Zwanzigste Rune.

[278] Welche Weisen sollen wir nun,

Welche Lieder wir jetzt singen?

Laßt uns diese Weisen singen,

Diese Lieder jetzt beginnen:

Von dem Schmause in Pohjola,

Von der Zaubrer Trinkgelage.


Lange rüstet man zur Hochzeit,

Lang bereitet man den Vorrat

In Pohjolas großen Stuben,

In den Häusern Sariolas.


Was wohl wurde hingeschaffet,

Was wohl wurde hingetragen

Zu des Nordens langem Schmause,

Zu der Scharen Trinkgelage,

Zu der Sättigung der Leute,

Zu des großen Schwarms Bewirtung?


Wuchs ein Ochse in Karjala,

War ein fetter Stier in Suomi,

Nicht der größte, nicht der kleinste,

War ein Kalb gehör'ger Größe:

Schwang den Schweif im Lande Häme,

Regt' das Haupt am Kemiflusse,

Hundert Klafter lang die Hörner,

Hundertfünfzig breit am Maule,[279]

Eine Woche sprang ein Wiesel

Längs dem Weidenband am Halse,

Einen Tag lang flog die Schwalbe

In dem Zwischenraum der Hörner,

Eilt' mit Mühe zu dem Ziele,

Ohne in der Mitt' zu ruhen,

Einen Monat lief das Eichhorn

Von der Schulter bis zum Schweife,

Konnte zu der Spitz' nicht kommen,

Eh' der Monat noch verflossen.


Dieses Kalb gewalt'ger Größe,

Dieser starke Stier Suomis

Ward geleitet aus Karjala

Zu des Nordlands Flurengrenzen,

Hundert Männer an den Hörnern,

Tausend hielten an dem Maule,

Als den Stier sie weiter führten,

Nach dem Nordland hin ihn schafften.


Vorwärts schritt der Stier des Weges

An dem Sunde Sariolas,

Frißt das Gras an Sumpfesquellen,

An die Wolken streift der Rücken,

War ein Schlächter nicht zu finden,

Keiner, der den Ochsen fällte,

Aus der Zahl der Nordlandssöhne,

In dem Schwarm des großen Volkes,

In dem wachsenden Geschlechte,

In der Schar der Altgewordnen.


Kam ein Alter aus der Fremde,

Wirokannas aus Karjala,

Redet Worte solcher Weise:

Warte, warte, armer Ochse,

Wenn ich mit der Keule komme,[280]

Wenn ich mit dem Kolben haue

Auf den Schädel dir, o Armer,

Wirst du nicht im nächsten Sommer

Je dein Maul mehr wenden können,

Mit der Schnauze nicht mehr stoßen

Hier auf diesem Ackergrunde,

An dem Sunde Sariolas!


Ging der Alte um zu hauen,

Wirokannas an die Arbeit,

Palwoinen nun an das Schlachten;

Seinen Kopf bewegt der Ochse

Und verdreht die schwarzen Augen,

Auf die Tanne springt der Alte,

In das Dickicht Wirokannas,

In den Weidenbusch Palwoinen.


Emsig sucht man einen Metzger,

Der den Stier wohl schlachten könnte,

Aus dem Lande der Karelen,

Aus Suomis großen Räumen,

Aus dem stillen Land der Russen,

Aus dem kühnen Land der Schweden,

Von der Lappen breiten Grenzen,

Aus dem Zauberland von Turja,

Sucht ihn aus dem Totenreiche,

Aus Manalas niederm Lande,

Suchte wohl und konnt' nichts finden,

Forschte lange, doch vergebens.


Emsig suchte man den Metzger,

Forschte nach dem Schlächter weiter

Auf des Meeres klarem Rücken,

Auf den ausgedehnten Fluten.


Stieg ein Mann nun aus dem Meere,

Stieg ein Held dort aus den Fluten,[281]

Aus der klaren Meerestiefe,

Aus der offnen Wasserfläche,

Nicht gehört er zu den größten,

Keineswegs auch zu den kleinsten:

Unter einer Schale schlief er,

Unter einem Siebe stand er.


War ein Alter eisenfäustig,

Eisenfarbig anzuschauen,

Auf dem Kopf ein Felsenhütlein,

Felsenschuhe an den Füßen,

In der Hand ein goldnes Messer,

Kupfern war der Schaft des Messers.


