[5] Wie, Herr Graf, Sie wünschen allen Ernstes, daß ich meine Geschichte schreibe? Sie wünschen, daß ich die mystischen Vorgänge schildere, die sich zwischen Fräulein Eradice und dem hochwürdigen Vater Dirrag abspielten? Daß ich Ihnen von den Abenteuern der Frau C. mit dem Abbé T. erzähle? Sie verlangen von einem Mädchen, das niemals etwas geschrieben hat, eine ausführliche Beschreibung, wozu eine systematische Anordnung des Stoffes nötig ist? Sie wünschen ein Gemälde, worauf die Vorgänge, von denen ich Ihnen erzählt habe oder die wir selber mit erlebt haben, mit dem ganzen Zauber der Wollust dargestellt sind? Und Sie wünschen zugleich, daß die metaphysischen Betrachtungen mit ihrer vollen Kraft wiedergegeben werden? Wahrhaftig, mein lieber Graf, dies scheint mir über meine Kräfte zu gehen. Übrigens war Eradice meine Freundin, und Pater Dirrag war mein Beichtvater; ich schulde der Frau C. und dem Abbé T. Gefühle der Dankbarkeit. Soll ich das Vertrauen von Leuten täuschen, gegen die ich die größten Verpflichtungen habe? Denn die Handlungen der einen und die weisen Betrachtungen der anderen haben mir allmählich die Augen geöffnet und mich über die Vorurteile der Jugend aufgeklärt. Aber, sagen Sie, das Beispiel und die Belehrung haben Sie glücklich gemacht – warum wollen Sie nicht versuchen, durch Beispiel und Belehrung auch zum Glücke Ihrer Mitmenschen beizutragen? Welche Furcht hält Sie ab, Wahrheiten niederzuschreiben, die nur dem Nutzen der menschlichen Gesellschaft dienen können?
Nun, mein lieber Wohltäter, so widerstehe ich denn nicht länger: Ich werde schreiben; denkende Menschen werden die Mängel meines Stiles um [6] meiner Aufrichtigkeit willen mir verzeihen, und aus Dummköpfen mache ich mir nicht viel. Nein, Ihre zärtliche Therese wird Ihnen niemals einen Wunsch abschlagen; Sie werden von ihrer zartesten Kindheit an in alle Falten ihres Herzens sehen; ihre ganze Seele wird sich vor Ihnen entfalten in der genauen Beschreibung der kleinen Abenteuer, die sie sozusagen ohne ihr Zutun Schritt für Schritt zum Gipfelpunkt der Wollust geführt haben.
Törichte Menschen! Ihr glaubt es in eurer Macht zu haben, die Leidenschaften zu ersticken, die die Natur euch eingepflanzt hat! Nein, sie sind Gottes Werk! Ihr wollt diese Leidenschaften zerstören, sie in gewisse enge Grenzen bannen. Wahnsinnige! Ihr gebt euch also für neue Schöpfer aus, die mächtiger sein wollen als der alte? Werdet ihr denn niemals sehen, daß alles so ist, wie es sein muß, und daß alles gut ist? Daß alles von Gott ist und nicht von euch, und daß einen Gedanken zu schaffen ebenso schwierig ist wie die Erschaffung eines Armes oder eines Auges?
Mein Lebenslauf ist ein unbestreitbarer Beweis dieser Wahrheiten. Seit meiner zartesten Kindheit hat man mir stets Liebe zur Tugend und Abscheu vor dem Laster gepredigt. Man sagte zu mir: Du wirst nur in dem Maße glücklich sein, wie du die christlichen und moralischen Tugenden übst. Alles was sich davon entfernt, ist Laster; das Laster zieht dir Verachtung zu und die Verachtung erzeugt als natürliche Folgen Scham und Gewissensbisse. – Von der Trefflichkeit dieser Lehren überzeugt, habe ich bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren mich ehrlich bemüht, nach diesen Grundsätzen zu leben. Sie werden sehen, wie weit mir dieses gelungen ist.
[7] Ich bin in der Provinz Vencerop geboren. Mein Vater war ein guter Bürgersmann, ein Kaufmann in dem hübschen Städtchen * * *, wo alles Lust und Freude atmet; die Galanterie scheint das einzige zu sein, wofür die dortige Gesellschaft Interesse hat. Man liebt, sobald man zu denken beginnt und man denkt nur zu dem Zweck, sich die Wonnen der Liebe leichter zu verschaffen. Meine Mutter verband mit der Lebhaftigkeit der Frauen ihrer Heimatprovinz, die der Provinz Vencerop benachbart ist, das glückliche Temperament einer sinnlichen Venceropalin. Meine Eltern lebten sparsam von ihren bescheidenen Renten und von dem Ertrage ihres kleinen Geschäftes. Durch ihre Arbeit änderte sich nichts an dem Stande ihres Vermögens; denn mein Vater bezahlte eine junge Witwe, die in der Nähe unseres Hauses einen Laden hielt, meine Mutter aber wurde von ihrem Liebhaber bezahlt, einem sehr reichen Edelmann, der die Güte hatte, meinen Vater mit seiner Freundschaft zu beehren. Alles ging in bewunderungswürdiger Ordnung vor sich: Man wußte auf beiden Seiten, woran man war, und niemals hat eine Ehe den Eindruck größerer Einigkeit gemacht.
Nachdem zehn Jahre in so löblicher Eintracht verflossen waren, wurde meine Mutter schwanger; sie brachte mich zur Welt. Meine Geburt verursachte ihr ein Leiden, das vielleicht schrecklicher für sie war, als sogar der Tod gewesen wäre: Durch eine heftige Bewegung beim Kreißen entstand ein Riß, der sie in die traurige Notwendigkeit versetzte, für immer auf jene Freuden zu verzichten, denen ich mein Dasein verdanke.
Alles änderte sich jetzt in meinem Elternhause. Meine Mutter wurde fromm. Die eifrigen Besuche des Herrn Marquis, der seinen Abschied erhielt, [8] hörten auf, und dafür kam der Pater Guardian der Kapuziner. Das Zärtlichkeitsbedürfnis meiner Mutter wechselte nun den Gegenstand: Sie gab aus Notwendigkeit von nun an Gott, was sie bis dahin aus Neigung und Temperament dem Marquis gegeben hatte.
Mein Vater starb, als ich noch in der Wiege lag. Meine Mutter zog aus irgendwelchen mir unbekannten Gründen nach der berühmten Hafenstadt Volnot. Die galanteste Frau war zur keuschesten, vielleicht auch tugendhaftesten geworden, die jemals gelebt.
Ich war kaum sieben Jahre alt, als meine zärtliche Mutter in ihrer unaufhörlichen Sorge um meine Gesundheit und um meine Erziehung bemerkte, daß ich zusehends abmagerte. Ein geschickter Arzt wurde gerufen und wegen meiner Krankheit befragt. Ich hatte einen unstillbaren Hunger, aber kein Fieber und keine Schmerzen; trotzdem schwand meine Lebhaftigkeit dahin, und meine Beine vermochten mich kaum noch zu tragen. Meine Mutter fürchtete für mein Leben; sie ließ mich keinen Augenblick von ihrer Seite, und ich mußte in ihrem Bett schlafen. Wie groß war ihre Überraschung, als sie eines Nachts bemerkte, daß ich im Schlaf die Hand auf jenem Körperteil hatte, der uns von den Männern unterscheidet, und daß ich durch ein sanftes Reiben mir Genüsse verschaffte, die unter Mädchen von fünfzehn Jahren gang und gäbe sind, die aber einem Mädchen von sieben Jahren nicht bekannt zu sein pflegen. Meine Mutter wollte kaum ihren Augen trauen, leise hob sie Decke und Bettlaken hoch; sie holte die Lampe, die in dem Zimmer brannte, und wartete als kluge und erfahrene Frau die weitere Entwicklung ab. Es kam, wie es kommen mußte: Ich bewegte mich hin [10] und her, ich zitterte, und – der Genuß erweckte mich.
In der ersten Aufregung schalt meine Mutter mich tüchtig aus; sie fragte mich, wo ich die Greuel gelernt hätte, die sie soeben beobachtet hätte. Ich antwortete ihr weinend, ich wüßte nicht, was ich ihr zu Leide getan hätte, und ich wüßte nicht, was sie mit den von ihr gebrauchten Ausdrücken »unanständige Berührung«, »Schamlosigkeit« und »Todsünde« sagen wollte. Die Naivität meiner Antworten überzeugte sie von meiner Unschuld. Ich schlief wieder ein. Von neuem begann ich mich zu kitzeln, von neuem schalt meine Mutter mich aus. Nachdem sie mich mehrere Nächte aufmerksam beobachtet hatte, bezweifelte sie nicht mehr, daß die Stärke meiner Sinnlichkeit mich trieb, im Schlafe zu tun, woran so viele arme Nonnen im Wachen Trost finden. Meine Mutter beschloß, mir die Hände eng zusammenzubinden, so daß es mir unmöglich war, meine nächtlichen Unterhaltungen noch weiterhin fortzusetzen.
Bald hatte ich meine Gesundheit und frühere Kraft wiedererlangt. Ich legte die übliche Gewohnheit ab, aber meine Sinnlichkeit wurde immer größer. Im Alter von neun oder zehn Jahren verspürte ich eine seltsame Unruhe, fühlte ich Begierden, deren Ziel ich nicht kannte. Mit anderen kleinen Mädchen und Knaben meines Alters war ich oft auf einem Dachboden beisammen. Dort trieben wir unsere kleinen Spiele. Einer von uns wurde zum Schulmeister erwählt; das geringste Vergehen wurde mit dem Stock bestraft. Die Knaben ließen ihre Höschen herunter, die Mädchen hoben Röckchen und Hemdchen hoch. Wir betrachteten uns gegenseitig aufmerksam; fünf oder sechs kleine Popochen wurden eins nach dem andern bewundert, [11] gestreichelt und gepeitscht. Die Gnigni der Knaben, wie wir es nannten, waren ein Spielzeug für uns; hundertmal streichelten wir sie mit den Fingern, nahmen sie in die Hand, machten Püppchen daraus und küßten das kleine Instrument, von dessen Gebrauch und Wert wir gar keine Ahnung hatten. Dann kamen unsere Popochen dran. Auch sie wurden geküßt. Nur um den Mittelpunkt aller Freuden kümmerte niemand sich. Woher kam diese Vernachlässigung? Ich weiß es nicht. Aber so waren unsere Spiele; die einfache Natur leitete sie, ich schildere sie der Wahrheit gemäß.
Nachdem ich mich zwei Jahre lang diesen unschuldigen Ausschweifungen hingegeben hatte, brachte meine Mutter mich in ein Kloster; ich war damals ungefähr elf Jahre alt. Die erste Sorge der Oberin war, mich auf meine erste Beichte vorzubereiten. Ich trat ohne Furcht vor dieses Gericht, denn ich hatte keine Gewissensbisse. Dem alten Guardian der Kapuziner, der das Gewissen meiner Mutter beriet und auch mir die Beichte abhörte, sagte ich alle die dummen kleinen Sünden eines Mädchens meines Alters. Nachdem ich alle Fehler eingestanden hatte, deren ich schuldig zu sein glaubte, sagte der gute Vater zu mir: Du wirst eines Tages eine Heilige sein, wenn du wie bisher die von deiner Mutter dir eingeflößten Grundsätze der Tugend befolgst. Vor allen Dingen höre niemals auf den Teufel des Fleisches! Ich bin der Beichtvater deiner Mutter; was sie mir von deiner Neigung zur Unkeuschheit, dem gemeinsten aller Laster, erzählte, hatte mich ernstlich beunruhigt. Ich freue mich herzlich, daß sie sich geirrt hat. Die Krankheit, an der du vor vier Jahren littest, hatte sie auf diesen Gedanken gebracht; ohne ihre treue Sorge, mein liebes Kind, wärest du verloren gewesen an [12] Leib und Seele. Ja, ich bin jetzt gewiß, daß deine Bewegungen, die sie beobachtete, unfreiwillig waren, und ich bin überzeugt, daß der Schluß, den sie daraus auf dein Seelenheil zog, irrig war.
Was mein Beichtiger mir sagte, beunruhigte mich, und ich fragte ihn, was ich denn nur getan hätte, daß meine Mutter einen so schlechten Begriff von mir bekommen hätte? Er sagte mir ohne Umstände in den deutlichsten Worten, was vorgefallen war und welche Maßregeln meine Mutter ergriffen hatte, um mir einen Fehler abzugewöhnen, dessen Folgen ich, wie er sagte, hoffentlich niemals kennenlernen würde.
Diese Worte erinnerten mich unwillkürlich an unsere bereits von mir erwähnten Unterhaltungen auf dem Dachboden. Meine Wangen bedeckten sich mit einer dunklen Röte, sprachlos senkte ich die Augen, und zum erstenmal glaubte ich in unseren Vergnügungen eine Sünde zu sehen. Der Pater fragte mich nach der Ursache meines Schweigens und meiner Traurigkeit; ich sagte ihm alles. Nun verlangte er alle Einzelheiten zu wissen. Die Unschuld meiner Ausdrücke, meine unbefangene Beschreibung unserer Stellungen und unserer Vergnügungen überzeugte ihn noch mehr von meiner Unschuld. Er tadelte diese Spiele, aber er tat es mit einer klugen Vorsicht, wie sie den Dienern der Kirche für gewöhnlich nicht eigen zu sein pflegt. Aber seine Ausdrücke bezeugten zur Genüge, welchen Begriff er sich von meinem Temperament machte. Fasten, Beten, Nachdenken und das Tragen eines Bußhemdes waren die Waffen, mit denen er mir fortan meine Leidenschaften zu bekämpfen befahl.
