Achte Szene


[37] Vorige. Steinklopfer.


MICHL. Ho, Steinklopfer, her kimm!

MARTIN. Da sein mer!

STEINKLOPFERHANNS. Guten Abend miteinand!


Geht nach dem Burschentisch und nimmt, mit dem Rücken gegen den alten Brenninger sitzend, Platz.


MATHIES. No, is der a do, no kann mer bald nix mehr reden!

STEINKLOPFERHANNS zu Veit. No, Wirt, heunt is's aber nit lustig bei dir!

VEIT achselzuckend, seufzend. 's sein schwere Zeiten!

MICHL. Den Kreuzelschreibern geht's a bissel schlecht!

LOISL. Mir wölln anbinden mit sö!

STEINKLOPFERHANNS. No, seids nit dumm!

BRENNINGER ängstlich. Aber Moner – es geht ja nix füri – es geht ja nix füri – weiß koaner noch, was gschicht – koaner weiß was!

STEINKLOPFERHANNS deutet über seine Achsel. Der alt Mon derbarmt mer! – Die andern solln sich nur abschwitzen.

KLAUS blickt umher. Ja, wann nur einer von uns widerrufet, daß mer sagn könnt ...

MATHIES. Ja, daß mer sagn könnt, 's war zwegn 'm Beispiel!

KLAUS. Ja, 's is a verflixte Gschicht! Mein Alte hat gsagt ...[37]

MATHIES. Dös nämlich hat a die mein gsagt.

KLAUS. Ich hon dir's ja noch gar nit gsagt, was die mein gsagt hat.

MATHIES. Alle sagen s': aufn Heubodn oder nach Rom müßn mer – sagen s'.


Wie oben.


EINIGE. Aufn Heuboden oder nach Rom!

BRENNINGER. Und Rom soll weit sein – so viel weit sein!

STEINKLOPFERHANNS dreht sich samt seinem Stuhl gegen Brenninger hinüber. Aber, Brenninger, scheniert er dich denn a noch, der Heubodn?

BRENNINGER. Hihihi! Mich? Ah na! – Aber doch, freilich – freilich. – Ganz anderschter, wie du meinst – du Hallodri! – Ganz anderschter! Indem er die Hand zurückzieht, die er dem Steinklopferhanns auf die Achsel gelegt. Aber selb verstehst du nit, Monbua! – Hihihi! Männigsmal noch, wann mein alt Annemirl grad im Sunntaggwand aus der Kammer kimmt, da tapp ich s' so an, wie a verliebter Dalk – hihi! – da kann sie sich zmeist giften – no, sie is schon schön zsammgangen, und ich bin a nit viel säubriger wordn – völlig grausen könnt uns füreinand – hihi – völlig grausen, wann man halt nit auch die schön Zeit miteinand verlebt hätt – die schön Zeit! – Nahzu fufzig Jahr haus ich hitzt schon mit meiner Annemirl, und wann man so viel Kinder ... laß schaun ... sieben Stuck – Zählt murmelnd an den Fingern. –, die Mirzl.., d' Rosl ... 'n Sepp – Zählt unverständlich bis zum siebenten Finger. – und 's erste ... weiß nimmer, wie dös gheißen hat ... ja, ja – sieben Stuck – in Freud und Leid aufzogn hat und muß dann sehn eins nachm andern naustragn aufn Gottesacker – ja, da gwöhnt man sich schon ins Alleinsein und schickt sich eins völlig ins andre!


Bauern haben sich in Gruppe um Brenninger und Steinklopferhanns versammelt und hören zu.


STEINKLOPFERHANNS. Glaub's schon – glaub's schon – fufzig Jahr is a schön Stuck Zeit![38]

BRENNINGER. No jo, no jo – mein's a! – Wir habn a eins aufs andre gschaut. Wie s' neuzeit 'n Husten kriegt hat – und bsunders in der Nacht, da hat s' so stark ghustet – da hat s' ein Tee für d' Brust trinken müssen – der is am Fensterbrettl gstanden, dös hon ich schon gwußt – net amol in der Nacht bin ich auf und hab ihr 'n gholt, 'n Tee – und wann man so raus muß ausm wacherlwarmen Bett und trifft auf die kalt Bretter grad auf ein eisern Nagel – brrr – hihi – dös gibt einm ein Beutler durchn ganzen Körper. – A öften in der Nacht werd ich a munter, und do horch ich auf, und da hör ich nix als die Uhr, und da wird mir so entrisch, und da zieh ich die Decken auffi bis über die Nasen und schwitz mich hinunter vor lauter Angst, und auf einmal tut's drüben im ondern Eck ein lauten Schnarcher – hihi – und da lach ich – hihi – »die alt Annemirl is noch bei mir!« – No soll dös vorbei sein, sie derkennt nix mehr!

STEINKLOPFERHANNS. No, wird sich doch dein Annemirl nit gändert habn?!