Also fand nun seinen Schlächter,

Fand nun endlich seinen Töter,

Seinen Mörder Suomis Ochse,

Dieses Wundertier den Metzger.


Kaum erblickt er seine Beute,

Stürzt er auf des Stieres Nacken,

Drückt den Stier er auf die Kniee,

Drückt er ihn zur Erde nieder.


War es viel, was man erlangte?

Nicht gar viel ward dort erlanget;

Hundert Zuber nur mit Fleische,

Hundert Klafter bracht' man Würste,

Sieben Bootvoll von dem Blute,

Von dem Fette sechs der Tonnen

Zu dem Schmause von Pohjola,

Zum Gelage Sariolas.


Eine Stube war im Nordland,

Eine breite, große Stube,

Hatte neun der Klafter Länge,

In die Breite sieben Klafter,[282]

Kräht ein Hahn auf ihrem Dache,

Hört man unten nicht die Stimme,

Bellt ein Hündlein in dem Grunde,

Kann man's an der Tür nicht hören.


Selbst die Wirtin von Pohjola

Schreitet auf des Bodens Dielen,

Gar geschäftig in der Mitte,

Sie bedenkt und überlegt es:

Woher soll ich Bier bekommen,

Wie das Dünnbier recht bereiten

Zu der hochzeitlichen Rüstung,

Zu des Schmauses Zubereitung?

Nicht versteh' ich, es zu brauen,

Kenne nicht des Bieres Ursprung.


War ein Alter auf dem Ofen,

Von dem Ofen sprach er also:

Bier entstehet aus der Gerste,

Aus dem Hopfen gut Getränke,

Doch entsteht's nicht ohne Wasser,

Ohne Kraft des wilden Feuers.


Hopfen war der Sohn des Remu,

Zarter Keim fiel er zur Erde,

Gleich dem Wurm in Pflugesfurchen,

Wie die Ameis' hingewühlet

Zu dem Rand des Kalewbrunnens,

Zu dem Saum des Osmofeldes;

Dorten wuchs der junge Schößling,

Dort erhob sich rasch die Ranke,

Schlang um einen Baum sich hurtig,

Wand empor sich bis zum Wipfel.


Gerste sät der Greis des Glückes

An die Spitz' des Osmofeldes,

Schön gedieh die junge Gerste,[283]

Wuchs gar herrlich in die Höhe

An des Osmofeldes Spitze,

Auf des Kalewsohnes Acker.


Wenig Zeit war hingegangen,

Von dem Baume summt der Hopfen,

Von dem Felde spricht die Gerste,

Aus dem Kalewbrunn' das Wasser:

Wann wohl kommen wir zusammen,

Kommt das eine zu dem andern?

Traurig ist's, allein zu leben,

Schöner zwei und drei zusammen.


Osmotar, die Bier bereitet,

Kapo, die das Dünnbier brauet,

Nimmt nun Körner von der Gerste,

Fasset sechs der Gerstenkörner,

Greifet sieben Hopfenspitzen,

Schöpfet Wasser acht der Löffel,

Setzt den Kessel auf das Feuer,

Läßt die Mischung munter sieden,

Brauet Bier so aus der Gerste

In des Sommers heißen Tagen

An der nebelreichen Landzung',

Auf dem dunstumwobnen Eiland;

Tut den Trunk in neue Eimer,

In das Rund von Birkenzubern.


Hatte nun das Bier gebrauet,

Bracht' jedoch es nicht in Gärung,

Dachte nach und überlegte,

Redet Worte solcher Weise:

Was soll ich hieher nun bringen,

Was zu dieser Masse schaffen,

Daß das Bier in Gärung komme,

Daß das Dünnbier gut gerate?[284]


Kalewatar, diese Jungfrau

Mit den wohlgeformten Fingern,

Die gar rasch sich stets beweget,

Die beständig leichtbeschuhte,

Schreitet emsig auf den Dielen,

Rührt sich eifrig auf dem Boden,

Schafft das eine, schafft das andre

Munter zwischen beiden Kesseln,

Siehet einen Splitter liegen,

Hebt den Splitter von dem Boden.


