Schwangrer Jungfern Trost-Gedancken.

[370] Laß / grosse Venus / dir ja nicht zu wider seyn /

Daß wir für dein altar mit schwerem fusse treten!

Wirff einen strahl auff uns von deiner gottheit schein /

Die wir in demuth itzt dich kommen anzubeten:

Nimm unsern ehren-krantz zu einem opffer an /

Laß dieses trauer-pfand an deinen wänden hangen /

Und so es ewig nicht erhalten werden kan /

So laß die asche nur in deinem tempel prangen

Es rühme Pallas sich mit ihrer jungferschafft /

So mag auch Vesta sich für allen männern wehren /

Diana fühle nicht der starcken liebe krafft;

Wir wollen insgesammt zu deiner fahne schwehren.

Wir bieten jenen auch mit ihrem wesen trutz /

Und wollen uns die zunfft der schwangern jungfern nennen.

Nimst du uns willig auff in deinen schirm und schutz /

So sucht das volck umsonst uns flecken anzubrennen.

Wir schätzen den verlust der jungferschafft nicht groß /

Und fühlen immer noch das angenehme jucken /

Als der beperlte thau in unsre muschel floß /

Und sie sich öffnete denselben einzuschlucken.

Es war / als hätte sich uns Jupiter gezeigt /

Und wolte wiederum mit menschen liebe pflegen;

[371] Als hätte sich zu uns der himmel selbst geneigt /

Und wolte sich hinfort auff unserm schooß bewegen.

Die lenden huben sich / da uns die lust empfing /

Als wenn der gantze leib gen himmel fliegen wolte /

So daß die seele fast uns mit zugleich entgieng /

Indem die jungfernschafft den abschied nehmen solte.

Cupido hatte schon ein labsal zubereit /

Die geister wiederum vom schlaffe zu erwecken:

Er kam uns höchs-terwünscht zu eben rechter zeit /

Und ließ uns Ambrosin aus rothen schaalen lecken.

Drum achten wir nicht sehr der spötter grosse zahl

Und lassen andere für jungfern gerne lauffen /

Ja wolten ungerühmt / wo möglich / tausendmahl /

Um einen schnöden krantz dergleichen wollust kauffen.

Wir fragen alle welt / was ist der jungfer-stand?

Was ist die jungferschafft? Ein buch / so nicht zu lesen /

Ein schüler freyer kunst / ein bloßer wörter-tand /

Ein kind der phantasie / ein wesen ohne wesen.

Nur das gehirne hegt und mehret diese zucht /

Ihr gantzes wesen stützt der pfeiler der gedancken /

Warum? ist unbekandt. Gewiß daß ohne frucht

Man der natur hierdurch will schmälern ihre schranken.

Doch wird durch diesen wahn ein grosser theil bethört /

Und abgeschreckt von dem / was die natur wohl gönnte /

Es würde gar um viel der menschen zahl vermehrt /

Wenn jede sonder schimpff nur mutter heissen könte.

Es ist die jungferschafft / wer sie zu etwas macht /

Ein unvollkommner stand / gleich ungeförmter erden /

Der zur vollkommenheit nicht eher wird gebracht /

Als biß wir mit der zeit aus jungfern frauen werden.

Soll unser schloß gesperrt und stets geschlossen seyn;

Warum heist die natur uns nach dem schlüssel fragen?

Soll sich in unser hertz der rost nicht fressen ein /

So muß auch selbiges von keiner fäule sagen!

Der allgemeine trieb / der uns entbrennen heist /

[372] Und nach dem männer-volck zu schauen uns verleitet /

Der ist auch / der das öl in unsre lampen geust /

Und das geschmierte tacht ohn unsern fleiß bereitet.

Es ist ein jungfer-leib ein ungepflügtes land /

Drum kan es keine frucht in diesem stande bringen.

Erst streut man saamen aus / denn wird die saat erkannt /

Und noch zuvor versucht der pflug / das land zu zwingen.

Wer über unser thun den urthel-stab zerbricht /

Der kan auch nicht zugleich das kloster-leben schelten /

Und wer den männer-stand verdammt und übel spricht /

Bey dem wird unser thun ohn zweiffel müssen gelten.

Doch wird uns diß vielleicht nur übel ausgelegt /

Daß wir den priester nicht / wie bräuchlich / ruffen lassen /

Daß wir kein gastgebot und keinen tantz gehegt /

Daß andre leute nicht von unsern gütern prassen.

Wer aber hat den brauch zum ersten eingeführt /

Daß man den priester reich / die gäste frölich machet /

Nein / nein / es wird die zeit itzt nicht darnach verspürt /

Und wer nicht sparen kan / der darbt und wird verlachet.

Daß wir uns aber nicht was besser fürgesehn /

Wird unter allen uns am meisten vorgerücket.

Was hilffts / man rede nur zum besten / weils geschehn /

Der vogel ist entwischt / die rosen sind gepflücket.

Wir haben sonderlich uns diesen trost erwehlt /

Daß keine darff noch mag von uns die erste heissen.

Wer hat die grosse zahl derjenigen gezehlt /

Die längst den krantz verschertzt / und doch als jungfern gleissen.

Was kaum der teuffel kann / das weiß ein altes weib /

Den grund-riß der natur durch säffte zu verderben /

Sie ordnet bäder an für den geschwollnen leib /

Und heisset die geburt vor ihrer bildung sterben.

Wär arge list und kunst nicht in der welt bekandt /

So liessen sich viel mehr in unsre rolle schreiben;

Und thäte nichts dabey des apotheckers hand /

Wo würden in der welt die jungfern endlich bleiben?

Die aber doch zur zeit als reine jungfern gehen /

Die haube doch verdient / die geben sich zu frieden /

Sie sollen oben an in unsrer rolle stehn /

[373] Wo nicht ein altes Weib ein anders weiß zu schmieden.

Des Pöfels urthel sey an seinen ort gestellt /

Wir dürffen gantz und gar uns nicht des urthels schämen.

Das mögen diese thun / die für den beyschlaff geld /

Die zinse für die haut / und schändlich wucher nehmen.

Wir haben anders nicht / als ehrlich / nur geliebt /

Vielweniger den leib um schnöden sold verdungen;

Wer uns vor huren schilt / und böse titel giebt /

Dem sey der teuffel schaar auf seinen kopff gesungen.

Indessen kommen wir bald in die wochen ein /

Es mag uns / wer da will / das spiel vor übel halten;

Wir wollen tausendmahl viel lieber ammen seyn /

Als bei der jungfernschafft verschrumpeln und veralten.

Quelle:
Herrn von Hoffmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster Teil, Tübingen 1961, S. 123-124,370-373.
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