Osterbitte

[136] Vom Thurme klangen die Osterglocken

Ueber des Kirchhofs trauernde Gruft,

Und gleich verwehten Blüthenflocken

Verschwamm ihr Klang in der Morgenlust.

Mich aber riefen sie in die Weite

Und ließen mich nicht im dumpfen Haus,

Und unter der Osterlieder Geleite

Zog ich die Straßen zum Thore hinaus.


Weit hinter mir im Morgendämmer

Sich das Gemäuer der Stadt verlor,

Und selbst das Pochen der Eisenhämmer

Traf nur gedämpft noch an mein Ohr.

Doch dehnte sich immer weiter und weiter

Vor meinen Blicken der sonnige Gau,

Und jauchzend auf tönender Himmelsleiter

Schwang sich die Lerche ins Aetherblau.


Da stand ich denn nun am Waldesrande

Mit meinen Gedanken so ganz allein

Und sah tief unter mir die Lande

Liegen im flimmernden Sonnenschein.

Und als dann den letzten Zweifel zu rauben,

Ein Schäfer noch blies auf seiner Schalmei,

Da wollte ich es selbst nicht glauben,

Daß Tod die Lösung des Räthsels sei.
[136]

Da schien mir alles verweht und vergangen,

Was ich betrauerte winterlang;

Und alle Saiten des Herzens klangen

Zusammen im Auferstehungsgesang.

O, solche Seelenklänge dringen

Weit höher noch in die Himmel empor,

Als je auf seinen Flatterschwingen

Ein Vogel sich in der Luft verlor!


Ja, Fest der Ostern, nun warst du gezogen

Auch endlich in diese verödete Brust;

Und dies Herz, das so oft schon das Leben betrogen,

Erzitterte wieder von süßer Lust

Und schlägt nun der hohen Feier entgegen,

Die über die Erde zu gießen verheißt

Den herlichsten aller himmlischen Segen,

Den welterlösenden, heiligen Geist.


Der heilige Geist ist die ewige Liebe,

Die Gott in die Herzen der Menschen gesenkt,

Und die mit jedem Ostertriebe

Von neuem sich zum Lichte drängt.

Sie schwebt herab vom Himmelssaale

Zu Jedem, der an sie noch glaubt –

O neige, neige die goldene Schaale

Auch hier auf dieses Beterhaupt!

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 136-137.
Lizenz:
Kategorien: