Im Himmel

[207] Gen Himmel fühlt' ich meine Seele schweben

Und in das Reich der Engel ging ich ein.

Geblendet wagt' ich kaum den Blick zu heben –

O Glanz! O Glück! Das Alles war nun mein!

Und unwillkürlich kam mir ein Gedanke,

Der ach! so schön, so gut, so menschlich war –

Mir kam der Liebe seliger Gedanke – –

O Du, o meiner Mutter Augenpaar!


Von Ferne schien sie lächelnd mich zu grüßen,

Die meiner Jugend erste Freuden sah;

Und auch den Vater fand ich Gott zu Füßen:

Verklärten Angesichtes stand er da.

»So soll ich hier Euch wirklich alle finden,

Die mich in Lieb' an ihre Brust gepreßt?

Ich hört' es in der Jugend mir verkünden,

Und zweifelnd hielt ich an der Hoffnung fest!«


Ich trat heran – ich wollte sie umarmen.

»Mein Vater! Meine Mutter!« rief ich laut –

O laßt an Eurer Brust mich hold erwarmen,

Selig das Kind, das Euch nun wiederschaut!

Wie? War es möglich? Ihres einzigen Sohnes

Erinnert eine Mutter sich nicht mehr? –

Ich fuhr empor: unwillig dumpfen Tones

Lief ein Gemurmel durch der Engel Heer.


Ich sah bestürzt umher im weiten Raume:

Versunken war in Andacht Jedermann.

Plötzlich erwachten wie aus tiefem Traume

Alle und blickten mich erschrocken an.[207]

»O meine Freunde! Meine süßen Schwestern!

Euch drück' ich liebend wieder an mein Herz!« –

»Hör' endlich auf, den großen Gott zu lästern!«

Durch meinen Busen zog ein tiefer Schmerz.


»Nein, noch ist alle Hoffnung nicht geschwunden,

Ich sahe Sie – nun fühl' ich neuen Muth, –

An deren Brust ich Paradieses-Stunden

In weicher, warmer Sommernacht geruht.«

Und durch allmächtiges Gefühl getrieben,

Eilt' ich auf ihre süßen Reize zu.

»Du,« rief ich aus, »Du mußt mich ewig lieben –

Denn meines Lebens Liebe warst ja Du!«


Sie sah mich an. Ihr Haupt erhob sich freier –

Sie war so schön, so keusch, so engelrein!

Gehüllt in einen leichten, weißen Schleier

Lud ihres Busens holde Pracht mich ein.

»O blicke dorthin! Beuge Deine Glieder!

Und bete Gott, den Allerbarmer an!«

Ich sah mich um, ich sank zu Boden nieder,

Ein Schauder stieg mir kalt das Herz hinan.


Den Gott der Liebe sah ich vor mir stehen,

Und zitternd schaut' ich ihm in's Angesicht:

Ach, meinen ganzen Stolz fühlt' ich vergehen:

Die Liebe Gottes war die meine nicht. – –

Und wollt' ich kühn mich abzuwenden wagen,

Gleich hört' ich dumpfe Stimmen rechts und links –

Ich fühlte mich von heißer Angst geschlagen,

Und »Ewig! Ewig! Ewig!« scholl es rings! –


O welch ein Traum! Ich starb in dumpfen Banden!

Schwer lag es wie gewitterschwüle Nacht

Auf meiner Brust, und alle Sinne schwanden ...

Auf Erden bin ich wieder, bin erwacht!

Die Vögel schlagen fröhlich ihr Gefieder,

Die Sonne lugt in mein Versteck herein,

Auf meine Jugend lächelt sie hernieder!

Noch ist die Welt, noch ist das Leben mein!
[208]

Noch fühl' ich Kraft, zu wirken und zu streben

Noch pulst in meinen Adern frisch das Blut.

Nicht soll der Geist gen Himmel bang entschweben:

Auf Erden ist der Menschheit schönstes Gut!

Ich kann und mag an einen Gott nicht glauben,

Der mich erschaffen aus dem dunklen Nichts –

Nicht lasse ich den hohen Stolz mir rauben,

Ein Mensch zu sein, ein Sohn des Sonnenlichts!


Ich kniee nicht vor einem kalten Gotte,

Der mich zum Dienst mit harter Drohung zwingt –

Komm' her, o Kind, in diese kühle Grotte,

Wo klar der Quell dem grünen Moos entspringt.

Laß alle Furcht aus Deinem Herzen schwinden,

Vor Dir will ich in heißer Liebe knien

Und menschlich an des Menschen Brust empfinden

Und alle finstren Träume will ich fliehn.


Nicht soll ein Gott mich strafen und belohnen,

Ich selbst will meiner Thaten Richter sein.

Die Götter, die im eignen Inn'ren wohnen,

Sie bet' ich hoffend an, sie nur allein!

Frei streb' ich nach des Lebens höchsten Zielen

Und einen andren Lohn begehr' ich nicht,

Als sterbend einst das Wonneglück zu fühlen:

Ich lebte, liebte, sonnte mich im Licht!

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 207-209.
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