Berühre niemals, so sprach er zu mir, mit der Hand oder nur auch mit dem Blick deiner Augen jenen gemeinen Körperteil; er ist nichts anderes als [13] der Apfel, der Adam verführt hat, er hat das Menschengeschlecht durch die erste Sünde in Verdammnis gestürzt. In ihm wohnt der Teufel, er ist sein Aufenthalt, sein Thron; lasse dich ja nicht durch diesen Feind Gottes und der Menschen überraschen. Die Natur wird bald diesen Körperteil mit häßlichen Haaren bedecken, gleich jenem Fell, das die wilden Tiere tragen, um durch diese Strafe anzuzeigen, daß du dich seiner schämen mußt, daß Dunkelheit und Vergessenheit sein Los sein müssen. Noch vorsichtiger hüte dich vor jenem Stück Fleisch der jungen Knaben deines Alters, woran ihr dort oben auf dem Dachboden euren Spaß gehabt habt. Dieses Stück Fleisch, meine Tochter, ist die Schlange, die unsere gemeinsame Mutter Eva in Versuchung führte. Laß niemals deine Blicke und Finger durch dieses ekelhafte Tier besudelt werden. Es würde dich stechen und früher oder später unfehlbar dich verschlingen!
Wie, hochwürdiger Vater, antwortete ich ganz aufgeregt, ist es möglich? Kann es eine Schlange sein, und ist es wirklich so gefährlich, wie Sie sagen? Ach, mir kam das Tier so sanft vor! Es hat keine von meinen Freundinnen gebissen; ich versichere Ihnen, es hatte nur einen ganz kleinen Mund und gar keine Zähne – ich habe es genau gesehen ...
Geh, mein Kind, unterbrach mein Beichtvater mich, glaube, was ich dir sage: Die Schlangen, die du vorwitzigerweise angefaßt hast, waren noch zu jung und zu klein, um das Unheil anzurichten, dessen sie fähig sind; aber sie werden länger und dicker, sie werden sich auf dich stürzen, und dann mußt du die Wirkung des Giftes fürchten, das sie mit einer Art von Wut zu verspritzen pflegen: es würde dir Leib und Seele vergiften.
[14] Nach einigen anderen Lehren gleicher Art entließ der gute Pater mich in einem Zustande eigentümlicher Ratlosigkeit.
Ich zog mich in mein Zimmer zurück. Die Worte, die ich vernommen hatte, machten Eindruck auf meine Phantasie; aber der Gedanke an die hübsche Schlange wirkte viel tiefer als die Ermahnungen und Drohungen, die ich hatte anhören müssen. Trotzdem hielt ich ehrlich mein Versprechen; ich widerstand dem Antrieb meines Temperaments und wurde ein Muster von Tugend.
Welche Kämpfe, mein lieber Graf, habe ich bestehen müssen, bis ich fünfundzwanzig Jahre alt war und meine Mutter mich aus dem verdammten Kloster herausnahm! Ich war kaum sechzehn fahre alt, als mich infolge meiner Gedanken eine krankhafte Schwäche überfiel: Ich hatte deutlich zwei Leidenschaften in mir erkannt, die ich unmöglich miteinander versöhnen konnte. Einerseits hatte ich eine aufrichtige Liebe zu Gott; ich wünschte von ganzem Herzen, ihm so zu dienen, wie man mir versicherte, daß er es verlangte. Andererseits fühlte ich heftige Begierden, ohne deren Ziel erraten zu können. Unaufhörlich sah ich das Bild der hübschen Schlange in meiner Seele; im Wachen wie im Schlafen war es, mir unbewußt, vorhanden. Zuweilen glaubte ich in meiner Aufregung, die Schlange in der Hand zu halten; ich streichelte sie, ich bewunderte ihre edle, stolze Haltung, ihre Festigkeit, obgleich ich noch nicht wußte, zu welchem Zweck diese dienen könnte. Mein Herz schlug mit erstaunlicher Schnelligkeit; auf dem Höhepunkt meiner Verzückung oder meines Traumes durchlief mich ein wollüstiges Zittern. Ich war beinahe besinnungslos. Der Apfel zog meine [15] Hand an, mein Finger vertrat die Stelle der Schlange.
Erregt durch diese Vorgefühle der Wonne, war ich keines anderen Gedankens mehr fähig; hätte sich die Hölle vor meinen Augen auf getan, ich wäre nicht imstande gewesen, innezuhalten. Nutzlose Gewissensbisse! Ich versank ganz und gar in Wollust. Aber dann die Unruhe nachher! Fasten, Geißeln, Nachdenken waren meine Zuflucht; ich zerfloß in Tränen. Diese Mittel heilten mich allerdings von meiner Leidenschaft; aber sie zerstörten nicht nur meine Sinnlichkeit, sondern auch meine Gesundheit. Ich geriet schließlich in einen Zustand von Schwäche, der mich zusehends dem Grabe zuführte, bis endlich meine Mutter mich aus dem Kloster nahm. –
Antwortet mir, betrügerische oder unwissende Priester, die ihr nach eurem Belieben uns Verbrechen andichtet: Wer hatte die beiden Leidenschaften in mich gepflanzt, mit denen ich zu kämpfen hatte, Liebe zu Gott und Liebe zum fleischlichen Genuß? War es die Natur oder der Teufel? Entscheidet euch! Oder wagt ihr wirklich zu behaupten, daß der Teufel oder die Natur mächtiger seien als Gott? Wenn sie ihm untergeordnet sind, so mußte also Gott erlaubt haben, daß diese Leidenschaften in mir waren; dann war es sein Werk.
Aber, werdet ihr mir antworten, Gott hat dir die Vernunft gegeben, um dich aufzuklären.
Gewiß, aber nicht um meinen Willen zu bestimmen. Die Vernunft hat mich allerdings die beiden Leidenschaften bemerken lassen, durch die ich bewegt war. Durch sie habe ich später begriffen, daß ich diese beiden Leidenschaften in ihrer ganzen Gewalt von Gott habe, wie ich alles von Gott habe. [16] Aber eben diese Vernunft, die mich aufklärte, gab mir keine Willenskraft.
Aber Gott hatte dir doch die Herrschaft über deinen Willen gelassen; du warst frei, dich für das Gute oder für das Böse zu entscheiden.
Das ist ein reines Spiel mit Worten. Die Stärke dieses Willens und dieser augenblicklichen Freiheit entspricht nur der Stärke der Leidenschaften und Begierden, die uns treiben. Ich habe zum Beispiel anscheinend die Freiheit mich zu töten, mich aus dem Fenster zu stürzen. Keineswegs! Sobald die Liebe zum Leben stärker in mir ist als der Wunsch zu sterben, werde ich mich niemals töten.
Aber man ist doch gewiß der freie Herr, den Armen oder seinem mildherzigen Beichtvater hundert Goldstücke zu geben, die man in der Tasche hat.
Man ist's nicht. Wenn der Wunsch, sein Geld zu behalten stärker ist als der, eine unnütze Vergebung seiner Sünden zu erlangen, so wird man selbstverständlich sein Geld nicht hergeben. – Mit einem Wort, ein jeder kann sich selber überzeugen, daß die Vernunft nur dazu da ist, dem Menschen zu zeigen, wie stark sein Wunsch ist, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen, und wieviel Behagen oder Unbehagen ihm dies verursachen wird. Aus dieser von der Vernunft erlangten Kenntnis ergibt sich unser sogenannter Wille. Aber dieser Wille hängt vollkommen so von dem Grade unserer Leidenschaft oder unseres Wunsches ab, wie ein Gewicht von vier Pfund notwendigerweise die Schale einer Waage zum Sinken bringt, deren andere Schale nur durch ein Gewicht von zwei Pfund belastet wird.
Aber bin ich denn nicht mein freier Herr, beim Essen eine Flasche Burgunder oder eine Flasche[17] Champagner zu trinken? Bin ich nicht mein freier Herr, in der großen Allee der Tuilerien oder auf der Terrasse der Feuillants spazierenzugehen?
Ich gebe zu, daß wir in allen Fällen, wo die Entscheidung unserer Seele völlig gleichgültig ist, wo unsere Wünsche, ob etwas so oder so ausfällt, sich das Gleichgewicht halten, diesen Mangel an Freiheit nicht bemerken können: In der Ferne bemerken wir eben die einzelnen Gegenstände nicht mehr. Aber treten wir diesen Gegenständen ein bißchen näher, so werden wir bald deutlich bemerken, daß die Handlungen unseres Lebens durch mechanische Gesetze bestimmt werden, und sobald wir eines dieser Gesetze kennen, werden wir sie alle kennen, denn die Natur handelt stets nach einem und demselben Grundsatz. – Sie setzen sich zu Tisch; man trägt Ihnen Austern auf, dies entscheidet Sie für den Champagner.
Aber, sagen Sie, ich hätte auch Burgunder wählen können. Es stand mir frei, dies zu tun.
Ich sage: Nein! Allerdings hätte ein anderer Beweggrund, eine andere Lust, die stärker gewesen wäre als die erste, Sie bewegen können, Burgunder zu trinken. Nun, in diesem Fall hätte eben diese zweite Lust Sie in Ihrer angeblichen Willensfreiheit gelenkt.
Sie treten in die Tuilerien ein und sehen auf der Terrasse der Feuillants eine Ihnen bekannte hübsche Frau. Sie entschließen sich, zu ihr zu gehen, es sei denn, daß ein anderer Grund Sie nach der großen Allee zieht, um dort Ihren Nutzen oder ein Vergnügen zu verfolgen. Aber, mag Ihre Wahl für diese oder jene Seite ausfallen, stets wird es ein Wunsch sein, der Sie mit unwiderstehlicher Gewalt veranlaßt, unabhängig von Ihrem Willen diesen oder jenen Entschluß zu fassen.
[18] Um zugeben zu können, daß der Mensch frei ist, müßte man annehmen, daß seine Entschlüsse aus ihm selber hervorgehen; wenn er sich aber je nach der mehr oder weniger großen Leidenschaft entschließt, womit ihn die Natur und seine Sinne begabt haben, so ist er nicht frei: die größere oder geringere Stärke eines Wunsches bestimmt ihn so unwiderstehlich, wie ein vierpfündiges Gewicht ein dreipfündiges hochschnellt.
Und ferner frage ich Sie: Was hindert Sie, über diese Frage ebenso zu denken wie ich, und warum kann ich mich nicht entschließen, darüber ebenso zu denken wie Sie? Ohne Zweifel werden Sie mir antworten, daß Ihre Gedanken, Ihre Begriffe, Ihre Empfindungen Sie zwingen, so zu denken, wie Sie es tun. Diese Erwägung aber muß Sie innerlich überzeugen, daß es nicht in Ihrem Belieben steht, ebenso zu denken wie ich, und daß es nicht von mir abhängt, ebenso zu denken wie Sie, und darum müssen Sie wohl zugeben, daß wir nicht nach unserem Belieben so oder anders denken können. Wenn wir aber nicht die Freiheit des Denkens besitzen, wie könnten wir dann in Freiheit handeln? Das Denken ist ja die Ursache, das Handeln ist nur die Wirkung. Kann aber aus einer nicht freien Ursache eine freie Wirkung hervorgehen? Dies wäre ein Widerspruch in sich selbst.
Um uns vollends von dieser Wahrheit zu überzeugen, wollen wir uns von der Fackel der Erfahrung erleuchten lassen: Gregor, Dämon und Philint sind drei Brüder, die von denselben Lehrern bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren erzogen worden sind; sie haben sich niemals verlassen, sie haben die gleiche Erziehung, den gleichen Unterricht in Moral und in der Religion erhalten. Trotzdem liebt Gregor den Wein, Dämon liebt die [19] Frauen und Philint ist fromm. Was hat nun den Willen dieser drei Brüder in dreifach verschiedener Weise bestimmt? Die Kenntnis des moralisch Guten und Bösen kann es nicht sein, denn sie hatten von denselben Lehrern dieselben Lehren erhalten. Jeder von ihnen hatte also in sich selber verschiedene Grundsätze und verschiedene Leidenschaften, und durch diese wurde trotz der Gleichförmigkeit der erworbenen Kenntnisse ein verschiedener Wille ausgebildet. Ich gehe noch weiter: Gregor, der den Wein liebte, war der ehrenhafteste Mensch, der unterhaltendste Gesellschafter, der beste Freund, wenn er nicht getrunken hatte; sobald er aber den Zaubertrank im Leibe hatte, wurde er boshaft, verleumderisch, händelsüchtig; er hätte mit Wonne seinem besten Freund den Hals abgeschnitten. War nun Gregor freier Herr über diese Willensänderung, die sich plötzlich in ihm vollzog? Nein, ganz gewiß nicht; denn bei kaltem Blut verabscheute er die Handlungen, die er im Weinrausch hatte begehen müssen. Einige Dummköpfe bewunderten allerdings die Enthaltsamkeit Gregors, der die Frauen nicht liebte, die Nüchternheit Dämons, der den Wein nicht liebte, und die Frömmigkeit Philints, der weder Frauen noch Wein liebte, aber dasselbe Vergnügen wie die beiden andern in seiner Neigung zur Frömmigkeit fand. So betrügen die meisten Menschen sich selber mit ihren eigenen Begriffen von den menschlichen Lastern und Tugenden.
Hieraus folgt: Die Art der Organe, die Verteilung der Fibern im Körper, eine gewisse Bewegung, das Vorhandensein von Säften – dies alles bestimmt die Art unserer Leidenschaften; der Grad ihrer Stärke bestimmt unseren Willen bei den wichtigsten Angelegenheiten unseres Lebens. Und so gibt [20] es leidenschaftliche Menschen, weise Menschen, verrückte Menschen. Der Verrückte ist nicht mehr oder weniger frei als die beiden andern, denn er handelt nach denselben Grundsätzen. Die Natur ist immer gleich. Wenn wir annehmen, daß der Mensch frei sei und seinem eigenen Willen folge, so setzen wir ihn damit Gott gleich.
Doch zurück zu meiner Geschichte!
