Einundzwanzigste Rune.

[298] Selbst die Wirtin von Pohjola,

Sie, die Alte Sariolas,

War gerade nicht zu Hause,

War mit Arbeiten beschäftigt,

Hörte Peitschenknall vom Sumpf her,

Von dem Strand den Schlitten rauschen,

Warf die Augen hin nach Nordwest,

Kehrte ihren Kopf zur Sonne,

Dachte nach und überlegte:

Was für Volk ist's, das dort lauert

An dem Strande, o ich Arme,

Sind es große Kriegerscharen?


Ging heran, danach zu spähen,

Aus der Näh' es zu betrachten,

Waren keine Kriegerscharen,

War das große Volk der Freier,

In dem Haufen war der Eidam,

In der guten Männer Mitte.


Selbst die Wirtin von Pohjola,

Sie, die Alte Sariolas,

Als den Eidam sie erblicket,

Redet Worte solcher Weise:

Glaubte, daß der Wind dort stürme,

Daß ein Haufen Holz dort stürze,

Daß der Meeresstrand erbrause,[299]

Daß der Kiessand lärmend tose,

Ging heran, danach zu spähen,

Aus der Näh' es zu betrachten,

War kein Wind, der dorten stürmte,

War kein Holz, das dort gestürzet,

Nicht erbraust der Strand des Meeres,

Nicht getobet hat der Kiessand,

Waren meines Eidams Leute,

Waren zweimal hundert Männer.


Wie erkenne ich den Eidam,

In der Männer Schar den Eidam?

Kenntlich ist er in dem Haufen

Wie der Elsbeerbaum im Walde,

Wie die Eiche in dem Haine,

Wie der Mond im Sternenhaufen.


Fährt dort mit dem schwarzen Rosse,

Das dem gieren Wolfe gleichet,

Einem beutefrohen Raben,

Einer Lerche, die da flattert,

Sechs der goldnen Drosseln zwitschern

An der Wölbung seines Krummholzs,

Sieben blaue Vöglein trällern

An den Riemen seines Joches.


Lärmen hört man von der Straße,

Deichseln auf dem Wege knarren,

Auf den Hof gelangt der Eidam

Und des Eidams Schar zum Hause,

In dem Haufen stand der Eidam,

In der guten Männer Mitte,

Stand dort nicht zu sehr nach vorne,

Stand auch nicht zu sehr nach hinten.


Knaben kommt und Helden eilet,

Auf den Hof, ihr längsten Männer,[300]

Um das Brustband abzunehmen,

Um die Riemen rasch zu lösen,

Um die Deichsel schnell zu senken,

Um den Eidam einzuholen!


Eilends lief das Roß des Eidams,

Hurtig zog's den bunten Schlitten

Längs des Hofs des Schwiegervaters;

Sprach die Wirtin von Pohjola:

O du Knecht, den ich gemietet,

Schönster Diener in dem Dorfe!

Nimm nun rasch das Roß des Eidams,

Löse schnell das weißbestirnte

Aus dem kupfernen Geschirre,

Aus dem zinnbeschlagnen Bande,

Aus den guten Lederriemen,

Aus dem Krummholz, das von Weiden,

Führe du das Roß des Eidams,

Leite du es gar bedächtig

Mit den seidenzarten Zügeln,

An dem silberreichen Zaume,

Auf den weichen Platz zum Wälzen,

Auf die flachgebahnten Fluren,

Auf die stillen Schneegefilde,

Auf das Land von Milchesfarbe!


Tränke dann das Roß des Eidams

Aus der Quelle in der Nähe,

Deren Naß stets munter fließet,

Gleich den Molken lebhaft sprudelt

An dem Fuß der goldnen Tanne,

An der schattenreichen Fichte.


Füttre dann das Roß des Eidams

Aus dem goldnen Futterkasten,

Aus der kupferreichen Schachtel[301]

Mit gelesnem Korn und Gerste,

Mit gekochtem Sommerweizen,

Mit gestampftem Sommerroggen!


Führe dann das Roß des Eidams

Zu der allerbesten Krippe,

Zu der allerhöchsten Stelle,

Zu der hintersten der Hürden,

Binde dort das Roß des Eidams

Fest an gute, goldne Ringe,

An die eisenreichen Haken,

An die Stütz' von Masernholze;

Gib dem Rosse meines Eidams

Eine Mulde voll von Hafer,

Eine zweite heugefüllet

Und voll Spreu gib ihm die dritte!


Striegle dann das Roß des Eidams

Mit der Bürst' aus Fischesgräten,

Daß die Haare nicht verderben,

Nicht der Schweif beschädigt werde;

Decke du das Roß des Eidams

Mit der silberreichen Decke,

Mit dem golddurchwirkten Tuche,

Mit der kupferreichen Hülle!


