Das Lied von Fiölswidr.

[103] Vor der Veste sah er den Fremdling nahn,

Den Riesensitz ersteigen.


Wächter (Fiölswidr).

Welch Ungethüm ists, das vor dem Eingang steht,

Die Waberlohe umwandelnd?


Wes verlangt dich hier, was erlauerst du?

Was willst du, Freundloser, wißen?

Auf feuchten Wegen hebe dich weg von hier,

Hier ist deines Bleibens nicht, Bettler!


Fremdling.

Welch Ungethüm ists, das vor dem Eingang steht,

Und weigert dem Wanderer Gastrecht?

Gönnst du nicht Gruß und Wort, so bist du gar nichts werth:

Hebe dich heim von hinnen.


Fiölswidr.

Fiölswidr heiß ich und habe klugen Sinn,

Bin meines Mals nicht milde.

Zu diesen Mauern magst du nicht eingehn:

Rechtloser, hebe dich hinnen.


Fremdling.

Von Augenweide wendet sich ungern

Wer Liebes sucht und Süßes.

Die Gürtung scheint zu glühen um goldne Säle:

Hier möcht ich Frieden finden.


[103] Fiölswidr.

Welcher Eltern Kind bist du, Knabe, geboren;

Welchem Stamm entstiegen?


Fremdling.

Windkaldr heiß ich, Warkaldr hieß mein Vater,

Des Vater war Fiölkaldr.


Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wer schaltet hier das Reich besitzend

Mit Gut und milder Gabe?


Fiölswidr.

Menglada heißt sie, die Mutter zeugte sie

Mit Swafr, Thorins Sohne.

Die schaltet hier das Reich besitzend

Mit Gut und milder Gabe.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt das Gitter? nie sahn bei den Göttern

So üble List die Leute.


Fiölswidr.

Thrymgialla (Donnerschall) heißt es, das haben drei

Söhne Solblindis gemacht.

Die Feßel faßt jeden Fahrenden,

Der es hinweg will heben.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt die Gürtung? nie sahn bei den Göttern

So üble List die Leute.


[104] Fiölswidr.

Gastropnir heißt sie, ich habe sie selber

Aus des Lehmriesen Gliedern erbaut

Und so stark gestützt, daß sie stehen wird

So lange Leute leben.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißen die Hunde? ich hatte so grimmige

Lange nicht im Land gesehen.


Fiölswidr.

Gifr heißt einer und Geri der andre,

Weil dus zu wißen wünschest.

Eilf Wachten müßen sie wachen

Bis die Götter vergehen.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Ob Einer der Menschen eingehn möge

Dieweil die schnaufenden schlafen.


Fiölswidr.

Abwechselnd zu schlafen war ihnen auferlegt

Seit sie hier Wächter wurden:

Einer schläft Tags, der Andre Nachts,

Und so mag Niemand hinein.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Giebt es keine Kost, sie kirre zu machen

Und einzugehn weil sie eßen?


Fiölswidr.

Zwei Flügel siehst du an Windofnirs Seiten,

Weil dus zu wißen wünschest.

Das ist die Kost, sie kirre zu machen

Und einzugehn weil sie eßen.


[105] Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet

Ueber alle Lande?


Fiölswidr.

Mimameidr heißt er, Menschen wißen selten

Aus welcher Wurzel er wächst.

Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,

Da Schwert noch Feur ihm schadet.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Welchen Nutzen bringt der weltkunde Baum,

Da Feur noch Schwert ihm schadet?


Fiölswidr.

Mit seinen Früchten soll man feuern,

Wenn Weiber nicht wollen gebären.

Aus ihnen geht dann was innen bliebe:

So wird er der Leute Lebensbaum.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt der Hahn auf dem hohen Baum,

Der ganz von Golde glänzt?


Fiölswidr.

Widofnir heißt er, der im Winde leuchtet

Auf Mimameidis Zweigen.

Beschwerden schafft er, und schwerlich raubt

Den Schwarzen Wer sich zur Speise.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Ist keine Waffe, die Widofnir möchte

Zu Hels Behausung senden?


[106] Fiölswidr.

Häwatein heißt der Zweig, Loptr hat ihn gebrochen

Vor dem Todtenthor.

