Elfte Szene


[47] Wie der Vothang aufgeht, kommen Arm in Arm Anton und Steinklopfer durch den Zaun, treten in den Hof und gehen vor bis zur Bank, auf der sich Anton erschöpft niederläßt.


ANTON in übel zugerichteter Kleidung – holt tief Atem. Ah!! – Steinklopfer!

STEINKLOPFERHANNS der vor ihm stehenbleibt. Jo![47]

ANTON. D' heutig Nacht is wohl schön.

STEINKLOPFERHANNS behaglich. No, ich mein's a!

ANTON. Ah!! – Wie's vom Tann rüberweht!

STEINKLOPFERHANNS. 's is a klare Herrgottsnacht! – No, hoam bist – bhüt dich Gott! – Gute Nacht!


Geht.


ANTON. Gute Nacht! – – Du, Steinklopfer, hörst?

STEINKLOPFERHANNS bleibt stehen. Was?

ANTON. Sag mir – sag mir, wie war denn dös eigentlich vorhin im Wirtshaus? – Ich mein allweil, 's is wieder wie gwöhnlich gwest!

STEINKLOPFERHANNS. Freilich, freilich! Du warst der Stärkste!

ANTON. War mir a so, als hätt ich alle zum Wirtshaus nausghaut.

STEINKLOPFERHANNS. Alle! Alle! Dös kann ich dir am besten sagn; ich war der letzte! Obwohl ich mich in ein Winkel verkrochen hab, hast mich doch ausgfunden und den andern nachgschickt, du bist gleich selber nachtaumelt, und auf der Straß sein wir wieder gut Freund wordn!

ANTON lacht. Hahaha! Ja, ja, is schon so!

STEINKLOPFERHANNS. No, adjes!

ANTON. Du, Steinklopfer ...!

STEINKLOPFERHANNS. No?

ANTON. Hörst aber, alle – alle? – Da is doch der Vetter nit dabeigwest?

STRINKLOPFERHANNS. Der Großbauer?

ANTON. Der Großbauer

STEINKLOPFERHANNS. Na, ob der dabei war! 's war völlig schön zun anschaun! Wie aus einer Kanon gschossen, is er nausgflogn und hat im Hof noch ein Tisch eingrennt!

ANTON. Jesses! Jesses!

STEINKLOPFERHANNS. Na, der darf sich eh nit aufhaltn, 's is den andern a nit besser gangen! Wie von die Bubn keiner mehr da war, hast halt dö, die früher mit dir ghalten habn, einzeln und paarweis durch d' Tür rennen lassen. Is eh a Wunder, daß der Türstock noch steht.[48]

ANTON. O fix hnein! Fix hnein! Na, aber so was, aber so was! In der Finstern glangt man halt so hrum! – Daß aber keiner a Wörtl gsagt hat!

STEINKLOPFERHANNS mit unterdrücktem Lachen. Habn ja eh brüllt wie die Ochsen! – No, mach dir nix draus! Hast halt dein Freud dran ghabt – warum soll der Mensch kein Freud habn? Du warst a rechter Ordnungmacher! Freund und Feind werdn auf dich noch a Zeitlang denken!

ANTON seine Kleidung betrachtend. Und dös Gwand – dös Gwand – ich bitt dich, schau dös Gwand an!

STEINKLOPFERHANNS der immer mehr ins Lachen kommt. Ich betracht's eh schon die längste Zeit – es schaut luftig gnug aus; – aber du warst ja selber der Schneider, der heut nacht dö Modi angebn hat!

ANTON. No, so darf mich d' Sepherl nit kommen sehn – heut muß ich auf einmal hoam sein, wie vom Himmel gfalln – da heißt's stad auftreten – da werd ich d' Stiefeln ausziehn.


Macht Anstalt dazu.


STEINKLOPFERHANNS lacht laut auf. Is ja nit nötig – s' Heu wird doch nit krachen!?

ANTON. 's Heu?!!

STEINKLOPFERHANNS wieder mit trockenem Humor. No ja, 's Heu – freilich! Wie kann mer denn so vergessen sein? – Zwegn 'm Heu is's ja angangen – zwegn 'm Heu, auf dem ös heut nacht schlafen müßts, sein wir ja alle miteinander nausgworfen wordn!

ANTON. O du heilig Mutter Anna, auf dös hon ich ganz vergessen, warum hergangen is! Lamentierend. Na,na, dös werd aber heut doch nit gehn, daß ich am Heubodn schlaf – morgen zwegn meiner – – aber dös muß die Sepherl selbn einsehn – – mir is nit recht übel – und im Kopf fahlt's mer a – ich weiß nit, hon ich ein Düppel oder a Loch – ich brauch mein Pfleg!

STEINKLOPFERHANNS legt ihm die Hand auf die Achsel, ernst. Du raunzender Fetzenbankert! ... Hör mich an! Wann d' schon nit aufn Heubodn willst, so geh mit mir[49] nachm Steinbruch. – A Gang in der frischen Nachtluft wird dir gut anschlagn, und bei mir stehst morgen fruh, a ohne Pfleg, als ganzer Mon wieder auf!

ANTON. Na, na, ich kann mich eh kaum schleppen, lieber lieg ich da auf der Bank – wann sich die Sepherl nit derbarmt – eh ich einm andern Unglegnheit mach. Du kannst nit so mit mir umgehn wie die Sepherl!

STEINKLOPFERHANNS lachend. Dös freilich nöt! – No, ich hon dir's gut gmeint, daß ich dich nach meiner Höhln hab mitnehmen wölln, aber du willst noch heut ins Henigschlecken gehn, dabei wird dir d' Sepherl 'n Ring durch d' Nasen ziehn, und morgen schon tanzt der »Starke«, wie der Dudelsack pfeift. – Aber sikra hnein, ich versteh ja nix davon – ich bin halt so viel fürwitzig für meine jungen Jahr. – No, nix für ungut – und bhüt dich Gott, du Mordmann, der sich auskennt – haha – gute Nacht – und spiel halt fein dein Herrn – haha – und mußt s' halt recht umn Finger wickeln – aber nit gar z' stark, daß d' dös arm Weib doch wieder auf gleich bringst! Haha – gute Nacht – gute Nacht – haha! Lachend durch die Mitte ab.

ANTON legt sich auf die Bank zurück. Was dös für ein dumm Lachen is – wann einm Menschen üblich is – no ja!


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Werke in zwei Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21977, S. 47-50.
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