Dreht und wendet diesen Splitter:

Was wohl könnte daraus werden

In des schönen Mädchens Händen,

In der guten Jungfrau Fingern,

Wenn ich ihn in Kapos Hände,

Zu der guten Jungfrau bringe?


Trägt ihn in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern,

Kapo reibet ihre Hände,

Reibet beide aneinander,

Beide an den Oberschenkeln,

Es entstand ein weißes Eichhorn.


Also ratet sie dem Sohne,

Gibt dem Eichhorn diese Weisung:

Du mein Eichhorn, Gold der Höhen,

Hügelblume, Landesfreude,

Laufe hin, wohin ich schicke,

Ich dich schicke und entsende,

Nach dem lieblichen Metsola,

Nach dem wachen Tapiola,

Steige auf die kleinen Bäume,

Klüglich auf die Hürdengipfel,

Daß dich nicht der Adler packe,[285]

Nicht des Himmels Vogel greife,

Bringe Zapfen von der Tanne,

Von der Fichte schmale Fasern,

Bringe sie in Kapos Hände,

Zu dem Bier der Osmotochter!


Rasch enteilt das muntre Eichhorn,

Wirbelt fort der flinke Buschschweif,

Läuft gar schnell durch lange Wege,

Schreitet rasch durch weite Räume,

Durch der Wälder Läng' und Breite,

Springet drittens in die Quere

Nach dem lieblichen Metsola,

Nach dem wachen Tapiola.


Schaut da drei der schlanken Tannen,

Vier der zarten Fichtenbäume,

Hebt sich zu der Tann' im Tale,

Zu der Fichte auf der Heide,

Wird vom Adler nicht gepacket,

Nicht vom stolzen Himmelsvogel.


Bricht nun Zapfen von der Tanne,

Spitzen von den Fichtenästen,

Birgt die Zapfen in den Klauen,

Wickelt sie in seine Pfoten,

Trägt sie in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern.


Kapo legt sie nun zum Dünnbier,

Osmotar legt sie zum Biere,

Nicht gerät das Bier in Gärung,

Nicht will sich der Trank erheben.


Osmotar, die Bier bereitet,

Kapo, die das Dünnbier brauet,

Überlegt es unablässig:[286]

Was soll ich dazu noch bringen,

Daß das Bier in Gärung komme,

Daß das Dünnbier gut gerate?


Kalewatar, diese Jungfrau

Mit den wohlgeformten Fingern,

Die gar rasch sich stets beweget,

Die beständig leichtbeschuhte,

Schreitet emsig auf den Dielen,

Rührt sich eifrig auf dem Boden,

Schafft das eine, schafft das andre

Munter zwischen beiden Kesseln,

Sieht ein Spänchen auf dem Boden,

Hebt das Spänchen auf vom Boden.


Dreht und wendet dieses Spänchen:

Was wohl könnte daraus werden

In des schönen Mädchens Händen,

In der guten Jungfrau Fingern,

Wenn ich's in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau bringe?


Trägt es in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern,

Kapo reibet ihre Hände,

Reibet beide aneinander,

Beide an den Oberschenkeln.

Es entsteht ein Goldbrustmarder.


Also ratet sie dem Marder,

Gibt dem Sohne solche Weisung:

Du mein Marder, du mein Vöglein,

Du mein Schöner mit dem Goldfell,

Gehe hin, wohin ich schicke,

Ich dich schicke und entsende:

Zu des Bären Felsengrotten,

Zu des Brummers Waldeshöhlen,[287]

Wo die Bären sich bekämpfen,

Dort ein hartes Leben führen,

Sammle Speichel mit den Klauen,

Schöpfe Schaum mit deinen Pfoten,

Bring' ihn in die Hände Kapos,

Zu der Osmotochter Schultern!


Schon versteht den Lauf der Marder,

Eilet fort mit goldnem Bauche,

Läuft geschwind die langen Wege,

Schreitet rasch durch weite Strecken,

Durch der Flüsse Läng' und Breite,

Springet durch der Flüsse Quere

Zu des Bären Felsengrotten,

Zu des Brummers Steingewölben,

Wo die Bären sich bekämpfen,

Sie ein hartes Leben führen

In den Felsen voller Eisen,

In den stahlgefüllten Bergen.


Schaum entrann dem Maul des Bären,

Speichel da dem grausen Rachen,

Faßt den Schaum mit seinen Pfoten,

Sammelt Speichel mit den Klauen,

Bringt ihn in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern.


