26]


Joukahainen jung und stürmisch

Kam ihm auf dem Weg entgegen,

Deichsel haftet an der Deichsel,

Riemen reibt sich an dem Riemen,

Kummet klappert an dem Kummet,

Krummholz an des Krummholzs Kante.


Blieben beide darauf stehen,

Blieben stehn und überlegten,

Wasser tropfte von dem Krummholz,

Von der Deichsel stieg der Dampf auf.


Fragt' der alte Wäinämöinen:

Woher bist du denn von Hause,

Der so dumm drauf losgefahren,

Unbeholfen mir begegnet,

Der das Kummet mir zerschlagen

Und zerbrochen mir das Krummholz,

Meinen Schlitten mir beschädigt

Und zersplittert seine Leisten?


Sprach der junge Joukahainen,

Redet Worte solcher Weise:

Bin der junge Joukahainen,

Aber nenne dein Geschlecht nun,

Woher bist denn du von Hause

Und aus welcher Sippe, Ärmster?


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Nannte nunmehr seinen Namen,

Ließ sich also dann vernehmen:

Bist du denn jung Joukahainen,

Nun so weich mir aus dem Wege,

Jünger bist du ja an Jahren.


Doch der junge Joukahainen

Redet Worte solcher Weise:[27]

Minder gilt hier Mannes Jugend,

Mannes Jugend, Mannes Alter;

Wer an Wissen höher stehet,

Wer an Weisheit mehr umfasset,

Der nur mag die Bahn behalten

Und der andre mag ihm weichen;

Bist du denn alt Wäinämöinen,

Du der ew'ge Zaubersänger,

Nun so wollen wir ans Singen,

An die Lieder wir uns machen,

Daß der Mann vom Mann was höre,

Einer mit dem andern streite.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet Worte solcher Weise:

Werde wohl nicht viel vermögen,

Nicht gar viel zu singen wissen,

Habe ja mein liebes Leben

Nur gelebt in ödem Lande,

Auf den heimatlichen Fluren,

Nur den Kuckuck dort vernommen;

Doch dem sei nun wie ihm wolle,

Sage du, damit ich's höre,

Was denn weißt du mehr als andre,

Worin geht dein Wissen weiter?


Sprach der junge Joukahainen:

Weiß gar wohl so manche Dinge,

Dies verstehe ich von Grund aus,

Und erfasse ganz genau es:

In dem Dache ist das Rauchloch,

Und der Herd steht an dem Ofen.


Lustig ist der Robbe Leben,

Fröhlich sind des Seehunds Tage,[28]

Frißt die Lachse, die ihm nahen,

Schlingt die nachbarlichen Schnäpel.


Schnäpel haben flache Felder,

Und die Lachse ebne Stätten;

Hechte laichen in der Kälte

In den wilden Winterstürmen;

Bange schwimmt der Barsch zur Herbstzeit

Krummen Nackens in den Tiefen,

Sommers laichet er im Trocknen,

Raschelt dann am Meeresufer.


Sollte das genug nicht scheinen,

Weiß ich noch so manche Dinge,

Kann so manche Sache sagen:

Mit dem Renntier pflügt das Nordland,

Südland mit dem Mutterpferde,

Hinterlappland mit dem Elen.


Kenn' die Bäum' des Pisaberges,

Auf dem Hornafels die Föhren,

Schlank sind auf dem Berg die Bäume,

Auf dem Hornafels die Föhren.


Drei gibt es der Wasserfälle,

Ebensoviel große Seen,

Ebensoviel hohe Berge

Unter diesem Himmelsbogen:

Bei den Jämen Hälläpyörä,

Kaatrakoski in Karjala,

Nicht bestritten wird der Wuoksen,

Übertroffen der Imatra.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Kinderklugheit, Weiberweisheit

Ziemet nicht dem bärt'gen Helden,

Nimmer dem beweibten Manne;[29]

Sage mir der Dinge Ursprung

Und erzähle mir ihr Wesen.