Wie ich bereits sagte, nahm mich meine Mutter beinahe sterbend aus dem Kloster, als ich dreiundzwanzig Jahre alt war. Mein ganzer Körper war erschöpft; mit meiner gelben Haut, meinen fahlen Lippen glich ich einem lebenden Skelett. Die Frömmigkeit hätte mich zur Selbstmörderin gemacht, wenn ich nicht im letzten Augenblick in das Haus meiner Mutter zurückgekehrt wäre. Ein tüchtiger Arzt, den sie in mein Kloster schickte, hatte sofort den Ursprung meiner Krankheit erkannt. Jener göttliche Saft, der uns die einzige körperliche Wonne verschafft, die einzige Wonne, deren Genuß keine Bitterkeit hinterläßt – jener Saft, dessen Erguß Menschen von gewissem Temperament ebenso notwendig ist wie die Aufnahme von Nahrungsmitteln –, jener Saft war aus den Gefäßen, die zu seiner Aufnahme bestimmt sind, in andere Gefäße übergetreten, und dadurch war mein ganzer Körper in Unordnung geraten. Man riet meiner Mutter, mir einen Gatten zu suchen; dies sei das einzige Mittel, um mir das Leben zu retten. Sie sprach freundlich mit mir darüber, aber ich war völlig in meinen Vorurteilen befangen und antwortete ihr schroff, ich wolle lieber sterben als Gott mißfallen, indem ich eine Ehe einginge, denn dies sei eine verächtliche Sache, die er nur in seiner großen Güte dulde. Alle Gründe, die sie vorbrachte, erschütterten mich nicht; meine geschwächte [21] Natur ließ keine Wünsche mehr für diese Welt, ich sehnte mich nur noch nach dem Glück, das man mir dort in der andern verheißen hatte.
Ich setzte also mit ungeheurem Eifer meine frommen Übungen fort. Man hatte mir viel von dem berühmten Pater Dirrag erzählt; ich suchte ihn auf, er wurde mein Gewissensrat, und sein eifrigstes Beichtkind, Fräulein Eradice, wurde bald meine beste Freundin.
Sie kennen, mein lieber Graf, die Geschichte dieser beiden berühmten Persönlichkeiten; ich denke nicht daran, Ihnen alles zu wiederholen, was die öffentliche Meinung von ihnen weiß und von ihnen gesagt hat; aber ein eigentümlicher Vorfall, dessen Zeugin ich war, wird Sie vielleicht ergötzen und wird dazu beitragen, Sie zu überzeugen, daß Fräulein Eradice, wenn sie sich auch schließlich mit vollem Bewußtsein den Umarmungen des Muckers preisgegeben hat, doch jedenfalls lange Zeit von ihrer eigenen wollüstigen Frömmigkeit betrogen worden ist.
Fräulein Eradice war meine zärtlichste Freundin geworden; sie vertraute mir ihre geheimsten Gedanken an. Wir trieben die gleichen frommen Übungen, wir dachten vollkommen gleich, und wir hatten vielleicht auch das gleiche Temperament; durch dies alles wurden wir unzertrennlich. Wir waren beide tugendhaft, und unsere herrschende Leidenschaft war der Wunsch, für fromm zu gelten, noch mehr aber, schließlich sogar Wunder zu vollbringen. Diese Leidenschaft beherrschte meine Freundin so mächtig, daß sie mit der Standhaftigkeit der ersten christlichen Blutzeugen alle möglichen Foltern ertragen haben würde, wenn man ihr eingeredet hätte, es könnte ihr dadurch gelingen, [22] einen zweiten Lazarus von den Toten zu erwecken. Pater Dirrag besaß im höchsten Maße die Gabe, sie alles glauben zu machen, was er wollte.
Eradice hatte mir mehrere Male mit einer Art von Eitelkeit gesagt, der Pater teile sich nur ihr ganz und gar mit; bei den vertraulichen Unterhaltungen, die sie oft in ihrem Hause hätten, habe er ihr versichert, sie brauche nur noch wenige Schritte zurückzulegen, um eine Heilige zu werden; dies habe Gott ihm in einem Traum enthüllt; hierdurch habe er klar und deutlich erkannt, daß sie demnächst die größten Wunder verrichten würde, wenn sie fortführe, Tugend zu üben und das Fleisch abzutöten.
Eifersucht und Neid findet man in allen Ständen der Menschen; aber fromme Jungfrauen sind vielleicht am empfänglichsten dafür.
Eradice bemerkte, daß ich auf ihr Glück eifersüchtig war und daß ich sogar an ihre Erzählungen nicht zu glauben schien. Ich war allerdings über ihre Berichte von seinen vertraulichen Gesprächen mit ihr um so mehr erstaunt, als der Pater es stets vermieden hatte, mit mir im Hause einer seiner Büßerinnen ähnliche Gespräche zu führen. Diese Büßerin war ebenfalls meine Freundin und war wie Eradice stigmatisiert. Ohne Zweifel waren mein trauriges Gesicht und meine gelbe Haut dem ehrwürdigen Vater nicht anregend genug erschienen, um ihn in die notwendige Stimmung für seine geistlichen Arbeiten zu versetzen. Ich war ärgerlich darüber: Für mich gab es keine Stigmata, für mich keine vertraulichen Frömmigkeitsübungen! Meine Verdrießlichkeit wurde sichtbar, ich tat, wie wenn ich an die Erzählungen meiner Freundin überhaupt nicht glaubte.
[23] Hierüber regte Eradice sich auf; sie erbot sich, mich schon am nächsten Morgen zur Augenzeugin ihres Glückes zu machen. Du wirst sehen, sagte sie feurig zu mir, wie kräftig meine geistlichen Übungen sind, wie der gute Vater von einem Grade der Buße zum anderen mich dem Ziel entgegenführt, eine große Heilige zu werden, und du wirst nicht mehr an den Ekstasen und Verzückungen zweifeln, die eine Folge eben dieser Übungen sind. Möchte doch, meine liebe Therese, mein Beispiel an dir das erste Wunder wirken, daß es kraft geistlichen Nachdenkens deinen Geist völlig dem Stoff abwendet und zu Gott allein hinführt!
Am anderen Morgen ging ich der Verabredung gemäß schon um fünf Uhr zu Eradice. Ich fand sie im Gebet, ein Buch in der Hand. Sie sagte zu mir: Der heilige Mann wird gleich kommen und Gott mit ihm. Verbirg dich in jenem Kämmerchen; von dort aus kannst du hören und sehen, wie weit durch die from me Sorge unseres Beichtvaters seine göttliche Güte für ein niedriges Geschöpf sich erstreckt.
Gleich darauf wurde leise an die Tür geklopft; ich flüchtete in die Kammer, deren Schlüssel Eradice an sich nahm. Ein handgroßes Loch in der Kammertür, das mit einer alten bergamaskischen Stickerei verdeckt war, gestattete mir, das ganze Zimmer frei zu übersehen, ohne daß ich selber bemerkt werden konnte.
Der gute Pater trat ein und sagte zu ihr: Guten Morgen, meine liebe Schwester in Gott, der heilige Geist von Sankt Franziskus sei bei Ihnen!
Sie wollte sich ihm zu Füßen werfen, er aber hob sie auf und befahl ihr, sich neben ihn zu setzen. Dann sagte der heilige Mann zu ihr: Ich muß Ihnen die Grundsätze wiederholen, von denen Sie bei allen[24] Handlungen Ihres Lebens sich müssen leiten lassen; aber sagen Sie mir zuvor, wie es mit Ihren Wundmalen steht; ist das Stigma, das Sie auf der Brust haben, noch immer in demselben Zustande? Lassen Sie einmal sehen!
Eradice entblößte sofort ihre linke Brust, unterhalb welcher sich das Stigma befand.
Oh, oh, halten Sie ein, Schwester! Bedecken Sie Ihren Busen mit diesem Taschentuch! (Er reichte ihr ein Tuch.) Solche Dinge sind nicht für ein Mitglied unserer Gesellschaft gemacht; es wird genügen, wenn ich die Wunde sehe, die der heilige Franz Ihnen aufgedrückt hat. Ah, sie ist noch da, gut, ich bin zufrieden. Sankt Franziskus liebt Sie immer noch; die Wunde ist rosig und rein. Ich habe auch wieder das heilige Stück von seinem Strick mitgebracht; wir werden es später bei unseren Übungen nötig haben. Ich haben Ihnen schon gesagt, liebe Schwester, daß ich Sie vor allen meinen Beichtkindern, Ihren Freundinnen, auszeichne, weil ich sehe, daß der liebe Gott selber Sie vor seiner frommen Herde auszeichnet, wie die Sonne vor dem Mond, vor den anderen Planeten ausgezeichnet ist. Aus diesem Grunde habe ich mich auch nicht gescheut, vor Ihnen die verborgensten Geheimnisse zu enthüllen. Ich habe Ihnen gesagt, meine liebe Schwester: Vergessen Sie sich und lassen Sie geschehen; Gott will von den Menschen nur Herz und Geist. Nur wenn Sie den Körper vergessen, kann es Ihnen gelingen, in Gott aufzugehen, eine Heilige zu werden, Wunder zu wirken. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, mein kleiner Engel, daß ich bei unserer letzten Übung bemerkt habe, daß Ihr Geist noch dem Fleisch Untertan ist. Wie? Konnten Sie denn nicht wenigstens zum Teil es machen wie jene seligen Märtyrer, welche gegeißelt, mit glühenden [25] Zangen gezwickt, auf dem Rost gebraten wurden, ohne den geringsten Schmerz zu leiden, weil all ihr Denken dermaßen von Gottes Ruhm erfüllt war, daß jeder kleinste Teil ihres Geistes nur damit beschäftigt war? Unsere Sinne, liebe Tochter, sind untrügliche Werkzeuge: Nur durch sie fühlen wir, nur durch sie begreifen wir sowohl das körperliche wie das moralische Gute und Böse. Sobald wir einen Gegenstand berühren, hören, sehen, fließen kleine Teilchen unseres Geistes in die kleinen Nervenhöhlungen, und dadurch erhält die Seele Mitteilungen. Wenn Sie stark genug an die Liebe denken, die Sie Gott schuldig sind, um alle Partikeln Ihres Geistes zusammenzuhalten und nur auf diesen Gegenstand zu konzentrieren, so wird ganz gewiß keine einzige Partikel übrigbleiben, um Ihrer Seele Kunde zu geben von den Schlägen, die Ihr Fleisch empfängt: Sie werden sie nicht fühlen. Sehen Sie den Jäger, wie seine ganze Seele von dem Gedanken an das Wild erfüllt ist, das er verfolgt; er fühlt weder Stacheln noch Dornen, wenn er durch das Dickicht der Wälder bricht. Sie sind schwächer als er, aber der Gegenstand, der Sie beschäftigt, erregt tausendmal mehr Ihre Teilnahme. Werden Sie die schwachen Schläge der Geißel fühlen, wenn Ihre Seele so tief von dem Gedanken an das Glück erfüllt ist, das Sie erwartet? Diese Prüfung müssen wir überstehen, wenn wir Wunder vollbringen wollen; solchen Grad der Vollkommenheit müssen wir erreichen, wenn wir in Gott aufgehen wollen!
Wir wollen gewinnen, liebe Tochter: Erfüllen Sie gut Ihre Pflicht und seien Sie gewiß: Dank dem Strick des heiligen Franziskus und dank Ihren frommen Betrachtungen wird diese heilige Übung mit einem Schauer unaussprechlicher Wonne für [26] Sie enden. Auf die Knie, mein Kind! Entblößen Sie jene Teile des Fleisches, die Gottes Zorn erregen; der Schmerz, den Sie erleiden, wird Ihren Geist in innige Verbindung mit Gott bringen. Ich wiederhole Ihnen: Vergessen Sie sich und lassen Sie geschehen!
Fräulein Eradice gehorchte sofort, ohne ein Wort zu erwidern. Ein Buch vor sich hinhaltend, kniete sie auf einen Betschemel nieder. Hierauf hob sie ihre Röcke und ihr Hemd bis zum Gürtel hoch und zeigte ihre schneeweißen und vollkommen geformten runden Hinterbacken, die von zwei herrlich schönen Schenkeln getragen wurden.
Heben Sie Ihr Hemd noch höher! sagte er zu ihr. Es sitzt nicht gut. So – jetzt ist es besser. Nun falten Sie Ihre Hände und erheben Sie Ihre Seele zu Gott. Erfüllen Sie Ihren Geist mit den Gedanken an das ewige Glück, das Ihnen verheißen ist!
Der Pater zog nun seinen Schemel heran und kniete ein wenig rückwärts neben ihr nieder. Unter seiner Kutte, die er hoch schürzte und an seinem Gürtel befestigte, zog er ein dickes Bündel langer Ruten hervor, das er seiner Büßerin zum Kuß reichte.
Von einem frommen Schauer erfüllt, beobachtete ich aufmerksam diesen Vorgang; ich fühlte eine Art von Entsetzen, das ich nicht beschreiben kann. Eradice sagte kein Wort. Der Pater betrachtete mit glühenden Blicken ihre Schenkel, die er vor sich hatte; und während er seine Blicke auf sie geheftet hielt, hörte ich ihn voll Bewunderung leise flüstern: Ach, der schöne Busen! Was für reizende Brüste!
Bald bückte er sich, bald richtete er sich wieder auf, wobei er einige Bibelworte murmelte. Nichts entging seiner geilen Neugier. Nach einigen Minuten [28] fragte er die Büßerin, ob ihre Seele in Andacht sei.
Ja, ehrwürdigster Vater! Ich fühle, daß meine Seele sich vom Fleisch loslöst, und ich flehe Sie an, das heilige Werk zu beginnen.
Dies genügt. Ihr Geist wird zufrieden sein.
Er sagte noch einige Gebete her, und die Zeremonie begann mit drei ziemlich leichten Rutenschlägen, die er ihr auf den Hintern versetzte. Diesen drei Schlägen folgte ein Bibelvers, den er hersagte. Hierauf kamen wieder drei Rutenstreiche, etwas stärker als die ersten.
Nachdem er fünf oder sechs Verse hergesagt und jedesmal auf die gleiche Art unterbrochen hatte, sah ich plötzlich zu meiner höchsten Überraschung den Pater Dirrag seine Hose aufknöpfen, und es schoß ein glühender Pfeil hervor, der jener verhängnisvollen Schlange glich, um welche mein früherer Beichtvater mich gescholten hatte.
Das Ungeheuer war so lang, so dick und so fest wie jenes, von denen der Kapuziner gesprochen hatte; ich schauderte vor Entsetzen. Der rote Kopf dieser Schlange schien Eradices Hinterbacken zu bedrohen, die von den Schlägen eine wunderschöne rote Farbe angenommen hatten. Das Gesicht des Paters glühte.