Osmotar legt ihn zum Biere,

Kapo legt ihn zu dem Dünnbier,

Nicht gerät das Bier in Gärung,

Sprudelt nicht der Trank der Männer.


Osmotar, die Bier bereitet,

Kapo, die das Dünnbier brauet,

Überlegt es unablässig:

Was soll ich dazu noch holen,[288]

Daß das Bier in Gärung komme,

Daß das Dünnbier gut gerate?


Kalewatar, diese Jungfrau

Mit den wohlgeformten Fingern,

Die gar rasch sich stets beweget,

Die beständig leichtbeschuhte,

Schreitet emsig auf den Dielen,

Rührt sich eifrig auf dem Boden,

Schafft das eine, schafft das andre

Munter zwischen beiden Kesseln,

Sieht ein Schötlein auf dem Boden,

Hebt das Schötlein auf vom Boden.


Dreht und wendet dieses Schötlein;

Was wohl könnte daraus werden

In des schönen Mädchens Händen,

In der guten Jungfrau Fingern,

Wenn ich's in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau bringe?


Trägt es in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern,

Kapo reibet ihre Hände,

Reibet beide aneinander,

Beide an den Oberschenkeln,

Es entsteht daraus ein Bienchen.


Also ratet sie dem Vöglein,

Gibt dem Bienchen diese Weisung:

Bienchen, du mein flinkes Vöglein,

König du der Wiesenblumen,

Fliege hin, wohin ich schicke,

Ich dich schicke und entsende:

Zu den Inseln auf dem Meere,

Zu den Klippen in den Fluten,

Wo ein Mädchen eingeschlafen[289]

Mit gelöstem Kupfergürtel,

An den Seiten Gras voll Honig,

Süßes Kraut an ihrem Saume;

Bring' den Seim mit deinen Flügeln,

Bring' in deiner Hülle Honig

Aus den zarten Kräuterspitzen,

Aus den goldnen Blütenkelchen,

Bring' ihn in die Hände Kapos,

Zu der Osmotochter Schultern!


Fliegt davon das flinke Vöglein,

Flieget schon und eilt geschwinde,

Flieget rasch die langen Wege,

Kürzet bald die weiten Strecken

Durch der Meere Läng' und Breite,

Flieget drittens in die Quere

Nach den Inseln auf dem Meere,

Nach den Klippen in den Fluten,

Sieht die Jungfrau dort im Schlummer,

Sieht die zinngeschmückte liegen

Auf der namenlosen Wiese,

An dem Rand des Honigfeldes,

An den Hüften goldne Kräuter,

An dem Gürtel Silbergräser.


Taucht die Flügel in den Honig,

Taucht die Federn in die Süße

Von den zarten Kräuterspitzen,

Von den goldnen Blütenblättern,

Trug ihn in die Hände Kapos,

Zu der guten Jungfrau Fingern.


Osmotar tat ihn zum Biere,

Kapo legte ihn zum Dünnbier,

Endlich kam das Bier in Gärung,

Stieg der junge Trank nach oben[290]

Auf des neuen Eimers Boden,

In dem Rund des Birkenzubers,

Schäumte auf bis an die Griffe,

Floß da über alle Ränder,

Wollte auf die Erde rieseln,

Wollt' sich auf den Boden senken.


Wenig Zeit war hingegangen,

Kaum ein Augenblick verflossen,

Stürzten zu dem Trank die Helden,

Vor den andern Lemminkäinen,

Trunken wurde Ahti Kauko,

Trunken ward der muntre Bursche

Von dem Bier der Osmotochter,

Von der Kalewtochter Dünnbier.


Osmotar, die Bier bereitet,

Kapo, die das Dünnbier brauet,

Sprach da Worte solcher Weise:

Weh mir Armen ob des Lebens,

Daß das Bier ich schlecht gestellet,

Es nicht ordentlich gelagert,

Daß es aus dem Zuber fließen,

Auf den Boden fluten mußte.


Von dem Baume sang der Rotschwanz,

Von dem Dache her die Drossel:

Ist durchaus kein schlecht Getränke,

Ist fürwahr ein gut Getränke;

In die Fässer mußt du's füllen,

In die Keller mußt du's schaffen

In den festen Eichenfässern,

Die mit Kupfer gut bereifet.