BRENNINGER unwillig. Bist a dalketer Monbua – a dalketer Monbua bist! – D' Weibsleut brauchen sich gar nit z' ändern, is auch so schon nöt mit sie auszkämma! – Selb weiß man halt nit, vor man heirat! – Seit gestert, wo wir uns da 'm Großbauern verschriebn habn, is's aus und gschehn! Senkt den Kopf. Aus is's und gschehn is's!

KLAUS. Wohl, wohl – bei uns auch! Bei uns auch!

BRENNINGER. Ja, ja, aber so lang wie ich ... so lang wie ich haust keiner von eng mit sein Weib – weiß keiner, wie mir ums Herz is seit gestern. So war mir noch niemal mein Lebtag – noch nie – na, na – nit bevor – noch seither die fufzig Jahr! Drückt die Hand an die Brust. – Kleine Pause.

STEINKLOPFERHANNS. Vertröst dich, es wird sich schon wieder gebn! Reicht ihm den Krug. Trink lieber eins!

BRENNINGER schüttelt den Kopf. Müßt halt bald sein – recht bald –! Nimmt den Krug und trinkt. Gestern, wie[39] ich von da gangen bin und hoamkimm, hon ich mich zum Herd gsetzt und mein Pfeif graucht – da is s' letztmal mit mir freundlich gwest, die Annemirl – 's letztmal! Speckknödl hat s' grad kocht – wißts – so große, gute – hihi – wo mir soviel gut schmecken – mit ein Salat dazu, is dös a Fressen wie für ein Prinzen – hihi – wie für ein Prinzen! – Plötzlich niedergeschlagen. Ich hon aber nix kriegt davon! ... Daß ich sag – ja, daß ich sag – auf einmal kimmt die Kathel vom Pfarrhof dahergrennt – dö und mein Weib kennen sich von Kind auf – no gehn dö zwei in Hof und fangen a lange Wisplerei mitnand an. Selb kann ich eh nit leiden – nein – nein, nur allmal ehrlich und gradzu! No, wie mein Alte wieder zruckkimmt, macht s' Augen auf mich, als sahet s' 'n Marder an mir, der ihr vorig Jahr alle Tauben weggfressen hat – es war völlig zun fürchten! Und d' Kathl hätt d' Post bracht: Ich war a alt Esel und man hätt solche Dummheiten nimmer von mir derwart! Auf selb Grobheit hon ich mein Pfeif am Herd ausklopft und bin aufn Hof ... aber ich hon's schon zruckgebn – hihi – ja, ja, ich hon's zruckgebn ... unter der Tür schon hon ich mich nomal umdreht und hon gsagt: Wann s' wissen, daß ich a Esel bin, so sollten sie sich doch nix Gscheits von mir derwarten, wann s' aber dem z' Trutz mir doch a Post schicken, so müßten s' doch d' nämlich Sprach reden, wie i a! Lacht sehr stark über seinen Witz –. Hihihi – ja – ja – so hon ich gsagt – so hon ich gsagt! Hustet. Da ist s' mir in Hof nachkämma, d' Annemirl – und d' Wartlerei is angangen, und sein wir ganz unvertraglich auseinandergangen. – Sie – sie hat allweil von der gut Sach gredt – »Annemirl«, hon ich drauf gsagt, »fufzig Jahr is's bald, wo mir miteinand in Fried hausen, glaubst, is's gar so a gute Sach, was uns zwei hitzten auf einmal vonnand bringen möcht?!« – Was hat s' drauf gsagt? – Was meints – was s' drauf gsagt hat? Nix – gar nix hat s' gsagt; – d' Speckknödeln hat s' weggnummen und d' Schüssel mitm Salat und dem Nixnutz, unserm Knecht, dem Andredl, hat sie s' gebn,[40] und der hat s' richtig alle gfressen – aber alle! – Und wie Schlafenszeit is, kimmt der Andredl mit zwei Schragn und paar Bretter, schlagt unter der Bodenstiegn a Kraxen auf und legt ein Strohsack auffi – und d' Annemirl leidt mich nimmer bei ihr, und sie bleibet in unsern Zimmer eingspirrt, und ich söllt da schlafen – ich söllt da schlafen; – no, müd war ich – ich hon recht gut gschlafen – aber ich hon s' d' ganze Nacht nit husten ghört – ganz stad hon ich daliegn müssn bis in der Fruh – ich hon nit aufstehn können, wie allmal, zwegn ihrn Tee, und wann man amol was gwohnt is, so will man doch sein Ordnung habn – no ja, sein Ordnung will der Mensch doch! – Heut fruh – no, heut fruh hat s' mir ohne »Grüß Gott« und »Gutn Moring« mein Stosupp nur so zugschobn, und der Andredl hat a allmächtig Häfen Kaffee kriegt – ein Halbe is schier hineingangen – unter der Wochen ein Kaffee – unter der Wochen! – Erbittert. Verliebt, völlig verliebt muß s' sein in den Kerl, dö alte Stauden! Und er halt nit amol was auf sie! – na – na, ich weiß, er halt nix auf sie! – Gleich nachm Fruhstuck hon ich 'n übern Hof nach seiner Kammer gehn gsehn, in der Hand hat er den schön neuchen brennroten warmen Brustfleck ghalten – den hat mir d' Annemirl zu d' Feiertäg schon versprochen, und hitzt schenkt s' 'n dem. – Er aber hat drum nöt amol 's Gschloß von seiner Gwandtruchn aufgsperrt, nur so in ein Winkel hat er 'n gworfen – und war kein klein Stuck Arbeit für ihre alten Augen und zittrigen Finger – sauber – recht sauber – und wie er 'n nur so hinschupft, is mir 's Wasser in die Augen gschossen – Schlägt in den Tisch. –, derschlagn hätt ich 'n mögen, derschlagn, den Lump, den underkenntlichen Lump!! – Plötzlich ruhig. Aber gschieht ihr schon recht – gschieht ihr schon recht – sie halt's ja mit ihm – ich bin der Neamand in meiner eigenen Hütt! – So tut s' an mir, so tut s' an mir – nach nahzu fufzig Jahr! Liebe Leut – nach fufzig Jahr! Birgt den Kopf in die Hand.