Sie müssen jetzt, sagte er, im Zustande vollkommener Andacht sein: Ihre Seele muß von den Sinnen losgelöst sein. Wenn meine Tochter meine frommen Hoffnungen nicht enttäuscht, so sieht, hört, fühlt sie nichts mehr.
In demselben Augenblicke ließ der grausame Mensch einen Hagelschauer von Schlägen auf Eradices Körperteile niedersausen, die sie entblößt hatte. Sie sagte jedoch kein Wort dabei; sie war anscheinend [30] unbeweglich und ganz gefühllos gegen diese entsetzlichen Schläge; ich bemerkte an ihr nur eine krampfhafte Bewegung ihrer beiden Hinterbacken, die sich jeden Augenblick zusammenzogen und wieder ausdehnten.
Ich bin mit Ihnen zufrieden, sagte er zu ihr, nachdem er sie eine Viertelstunde lang auf diese grausame Art gezüchtigt hatte. Es ist Zeit, daß Sie die Früchte Ihrer heiligen Arbeiten zu genießen beginnen. Hören Sie nicht auf mich, meine liebe Tochter, aber lassen Sie sich leiten. Werfen Sie sich mit dem Gesicht zur Erde nieder; ich werde mit dem ehrwürdigen Strick des heiligen Franziskus alles Unreine vertreiben, das noch in Ihnen ist.
Der gute Pater brachte sie nun in eine Stellung, die allerdings erniedrigend, aber für seine Absichten sehr bequem war. Niemals hatte ich meine Freundin so schön gesehen: Ihre Hinterbacken waren halb geöffnet, und ich sah den doppelten Weg zur Wonne offen vor mir liegen.
Nachdem der Mucker sie einen Augenblick bewundert hatte, benetzte er den sogenannten Strick mit Speichel, hierauf sprach er einige Worte im Tone eines Priesters, der durch seine Beschwörung den Teufel aus dem Leibe eines Besessenen austreibt, und dann begann der ehrwürdige Herr den Strick hineinzuschieben.
Ich konnte von meinem Platz aus den geringsten Umstand des ganzen Vorganges sehen; die Fenster des Zimmers lagen der Tür der Kammer gegenüber, worin ich eingeschlossen war. Eradice kniete auf dem Fußboden; ihre Arme hatte sie über den Fuß ihres Betschemels gekreuzt, und ihren Kopf stützte sie auf die Arme. Ihr Hemd war sorgfältig bis zum Gürtel aufgehoben, und ich konnte halb von der Seite ihren Hintern und eine Rückenlinie von [31] herrlicher Schönheit sehen. Dieser lockende Anblick fesselte die Aufmerksamkeit des ehrwürdigsten Vaters, der sich selber auf die Knie geworfen hatte. Er hatte die Beine seines Beichtkindes zwischen die seinigen geklemmt, seine Hosen hatte er heruntergelassen, in der Hand hielt er seinen schrecklichen Strick, und in dieser Stellung murmelte er einige unverständliche Worte.
In dieser erbaulichen Stellung verharrte er einige Augenblicke; er musterte den Altar mit glühenden Blicken und schien unentschlossen zu sein, in welcher Form er das Opfer darbringen wollte. Zwei Mündungen boten sich ihm; ungewiß, welche er wählen sollte, verschlang er sie beide mit den Augen. Die eine war ein Leckerbissen für einen solchen Kuttenträger; aber er hatte seiner Büßerin Wonne, Verzückung versprochen. Wie sollte er's also anfangen? Mehrere Male wagte er es, mit der Spitze seines Werkzeugs leise an die Lieblingstür zu pochen; endlich aber war die Klugheit stärker als die Lust. Ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen: Ich sah deutlich den rötlichen Priap Seiner Ehrwürden den kanonischen Weg einschlagen, nachdem der fromme Herr mit dem Daumen und Zeigefinger jeder Hand die rosigen Schamlippen zart zur Seite geschoben hatte.
Die Arbeit begann mit drei kräftigen Stößen, durch die er ungefähr die Hälfte hineinbrachte; dann verwandelte sich plötzlich die anscheinende Ruhe des Paters in eine Art von Wut. Welch ein Gesicht: Gott, stellen Sie sich, Herr Graf, einen Satter vor, der offenen Mundes mit schaumbedeckten Lippen bald mit den Zähnen knirscht, bald wie ein Stier schnauft, der brüllen will. Seine Nüstern waren leicht geöffnet und zitterten. Seine Hände hielt er einige Fingerbreit über Eradices Hinterteil; ich [32] sah, daß er es nicht wagte, sich mit ihnen aufzustützen; seine Finger waren krankhaft gespreizt und sahen aus wie die Pfoten eines gebratenen Kapauns. Den Kopf hielt er gesenkt, und seine funkelnden Augen hafteten fest an der Arbeit des sogenannten Stricks, dessen Hin und Her er genau bemaß, so daß er beim Zurückziehen niemals die Scheide verließ und daß beim Eindringen sein Bauch niemals den Hintern der Büßerin berührte, die sonst leicht hätte ahnen können, woran der angebliche Strick befestigt war. Welche Geistesgegenwart!
Ich sah, daß ungefähr eines Daumens Breite des heiligen Werkzeuges beständig draußen blieb und nicht an dem Fest teilnahm. Ich sah, daß bei jeder Rückwärtsbewegung des Paters die Schamlippen des Fräulein Eradice sich halb öffneten und mit ihrer lebhaften rosigen Färbung einen entzückenden Anblick boten. Wenn dagegen der Pater sich vorwärts bewegte, so sah ich von diesen Schamlippen nichts mehr als die feinen schwarzen Haare, die sie bedeckten; dann umschlossen sie den Pfeil so eng, daß er von ihnen verschlungen zu sein schien und daß man kaum erraten konnte, welcher von den beiden handelnden Personen jener Zapfen angehörte, an welchem sie beide befestigt zu sein schienen.
Welches Schauspiel, mein lieber Graf, für ein junges Mädchen, das von derartigen Geheimnissen gar nichts wußte! Die verschiedensten Gedanken gingen mir durch den Kopf, aber es waren lauter ganz unbestimmte Vorstellungen; ich erinnere mich nur, daß ich zwanzigmal auf dem Sprunge stand, mich dem berühmten Beichtvater zu Füßen zu werfen und ihn zu beschwören, es mit mir ebenso zu machen, wie mit meiner Freundin. War [33] dies Frömmigkeit? War es fleischliche Begierde? Selbst jetzt könnte ich dies nicht genau sagen.
Doch zurück zu unserem frommen Paar! Die Bewegungen des Paters wurden schneller; kaum vermochte er sich noch im Gleichgewicht zu halten. Sein Körper bildete jetzt vom Kopf bis zu den Füßen ungefähr die Form eines S, dessen vordere Ausbauchung sich waagerecht hin und her bewegte.
Ist dein Geist jetzt zufrieden, meine kleine Heilige? fragte er mit einem tiefen Seufzer; ich, ich sehe alle Himmel offen, die Gnade entrückt mich von der Erde, ich ...
Ach, ehrwürdiger Vater, rief Eradice, welche Wonne stachelt mich! Ja, ich genieße himmlisches Glück; ich fühle, daß mein Geist ganz und gar vom Stoff befreit ist. Verjagen Sie, Vater, verjagen Sie alles Unreine, das noch in mir ist. Ich sehe ... die ... Engel; stoßen Sie stärker ... Tiefer ... Stoßen Sie doch ... Ach ...! Ach ...! Guter ... heiliger Franz! Verlaß mich nicht! Ich fühle den Stri ... Stri ... Strick ... Ich kann nicht mehr ... Ich sterbe ...!
Der Pater fühlte ebenfalls die höchste Wonne nahen; er stieß, stammelte, schnaufte, stöhnte. Eradices letzte Worte aber waren für ihn das Signal zum Rückzuge. Ich sah die stolze Schlange, die ganz demütig geworden war, schaumbedeckt herauskriechen.
Alles verschwand wieder in der Hose; der Pater ließ seine Kutte herab und ging mit schwankenden Schritten nach dem Betschemel. Er kniete hin, wie wenn er betete, befahl seinem Beichtkinde aufzustehen, sich zu bedecken und dann neben ihm zu knien, um Gott für die Huld zu danken, die sie von ihm empfangen habe.
Was soll ich Ihnen noch weiter sagen, mein lieber Graf? Dirrag entfernte sich, Eradice öffnete mir [34] die Kammertür, fiel mir um den Hals und rief: Ach, meine liebe Therese, nimm teil an meiner Seligkeit! Ja, ich habe das Paradies offen gesehen, ich habe das Glück der Engel geteilt. Welche Wonnen, liebe Freundin, für einen Augenblick des Schmerzes! Dank dem heiligen Strick war meine Seele beinahe ganz vom Irdischen losgelöst. Du hast wohl gesehen, auf welchem Wege unser guter Beichtvater ihn in meinen Leib eingeführt hat. Nun, ich versichere dir, ich fühlte ihn bis an mein Herz eindringen; noch ein bißchen weiter, und ich wäre ganz gewiß auf immer zu den Seligen im Himmel gekommen!
Eradice sagte mir noch tausend andere Dinge in einem Tone und mit einer Begeisterung, daß ich an der Wirklichkeit der von ihr genossenen höchsten Wonne nicht zweifeln konnte. Ich war so aufgeregt, daß ich ihr kaum antwortete, um ihr Glück zu wünschen; mein Herz klopfte in wilder Erregung, ich umarmte sie und ging.
Wie viele Gedanken kommen mir jetzt! Wie werden die ehrbarsten Anschauungen unserer Gesellschaft mißbraucht! Wie kunstvoll benutzt dieser Kuttenbruder sein Beichtkind zu seinen unzüchtigen Zwecken! Er erhitzt ihr die Phantasie mit der Begierde, eine Heilige zu werden; er redet ihr ein, dies könne ihr nur gelingen, indem sie den Geist vom Fleisch loslöse. Dies könne nur durch harte Züchtigungen erreicht werden. Wahrscheinlich war dies ein Kräftigungsmittel für den Heuchler, wodurch er die erschlaffte Elastizität seines Gliedes wiederherstellte. Er sagt zu ihr: Wenn deine Andacht vollkommen ist, darfst du nichts fühlen, nichts sehen, nichts hören!
Auf diese Weise versichert er sich, daß sie sich nicht umwenden, daß sie von seinen schamlosen [35] Begierden nichts sehen wird. Die Rutenstreiche, die er ihr auf den Hintern gibt, erhöhen das Gefühl in jenem Teil, den er anzugreifen gedenkt, denn sie erhitzen ihn. Der Strick des heiligen Franz, den er seinem Beichtkinde in den Leib steckt, um dadurch alles Unreine zu verjagen, das noch in ihr ist, verschafft ihm den gefahrlosen Genuß der Gunst seiner gelehrigen Neubekehrten: Sie glaubt in eine göttliche, rein geistige Ekstase zu geraten, während sie sich in Wirklichkeit der allersinnlichsten Wollust des Fleisches ergibt.
Ganz Europa hat die Geschichte vom Pater Dirrag und Fräulein Eradice gehört; alle Welt hat darüber gesprochen, aber nur wenige kennen die wirklichen Verhältnisse, die dieser Geschichte zugrunde liegen, die zu einer Parteiangelegenheit zwischen den Molinisten und den Jansenisten wurde. Ich will hier nicht alles wiederholen, was darüber gesagt worden ist: Sie kennen den ganzen Prozeß; Sie haben die Streitschriften gesehen, die von beiden Parteien erschienen sind, und Sie wissen, welche Folgen daraus entstanden. Das Wenige, das ich selbst außer dem soeben geschilderten Vorgang weiß, will ich Ihnen mitteilen.
Fräulein Eradice ist ungefähr ebenso alt wie ich. Sie ist in Volnot geboren und ist die Tochter eines Kaufmanns, in dessen Hause meine Mutter Wohnung nahm, als sie sich hier niederließ. Sie ist gut gewachsen, und ihre Haut ist von einer außerordentlichen Schönheit und entzückend weiß; ihre Haare sind schwarz wie Ebenholz; ihre sehr schönen Augen verleihen ihr das Aussehen einer Madonna. Als Kinder waren wir Freundinnen; als ich aber dann ins Kloster gebracht wurde, verlor ich sie aus den Augen. Ihre Hauptleidenschaft war stets, sich vor ihren Freundinnen auszuzeichnen, von [36] sich sprechen zu machen. Diese Leidenschaft veranlaßte sie, fromm zu werden, weil sie dadurch am leichtesten ihren Zweck erreichen konnte. Sie liebte Gott, wie man einen Liebhaber liebt. Als ich sie als Beichtkind des Paters Dirrag wiederfand, sprach sie nur noch von frommen Betrachtungen, von Andacht, von Gebeten; dies war damals Mode bei der frommen mystischen Sekte in Stadt und Land. Ihr bescheidenes Auf treten hatte sie schon seit langer Zeit in den Ruf hoher Tugend gebracht. Eradice hatte Geist, aber sie wandte diesen nur an, um ihre maßlose Lust zu befriedigen, die sie antrieb, Wunder zu verrichten. Alles, was dieser Leidenschaft schmeichelte, wurde sie für unbestreitbare Wahrheit. So sind wir schwache Menschen: Die herrschende Leidenschaft, die ein jeder von uns hat, absorbiert stets alle anderen. Wir handeln nur nach dieser Leidenschaft, die uns hindert, die einfachsten Tatsachen zu bemerken, die unsern Irrtum sofort zerstören müßten.
Pater Dirrag stammte aus Lôde. Er war damals ungefähr dreiundfünfzig Jahre alt und hatte ein Gesicht, wie unsere Maler es einem Satyr geben. Trotz der ungeheuren Häßlichkeit lag etwas Geistvolles in seinen Zügen. Aus seinen Augen blickten Unzucht und Schamlosigkeit; in seinen Handlungen aber schien er nur mit dem Seelenheil der Menschen und mit dem Ruhme Gottes beschäftigt zu sein. Er hatte viel Talent für die Kanzel; seine Ansprachen und Predigten waren freundlich und salbungsvoll. Er besaß die Gabe der Überredung. Seine ganze angeborene Klugheit verwandte er darauf, den Ruf eines Bekehrers zu erlangen; und in der Tat, eine beträchtliche Anzahl Frauen und Mädchen der guten Gesellschaft haben unter seiner Leitung Buße getan.