Sprach der junge Joukahainen:

Redet Worte solcher Weise:

Kenne wohl der Meise Ursprung,

Weiß gar wohl, daß sie ein Vogel,

Daß die grüne Natter Schlange,

Fisch im Wasser ist der Kaulbarsch,

Weiß vom Eisen, daß es spröd ist,

Daß die schwarze Erde sauer,

Schmerzhaft ist das heiße Wasser,

Und des Feuers Hitz' gefährlich.


Wasser ist der Salben ältste,

Schaum der Zaubermittel erstes,

Von den Ärzten ist der Schöpfer,

Von den Helfern Gott der erste.


Aus dem Berge kam das Wasser,

Hoch vom Himmel fiel das Feuer,

Aus dem Rost entstand das Eisen,

Und das Kupfer kam aus Felsen.


Ältstes Land sind feuchte Bühle,

Wie die Weid' der Bäume erster,

Tannen sind die ersten Häuser,

Blöcke sind die ersten Töpfe.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet selber diese Worte:

Weißt du weiter was zu sagen,

Oder ist dein Schwatz zu Ende?


Sprach der junge Joukahainen:

Werd' wohl noch ein wenig wissen,

Mich entsinnen jener Zeiten,

Als ich ackerte die Meere[30]

Und des Meeres Höhlen hackte,

Als ich grub der Fische Grotten

Und des Wassers Tiefen senkte,

Als die Seen ich ließ erstehen,

Berge aus dem Boden steigen,

Felsen sich zusammenhäufen.


Ferner habe ich als sechster,

Ich als siebenter der Helden

Diese Erde hier erschaffen,

Hab' den Luftraum ich gewölbet,

Gründete der Lüfte Pfeiler,

Spannte aus des Himmels Bogen,

Seine Bahn befahl dem Mond ich

Und der Sonne ihre Wege,

Wies dem Bären seinen Ort an,

Streute Sterne aus am Himmel.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Bist ein überfrecher Lügner;

Nimmer warst du da zugegen,

Als man ackerte die Meere

Und des Meeres Höhlen hackte,

Als man grub der Fische Grotten

Und des Wassers Tiefen senkte,

Als die Seen da erstanden,

Berge aus dem Boden stiegen,

Felsen sich zusammenhäuften.


Nimmer hat man dich gesehen,

Nicht gesehen, nicht gehöret,

Als die Erde ward erschaffen,

Als der Luftraum ward gewölbet,

Als die Pfeiler auch der Lüfte

Und der Himmel ward gegründet,

Als dem Mond die Bahn gewiesen[31]

Und der Sonne ihre Wege,

Als der Bär an seinen Ort kam,

Ausgestreut die Sterne wurden.


Doch der junge Joukahainen

Gab zur Antwort solche Worte:

Soll ich selbst Verstand nicht haben,

Werd' ich ihn beim Schwerte suchen;

Nun du alter Wäinämöinen,

Sänger mit dem breiten Maule,

Laß du uns die Schwerter messen,

Laß die Klingen uns beschauen!


Sprach der alte Wäinämöinen:

Nimmer fällt's mir ein, zu fürchten

Deine Waffen, deine Weisheit,

Deine Schneide, deinen Scharfsinn;

Doch dem sei nun, wie ihm wolle,

Mit dir, der du so erbärmlich,

Werd' das Schwert ich nimmer messen,

Nie mit dir, dem armen Wichte.


Doch der junge Joukahainen

Zieht gar schief den Mund und schüttelt

Samt dem Haupt die schwarzen Haare,

Selber spricht er diese Worte:

Wer sich scheut, das Schwert zu messen

Und die Klinge zu beschauen,

Den werd' ich zum Schweine singen,

Ihn zum Rüsselträger zaubern,

Stecke Helden solchen Schlages

Diesen hierhin, jenen dorthin,

Drück' ihn in den Düngerhaufen,

Stoß' ihn in die Eck' des Viehstalls.


Unwirsch ward da Wäinämöinen,

Unwirsch ward er und ergrimmte,[32]

Fing dann selber an zu singen,

Hob nun selber an zu sprechen;

Keine Kinderlieder sang er,

Kinderkram und Weiberwitze,

Sondern Sang des bärt'gen Helden,

Den die Kinder nimmer können,

Auch die Knaben nicht zur Hälfte,

Freiersleute nicht ein Drittel,

Jetzt in diesen schlimmen Zeiten,

Bei dem sinkenden Geschlechte.


