Vierte Szene.

[20] Vorige, von rechts treten auf Toni und Crescenz, Ferner und Höllerer, und zwar zuerst Toni, der Crescenz an der Hand führt, voraus, und dann, während diese beiden in den Vordergrund kommen, erscheinen im Hintergrund die beiden Bauern.


CRESCENZ im Auftreten. Nit, daß ich drauf versessen wär, wann's dir nit ansteht, aber der Leut' weg'n möcht ich, daß d' jetzt all' Tag zu uns auf 'n Kreuzweghof kämst, daß s' doch sehn, wir mög'n uns leiden. Is dir's leicht z' viel, daß d' 's G'fährt einspannen laßt?

TONI. Bewahr! Wann du's so willst, so soll's auch so sein.

VRONI. Toni!! Faßt sich, tritt auf ihn zu, streicht sich die Haare aus der Stirn und sagt bitter lächelnd. Gut'n Morg'n, Toni. Ich hab heut im Garten g'wart wie sonst, warum bist denn nit kommen?

CRESCENZ. Was will denn die?[20]

TONI läßt Crescenz' Hand fahren und tritt zu Vroni – leise. Du weißt's schon, was s' mit mir vorhab'n? – Sei g'scheit, Vroni! Ich muß mit dir noch in der G'heim drüber red'n. Tritt rasch zur Crescenz zurück.

VRONI laut. Du mußt mit mir noch in der G'heim red'n? Könnt' sein, daß das, was du mir z'sag'n hast – Auf Crescenz. vor derer da nit leicht gang', aber es is auch gar nimmer nötig, daß du red'st; dageg'n, was ich dir jetzt sagen werd, das kann alle Welt hören.


Ferner und Höllerer sind vorgekommen.


FERNER gedrungene Figur, mit abgelebten Zügen, hat einen großen Rosenkranz und ein großes Gebetbuch in der Hand; dazwischentretend. Halt's Maul, Dirn!

TONI. Misch dich da nit drein!

FERNER strenge. Geh du mit der Crescenz in' Garten, a Wartlerei mit derer da schickt sich vor dein' künftig Weib nit.

TONI. War's nit der Crescenz z'lieb –

VRONI bitter. Geh nur zu, d' kimmst wohlfeil davon.


Toni und Crescenz durch die Scheuer ab.


FERNER stellt sich vor Vroni hin. Jetzt red ich da im G'höft, und wir werd'n gleich fertig sein miteinander.

VRONI tritt ihm aufrecht entgegen. Schon recht, dich hab ich derwart', Kreuzweghofbauer, du mußt doch überall dabei sein, wo ein Unheil für mich um die Weg' is.

FERNER. Begehr du nit auf, lern lieber Demut; ich siech am Adamshof nur ein Unheil, und das bist du selber. Obwohl ich nimmer dein Vormund bin – wofor ich Gott dank, daß er mich von der Last erlöst hat – so gib ich dir doch als Christ guten Rat und sag dir: Schnür dein Bündel, führ neamand in Versuchung und geh von da je ehnder, je lieber.

VRONI. Was die Vormundschaft anbelangt, hast du Gott nit z' danken, daß du s' nimmer führst, du hast s' ja freiwillig selber niederg'legt und dafür dank ich ihm, und dein christlich' Rat is da auch unnötig, ich weiß's schon selber, was ich jetzt zu tun hab. Zu Höllerer. Adamshofbauer, wenn dir's der Kreuzwegbauer, der jetzt da im G'höft red't und schalt', verlaubt, so wär[21] mir's recht lieb, wann d' mich gleich heut noch aus 'm Dienst ausstehn ließ'st.

HÖLLERER. Kreuzdividomini, wer söllt mir was verlaub'n auf mein G'höft?! – Sternsakra, kam mir recht. – Was ich da sag, das gilt und, was ich sag, das wägt – und wann ich sag, du verbleibst deine vierzehn Täg, so verbleibst.

FERNER. Wär ein Unsinn! Ich sag, sie geht an der Stell'.

HÖLLERER. Tausend Element! Ja – und wann ich sag, du gehst an der Stell', so gehst a an der Stell'.

VRONI. Ich müßt frei lachen über dich – wann mir zum Lachen wär –, Adamshofbauer, wie du ein'm ein' Herrn zeigst! Gleichwohl möcht ich doch wissen, was eigentlich dein' Meinung is, die vierzehn Täg Kündfrist, dö gelten – oder 's an der Stell' geh'n?