[37] Wie man sieht, waren der Pater und Fräulein Eradice in Charakter und Streben einander so ähnlich, daß ihre Vereinigung nicht ausbleiben konnte. Sobald Pater Dirrag in Volnot erschien, wohin ihm sein Ruf bereits voraufgegangen war, warf Eradice sich ihm sozusagen in die Arme. Kaum hatten sie sich kennengelernt, so sahen sie sich gegenseitig als Werkzeuge an, um ihren beiderseitigen Ruhm zu erhöhen. Eradice handelte anfangs sicherlich in gutem Glauben; aber Dirrag wußte, woran er war: Das liebliche Gesicht seines neuen Beichtkindes hatte ihn verführt; er ahnte, daß er sie ebenfalls verführen würde und daß er leicht ein zärtliches, weiches, vorurteilloses Herz betrügen könnte, und einen Geist, der gelehrig und mit vollster Überzeugung seine lächerlichen mystischen Anspielungen und Ermahnungen aufnahm. Darauf baute er seinen Plan, dessen Ausführung ich vorhin geschildert habe. Dieser Plan versprach ihm schon in den ersten Stadien eine Menge wollüstiger Unterhaltungen: nämlich durch die Geißelung. Der gute Pater hatte diese schon seit einiger Zeit bei einigen anderen seiner Beichtkinder in Anwendung gebracht; darauf aber hatte sich bis jetzt seine wollüstige Unterhaltung mit ihnen beschränkt. Das feste Fleisch, die schönen Umrisse, die weiße Farbe von Eradices Hintern hatten jedoch dermaßen seine Einbildungskraft erhitzt, daß er beschloß, einen Schritt weiterzugehen.
Große Männer überwinden die größten Hindernisse; dieser Pater ersann also die Einführung eines Stückes vom Strick des heiligen Franz. Diese Reliquie sollte alles Unreine und Fleischliche austreiben, das noch in seinem Beichtkinde war, und sollte es in Ekstase versetzen. Zugleich verfiel er [38] auch auf die Wundmale von gleicher Art wie die des heiligen Franz. Er ließ im geheimen eine von seinen frommen Büßerinnen nach Volnot kommen; diese besaß sein volles Vertrauen und hatte bis dahin mit Bewußtsein die Rolle gespielt, die er dem Fräulein Eradice zugedacht hatte. Er fand diese zu jung und zu begeistert von der Aussicht auf das Wunderverrichten, als daß er es hätte wagen mögen, sie in sein Geheimnis einzuweihen.
Die alte Büßerin kam und schloß bald eine Betschwesterbekanntschaft mit Eradice, der sie eine besondere Verehrung für ihren Schutzpatron, den heiligen Franz, einzuflößen verstand. Der Pater gab ihr eine Flüssigkeit, um damit falsche Wundmale hervorzubringen; am Gründonnerstag vollzog die alte Büßerin an Eradice die herkömmliche Zeremonie der Fußwaschung und wandte bei dieser Gelegenheit das Ätzwasser an, das denn auch seine Wirkung tat.
Zwei Tage darauf vertraute Eradice der Alten an, sie habe eine Wunde auf jedem Fuß.
Welches Glück! Welcher Ruhm für Sie! rief die Betschwester. Sankt Franziskus hat Ihnen seine Wundmale geschenkt, Gott will die größte Heilige aus Ihnen machen. Wir wollen doch einmal nachsehen, ob nicht auch Ihre Seite das Stigma trägt, wie bei Ihrem großen Heiligen.
Sofort berührte ihre Hand Eradices Seite unter der linken Brust und brachte dort ebenfalls ihr Ätzwasser an. Am nächsten Tage war ein neues Wundmal vorhanden.
Eradice sprach natürlich mit ihrem Beichtvater über das Wunder; dieser wünschte jedes Aufsehen zu vermeiden und riet ihr, demütig zu sein und die Sache geheim zu halten. Doch vergeblich; die Hauptleidenschaft des Mädchens war gerade die [39] Eitelkeit, als eine Heilige dazustehen; sie konnte darum ihre Freude nicht verbergen, machte allerlei Geständnisse; ihre Wundmale erregten Aufsehen, und alle Beichtkinder des Paters wollten stigmatisiert werden.
Dirrag begriff die Notwendigkeit, seinen Ruf aufrechtzuerhalten, zugleich aber die Aufmerksamkeit des Publikums von Fräulein Eradice abzulenken. Es wurden also auch einige andere Büßerinnen auf die gleiche Art mit Wundmalen versehen; alles ging gut.
Unterdessen weihte Eradice sich dem heiligen Franz; ihr Beichtvater versicherte ihr, er habe selber das größte Vertrauen auf die Wunderkraft des Heiligen; er selber habe zahlreiche Wunder durch ein großes Stück von dem Strick des Heiligen verrichtet, das ein Pater von seiner Gesellschaft ihm aus Rom mitgebracht habe. Mittels dieser Reliquie habe er aus mehreren Besessenen den Teufel ausgetrieben, indem er sie in den Mund oder, je nach den Umständen, in eine andere natürliche Öffnung des Leibes hineingesteckt habe. Endlich zeigte er ihr den angeblichen Strick; dieser war in der Tat nichts anderes als ein acht Zoll langes Stück von einem wirklichen, ziemlich dicken Strick, der mit einem Kitt überzogen und dadurch hart und glatt gemacht worden war. Er lag sehr sauber in einem Futteral von dunkelrotem Samt und war, mit einem Wort, nichts anderes als einer jener Nonnenapparate, die man Godemiché nennt. Ohne Zweifel hatte Dirrag ihn von irgendeiner alten Äbtissin geschenkt bekommen, die er darum gebeten haben mochte. Wie dem auch sei, Eradice erhielt nur mit großer Mühe die Erlaubnis, in aller Demut die Reliquie zu küssen, deren Berührung durch profane [40] Hände nach der Versicherung des Paters ein Verbrechen war.
Auf diese Weise, mein lieber Graf, brachte Pater Dirrag allmählich seine junge Büßerin dahin, daß sie mehrere Monde lang seine unzüchtigen Umarmungen duldete, während sie nur ein reingeistiges und himmlisches Glück zu genießen glaubte.
Alle diese Umstände habe ich bald nach dem Erlaß des Urteils in ihrem Prozeß von ihr selber erfahren. Sie vertraute mir an, daß ein gewisser Mönch – der in dieser ganzen Geschichte eine große Rolle gespielt hat – ihr endlich die Augen öffnete. Er war jung, schön, kräftig und leidenschaftlich in sie verliebt. Als Freund ihrer Eltern speiste er oft mit ihr zusammen. Er gewann ihr Vertrauen und entlarvte den schamlosen Dirrag. Aus dem, was sie mir erzählte, ging deutlich hervor, daß sie sich nunmehr mit vollem Bewußtsein den Umarmungen des wollüstigen Mönches preisgab. Allem Anschein nach hat dieser dem guten Rufe seines Ordens auf diesem Gebiete keine Schande gemacht. Durch seine glückliche körperliche Bildung und durch verdoppelten Unterricht bot er seiner Neubekehrten reichliche Entschädigung dafür an, daß sie auf das allwöchentliche Opfer ihres alten Druiden verzichtete.
Nachdem Eradice durch die angenehme Anwendung des natürlichen Gliedes des Mönches die Täuschung des angeblichen Strickes erkannt hatte, fühlte sie sich gröblich betrogen. Ihre Eitelkeit war verletzt, und um sich zu rächen, beging sie nunmehr alle jene Ihnen bekannten Ausschreitungen; hierbei unterstützte sie der heißblütige Mönch, den nicht nur Parteigeist trieb, sondern auch Eifersucht auf die Gunstbeweise, welche Dirrag sich durch seinen Betrug von seiner Geliebten verschafft [42] hatte. Ihre Reize waren ein Gut, das nach seiner Meinung für ihn allein geschaffen war; der Pater hatte also offenbar einen Diebstahl begangen, für den er ihn exemplarisch bestrafen zu können hoffte: Sein Nebenbuhler mußte verbrannt werden; nur hierdurch konnte seine Rache befriedigt werden.
Wie ich bereits sagte, ging ich nach Hause, sobald Pater Dirrag das Zimmer meiner Freundin verlassen hatte. Kaum war ich in meinem Kämmerlein, so warf ich mich auf die Knie und bat Gott um die Gnade, ebenso behandelt zu werden wie Fräulein Eradice. Mein Geist war in einer Aufregung, die dem Wahnsinn nahekam; ein inneres Feuer verzehrte mich. Bald saß ich, bald stand ich, bald lag ich auf den Knien – aber in keiner Stellung konnte ich es aushalten. Ich warf mich auf mein Bett; das Eindringen jenes roten Gliedes in die Schamteile meiner Freundin wollte mir nicht aus dem Sinn, obgleich ich dabei nicht an einen fleischlichen Genuß, geschweige denn an ein Verbrechen dachte. Endlich versank ich in eine tiefe Träumerei, und dabei kam es mir vor, als ob eben dieses Glied, vom Leibe des Paters gänzlich losgelöst, auf die gleiche Weise in mich eindränge.
Unbewußt nahm ich dieselbe Stellung ein, in der ich Eradice gesehen hatte, und ebenso unbewußt rutschte ich auf dem Bauche rückwärts, bis der Bettpfosten sich zwischen meinen Schenkeln befand und jenen Teil berührte, in welchem ich ein unerklärliches Jucken verspürte. Die Berührung des Bettpfostens bereitete mir einen leichten Schmerz, der mich aus meiner Träumerei aufweckte, ohne jedoch das Jucken zu vermindern. Um mich aus meiner Lage zu befreien, mußte ich [43] meinen Hintern hochheben; dadurch wurde eine Reibung an dem Bettpfosten hervorgebracht, die mir ein eigentümliches Kitzeln verursachte; ich machte eine zweite Bewegung, dann eine dritte und so weiter. Die Wirkung steigerte sich noch, und plötzlich ergriff mich eine Art von Raserei: Ohne einen bestimmten Gedanken dabei zu haben, bewegte ich mit unglaublicher Geschwindigkeit meine Hinterbacken am wohltätigen Bettpfosten auf und ab. Bald übermannte mich ein wonniges Gefühl; ich verlor das Bewußtsein und versank in einen tiefen Schlaf.
Als ich nach zwei Stunden erwachte, hatte ich immer noch meinen lieben Bettpfosten zwischen den Schenkeln; ich lag auf dem Bauch, und meine Hinterbacken waren entblößt. Ich wunderte mich über diese Stellung, denn ich hatte das Vorgefallene vergessen, wie man wohl beim Erwachen sich eines Traumbildes nicht mehr erinnert. Ich war jedoch ruhiger geworden, und infolge der Entleerung jenes himmlischen Saftes war mein Geist freier geworden; ich dachte über das bei Eradice Geschehene nach und auch über das, was mit mir selber vorgefallen war, doch konnte ich zu keinem vernünftigen Entschluß kommen. Der Körperteil, den ich am Bettpfosten gerieben hatte, und das Innere meiner Oberschenkel, die ihn umschlungen hatten, taten mir furchtbar weh. Trotz dem Verbot meines früheren Klosterbeichtvaters wagte ich hinzusehen; aber mit der Hand jene Teile zu berühren, konnte ich mich nicht entschließen; dies war mir zu strenge verboten worden.
Als ich gerade eben mit dieser Untersuchung fertig wurde, kam unsere Magd und sagte mir, Frau C. und der Abbé T. wären da; sie würden zum Essen bleiben, und meine Mutter befehle mir, herunterzukommen[44] und ihnen Gesellschaft zu leisten. Ich ging hinunter.
Ich hatte Frau C. seit einiger Zeit nicht gesehen. Obwohl sie sehr freundlich gegen meine Mutter war, der sie große Dienste erwiesen hatte, und obwohl sie für eine sehr fromme Frau galt, hatte ich sie in der letzten Zeit nicht mehr besucht, um nicht meinem Beichtvater zu mißfallen. Sie trug nämlich gegen die Grundsätze und die mystischen Ermahnungen des Paters Dirrag eine sehr deutliche Abneigung zur Schau, und der Pater war in diesem Punkte sehr streng; er duldete durchaus nicht, daß seine Herde sich mit den Herden anderer Beichtväter, seiner Konkurrenten, vermischte. Ohne Zweifel fürchtete er vertrauliche Mitteilungen und Aufklärungen. Kurz und gut, es war eine unerläßliche Vorbedingung, auf welche der ehrwürdige Herr sehr strenge hielt und die von allen seinen Beichtkindern ebenso strenge eingehalten wurde.
Wir setzten uns zu Tische. Die Mahlzeit war fröhlich, ich fühlte mich viel besser als gewöhnlich. Meine Mattigkeit war einer lebhaften Stimmung gewichen; meine Lendenschmerzen waren verschwunden, ich fühlte mich wie neu geboren. Bei Tische wurde nicht über die Nächsten gelästert, wie dies sonst der Fall zu sein pflegt, wo Priester und fromme Frauen beisammen sind. Abbé T., der viel Geist und noch mehr Welterfahrung besitzt, erzählte uns eine Menge hübscher Geschichten, die dem guten Rufe keines Nächsten zu nahe traten und uns alle in eine fröhliche Stimmung versetzten.
Nachdem wir Champagner getrunken und den Kaffee eingenommen hatten, zog meine Mutter mich auf die Seite und machte mir lebhafte Vorwürfe, daß ich seit einiger Zeit mich so wenig um [45] die Freundschaft und das Wohlwollen der Frau C. bekümmert hätte.
