Mondnachtzauber

[21] O wonniges Weben

In Höhen und Tiefen

Des wallenden Aethers!

Wie selige Geister

Grüßen die Sterne,

Die duftumflorten;

Weihend waltet

Die ewige Liebe.

Ich träume und träume ...

Und wieder weckt

Eine Welt von Empfindung

Der Mondnacht Zauber

Im Busen mir.

Tiefe Wehmuth füllt

Mein einsames Herz.

Lang', lang' ist's her ...

Tief schwamm der Mond

Im Dämmer-Blau,

Ein blasses Traumgesicht;

Im nahen Korne nur

Zirpten die Grillen;

Wie von Geisterhänden

Magisch berührt

Erzitterten leise

Des wilden Weins

Phantastisch sich rankende

Blätter und Blüthen ...

Heiße Worte der Sehnsucht

Entrangen sich zögernd

Dem tiefsten Grunde

Meiner traumbeklomm'nen[21]

In heiligen Schauern

Erbebenden Brust.

Köstlichstumme

Selige Erwiderung

Ward mir von deinen

Duftkeuschen Lippen,

Du süße Frauenseele

An meiner Seite.

Eine Heilige, eine Madonna

Andachtumflossen

In lichter Glorie

Neigtest du lächelnd

Dein liebliches Haupt

Und im Innersten traf mich

Der Liebe Strahl

Aus dem zarten

Durchgeisteten Kinderantlitz.

Berauscht bis in's Mark

Von deiner Engelsmilde

Und frau'nhaften Weiche,

O Anna,

Sank ich in's Knie

Und küßte inbrünstig

Immer wieder und wieder

Deine feinen, weißen, duftigen Hände ...

Von der Blumen Balsam

Lindkosend umflutet

Verschwisterten sich

In brünstiger Umarmung

In der Mainacht Gluthauch

Die unsterblichen Seelen

Zum ewigen Bunde ...

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 21-22.
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