Sang der alte Wäinämöinen,

Seen schwankten, Länder bebten,

Kupferberge selbst erdröhnten,

Starre Steine selbst erschraken,

Felsen flogen voneinander,

Klippen an dem Strand zerschellten.


Sang auf Joukahainens Krummholz

Zaubernd junge Baumessprossen,

Weidenbuschwerk auf das Kummet,

Weiden an des Riemens Ende,

Sang den schöngeschmückten Schlitten

In den See als schlechtes Strauchwerk,

Bannt' die perlenreiche Peitsche

An den Meeresstrand als Schilfrohr,

Sang das Roß mit weißer Stirne

An den Wasserfall als Steinbock.


Sang das Schwert mit goldnem Schafte

Dann als Blitzstrahl an den Himmel,

Bannt' des Bogens bunte Wölbung

Auf die Flut als Regenbogen,

Wandelte die flücht'gen Pfeile

Um zu Habichten, die kreisen,[33]

Dann den Hund mit krummer Schnauze

Um zum Felsblock auf dem Boden.


Sang dem Mann die Mütz' vom Kopfe,

Wandelt' sie in Wolkenhaufen,

Sang die Handschuh' von den Händen

In den See als Wasserblumen,

Ließ das blaue wollne Wämschen

Lämmerwolken an dem Himmel,

Ließ die prächt'ge Gürtelbinde

Dort zu Sternenscharen werden.


Sang den Joukahainen selber

Bis zum Gurt in tiefe Sümpfe,

Bis zur Hüft' in Wasserwiesen,

Bis zum Arm in Sandestiefen.


Jetzt wohl mußte Joukahainen,

Mußt' er merken und begreifen,

Daß er diesen Weg gegangen,

Diese Fahrt er unternommen,

Um zu streiten und zu singen

Mit dem alten Wäinämöinen.


Wollte seinen Fuß bewegen,

Nicht vermocht' er ihn zu heben,

Wollt' den andern darauf wenden,

Doch er war mit Stein beschuhet.


Schon gerät jetzt Joukahainen

In gar große Angst und Sorge

Und versinkt in starken Jammer;

Redet Worte solcher Weise:

O du weiser Wäinämöinen,

Zaubersprecher aller Zeiten,

Wende deinen starken Bannspruch,

Nimm zurück die Zauberworte,[34]

Laß mich aus dem Schreckensloche,

Aus der unbequemen Enge,

Gute Zahlung will ich geben,

Ich gelob' ein kräftig Lösgeld!


Sprach der alte Wäinämöinen:

Was denn wirst du mir wohl geben,

Wenn ich meinen Bannspruch wende

Und zurück den Zauber nehme,

Aus dem Schreckensloch dich lasse,

Aus der unbequemen Enge?


Sprach der junge Joukahainen:

Hab' zu Haus' zwei gute Bogen,

Wohl ein Paar gar schöner Bogen,

Schnell kann man den einen spannen,

Scharf zum Ziele schießt der andre;

Welcher dir gefällt, den wähle.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Nicht begehr' ich deine Bogen,

Nicht, o Narr, sind sie mir nütze,

Habe deren selber welche,

Alle Wände sind behangen,

Jeder Nagel eingenommen,

Gehn von selbst stets in die Waldung,

Ohne Helden zu dem Jagdwerk.

Sang den jungen Joukahainen

In den Sumpf sogleich noch tiefer.


Sprach der junge Joukahainen:

Hab' zu Haus' zwei gute Boote,

Wohl ein Paar gar schöner Boote,

Läuft das eine leicht im Meere,

Trägt das andre schwere Lasten,

Welches dir gefällt, das wähle!

Sprach der alte Wäinämöinen:[35]

Nicht begehr' ich deine Boote,

Heg' nach ihnen kein Verlangen,

Habe deren selber welche,

Schon besetzt sind alle Walzen,

Alle Buchten voll von Booten,

Manche ziehen mit dem Winde,

Andre gehen ihm entgegen.

Sang den jungen Joukahainen

In den Sumpf sogleich noch tiefer.