Sie ist eine liebenswürdige Dame, sagte sie zu mir, und ihr verdanke ich das ganze Ansehen, dessen ich mich in unserer Stadt erfreue. Ihre Tugend und ihre aufgeklärte Klugheit erwerben ihr die Achtung und Verehrung aller Leute, die sie kennen. Wir brauchen ihren Beistand, und darum wünsche und befehle ich dir, Therese, nach Kräften dazu beizutragen, um uns diesen Beistand zu erhalten.
Ich antwortete meiner Mutter, sie möge nicht bezweifeln, daß ich mich ihrem Willen blindlings unterwerfen würde. Ach, die gute Frau hatte keine Ahnung, was für Belehrungen ich von dieser Dame empfangen sollte, die in der Tat im allerbesten Rufe stand.
Meine Mutter und ich begaben uns wieder zur Gesellschaft. Einen Augenblick später trat ich an Frau C. heran und entschuldigte mich bei ihr, daß ich ihr so lange nicht meine Aufwartung gemacht hätte. Ich bat sie, diese Verfehlung wiedergutmachen zu dürfen, und versuchte ihr im einzelnen die Gründe auseinanderzusetzen, die daran schuld gewesen wären. Aber Frau C. ließ mich nicht ausreden und sagte gütig zu mir: Ich weiß alles, was Sie mir sagen wollen, wir wollen auf diese Sachen, die nicht hierher gehören, nicht näher eingehen. Ein jeder Mensch glaubt seine Gründe zu haben, und vielleicht sind sie alle gut. Soviel ist gewiß: Ich werde Sie stets mit großem Vergnügen bei mir sehen, und um Ihnen dies zu beweisen, fuhr sie fort, indem sie die Stimme erhob, nehme ich Sie mit, damit Sie heute abend bei mir essen. Ist Ihnen dies recht? fragte sie meine Mutter. Selbstverständlich müssen Sie und der Herr Abbé ebenfalls kommen; [46] Sie haben jetzt beide zu tun, und ich lasse Sie Ihren Geschäften nachgehen. Ich dagegen werde mit Fräulein Therese Spazierengehen; Sie wissen ja, wann und wo wir uns treffen.
Meine Mutter war entzückt. Die Grundsätze des Paters Dirrag gefielen ihr ganz und gar nicht. Sie hoffte, die Ratschläge der Frau C. würden mich von meiner Neigung zur Gefühlstötung abbringen, zu der, wie sie glaubte, der Pater mich anhielt.
Vielleicht waren meine Mutter und Frau C. sogar im Einverständnis. Wie dem auch sei, ihre Wünsche wurden bald über alle Erwartung hinaus erfüllt.
Frau C. und ich gingen also aus, aber kaum hatte ich hundert Schritte gemacht, so überfiel mich ein so heftiger Schmerz, daß ich mich kaum recht aufrecht halten konnte. Frau C. bemerkte es und fragte mich: Was haben Sie denn, liebe Therese, mir scheint, Ihnen ist nicht recht wohl?
Ich sagte ihr zwar, es sei nichts, aber Frauen sind von Natur neugierig; sie stellte mir tausend Fragen und brachte mich dadurch in eine Verlegenheit, die ihr nicht entging.
Sollten Sie etwa, sagte sie, auch zu unseren Stigmatisierten gehören? Sie können sich ja kaum auf den Füßen halten und sind ganz außer Fassung. Kommen Sie mit mir in meinen Garten, liebes Kind; dort können Sie sich beruhigen.
Der Garten war ganz in der Nähe; wir gingen dorthin und setzten uns in ein reizendes kleines Gartenhäuschen, dicht am Meeresstrand.
Nach einigen allgemeinen Redensarten fragte Frau C. mich von neuem, ob ich wirklich Wundmale hätte und wie ich mich unter der geistlichen Führung des Paters Dirrag befände. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, sagte sie, daß ich über diese Art [47] von Wunder sehr erstaunt bin und den glühenden Wunsch habe, mit eigenen Augen zu sehen, ob es wirklich vorhanden ist. Also, liebe Kleine, verbergen Sie mir nichts, erklären Sie mir, wie und wann diese Wunden erschienen sind. Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihr Vertrauen nicht mißbrauchen werde, und ich denke, Sie kennen mich zur Genüge, um hieran nicht zu zweifeln.
Frauen sind nicht nur neugierig, sondern sprechen auch gerne; an diesem Fehler litt auch ich ein wenig; außerdem hatten einige Gläser Champagner mir den Kopf erhitzt. Ich hatte Schmerzen; und so bedurfte es keiner langen Überredung; ich beschloß, ihr alles zu sagen. Zunächst sagte ich natürlich der Frau C., ich hätte nicht das Glück, zu jenen auserwählten Bräuten Gottes zu gehören, aber ich hätte gerade an diesem Morgen die Wundmale des Fräuleins Eradice gesehen, und der hochwürdige Pater Dirrag hätte sie in meiner Gegenwart besichtigt. Durch neue eindringliche Fragen veranlaßte Frau C. mich, ihr nach und nach alles zu sagen. Ich erzählte ihr nicht nur, was ich bei Eradice gesehen hatte, sondern auch, was später in meiner Kammer geschehen war und welche Schmerzen davon die Folge gewesen waren.
Während dieser ganzen eigentümlichen Beichte war Frau C. so klug, nicht die geringste Überraschung zu verraten. Sie gab allem ihren Beifall und veranlaßte mich dadurch, ihr alles zu sagen. Wenn ich in Verlegenheit war, weil mir die Ausdrücke fehlten, um das Geschehene zu erklären, nötigte sie mich zu Beschreibungen, deren Unzüchtigkeit im Munde eines so jungen und unschuldigen Mädchens ihr ohne Zweifel viel Spaß machten. Niemals sind vielleicht so gemeine Sachen mit so würdevollem Ernst erzählt und angehört worden.
[48] Als ich mit meiner Erzählung fertig war, schien Frau C. in ernste Gedanken versunken zu sein; sie gab auf einige Fragen, die ich an sie richtete, nur einsilbige Antworten. Endlich faßte sie sich und sagte mir, das von mir Erzählte sei recht eigentümlich und verdiene große Aufmerksamkeit; sie wolle mir später sagen, wie sie darüber denke und wie ich mich verhalten müsse; einstweilen solle ich daran denken, meine Schmerzen zu lindern und zu diesem Zweck die an dem Bettpfosten wundgeriebenen Körperteile mit heißem Wein bähen. Nehmen Sie sich ja in acht, liebes Kind! sagte sie zu mir. Sagen Sie von dem, was Sie mir anvertraut haben, weder zu Ihrer Mutter noch sonst zu einem Menschen etwas, besonders aber nicht dem Pater Dirrag. Es ist Gutes wie Böses dabei. Kommen Sie morgen früh gegen neun Uhr zu mir, dann werde ich Ihnen Näheres sagen. Rechnen Sie auf meine Freundschaft; ihr ausgezeichneter Charakter hat mich ganz gewonnen. Da sehe ich Ihre Mutter kommen; wir wollen ihr entgegengehen und von etwas anderem sprechen.
Eine Viertelstunde darauf kam Abbé T. In der Provinz ißt man früh zu Abend; es war halb acht; es wurde aufgetragen, und wir setzten uns zu Tisch.
Während der Mahlzeit konnte Frau C. sich nicht enthalten, einige satirische Bemerkungen über den Pater Dirrag zu machen. Der Abbé schien hierüber überrascht zu sein und wies sie zurecht. Warum, sagte er, soll sich nicht jeder so benehmen, wie er es für recht hält, vorausgesetzt, daß er nicht gegen die gesellschaftliche Ordnung verstößt? Bis jetzt haben wir den Pater Dirrag sich dagegen nicht vergehen sehen; gestatten Sie mir also, gnädige Frau, so lange nicht Ihrer Meinung zu sein, bis das Urteil, [49] das Sie über den Pater aussprechen, durch tatsächliche Ereignisse gerechtfertigt wird.
Um nicht antworten zu müssen, brachte Frau C. die Unterhaltung geschickt auf ein anderes Thema. Gegen zehn Uhr standen wir vom Tisch auf; Frau C. sagte dem Herrn Abbé etwas ins Ohr, und er brachte meine Mutter und mich nach Hause.
Sie müssen, mein lieber Graf, zum Verständnis meiner Geschichte wissen, wer die Frau C. und der Herr Abbé T. waren, und ich halte es daher für angezeigt, Ihnen einen Begriff davon zu geben.
Frau C. entstammte einer adeligen Familie; mit fünfzehn Jahren hatten ihre Eltern sie gezwungen, einen alten Seeoffizier von sechzig Jahren zu heiraten. Dieser starb fünf Jahre nach der Verheiratung und hinterließ seine Gattin mit einem Knaben schwanger, dessen Geburt der Mutter beinahe das Leben gekostet hätte. Drei Monate darauf starb das Kind, und durch seinen Tod wurde Frau C. Erbin eines ziemlich bedeutenden Vermögens. Die hübsche Witwe, die im Alter von zwanzig Jahren ihre eigene Herrin war, wurde bald von allen Heiratslustigen der ganzen Provinz umworben; aber sie erklärte so deutlich ihre Absicht, sich niemals wieder in eine Gefahr zu begeben, der sie bei der Geburt des ersten Kindes nur durch ein Wunder entgangen sei, daß selbst die eifrigsten Freier bald ihr Spiel verloren gaben.
Frau C. hatte viel Geist; sie war fest in ihren Gefühlen, denen sie sich nur nach reichlicher Prüfung hingab. Sie las viel und unterhielt sich gerne über die abstraktesten Themata. Ihre Aufführung war tadellos. Sie war eine treue Freundin und zeigte sich gerne gefällig, sooft sie nur konnte. Meine Mutter hatte dies zu ihrem Vorteil erfahren. Frau C. war damals sechsundzwanzig Jahre alt. Ihre körperliche [50] Erscheinung werde ich späterhin Ihnen zu beschreiben Gelegenheit haben.
Herr Abbé T., der besondere Freund und zugleich Gewissensrat der Frau C., war ein wirklich verdienstvoller Mann. Er war vier- oder fünfundvierzig Jahre alt, klein, aber gut gewachsen, mit offenen, geistvollen Gesichtszügen; sorgfältig beobachtete er die Anforderungen, die sein Stand an ihn stellte; die gute Gesellschaft, deren Zierde er war, liebte und suchte ihn. Er war sehr geistvoll und besaß ausgebreitete Kenntnisse. Seine allgemein anerkannten Vorzüge hatten ihm das Amt verschafft, das er damals bekleidete und das ich Ihnen verschweigen muß. Er war der Beichtvater und Freund vieler wackerer Leute beiderlei Geschlechts, wie Pater Dirrag der Beichtvater der berufsmäßigen Betschwestern, aller enthusiastischen, quietistischen und fanatischen Weiber war.
Am nächsten Morgen ging ich zur verabredeten Stunde wieder zu Frau C.
Nun, meine liebe Therese, rief sie mir beim Eintritt entgegen, was macht denn Ihre arme geschundene Kleine? Haben Sie gut geschlafen?
Es geht mir viel besser, gnädige Frau; ich habe alles getan, was Sie mir vorgeschrieben haben. Ich habe die schmerzenden Teile tüchtig mit Wein gebäht, und dies hat mir Erleichterung verschafft; aber ich will doch hoffen, daß der liebe Gott mir deshalb nicht böse ist.
Frau C, lächelte; sie schenkte mir eine Tasse Kaffee ein und sagte dann: Was Sie mir gestern anvertraut haben, ist wichtiger, als Sie denken. Ich habe geglaubt, mit Herrn Abbé T. darüber sprechen zu müssen; er erwartet Sie in diesem Augenblick in seinem Beichtstuhl. Ich verlange von Ihnen, daß Sie ihn aufsuchen und ihm Wort für Wort alles [51] wiederholen, was Sie mir gesagt haben. Er ist ein Ehrenmann und wird Ihnen guten Rat geben; Sie haben solchen nötig. Ich denke mir, er wird Ihnen neue Verhaltensmaßregeln geben; befolgen Sie diese! Das ist für Ihr Seelenheil und für Ihre Gesundheit notwendig. Ihre Mutter würde vor Kummer sterben, wenn sie erführe, was ich weiß; denn ich kann Ihnen nicht verhehlen: Was Sie bei Fräulein Eradice gesehen haben, ist grauslich! Gehen Sie jetzt, Therese, schenken Sie Herrn T. Ihr volles Vertrauen; Sie werden es nicht zu bereuen haben. – Ich brach in Tränen aus und verließ, an allen Gliedern zitternd, ihr Haus, um zum Herrn Abbé T. zu gehen, der sich, sobald er mich sah, in seinen Beichtstuhl begab.
Ich verbarg Herrn T. nichts. Er hörte mich aufmerksam bis zum Ende an und unterbrach mich nur einige wenige Male, um sich gewisse Umstände, die er nicht verstand, näher erklären zu lassen.
Als ich fertig war, sagte er: Sie haben mir da erstaunliche Mitteilungen gemacht; Pater Dirrag ist ein Betrüger, ein Unglücklicher, der sich von der Gewalt seiner Leidenschaften fortreißen läßt; er läuft ins Verderben und wird auch Fräulein Eradice ins Verderben stürzen. Gleichwohl, Fräulein Therese, sind Sie mehr zu beklagen, als zu tadeln. Wir haben nicht immer die Kraft, den Versuchungen zu widerstehen; Glück und Unglück unseres Lebens werden oft durch einen Zufall entschieden, oder dadurch, daß sich eine gute oder schlechte Gelegenheit bietet. Vermeiden Sie daher sorgfältig solche Gelegenheiten; geben Sie den Verkehr mit Pater Dirrag und mit allen seinen Beichtkindern auf, aber sprechen Sie nicht böse von ihnen; dies verlangt die christliche Liebe. Besuchen Sie recht oft[52] Frau C; sie meint es gut mit Ihnen und wird Ihnen nur gute Ratschläge geben; es wird gut für Sie sein, ihr Beispiel zu befolgen.
Und nun, mein Kind, wollen wir von jenem heftigen Jucken sprechen, das Sie oft in den Körperteilen spüren, die Sie an Ihrem Bettpfosten gerieben haben. Das Jucken deutet auf Bedürfnisse Ihres Temperaments, die ebenso natürlich sind wie Hunger und Durst. Man darf diese Bedürfnisse nicht anstacheln; aber wenn Sie sehr von ihnen bedrängt werden, so ist nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie mit Ihrer Hand, mit Ihrem Finger durch eine notwendige Reibung jenem Körperteil Erleichterung verschaffen. Ich verbiete Ihnen indessen ausdrücklich, Ihren Finger in das Innere der dort befindlichen Öffnung hineinzustecken; vorläufig brauchen Sie nur zu wissen, daß dadurch der Gatte, den Sie einmal heiraten werden, eine schlechte Meinung von Ihnen bekommen könnte. Im übrigen ist es, ich wiederhole es Ihnen, ein Bedürfnis, das die Gesetze der Natur in uns erregen, und wir haben daher auch aus der Hand der Natur das von Ihnen bezeichnete Mittel empfangen, um dieses Bedürfnis zu befriedigen.
Da wir nun sicher sind, daß das Naturgesetz von Gott stammt, so dürfen wir auch nicht fürchten, Gott zu beleidigen, indem wir durch diese Mittel, die sein eigenes Werk sind, die er selber uns eingeflößt hat, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, besonders wenn durch diese Mittel die gesellschaftliche Ordnung nicht gestört wird. Anders, liebe Tochter, steht es mit dem, was zwischen dem Pater Dirrag und Fräulein Eradice vorgegangen ist. Der Pater hat sein Beichtkind betrogen; er hat sie der Gefahr ausgesetzt, Mutter zu werden, indem er an Stelle des angeblichen Strickes des heiligen Franz [54] das natürliche männliche Glied anwandte, das zur Fortpflanzung dient. Hierdurch sündigte er gegen das Naturgesetz, das uns vorschreibt, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst. Ist das Nächstenliebe, wenn der Pater ein Mädchen, wie Fräulein Eradice, in Gefahr bringt, seinen guten Ruf zu verlieren und für das ganze Leben entehrt zu sein? Sie haben, mein liebes Kind, gesehen, wie der Pater sein Glied hineinsteckte und wie er es bewegte. Ein solches Hineinstecken in den Körperteil, der den Erzeugungsapparat des Menschengeschlechts bildet, ist nur bei einer verheirateten Frau erlaubt. An einem Mädchen vorgenommen, kann solche Handlung das Glück der Familie zerstören; sie ist daher gegen das öffentliche Interesse, das man achten muß. Solange Sie daher nicht durch das Sakrament der Ehe gebunden sind, hüten Sie sich wohl, von irgendeinem Mann eine solche Handlungen sich geschehen zu lassen, einerlei, in welcher Stellung sie vorgenommen wird. Ich habe Ihnen ein Mittel bezeichnet, das Ihre Begierden mäßigen und das Feuer, das sie hervorrufen, besänftigen wird. Eben dieses Mittel wird bald auch Ihre schwache Gesundheit wiederherstellen, und Ihr Körper wird dadurch seine Fülle wiedergewinnen. Als dann wird Ihr liebliches Gesicht unfehlbar Liebhaber anlocken, die versuchen werden, Sie zu verführen; seien Sie wohl auf der Hut, und vergessen Sie niemals die Lehren, die ich Ihnen gebe. – Nun, für heute mag es genug sein; in acht Tagen werden Sie mich hier um dieselbe Stunde wiederfinden. Vergessen Sie auf keinen Fall, daß alles, was im Beichtstuhl gesagt wird, für das Beichtkind ebenso heilig sein muß wie für den Beichtvater und daß es eine ungeheure Sünde ist, auch nur den kleinsten Umstand anderen Leute mitzuteilen.
[55] Die Vorschriften meines neuen Beichtigers entzückten meine Seele; ich erkannte in ihnen eine Wahrheit und ein Gefühl christlicher Nächstenliebe, und ich empfand die Lächerlichkeit des geistlichen Zuspruchs, den ich bis dahin vom Vater Dirrag empfangen hatte.
Nachdem ich den ganzen Tag darüber nachgedacht hatte, setzte ich mich am Abend vor dem Schlafengehen auf den Rand meines Bettes, um die immer noch schmerzenden Teile abermals zu laben. Ich spreizte die Schenkel, so weit ich konnte, und begann aufmerksam jenen Körperteil zu untersuchen, der uns zu Frauen macht; ich schob die Schamlippen zur Seite und suchte mit dem Finger die Öffnung, in die Pater Dirrag bei Fräulein Eradice sein dickes Instrument hineingeschoben hatte. Ich entdeckte diese Öffnung, aber ich konnte nicht glauben, daß es dieselbe wäre; sie schien mir zu klein zu sein, und ich versuchte den Finger hineinzustecken, als ich mich plötzlich des Verbotes des Abbé T. erinnerte. Schnell zog ich den Finger wieder heraus und fuhr mit ihm die Spalte entlang. Ich traf auf eine kleine Erhöhung, und ein Zittern durchzuckte mich. Ich rieb diese Erhöhung und befand mich bald auf dem Gipfel der Wonne. Welch glückliche Entdeckung für ein Mädchen, das in sich eine so reichlich fließende Quelle des Lebenssaftes hatte.
Fast sechs Monate lang schwamm ich in einem Meer von Wollust; während dieser Zeit begegnete mir nichts Erwähnenswertes. Meine Gesundheit war völlig wiederhergestellt; mein Gewissen war ruhig, dank meinem neuen Beichtvater, der mir weise Ratschläge gab, die den menschlichen Leidenschaften angepaßt waren. Ich sah ihn regelmäßig jeden Montag im Beichtstuhl und am Tage bei [56] Frau C. Beständig war ich bei dieser liebenswürdigen Dame; die Finsternisse meines Geistes zerstreuten sich; allmählich gewöhnte ich mich, vernünftig zu denken und zu urteilen. Für mich gab es keinen Pater Dirrag mehr und auch keine Eradice.
Wie trefflich wird durch Beispiel und Vorschrift Herz und Geist gebildet! Wenn es wahr ist, daß diese uns nichts geben und daß ein jeder in sich selbst die Keime zu allem trägt, was er werden kann, so ist doch zum mindesten sicher, daß Beispiel und Vorschriften dazu dienen, diese Keime zu entwickeln und uns Gedanken und Gefühle erkennen zu lassen, deren wir fähig sind, die aber ohne Beispiel und ohne Unterricht in ihrer Hülle verborgen geblieben wären.
Unterdessen hatte meine Mutter ihren Großhandel betrieben, aber mit schlechtem Erfolge: Sie hatte große Forderungen ausstehen, und der drohende Bankrott eines Pariser Kaufmanns konnte sie zugrunde richten. Nachdem sie sich mit ihren Freunden beraten hatte, beschloß sie, eine Reise nach der herrlichen Hauptstadt zu unternehmen. Meine zärtliche Mutter liebte mich zu sehr, als daß sie mich während dieser Reise, die sich sehr in die Länge ziehen konnte, hätte aus den Augen verlieren mögen; es wurde daher beschlossen, daß ich sie begleiten sollte. Ach, die arme Frau ahnte nicht, daß sie dort in Paris ein so trauriges Ende finden sollte, daß ich dort in den Armen meines Grafen die Quelle meines Glückes finden würde!
Es wurde abgemacht, daß wir in einem Monat reisen sollten und daß ich die Zeit bis dahin bei Frau C. auf ihrem Landgut verbringen sollte, das eine kleine Meile vor der Stadt lag. Abbé T. kam alle Tage hinaus und schlief auch dort, wenn seine sonstigen Pflichten es ihm erlaubten. Er sowohl [57] wie Frau C. überhäuften mich mit Liebenswürdigkeiten; sie fürchteten sich nicht mehr, in meiner Gegenwart ziemlich freie Bemerkungen zu machen und sich über Gegenstände der Moral, Religion und Metaphysik in einer Art zu unterhalten, die von den mir früher beigebrachten Grundsätzen beträchtlich abwich. Ich bemerkte, daß der Frau C. meine Art des Denkens und Urteilens gefiel, und daß sie sich ein Vergnügen daraus machte, mich von einer Schlußfolgerung zur anderen, und so allmählich zu klaren und deutlichen Beweisen zu führen. Indessen mußte ich einige Male zu meinem Kummer bemerken, daß der Abbé ihr zuwinkte, in gewissen Dingen nicht zu weit zu gehen. Diese Entdeckung kränkte mich; ich beschloß, alles zu versuchen, um das zu erfahren, was man vor mir verbergen wollte. Ich hatte damals noch nicht den geringsten Argwohn, daß sie durch eine gegenseitige Zärtlichkeit verbunden waren. Bald blieb mir nichts mehr zu wünschen übrig, wie Sie gleich hören werden.
Sie werden, mein lieber Graf, die Quelle kennenlernen, aus der ich jene moralischen und metaphysischen Grundsätze geschöpft habe, die Sie so sorgsam ausgebildet haben. Diese Grundsätze haben mich darüber aufgeklärt, was wir in dieser Welt sind und was wir in der andern zu befürchten haben; ihnen verdanke ich die Ruhe eines Lebens, dessen ganze Wonne Sie sind.
Es war damals die schönste Sommerszeit; Frau C. stand für gewöhnlich gegen fünf Uhr früh auf und ging in einem kleinen Wäldchen am Ende ihres Gartens spazieren. Ich hatte bemerkt, daß auch Abbé T. sich dorthin begab, wenn er draußen übernachtet hatte; nach einer oder zwei Stunden gingen sie zusammen in Frau C's. Schlafzimmer, und [58] hierauf wurden beide erst um acht oder neun Uhr im Hause sichtbar.
Ich beschloß, mich im Gebüsch des Wäldchens so zu verstecken, daß ich sie hören konnte. Da ich nicht den leisesten Verdacht hatte, daß sie in einem Liebesverhältnis zueinander standen, so dachte ich nicht daran, daß ich etwas verlieren würde, wenn ich sie auch nicht sähe.
Ich sah mir dabei die Örtlichkeit an und suchte einen Platz aus, der mir für mein Vorhaben günstig zu sein schien.
Beim Abendessen kam das Gespräch auf die Wirkungen und Erzeugnisse der Natur.
Aber was ist denn diese Natur? fragte Frau C. Ist sie ein besonderes Wesen? Sollte nicht alles von Gott geschaffen sein? Wäre etwa die Natur eine untergeordnete Gottheit?
Es ist wirklich nicht vernünftig von Ihnen, so zu sprechen! rief der Abbé lebhaft, indem er ihr mit den Augen zuwinkte. Ich verspreche, Ihnen morgen früh gelegentlich unseres Spaziergangs auseinanderzusetzen, welchen Begriff man von der gemeinsamen Mutter des Menschengeschlechts haben muß; heute ist es zu spät, um diesen Gegenstand zu behandeln. Sehen Sie denn nicht, daß Fräulein Therese todmüde ist? Ein solches Thema würde sie zu sehr langweilen. Lassen Sie sich raten, meine Damen, und gehen Sie zu Bett; ich werde noch meine Gebete verrichten und dann sofort Ihrem Beispiel folgen.
Der Vorschlag des Herrn Abbé wurde angenommen; wir zogen uns alle in unsere Zimmer zurück.
Am nächsten Morgen versteckte ich mich schon bei Tagesanbruch in meinem Hinterhalt. Dieser befand sich in dem Gebüsch hinter einem mit Heckenrosen eingefaßten kleinen Platz, der mit grünen [59] Holzbänken und einigen Statuen geschmückt war. Nachdem ich eine Stunde lang ungeduldig gewartet hatte, kamen meine Helden und setzten sich gerade auf die Bank, hinter welcher ich versteckt war.
Ja, sagte der Abbé beim Eintreten, sie wird wirklich jeden Tag hübscher; ihre Brüste sind so stark geworden, daß sie jetzt vollkommen die Hände eines ehrenwerten Priesters ausfüllen würden; ihre Augen haben eine Lebhaftigkeit, die vollkommen ihrem feurigen Temperament entspricht; denn Temperament hat sie sehr viel, die kleine Spitzbübin Therese. Denke dir, ich habe ihr ja die Erlaubnis gegeben, sich mit dem Finger Erleichterung zu verschaffen, und sie macht sich dies in der Weise zunutze, daß sie es jeden Tag einmal tut. Gib mir zu, ich bin ein ebenso guter Arzt wie geschickter Beichtvater; ich habe sie an Leib und Seele geheilt.
Aber Abbé! rief Frau C. Bist du nun bald fertig mit deiner Therese! Sind wir etwa hierhergekommen, um uns bloß über ihre schönen Augen und ihr Temperament zu unterhalten? Ich glaube, Herr Spaßvogel, Sie hätten nicht übel Lust, ihr die Mühe zu ersparen, Ihre Vorschrift selber zu befolgen. Übrigens bin ich; wie du weißt, eine gute Herrin, und ich würde es gerne erlauben, wenn ich nicht voraussähe, daß es für dich gefährlich werden kann. Therese ist ein kluges Mädchen, aber sie ist zu jung und weiß noch nicht genug von der Welt, als daß du wagen könntest, dich ihr anzuvertrauen. Ich habe bemerkt, daß sie sehr neugierig ist. Sie kann wohl später einmal brauchbar für uns werden, und wenn sie nicht die Fehler hätte, von denen ich eben sprach, so würde ich dir ohne Zögern vorschlagen, sie als dritte zu unseren Vergnügungen heranzuziehen; denn es ist ja wirklich töricht, auf [60] unsere Freunde eifersüchtig zu sein oder sie um ihr Glück zu beneiden, wenn dieses dem unsrigen nicht den geringsten Abbruch tut.