Küchlein ihr, des Dorfes Knaben,

Führt den Eidam in die Stube,

Mit dem unbedeckten Haupte,

Mit den Händen ohne Handschuh!


Möchte sehen, ob der Eidam

In die Stube wohl gelanget,

Ohn' die Türe auszuheben,

Ohn' die Pfosten wegzuschaffen,

Ohn' das Querholz zu erhöhen,

Ohn' die Schwelle zu vertiefen,[302]

Ohn' die Eckwand einzureißen

Und die Balken zu verrücken!


Nicht gelangt zur Stub' der Eidam,

In die Wohnung nicht dies Kleinod,

Ohn' die Türe auszuheben,

Ohn' die Pfosten wegzuschaffen,

Ohn' das Querholz zu erhöhen,

Ohn' die Schwelle zu vertiefen,

Ohn' die Eckwand einzureißen

Und die Balken zu verrücken,

Eine Kopfläng' ist der Eidam,

Eine Ohrenlänge höher.


Hebet nun der Türe Querholz,

Daß er nicht die Mütze lüfte,

Laßt die Schwelle tiefer werden,

Daß sein Absatz sie nicht stoße,

Schaffet fort die Seitenpfosten,

Öffnet weit die Eingangstüre,

Wenn herein der Eidam schreitet,

Der Vortreffliche hier eintritt!


Preis dir, freundlicher Jumala,

Eingetreten ist der Eidam!

Möchte in die Stube blicken,

Meine Augen dahin richten,

Ob die Tische dort gewaschen,

Ob die lange Bank begossen,

Ob die Planken wohl gescheuert

Und die Bretter wohl gekehret!


Blicke in der Stube Innres,

Kann es durchaus nicht erkennen,

Nicht, aus welchem Holz die Stube

Und das Schutzdach wohl gezimmert,[303]

Wo die Wände hergenommen

Und woraus die Planken wurden.


Igelknöchern sind die Seiten,

Renntierknochen sind im Grunde,

Vielfraßknöchern ist die Türwand,

Lämmerknöchern ist das Querholz.


Apfelhölzern sind die Sparren,

Masernholz die schönen Pfosten,

Wasserlilien sind am Ofen,

Brachsenschuppen an der Decke.


Eisern ist die lange Sitzbank,

Deutsche Planken sind die andern,

Goldgeschmückt sind alle Tische,

Seide deckt den ganzen Boden.


Kupfern sind des Ofens Wände,

Gute Steine sind am Herde,

Meeresstein am Dach des Ofens,

Kalews Baum dient zum Verschlage.


In die Stube dringt der Freier,

Eilt behende in die Wohnung,

Redet Worte solcher Weise:

Heil gewähre, o Jumala,

Diesem weitberühmten Dache,

Diesem schöngebauten Hause!


Sprach die Wirtin von Pohjola:

Heil sei dir und deinem Kommen

In den kleinen Raum der Hütte,

In das Haus, das niedrig stehet,

In die fichtenholzne Wohnung,

In die föhrenholzne Stube!


Heda, Mädchen, das mir dienet,

Du gedungne Magd des Dorfes![304]

Bringe Feuer mit der Rinde,

Bring' es auf des Kienspans Spitze,

Daß den Eidam ich betrachte,

Ich des Freiers Augen schaue,

Ob sie bläulich oder rötlich,

Oder weißlich wie die Linnen.


Brachte nun das kleine Mädchen,

Die gedungne Magd des Dorfes

Feuer mit der Birkenrinde,

Bracht' es auf des Kienspans Spitze.


Auf der Rinde lärmt das Feuer,

Schwarz erhebet sich der Teerrauch,

Eidams Auge würd' geräuchert

Und geschwärzt des Antlitzs Farbe;

Bringe Feuer mit der Kerze,

Mit dem Licht von weißem Wachse!


Brachte nun das kleine Mädchen,

Die gedungne Magd des Dorfes

Feuer mit der langen Kerze,

Mit dem Licht von weißem Wachse.


Glänzend ist der Rauch des Wachses,

Hell das Feuer von der Kerze,

Macht des Eidams Augen sichtbar,

Läßt des Eidams Wangen glänzen.


Sah nunmehr des Eidams Augen,

Sind nicht bläulich, sind nicht rötlich,

Sind nicht weißlich wie die Linnen,

Glänzen wie der Schaum des Meeres,

Bräunlich wie des Meeres Binsen,

Schön zu schauen wie das Schilfrohr!


Küchlein ihr, des Dorfes Knaben,

Führt nun diesen meinen Eidam[305]

Zu dem hochgelegnen Sitze,

Zu dem allerhöchsten Platze,

An der blauen Wand den Rücken,

Mit dem Kopf zum roten Tische,

Allen Gästen zugewendet,

Mit der Brust zum Lärm des Haufens!


Darauf speist des Nordlands Wirtin,

Speist und tränkt sie ihre Gäste,

Sättigt sie mit weicher Butter,

Füttert sie mit Sahnenkuchen,

Ihre eingeladnen Gäste,

Vor den andern ihren Eidam.


Aufgeschichtet waren Lachse,

An den Seiten Schweinebraten,

Vollgefüllet die Geschirre,

Daß die Ränder kaum noch halten,

Zu der Eingeladnen Speisung,

Und des Eidams vor den andern.


Sprach die Wirtin von Pohjola:

Mach' dich auf, mein kleines Mädchen,

Bringe Bier her in den Krügen,

Bring' es in den doppelöhr'gen

Für die eingeladnen Gäste,

Für den Eidam vor den andern!


Brachte nun das kleine Mädchen,

Sie, die Magd, für Geld gemietet,

Her den Krug, daß er nun wirke,

Daß der reifenreiche wandre,

Daß die Bärte von dem Hopfen,

Weiß sie von dem Schaume fließen

Bei den eingeladnen Gästen

Und vor allem bei dem Eidam.[306]


Was geschah nun wohl dem Biere,

Was wohl sprach das reifenreiche,

Als es in des Sängers Nähe,

Zum Verherrlicher gekommen,

Zu dem alten Wäinämöinen,

Zu des Sanges ew'ger Stütze,

Ihm, der kunstreich war in Liedern

Und der Zaubersprecher bester?


Nahm das Bier vor allen andern,

Redet Worte solcher Weise:

Liebes Bier, du schön Getränke,

Laß die Leut' nicht schweigend trinken;

Treib die Männer zum Gesange,

Zu dem Lied mit goldnem Munde!

Wundern müssen sich die Wirte,

Also sprechen muß die Wirtin:

Schon verwelket sind die Lieder,

Frohe Zungen schon verstummet,

Habe schlechtes Bier gebrauet,

Schwachen Trank hier eingegossen,

Da die Sänger gar nicht singen,

Liedersprecher sich nicht rühren,

Nicht die goldnen Gäste lärmen

Und der Jubelkuckuck schweiget.


Wer soll hier ein Lied erheben,

Wessen Zunge hier ertönen

Bei des Nordlands großem Schmause,

Beim Gelage Sariolas?

Nimmer singen ja die Bänke

Ohne Leute, die drauf sitzen,

Und der Boden kann nicht reden

Ohne Leute, die drauf schreiten,

Munter werden nicht die Fenster,[307]

Wenn die Wirte nicht dran stehen,

Und des Tisches Kanten schweigen,

Wenn nicht Männer ihn umgeben,

Nimmer wird das Rauchloch jubeln,

Wenn, der drunter ist, nicht jubelt.


Auf dem Boden saß ein Knabe,

Auf der Ofenbank ein Milchbart,

Sprach der Knabe von dem Boden,

Von der Ofenbank das Kindlein:

Bin noch klein und jung an Jahren,

Bin gar schwach und dünn am Leibe,

Aber sei dem, wie ihm wolle,

Da die Fetteren nicht singen,

Nicht die Kräftigeren sprechen

Und die Stärkern sich nicht rühren,

Will ich magrer Knabe singen,

Ich, das dürre Kindlein, trällern,

Aus dem magern Leibe singen,

Ob auch fettberaubt die Hüften,

Zu des Abends größrer Freude,

Zu des schönen Tages Ehre.


Auf dem Ofen lag ein Alter,

Redet Worte solcher Weise:

Singen sollen hier nicht Kinder,

Nicht die schwachen Wesen wimmern,

Lügenreich sind Kinderlieder,

Eitel sind der Mädchen Weisen:

Laß das Lied dem Weisheitsvollen,

Dem, der auf der Wandbank sitzet!


Selber sprach drauf Wäinämöinen,

Er, der Alte, diese Worte:

Gibt es hier in dieser Jugend,[308]

In dem großen Stamme einen,

Der die Hand zur Hand wohl legte,

Der sie aneinander fügte,

Der ans Singen sich dann machte,

Frohe Lieder dann erhöbe

Zu des Tagesendes Freude,

Zu des schönen Abends Ehre?


Sprach der Alte von dem Ofen:

Nie hat vormals man vernommen,

Nie vernommen, nie gesehen,

Nie, solang die Zeiten währen,

Einen Sänger, der da besser,

Einen weisern Zaubersprecher,

Als ich war, da ich geträllert,

Da als Kind ich oft gesungen,

Sang wohl über alle Fluten,

Macht' die Heide widerhallen,

Rief hinein ins Tannendickicht,

Sprach mein Lied im tiefen Haine.


Stark und schön war meine Stimme,

Meine Weisen waren herrlich,

Waren wie des Flusses Strömen,

Wie das Rauschen eines Wassers,

Glitten wie auf Schnee der Schneeschuh,

Auf der Flut die Segelschiffe;

Ich vermag es nicht zu sagen,

Nimmer kann ich es verstehen,

Was die starke Stimm' gebrochen,

Was die liebe Stimm' gesenket,

Nicht mehr ist sie gleich dem Flusse,

Strömt nicht mehr mit Flutenfülle,

Gleicht der Hark' auf Stoppelfeldern,

Einer Fichte auf der Schneetrift,[309]

Einem Schlitten in dem Sande,

Einem Boot auf trocknen Steinen.


Selbst der alte Wäinämöinen

Redet Worte solcher Weise:

Wenn kein anderer erscheinet,

Um mit mir zugleich zu singen,

Mach' ich mich allein ans Sagen,

Lass' allein die Lieder schallen,

Da zum Sänger ich geschaffen,

Da zum Sprecher ich geboren,

Frag' im Dorf nicht nach dem Wege,

Nach der Lieder Ziel nicht Fremde.


Selbst der alte Wäinämöinen,

Er, des Sanges ew'ge Stütze,

Macht sich an das Werk der Freude,

An die Tat des Liedersingens,

Läßt die Freudenlieder tönen,

Kräft'ge Worte laut erschallen.


Sang der alte Wäinämöinen,

Sang und ließ nun Weisheit hören,

Fehlt' ihm nicht an guten Worten,

Nicht an Stoff zu schönen Liedern,

Eher fehlt's dem Fels an Steinen

Und dem See an Wasserrosen.


Sang der alte Wäinämöinen

Zu des langen Abends Freude,

Daß die Weiber alle lachten,

Froh der Männer Laune wurde,

Daß sie lauschten, daß sie staunten

Ob der Weisen Wäinämöinens,

Welche Staunen allen Hörern,

Staunen auch den Müß'gen brachten.[310]


Sprach der alte Wäinämöinen,

Redet, als das Lied zu Ende:

Wenig taugt fürwahr mein Singen,

Meines Zaubers Kunst und Wissen,

Nur Geringes kann ich wirken,

Nichtig ist all mein Vermögen;

Wenn der Schöpfer singen wollte,

Mit dem sanften Munde sprechen,

Säng' er wundermächt'ge Lieder,

Sänge große Zauberworte.


Säng' des Meeres Flut zu Honig,

Meeres Sand zu schönen Erbsen,

Meeres Schlamm zu gutem Malze,

Säng' zu Salz den Kies des Meeres,

Säng' zu Kornland breite Haine,

Laubwald rasch zu Weizenfluren,

Berge bald zu süßen Kuchen,

Steine schnell zu Hühnereiern.


Sänge große Zauberworte,

Redete und schüfe redend,

Zauberte zu diesem Hofe

Voll von Kühen eine Hürde,

Ställe voll von buntgestirnten,

Fluren voll von milchbegabten,

Hundert Hörnerträgerinnen,

Tausend euterfette Kühe.


Sänge große Zauberworte,

Redete und schüfe redend

Einen Luchspelz unserm Wirte,

Einen Tuchrock unsrer Wirtin,

Feine Schuhe ihren Töchtern,

Rote Hemden ihren Söhnen.[311]


Gib für alle Zeit, Jumala,

Füge es, wahrhaft'ger Schöpfer,

Daß auf diese Art man lebe,

Daß man also sich befinde

Auf dem Schmause von Pohjola,

Beim Gelage Sariolas,

Daß das Bier in Strömen fließe,

Sich der Honigtrank ergieße

In den Stuben von Pohjola,

In Sariolas Wohngebäuden,

Daß die Tage man hier singe,

An dem Abend freudig lärme

Unterm Walten unsres Wirtes

Und solang die Wirtin lebet!


Spende, Jumala, Belohnung,

Gib, o Schöpfer, du Vergeltung

Unserm Wirt an seinem Tische,

Unsrer Wirtin in dem Speicher,

Ihren Söhnen bei den Netzen,

Ihren Töchtern an dem Webstuhl,

Daß ja keiner Reu' empfinde,

Niemand in dem nächsten Jahre,

Über dieses lange Schmausen,

Über dieses Trinkgelage!

Quelle:
Kalewala. 2 Bände, Berlin [o.J.], Band 1, S. 298-312.
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