Also war des Biers Entstehung,

War des Kalewdünnbiers Ursprung,

Daher hat es guten Namen,[291]

Ist's von ehrenvollem Rufe,

Da es wahrlich gut geartet,

Braven Männern gut zu trinken,

Weiber bald zum Lachen bringet,

Männern gute Laune spendet,

Brave Männer sehr erfreuet,

Nur den Tor zu Streichen treibet.


Als die Wirtin von Pohjola

So des Bieres Ursprung hörte,

Sammelt' Wasser sie im Zuber,

Bis zur Hälfte des Gefäßes,

Legte Gerste zur Genüge

Und hinein viel Hopfensprossen;

Fing das Bier dann an zu brauen

Und das Wasser umzurühren

Auf des neuen Eimers Boden,

In dem Rund des Birkenzubers.


Mondelang heizt man die Steine,

Kochet sommerlang das Wasser,

Holz braucht man von ganzen Hainen,

Ganze Brunnen voll von Wasser;

Lichter werden so die Haine

Und der Quellen Wasser schwindet,

Da zum Biere es verwendet,

Zu dem Dünnbier ward getragen.

Zu des Nordens großem Schmause,

Zum Gelag des guten Haufens.


Rauch erhebt sich auf dem Eiland,

Feuer auf der Landzung' Ende,

Schwarz steigt auf des Rauches Schwaden,

Dick der Dampf da in die Lüfte

Von dem Sitz des wilden Feuers,

Aus den weitgedehnten Flammen,[292]

Füllt des Nordlands halbe Strecke,

Ganz die Heimat der Karelen.


Alles Volk blickt auf zum Himmel,

Blickt gar ängstlich in die Höhe:

Woher mag der Rauch wohl kommen,

Mag der Dampf zum Himmel steigen?

Ist für Kriegesbrand zu schmächtig,

Allzugroß für Hirtenfeuer.


Lemminkäinens alte Mutter

Ging am Morgen in der Frühe,

Wasser aus dem Quell zu holen,

Sah des Rauches dicke Schwaden

In der Gegend von Pohjola,

Redet Worte solcher Weise:

Ist wohl Rauch vom Kriegesfeuer,

Von den Flammen großer Feindschaft.


Selbst der Inselländer Ahti,

Er, der schöne Kaukomieli,

Blickte um sich in die Runde,

Dachte nach und überlegte:

Möchte wohl es näher sehen,

In der Nähe es betrachten,

Wo der Rauch den Ursprung habe

Und der Dampf, der da emporsteigt,

Ob es Rauch von Kriegesfeuer,

Von den Flammen großer Feindschaft.


Kauko blickte scharfen Auges

Auf den Ort der Rauchesmasse,

War nicht Feuer eines Krieges,

Flammen nicht von großer Feindschaft,

War das Feuer von dem Biere,

Flammen von dem Dünnbierbrauen[293]

An dem Sunde Sariolas,

An der Klippenbucht der Landzung'.


Fleißig blickte Kauko dorthin,

Drehte schief das eine Auge,

Schielte mit dem andern Auge

Und verzog den Mund allmählich;

Redete beim letzten Blicke,

Sprach vom Sunde her die Worte:

O geliebte Schwiegermutter,

Nordlands wohlgesinnte Wirtin!

Braue Bier von rechter Güte,

Mache Dünnbier, das was tauget,

Als Getränk dem großen Haufen

Und zumal dem Lemminkäinen

Bei dem eignen Hochzeitsfeste

Mit der vielgeliebten Tochter!


Fertig war das Bier geworden,

War der Männer Trank bereitet,

Ward das rote Bier gelagert,

Ward das Dünnbier fortgeführet,

In der Erde nun zu schlafen,

In dem festen Felsenkeller,

In den starken Eichenfässern,

Hinter kupferreichen Zapfen.


Fertig ließ Pohjolas Wirtin

Darauf alle Speisen kochen,

Ließ die Kessel alle brausen,

Ließ die Pfannen alle zischen,

Backte ferner große Brote,

Klopfte große Massen Breies

Zu des guten Volkes Nahrung,

Zu des großen Haufens Speisung[294]

Bei des Nordens langem Schmause,

Beim Gelage Sariolas.