Kleine Pause.[41]


MATHIES. Mußt's nit so z' Herzen nehmen, Brenninger!

BRENNINGER hebt den Kopf. Veitl! Mein Zech! Sucht nach Geld in der Westentasche.

VEIT. Willst schon gehn?

BRENNINGER steht auf. Wohl! Schüttelt den Kopf. Ich weiß nit, mich leidt's nindascht – und hoam mag ich a nit gehn! Gibt Veit Geld. Schau, ob richtig is. – Leicht geh ich gar noch hnüber nach Grundldorf zum Schwager.


Die Bauern sind, wie er aufbricht, zu ihren Tischen zurückgegangen. – Brenninger und Veit stehen jetzt allein in der Mitte der Bühne.


VEIT. Da wird dir's doch z' spat werdn!

BRENNINGER. Ich versaum nix! – Unter der Bodenstiegn mag ich nimmer schlafen – es geht mir auf einmal durchn Kopf, auf dem nämlich Fleckl sein meine Kinder, eins nachm andern aufn Schragn glegn, vor s' naustragen wordn sein – es geht ihnen besser als 'm Vatern – jawohl – jawohl ... ich bin halt noch lebig – aber ebens drum, was tu ich unter der Bodenstiegn? Wendet sich von Veit ab, tritt zur Mitte des Tisches und greift nach dem Feuerzeug – streift ein Hölzchen an, läßt es aber plötzlich abgehen und nimmt die Pfeife mit der Linken wieder aus dem Mund, vor sich. Willst mich leicht schon draußt habn, Annemirl? – So – so –? No – no –! Ich hon eh nix mehr z' suchen auf derer Welt! – Und mein Ordnung hon ich a nimmer – und wo ich mein Ordnung nit hab ... Wischt sich mit der Hand« in der er die Pfeife hält, den Schweiß von der Stirne und steckt dann die Pfeife in die Brusttasche. No is's eh gar!


Geht rasch einige Schritte.


VEIT. He, Brenninger, hast dich versehn, kriegst noch was raus!

BRENNINGER. Bhalts nur auf, Veitl, bhalts nur auf, brauch koans mehr! – Gute Nacht, liebe Leut, gute Nacht! Müßts mir halt nix für ungut nehmen – nur nix für ungut nehmen – wir sein doch allweil gut Nachbarleut gwesen zueinand – net – net? Freilich – freilich! Geht wieder paar[42] Schritte. Wonns eins mein Annemirl sehts, könnts es schon der schrecken: »ich ließ s' grüßen, und ich mach ein weit Weg!« – Vielleicht tut s' doch weinen – ja – ja – vielleicht tut s' doch weinen! – Gute Nacht! Gute Nacht! – Lieb Leut, denkts a weng auf mich – und müßts mich net zviel bedauern – na, na, – müßts mich net zviel bedauern!


Geht durch die Mitte ab.


MEHRERE. Gute Nacht!

STEINKLOPFERHANNS fährt vom Stuhl empor. Brenninger – ich geh mit dir!

MARTIN hält ihn zurück. Wirst doch nit hitzt schon davonlaufen wolln?

LOISL ebenso. Steinklopfer, da bleibst!

STEINKLOPFERHANNS. Er soll bei mir in der Barackn beim Steinbruch schlafen.

MICHL. Holst ihn nimmer ein, und wie er wunderlich is, gang er eh nit mit dir! Bleib da!


Präsentiert ihm den Krug.


STEINKLOPFERHANNS trinkt und setzt den Krug zurück. Mir hättn 'n doch nit alleinig fortlassen solln!


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Werke in zwei Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21977, S. 37-43.
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