Sprach der junge Joukahainen:

Hab' zu Haus' zwei gute Hengste,

Wohl ein Paar gar schöner Pferde,

Läuft das eine leichten Hufes,

Zieht das andre rasch in Riemen,

Welches dir gefällt, das wähle.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Nicht begehr' ich deine Hengste,

Brauche nicht die buntgefleckten,

Habe deren selber welche,

Stehen mir an jeder Krippe,

Stehen mir in jedem Stalle,

Klares Wasser auf dem Rücken,

Einen Fettsee auf dem Kreuzblatt.

Sang den jungen Joukahainen

In den Sumpf sogleich noch tiefer.


Sprach der junge Joukahainen:

O du alter Wäinämöinen,

Wende deinen starken Bannspruch,

Nimm zurück die Zauberworte,

Geb' dir eine Mütz' voll Goldes,

Schenk' dir einen Hut voll Silber,

Aus dem Kriege bracht's mein Vater,

Holt' es aus dem harten Kampfe.[36]


Sprach der alte Wäinämöinen:

Sehn' mich nicht nach deinem Silber,

Frage nicht nach deinem Golde,

Hab' genug davon wohl selber,

Vollgestopft ist jede Kammer,

Jede Kiste bis zum Rande,

Gold mit ew'gem Mondesglanze,

Silber mit dem Sonnenschimmer.

Sang den jungen Joukahainen

In den Sumpf sogleich noch tiefer.


Sprach der junge Joukahainen:

O du alter Wäinämöinen,

Laß mich aus dem Schreckensloche,

Aus der unbequemen Enge,

Will dir mein Getreide geben,

Ich versprech' dir meine Felder,

Um mein Leben auszulösen,

Um mich selber zu befreien!


Sprach der alte Wäinämöinen:

Geh mit den Getreidehaufen,

Fort mit deinen fetten Feldern,

Habe deren selber welche,

Felder fast an jeder Ecke,

Hab' Getreid' auf jedem Grunde,

Eigne Felder sind die besten,

Eigne Ernten stets die liebsten.

Sang den jungen Joukahainen

In den Sumpf nur immer tiefer.


Ward dem jungen Joukahainen

Endlich gar zu angst und bange,

Steckt schon bis zum Kinn im Sumpfe,

Mit dem Barte in dem Boden,[37]

Hat den Mund voll Moos und Erde,

Streift die Sträucher mit den Zähnen.


Sprach der junge Joukahainen:

O du weiser Wäinämöinen,

Zaubersprecher aller Zeiten,

Sing zurück den Zaubersang doch,

Gönn' mir noch mein liebes Leben,

Laß mich aus dem Loche kommen,

Fort schon zieht der Fluß die Füße

Und der Sand ätzt mir das Auge.


Wendest du die Zauberworte,

Tust du ab den bösen Bannspruch,

Geb' ich Aino, meine Schwester,

Geb' ich meiner Mutter Tochter,

Daß sie dir die Stube kehre,

Rein den Raum dir immer halte,

Blank die Bütten spül' und scheure,

Deines Bettes Tücher breite,

Goldne Decken wirk' und webe,

Honigbrot dir fleißig backe.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Wurde nun gar froh und munter,

Daß er Joukahainens Schwester

Für sein Alter so gewonnen.


Setzt sich auf den Freudefelsen,

Stellt sich auf den Stein des Sanges,

Singt ein Weilchen, singt von neuem,

Singt dann noch zum dritten Male,

Wendet so den starken Bannspruch,

Nimmt zurück die Zauberworte.


Kam der junge Joukahainen

Aus dem Sumpfe mit den Knieen,[38]

Mit dem Barte aus dem Boden,

Kam sein Pferd vom Felsenblocke,

Aus des Ufers Strauch sein Schlitten,

Aus dem Schilfrohr seine Peitsche.


Stellt' in Ordnung seinen Schlitten,

Warf sich eilend auf den Sitz hin,

Fuhr davon mit trüber Laune,

Mit gar schlechter Herzensstimmung,

Hin zu seiner lieben Mutter,

Hin zu ihr, der greisen Alten.


Fuhr gar rauschend nach der Heimat,

Fuhr gar wunderlich nach Hause,

Brach den Schlitten an dem Dreschhaus,

Und die Deichsel an der Pforte.


An zu raten fing die Mutter

Und der Vater sprach die Worte:

Wohl zum Scherz hast du den Schlitten,

Hast die Deichsel du zerbrochen!

Weshalb kommst so wunderseltsam

Und betroffen du nach Hause?


Mußt' der junge Joukahainen

Reichlich Tränen nun vergießen,

Tiefen Hauptes, trüben Sinnes,

Schief geschoben seine Mütze,

Ließ er breit herab die Lippen

Und zum Mund die Nase hängen.


Fragte ihn nunmehr die Mutter,

Suchte sie ihn auszuforschen:

Sag', was weinest du, mein Söhnchen,

Murrest du, mein Erstgeborner,

Läßt die Lippen also hängen

Und zum Mund die Nase sinken?[39]


Sprach der junge Joukahainen:

Teure, die du mich getragen,

Wohl ist Grund ob des Geschehnen,

Ursach' ob des Vorgefallnen,

Wohl ist Grund zum Weinen heute,

Hab' ich Ursach' heut zu murren,

Ewig werde ich nun weinen,

Trauernd nun mein Leben tragen,

Da ich Aino, meine Schwester,

Meiner lieben Mutter Tochter,

Wäinämöinen hab' versprochen,

Ihm, dem Sänger, eine Gattin,

Ihm, dem Schwankenden, zur Stütze,

Und zum Schutz dem Winkelhocker.


Munter schlug alsdann die Mutter

Hand an Hand in Hast zusammen,

Redet Worte solcher Weise:

Weine nicht, mein liebes Söhnchen,

Hast nicht Grund zum Weinen heute,

Nicht zum Weinen, nicht zum Trauern:

Immer hegt' ich diese Hoffnung,

Hielt sie fest im Lauf der Jahre,

Wünschte mir den wackern Helden,

Ihn, den starken Wäinämöinen,

Mir zu meinem Schwiegersohne,

Mir zum Tochtermann den Sänger.


Doch die Schwester Joukahainens

Fing gar bitter an zu weinen,

Weinte einen Tag, den zweiten,

Weinend stand sie an der Pforte,

Weinte ob des großen Kummers,

Ob des bittern Grams im Herzen.[40]


Hob die Mutter an zu sprechen:

Warum weinst du, liebe Aino?

Hast ja einen großen Freier,

Kommst ins hohe Haus des Mannes,

Um am Fenster dort zu sitzen,

Auf den Bänken dort zu plaudern.


Doch die Tochter sprach die Worte:

Mutter, die du mich getragen,

Wohl kann ich, o Liebe, weinen,

Weinen ob der schönen Flechte,

Ob des jungen Schmucks des Hauptes,

Ob der Weichheit meiner Haare,

Daß sie ganz und gar verborgen

Und bedeckt nun wachsen werden.


Weine nun mein junges Leben

Ob der lieben Sonne Liebe,

Ob des schönen Mondscheins Milde,

Ob der Herrlichkeit des Himmels,

Die als Kind ich muß verlassen

Und als Mädchen muß vergessen

Auf dem Schnitzplatz meines Bruders,

Unter meines Vaters Fenster.


Sprach die Mutter zu der Tochter,

So die Alte zu der Jungen:

Geh, o Törin, mit dem Grame,

Mit den Tränen, Mißgeratne,

Keinen Grund hast du zur Trauer,

Anlaß nicht, dich abzuhärmen:

Scheint doch Gottes schöne Sonne

Wohl auch anderswo auf Erden,

Nicht bloß in des Vaters Fenster,

Nicht bloß auf des Bruders Schnitzbank;[41]

Beeren gibt es auf den Bergen,

Auf den Fluren viele Erdbeern,

Kannst sie dort, o Kummervolle,

Fort und fort dir selber pflücken,

Nicht bloß auf des Vaters Feldern,

Nicht bloß auf des Bruders Boden.

Quelle:
Kalewala. 2 Bände, Berlin [o.J.], Band 1, S. 23-42.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon