Fluch diesem Leibe

[180] 1880.


Fluch diesem Leibe,

Dem unersättlich lüsternen,

Mit seinen Banden

Schnürt er die Seele ein

Und reißt in den Koth

Die Sonnendurstige.

Aus allen Poren

Schrei ich nach Freiheit,

In alle Himmel möcht' ich mich recken, –

Aber erbarmungslos

Preßt mich das Elend

Meiner Sinne

Zurück in die Dienstbarkeit.

O Hunger

Nach dem Ewigen –

O Hunger!

Wann kommt die Stunde,

Wo ich Alles vergessen,

Alles hinschleudern darf

Und nur dich, einzig dich

Zu stillen vermag?

Weh, wenn die Flamme,

Die in mir lodert,

Mich brennend verzehrte,

Und nicht emporschlüg'

Wetterleuchtend,

Herzenentzündend.

Fort, fort, ihr Bilder

Lockender Lüste!

Ich will keinen Platz

Am Mahle der Lebenden,

Wo, im glitzernden Licht,

Schwarzäugiger Frauen

Heiße, lodernde Blicke

Die Seele versengen.

[181] Ich lausche den Todten

Und horche, was sie verkünden,

Und ich suche die Ungebornen,

Daß ich wisse,

Was war und was sein wird.

Einsam, einsam

Will ich wandeln und ziehen,

Ob fiebernde Brunst auch

Die Adern emporschwellt, –

Doch eines vergönn' mir,

Allwaltende Weltmacht,

Jedes Wort, das ich schmiede,

Es werde zum Glied,

Das die Menschheit verkettet,

Jedes Lied, das ich singe,

Wie Thau laß es fallen

Auf die Herzen der Armen,

Der Sünder und Buhlen –

Dann finde ich Frieden.

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 179-181.
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Wilhelm (Hg.) Arent
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