Dritte Szene


[9] Vorige. Unter folgendem kommt Liesel mit dem Krug in der Hand geschäftig vor, bis sie knapp hinter Anton steht. Gegen Ende dieser Szene kommen einzelne, dann immer mehr und mehr Bauern und nehmen an den Tischen Platz.


ANTON. Du Sikra hnein, du blinzelst mir zviel mit die Augen, ich trau dir nit, du sinnst auf a Schelmstuck! Blickt über Steinklopferhanns' Achsel nach den Burschen. Und die machen a so verzwickte Gsichter! Läßt die Hände des Steinklopferhanns fahren. Was habts denn?!

STEINKLOPFERHANNS faßt ihn und dreht ihn um. Dein Trunk is da![9]

ANTON. O fix nein, die Liesel!


Schaut auf die Seite.


LIESEL. Jesses – der Ton! Gleichfalls.


Kleine Pause.


LIESEL. Na, soll ich dem Herrn noch lang 's Krügel halten?


Stellt es auf den nächsten Tisch und tritt näher zu Anton.


ANTON nimmt ebenso rasch den Krug und tritt einen Schritt zurück; für sich. Jetzt heißt's gscheit sein, sonst habn s' 's ganz Jahr ihr Gspött mit mir. Blickt tiefsinnig ins Krügel; seufzend. Mir scheint, 's is schlecht gmessen!

LIESEL. No, dös is christlich gnug gmessen, denk ich!

ANTON für sich. Gut is! Jetzt streit mer zweg 'm Krügel. Laut, indem er den Krug hinhält. Könntst schon was drauffülln!

LIESEL. O du Gscheiter! Scheangl nit allweil in dn Krug, schau mich doch an!

ANTON. Warum net? Warum nit? Richtet sich auf. Schöne Kellnerin, trink oans!

LIESEL tut Bescheid, indem sie ihn von der Seite anblickt. Dein Wohl!

STEINKLOPFERHANNS. Dös is a Feiner! Er laßt s' trinken, daß s' nix reden kann!


Liesel gibt den Krug zurück.


ANTON trinkt. Auch soviel, saubre Dirn!

LIESEL. Na, und wie is's uns denn gangen, seitdem wir uns nimmer gsehn habn?

ANTON. Na, ich dank! Dank schön der Nachfrag – es geht mir recht gut!

STEINKLOPFERHANNS wie erstaunt. Schauts gar, ös zwei kennts eng?

LIESEL boshaft. Ich denk!

ANTON. Ja, a so oberflächlich –

LIESEL. Und nur a Jahr!

STEINKLOPFERHANNS. Na, da hat er sich ziemlich lang auf der Oberflächen aufghalten. Kannst 's wohl a auswendig, wie die Bubn dö Länderbschreibung?

LIESEL. Bist gut verheirat?[10]

ANTON. Aber Liesel!

LIESEL. Ob d' redst! Ob d' gut verheirat bist? Es verintressiert mich amal!

ANTON. Ah ja, no freilich!

LIESEL. Mag dich dein Weib leiden?

ANTON. Ah ja, no freilich!

LIESEL. Weißt noch dös Gstanzl, was wir damal allmal zweistimmig gsungen habn?

ANTON. 's fallt mir nit ein!

LIESEL schmiegt sich an ihn. Ah ja, no freilich!

ANTON weicht aus. Ich kann mich nimmer erinnern!

LIESEL rückt nach. Ich hilf dir schon drauf!

ANTON wie oben. Ich bin so trocken.

LIESEL wie oben. 's wird schon gehen!


Anton weicht wieder zurück und kommt zu stehen vor Steinklopferhanns, der stemmt sich gegen ihn, so daß Anton nimmer aus kann.


LIESEL leise. Du, ich rat dir's – sing!

ANTON. No ja – aber –

LIESEL. Setz ein!


Singt.


In mein Herzal –

ANTON UND LIESEL vokal.

In mein Herzal hat

Koan anders oan Platz,

Ich bleib dir treu – treu,

Mein oanziger Schatz!


Jodler.


LIESEL bricht den Jodler ab, indem sie singt.

Ich bleib dir treu – treu

Wie der Spatzin der Spatz!


Schiebt Anton den Hut zur Seite und fährt ihm spielend durch die Haare.


Gsindel! Ös bleibts einer treu! Stößt ihn mit dem Ellbogen von sich. Geh zu!

ANTON greift nach der gestoßenen Stelle und singt parlando.

O Vergißmeinnicht, du blau Bleamel

Unter meinem Hemadärmel![11]

LIESEL lachend. Laß's gut sein, ich bin dir drum nit harb! Hätt dich eh nit mögn; so an jungen Bauer nimm ich gar nit!

LOISL bissig, mit verstellter Lustigkeit. Na, lieber ein mit graue Haar und krumme Knie; die Liesel will sich ausrasten im heilig Ehstand!

LIESEL. Du täts wohl a gscheiter, du ließest dein dumm Maul rasten! Mit dir hab ich mich gwiß mein Lebtag nit strappaziert. Das sag ich dir aber – gestern, die erst Nacht, die ich da in dem Haus war, war ich zu müd und zu schläfrig und hab auch kein Aufsehn machen wolln, drum hab ich dich am Rebenglander bei meinm Fenster akrat so ruhig wieder 'nabsteigen lassen, wie 'd naufkommen bist; – heut aber, wann d' wieder Lust hättst, heut fandst s' Fenster schon offen, und da laß ich dich dann nunterteufeln wie a Hafersackel aus der Bodenluckn; – nur schau dir früher 'n Misthaufen an, der unterm Fenster liegt, ob d' der Läng nach drauf liegen kannst – 's tät mir leid, wann d' dich bucklig fallest!


Veit und Marthe haben einstweilen die an den rückwärtigen Tischen sich ansammelnden Gäste bedient.


LIESEL wendet sich jetzt an den Tisch vorne, wo sich einige Bauern eben niederlassen, und sagt in einem Atem, aber wieder mit der größten Ruhe. Was schaffts denn, Manner?

MICHL zu Loisl, dem er die Hand auf die Achsel legt, summt. »Heilig werdn, heilig werdn!« – Schau, du bedauerst mich, du wirst nimmer heilig noch selig! – Was nutzt's dich, wanns dich zum Dirndl sein Fenster neindrehst, wann dich 's Dirndl wieder rausdreht?

LOISL richtet sich auf. Ho! Es gibt noch anderne Fenster und andere Dirndln!

SEPP. Höhohöl Und anderne Misthaufen!

LOISL hebt zornig die Faust. Du Malefiz-Depp!

ANTON hält ihm die Faust. Halt aus! Grauft wird hitzt nit, ös seids nimmer allein da, ös Buam! Beim ersten Streich, den d' führst, kannst dir gleich ein Baum da aussuchen, auf dem d' als Spatzenschrecker sitzen willst. So[12] hoch lupf ich dich, Krispindel! Wendet sich ab und setzt sich an den Tisch vorne zu den Bauern.


Die Bursche gehen debattierend an ihren Tisch.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Werke in zwei Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21977, S. 9-13.
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