In eisernem Schrein birgt ihn Sinmara

Unter neun schweren Schlößern.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Mag lebend kehren, der nach ihm verlangt

Und will die Ruthe rauben?


Fiölswidr.

Lebend mag kehren, der nach ihm verlangt

Und will die Ruthe rauben,

Wenn das er schenkt was Wenige besitzen,

Der Dise des leuchtenden Lehms.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Giebts einen Hort, den man haben mag,

Der die fahle Vettel freut?


Fiölswidr.

Die blinkende Sichel birg im Gewand,

Die in Widofnirs Schweife sitzt,

Gieb sie Sinmara'n, so wird sie gerne

Die blutige Ruthe dir borgen.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt der Saal, der umschlungen ist

Weise mit Waberlohe?


Fiölswidr.

Glut wird er genannt, der weisend sich dreht

Wie auf des Schwertes Spitze.

Vor dem seligen Hause soll man immerdar

Nur von Hörensagen hören.


[107] Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wer hat gebildet was vor der Brüstung ist

Unter den Asensöhnen?


Fiölswidr.

Uni und Iri, Bari und Ori,

Warr und Wegdrasil,

Dorri und Uri, Dellingr und Atwardr,

Lidskialfr, Loki.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißt der Berg, wo ich die Braut,

Die wunderschöne, schaue?


Fiölswidr.

Hyfiaberg heißt er, Heilung und Trost

Nun lange der Lahmen und Siechen.

Gesund ward jede, wie verjährt war das Uebel,

Die den steilen erstieg.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Wie heißen die Mädchen, die vor Mengladas Knieen

Einig beisammen sitzen?


Fiölswidr.

Hlif heißt Eine, die Andere Hlifthursa,

Die dritte Dietwarta,

Biört und Blid, Blidur und Frid,

Eir und Oerboda.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Schirmen sie Alle, die ihnen opfern,

Wenn sie des bedürfen?


[108] Fiölswidr.

Jeglichen Sommer, so ihnen geschlachtet

Wird an geweihtem Orte,

Welche Krankheit überkommt die Menschenkinder,

Jeden nehmen sie aus Nöthen.


Windkaldr.

Sage mir, Fiölswidr, was ich dich fragen will

Und zu wißen wünsche:

Mag ein Mann wohl in Mengladas

Sanften Armen schlafen?


Fiölswidr.

Kein Mann mag in Mengladas

Sanften Armen schlafen,

Swipdagr allein: die sonnenglänzende

Ist ihm verlobt seit Langem.


Windkaldr.

Auf reiß die Thüre, schaff weiten Raum,

Hier magst du Swipdagr schauen.

Doch frage zuvor ob noch erfreut

Mengladen meine Minne.


Fiölswidr.

Höre, Menglada! ein Mann ist gekommen:

Geh und beschaue den Gast.

Die Hunde freuen sich, das Haus erschloß sich selbst,

Ich denke, Swipdagr sei's.


Menglada.

Glänzende Raben am hohen Galgen

Hacken dir die Augen aus,

Wenn du das lügst, daß der Verlangte endlich

Zu meiner Halle heimkehrt.


Von wannen kommst du? wo warst du bisher?

Wie hieß man dich daheim?

Nenne genau Namen und Geschlecht,

Bin ich als Braut dir verbunden.


[109] Swipdagr.

Swipdagr heiß ich, Solbiart hieß mein Vater,

Her führten mich windkalte Wege.

Urdas Ausspruch ändert Niemand,

Ob er unverdient auch träfe.


Menglada.

Willkommen seist du, mein Wunsch erfüllt sich,

Den Gruß begleite der Kuss.

Unversehenes Schauen beseligt doppelt

Wo rechte Liebe verlangt.


Lange saß ich auf liebem Berge

Dich erharrend Tag um Tag;

Nun geschieht was ich hoffte, da du heimgekehrt bist,

Süßer Freund, in meinen Saal.


Swipdagr.

Sehnlich Verlangen hatt ich nach deiner Liebe

Und du nach meiner Minne.

Nun ist gewiss, wir beide werden

Miteinander ewig leben.

Quelle:
Die Edda. Stuttgart 1878, S. 103-110.
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