Fertig backte sie die Brote,

Klopfte bald den Brei auch fertig,

Wenig Zeit war hingegangen,

Kaum ein Augenblick verflossen,

Als das Bier im Fasse pochte,

Dünnbier in dem Keller rauschte:

Käm' doch einer, mich zu trinken,

Einer bald, mich auszuschlürfen,

Daß mit Ehren man mich rühme,

Mich nach rechter Art besinge.


Ward gesucht nach einem Sänger,

Einem wohlerfahrnen Sänger,

Der gehörig preisen könnte,

Schöne Lieder tönen ließe;

Einen Lachs bringt man getragen,

Einen Hecht als guten Sänger,

Singen ist nicht Lachses Sache,

Ist dem Hecht nicht angemessen,

Lachse haben schiefe Kiefer,

Hechte weitgespreizte Zähne.


Ward gesucht nach einem Sänger,

Einem wohlerfahrnen Sänger,

Der gehörig preisen könnte,

Schöne Lieder tönen ließe;

Einen Knaben bracht' getragen,

Holte man herbei als Sänger,

Singen ist nicht Knabensache,

Nicht des speichelreichen Kindes,

Kinder haben krumme Zungen,

Zungen mit gebogner Wurzel.[295]


Hitzig ward das Bier im Fasse,

Heftig fluchte das Getränke

In den festen Eichenfässern,

Hinter kupferreichen Zapfen:

Schaffet ihr nicht einen Sänger,

Einen wohlerfahrnen Sänger,

Der gehörig preisen könnte,

Schöne Lieder tönen ließe,

Schlage ich durch alle Reifen,

Werde ich den Boden sprengen.


Darauf ließ Pohjolas Wirtin

Überall zur Hochzeit laden,

Sandte Boten um zu bitten,

Redet selber diese Worte:

Mach' dich auf, mein kleines Mädchen,

Dienerin, du Vielgeschäft'ge!

Ruf die Leute nun zusammen,

Zum Gelag die Männerscharen,

Bitte Arme, bitte Dürft'ge,

Bitte Blinde, Mühbeladne,

Bitte Lahme, bitte Krüppel,

Bring' die Blinden du in Booten,

Bring' zu Rosse her die Lahmen,

Schlepp' die Krüppel her im Schlitten!


Lade ein das ganze Nordvolk,

Lade ein das Volk Kalewas,

Lad den alten Wäinämöinen,

Diesen wohlbestallten Sänger,

Lade nur nicht Kaukomieli,

Nicht den Inselländer Ahti!


Antwort gibt das kleine Mädchen,

Redet Worte solcher Weise:[296]

Warum soll ich Kaukomieli,

Soll den Ahti ich nicht laden?


Darauf gibt des Nordlands Wirtin

Diese Worte ihr zur Antwort:

Deshalb sollst den Kaukomieli,

Sollst den Ahti du nicht laden,

Weil er stets auf Händel ausgeht

Als ein nimmermüder Raufbold,

Übet Frevel auf der Hochzeit,

Schaden stiftet er beim Schmause,

Kränkt und höhnt die keuschen Mädchen

In den festlichen Gewändern.


Antwort gibt die kleine Dien'rin,

Redet Worte solcher Weise:

Wie erkenn' ich Kaukomieli,

Daß ich ihn nicht hierher lade,

Kenn' ja nicht des Ahti Wohnung,

Nicht die Heimat Kaukomielis.


Sprach die Wirtin von Pohjola,

Redet selber diese Worte:

Leicht erkennst du Kaukomieli,

Leicht den Inselländer Ahti,

Ahti wohnet auf der Insel,

An dem Wasser er, der Muntre,

An des breiten Busens Seite,

An der Kaukospitze Biegung.


Darauf trug das kleine Mädchen,

Trug die Magd, für Geld gemietet,

Nach sechs Richtungen die Ladung,

Brachte sie nach acht der Seiten,

Lud das ganze Volk des Nordlands,

Lud das ganze Volk Kalewas,[297]

Lud die allerärmsten Häusler,

Tagelöhner enggekleidet,

Nur den einz'gen Lemminkäinen,

Ahti ließ sie ungeladen.

Quelle:
Kalewala. 2 Bände, Berlin [o.J.], Band 1, S. 278-298.
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