FERNER. Du gehst gleich. Willst 'leicht Unfried' stiften zwischen mir und 'm Schwiecher?

HÖLLERER. Kreuzsakra! Dös gibt's nit.

FERNER. 's Zeug dazu hätt'st. Dein Mutter – Gott laß s' ruh'n und verzeih ihr die Sünd' – hat auch am Kreuzweghof Unfried' g'stift, du bist ganz ihr Kind und hast auch das von ihr, daß d' dich ein'm Reichen naufheftst.

VRONI aufschreiend. Jesus, Maria! Du verschimpfst mein' arm' Mutter im Grab. Streift sich die Haare zurück und tritt Ferner ganz unter die Augen. Herrgott! – Und wenn das meine letzte Stund' wär, Kreuzwegbauer, das schenk ich dir nit. Glaubst, weilst noch lebig herumlauf'st auf der Erd', du darfst die schlecht machen, die in ihr vergrab'n sein? Du glaubst wohl, weil d' Leut', wo du hinkommst, sag'n: Aufg'schaut, der reich' Kreuzweghofbauer kommt! – weil s' dir überall, wo d' einkehrst, 'n Ehrensitz lassen, weil s' in der Kirch' nach dein'm polsterten Betbankerl schau'n: der frumme Mann – du dürfest dir gegen tot und lebig herausnehmen, was d' willst? Reich bist, davon nimmt dir keiner was, aber wann d' Armut kan' Schand', so is auch der Reichtum kein' Ehr' z' nennen. Doch, sei du ehrbar und frumm in der Leut' Augen, ich glaub' nit an dein' Ehrbarkeit und nit an dein'[22] Frummheit, von Kind auf nit, ich will dir's wohl sagen, warum. Du lieber Ohm, hast du nit mehr als einmal uns Kinder, die wir doch deines Bruders Blut waren, am Kreuzweghof in ein' Winkel g'führt und dort g'schlagen und treten ohne Grund und Ursach'? Du braver Vormund, hast du dich je um uns umg'schaut? Hätt'n wir nit deinetweg'n an Leib und Seel' verderb'n können, wie auch an meinem Bruder g'scheh'n is? – Du hast kein Herz im Leib, sonst hätt'st dich nit an unschuldig wehrlose Kinder vergriffen – du hast kein' Ehr' im Leib, sonst hätt'st nit die Pflicht, über unmündig' Kinder zu wachen, auf dich g'nommen und Händ' am Rucken zug'schaut, wie s' wild aufwachsen; du hast kein Christentum in dir, Kreuzwegbauer, du betrügst so wenig unsern Herrgott mit deine Kirchgäng' als mich. Du bittst wohl auch nur zu Gott, daß er dir 'n Teufel, den d' dreifach verdient hättst, nit in die Wirtschaft fahren laßt. – Denk ich dran, wie wir immer, wo du 'n Fuß hing'setzt hast, weit weg, dir aus 'n Aug'n hab'n fort müssen, da is mir allemal g'wes'n, als hätt'st du a schlecht' G'wissen, als könntst uns derentweg'n nit ausstehn, weil d' dich an uns versündigt hast.

FERNER bleich und aufgeregt. Nimm dich in acht, Dirn, nimm dich in acht, was du sagst. Lauernd. Was willst damit sagen? Weißt du leicht was?

VRONI ruhiger. Nein, Kreuzwegbauer. – Aber völlig leicht is mir ums Herz, weil das herunter is, was mich schon lang druckt. Wußt ich so gut wie der Herrgott, was du in deiner Angst naufbet'st zu ihm, glaubst du, ich hätt g'wart bis heut? Aber das weiß ich in mir, ich tu dir kein Unrecht. Und ich hoff, ich komm dir noch drauf, all' Not und Elend nahm ich auf mein jung' Leben, wann das g'schähet; dressier'n wollt ich dich wie der Jäger d' jung' Hund', du sollst mir Sprüng' machen, so alt d' bist. Kreuzwegbauer, völlig lieb könnt ich dich hab'n, denk ich dran, wie ich dich, so groß und stolz d' bist, mit 'n klein' Finger vor mich hinwerfen möcht. Warst du's nit, fast wünschet ich dir, es kam' nit dazu, aber wann's käm, weißt, was dir[23] bevorsteht! Zu Höllerer, indem sie ihm die Hand gibt. Bauer, ich dank' dir recht für 'n Dienst, und jetzt b'hüt Gott miteinander. Rechts ab.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Der Meineidbauer. Stuttgart 1959, S. 20-24.
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