Da hast du vollkommen recht, sagte der Abbé. Eifersucht und Neid sind zwei Leidenschaften, mit denen Leute, die nicht vernünftig denken können, ganz zwecklos sich selber quälen. Indessen ist doch zwischen Neid und Eifersucht ein Unterschied zu ma chen. Der Neid ist eine Leidenschaft, die dem Menschen angeboren ist und zu seinem Wesen gehört; schon die Kinder in der Wiege sind neidisch auf das, was andere Kinder bekommen. Nur durch Erziehung können die Wirkungen dieser Leidenschaft, die wir von der Natur ererbt haben, gemildert werden. Anders aber ist es mit der Eifersucht, insofern diese sich auf die Freuden der Liebe bezieht. Eifersucht ist eine Wirkung unserer Eitelkeit und des Vorurteils. Wir kennen ganze Völkerschaften, wo die Männer ihren Gästen den Genuß ihrer Weiber anbieten, wie wir den unsrigen den besten Wein unseres Kellers vorsetzen. So ein Insulaner liebkost den Liebhaber, der seine Frau in den Armen hält; seine Landsleute loben und beglückwünschen ihn. Ein Franzose macht im gleichen Fall ein, ärgerliches Gesicht; jener zeigt mit dem Finger auf ihn und lacht ihn aus. Ein Perser erdolcht den Liebhaber und die Geliebte; alle Welt spendet diesem Doppelmord Beifall.
Offenbar ist also die Eifersucht keine Leidenschaft, die uns von der Natur eingepflanzt ist; sie entsteht erst durch die Erziehung, durch das Vorurteil des Landes. Eine Pariserin liest und hört schon als Kind, die Untreue eines Liebhabers sei eine Beleidigung für die Frau: man versichert einem jungen Menschen, eine ungetreue Geliebte oder Gattin verwunde sein Selbstgefühl, entehre [61] den Liebhaber oder den Gatten. Diese Grundsätze saugen sie sozusagen mit der Muttermilch ein; aus ihnen wächst die Eifersucht, ein Ungeheuer, das die Menschheit ganz zwecklos mit Leiden quält, die nichts Wirkliches an sich haben.
Wir müssen indessen Unbeständigkeit und Untreue unterscheiden. Ich liebe eine Frau, von der ich geliebt werde; ihr Charakter ist dem meinigen sympathisch; ihre Schönheit, ihre Sinnlichkeit beglücken mich. Sie verläßt mich. In diesem Fall ist der Schmerz nicht mehr die Wirkung eines Vorurteils, sondern er ist berechtigt; ich verliere ein wirkliches Gut, ich verliere einen Genuß, an den ich mich gewöhnt hatte und den ich nicht sicher bin, mit allen seinen Freuden wiederfinden zu können. Aber was hat eine vorübergehende Untreue zu bedeuten, deren Ursache oft nur eine Laune oder Sinnlichkeit oder oftmals auch nur Dankbarkeit ist, und zu der ein zärtliches Herz, das für Schmerz oder Freude des Nächsten empfänglich ist, so leicht sich verleiten läßt. Mag man sagen, was man will – man muß wirklich recht wenig vernünftig sein, wenn man sich um etwas beunruhigt, was doch nur ein Schlag ins Wasser ist und weder im Guten noch im Bösen das geringste zu bedeuten hat.
Hier unterbrach Frau C. den Abbé und rief: Oho! Ich merke, worauf du hinauswillst. Dies will ganz einfach bedeuten, daß du, aus Gutmütigkeit oder um ihr ein Vergnügen zu machen, nicht abgeneigt wärest, unserer Therese einen kleinen Unterricht in der Wollust zu geben, ihr ein kleines Liebesklistier zu verabfolgen, das nach deiner Behauptung für mich weder im Guten noch im Bösen Bedeutung hätte. Nun, meinetwegen, mein lieber Abbé, ich bin mit Freuden einverstanden. Ich liebe euch [62] alle beide. Ihr beide werdet bei diesem Versuch gewinnen, wobei ich nichts verlieren werde. Warum sollte ich mich also widersetzen? Wenn ich mich darüber aufregte, würdest du mit Recht daraus schließen, daß ich nur mich selber liebe, daß mir nur meine eigene Befriedigung am Herzen liege und daß ich sie auf Kosten derer zu vermehren wünsche, die du anderswo finden könntest. Dies aber ist nicht wahr; das Glück, das ich mir zu verschaffen weiß, hat mit der Versuchung deines Glückes nichts zu tun. Du brauchst also, lieber Freund, nicht zu befürchten, mir zu nahe zu treten, und kannst ganz nach deinem Belieben an Thereses Mäuschen krabbeln. Das wird dem armen Mädchen außerordentich wohltun; aber ich wiederhole dir: Hüte dich vor Unvorsichtigkeit!
Was für ein Unsinn! Ich schwöre dir: Ich denke gar nicht an Therese. Ich wollte dir nur ganz einfach den Mechanismus erklären, durch den die Natur ...
Nun, sprechen wir nicht mehr davon! versetzte Frau C. Aber bei dem Worte »Natur« fällt mir etwas ein: Du vergaßest, wie mir scheint, dein Versprechen, was diese gute Mutter betrifft. Laß mich doch mal hören, wie dir diese Erklärung gelingen wird; denn du behauptest ja, alles erklären zu können.
Ich will deinen Wunsch erfüllen, antwortete der Abbé; aber, Mamachen, du weißt, was ich vorher brauche; erst muß ich machen, was meine Phantasie auf das lebhafteste erregt – sonst tauge ich zu nichts, denn meine anderen Gedanken sind nicht klar und werden oft von diesem einen Gedanken absorbiert oder in Verwirrung gebracht. – Ich habe dir ja soeben erzählt, wie es mir früher ging, als ich in Paris mich fast nur mit Lesen und mit dem Studium [63] der abstraktesten Wissenschaften beschäftigte: Sobald ich den Stachel des Fleiches verspürte, hatte ich ein Mädchen ad hoc, wie man einen Nachttopf hat, um sein Wasser zu lassen; dieser machte ich ein oder zweimal, was du mich leider bei dir auf meine Weise nicht machen lassen willst. Mit ruhigem Geist und klaren Gedanken ging ich dann wieder an meine Arbeit. Ich behaupte: Jeder Gelehrte, jeder Staatsmann, die ein bißchen Temperament haben, müssen dieses Heilmittel anwenden, das für die Gesundheit des Leibes ebenso notwendig ist wie für die des Geistes. Ja noch mehr. Ich behaupte: jeder Ehrenmann, der seine Pflichten gegen die Gesellschaft kennt, müßte davon Gebrauch machen, um sicher zu sein, daß er nicht in seiner Aufregung seine Pflichten außer acht läßt und die Frau oder Tochter seines Freundes oder Nachbars verführt.
Nun wirst du mich vielleicht fragen, was denn die Frauen und Mädchen tun sollen. Sie haben, sagst du, ihre Bedürfnisse wie die Männer: sie sind aus demselben Teige. Trotzdem können sie sich nicht derselben Hilfsmittel bedienen: Schamgefühl oder Furcht vor einem Schwatzhaften, einem Ungeschickten, einem Kindermacher erlaubt ihnen nicht, sich desselben Mittels zu bedienen wie die Männer. Wo sollen sie außerdem Männer finden, die augenblicklich bereit sind, fragst du mich, wie es dein kleines Mädchen ad hoc war?
Nun, meine Liebe – Frauen und Mädchen mögen tun, was du tust und was Therese tut. Wenn dieses Spiel ihnen nicht recht gefällt – und es gefällt in der Tat nicht allen –, so mögen sie sich jener sinnreichen Instrumente bedienen, die man Godemiché nennt, sie sind eine ziemlich natürliche Nachbildung der Wirklichkeit, außerdem auch noch mit [64] der Phantasie nachhelfen. Kurz und gut, ich wiederhole: Männer und Frauen dürfen sich nur solche Vergnügungen verschaffen, die den Frieden und die Ordnung der menschlichen Gesellschaft nicht stören können. Wenn aber die Frauen sich Genüsse verschaffen, die ihnen zusagen, so müssen sie dabei auf die ihnen auferlegten Pflichten Rücksicht nehmen. Du magst dies eine Ungerechtigkeit nennen; aber was du als eine besondere Ungerechtigkeit ansiehst, sichert die allgemeine Wohlfahrt, gegen die niemand sich vergehen darf.
Oho! Da hast du dich festgerannt, mein lieber Abbé! Du sagst mir in diesem Augenblick, eine Frau oder ein Mädchen dürfen sich nicht das Bewußte von Männern machen lassen und ein Ehrenmann dürfe die allgemeine Wohlfahrt nicht stören, indem er uns zu verführen sucht. Du selber aber, du kleiner Heuchler, hast mich hundertmal gequält, um mich so weit zu bringen, und es wäre schon längst geschehen, wenn ich nicht die unbesiegliche Furcht vor dem Schwangerwerden hätte. Du hast also, um deine besonderen Wünsche zu befriedigen, unbedenklich gegen das allgemeine Wohl gehandelt, wovon du soviel Aufhebens machst.
Na, da sind wir ja wieder einmal bei dem alten Thema, versetzte der Abbé. Du singst immer wieder das alte Lied, Mamachen! Habe ich dir nicht gesagt, daß man bei Anwendung gewisser Vorsichtsmaßregeln dieses Unglück nicht zu befürchten braucht? Hast du mir nicht zugegeben, daß die Frauen nur dreierlei zu befürchten haben: den Teufel, den Verlust des guten Rufes und die Schwangerschaft? Hinsichtlich des ersten Punktes bist du, denke ich, vollkommen beruhigt; ich glaube ferner nicht, daß du von meiner Seite eine Indiskretion oder Unvorsichtigkeit befürchtest, und nur solche [66] könnten deinem guten Rufe schaden; drittens aber wird eine Frau nur durch die Unbesonnenheit ihres Liebhabers Mutter. Ich habe dir aber schon mehr als einmal nachgewiesen, daß bei der Beschaffenheit des männlichen Zeugungsapparates nichts leichter zu vermeiden ist. Ich will dir das oft Gesagte noch einmal wiederholen:
Der Liebhaber gerät durch die Vorstellungen seiner Phantasie in den Zustand, der zur Vollbringung des Zeugungsaktes notwendig ist: Das Instrument des Blutes hat seinen Liebespfeil dick und steif gemacht. Da sie beide einig sind, nehmen sie die geeignete Stellung ein: Der Pfeil des Liebhabers wird in den Köcher der Geliebten hineingestoßen. Durch die gegenseitige Reibung der Schamteile werden die Säfte zum Ausfluß vorbereitet. Schon will das göttliche Elixier fließen – in diesem Augenblick zieht der weise Liebhaber, der seine Leidenschaften zu beherrschen versteht, den Vogel aus dem Nest heraus, und seine Hand oder die seiner Geliebten bringt durch eine leichte Bewegung die Ejakulation zustande. Auf diese Weise sind keine Kinder zu befürchten.
Der Unbesonnene und rohe Liebhaber dagegen stößt, so tief er kann, in die Scheide hinein; er verspritzt seinen Samen, dieser dringt in den Muttermund hinein und von dort in die Gebärmutter ein, wo die Frucht sich bildet.
Das ist der mechanische Vorgang beim Liebesgenuß, den ich auf deinen Wunsch noch einmal geschildert habe. Du kennst mich doch – kannst du wirklich glauben, daß ich zu den letztgenannten Unvorsichtigen gehöre? Nein, liebe Freundin, ich habe hundertmal das Gegenteil erfahren, laß mich, ich beschwöre dich, laß mich heute dasselbe mit dir tun; sieh, in welchem triumphierenden Zustand [67] mein Kerlchen ist; du hältst ihn in der Hand. Ja, drücke ihn tüchtig! Du siehst, er bittet dich um Gnade und ich ...
Nicht doch, bitte, mein lieber Abbé! rief Frau C; ich beschwöre dich, ich tue es nicht. Alles, was du gesagt hast, kann meine Befürchtungen nicht beruhigen. Ich würde dir einen Genuß verschaffen, an welchem ich nicht teilnehmen könnte, und dies wäre nicht gerecht, laß mich nur machen; ich werde den frechen kleinen Kerl schon zur Vernunft bringen ... Nun, fuhr sie nach einer kleinen Weile fort, bist du mit meinen Brüsten und mit meinen Schenkeln zufrieden? Hast du sie genug geküßt und gestreichelt? Warum streifst du denn meine Ärmel bis über den Ellenbogen hinauf? Der Herr sieht ohne Zweifel gerne die Bewegungen eines nackten Armes? Mache ich es gut so? Du sagst kein Wort! Ach, der Schelm! Welchen Genuß er hat!
Einen Augenblick war alles still. Plötzlich hörte ich den Abbé rufen: Liebe kleine Mama, ich halte es nicht mehr aus, ein bißchen schneller! Komm doch, komm doch bitte, mit deinem Züngelchen, ach ... es ... spritzt!
Stellen Sie sich vor, mein lieber Graf, in welchem Zustande ich während dieser erbaulichen Unterhaltung war. Zwanzigmal versuchte ich aufzustehen, um irgendeine Öffnung zu finden, um die Vorgänge sehen zu können, aber das Rascheln des Laubes hielt mich zurück. Ich hatte mich aufrecht gesetzt und machte mich so lang wie ich nur konnte; ein Feuer verzehrte mich, und um es zu löschen, bediente ich mich meines gewöhnlichen Hilfsmittels.
Nach einer Pause, während welcher er ohne Zweifel seine Kleider in Ordnung brachte, sagte der Abbé: Wahrhaftig, meine liebe Freundin, wenn ich [68] alles wohl überlege, so glaube ich, du hast recht gehabt, mir den erbetenen Genuß zu versagen; ich fühlte eine so übermäßige Wonne, ein so heftiges Kitzeln, daß ich glaube, ich hätte es laufenlassen, wenn du mich hättest gewähren lassen.
Ja, wir sind wirklich recht schwache Geschöpfe und wissen unseren Willen sehr wenig zu beherrschen. Ich weiß ja das alles, mein guter Abbé, du sagst mir nichts Neues, aber sage mir, vergehen wir uns wirklich nicht gegen das Interesse der Gesellschaft, indem wir uns solchen Genüssen hingeben? Und jener vernünftige Liebhaber, dessen Vorsicht du lobst, der den Vogel aus dem Nest herauszieht und den Lebensbalsam draußen laufen läßt, begeht er nicht ebenfalls ein Verbrechen? Denn wir müssen doch zugeben, daß wir alle die Gesellschaft eines Mitglieds berauben, das nur nützlich werden könnte.
Dies klingt allerdings zunächst ganz richtig, erwiderte der Abbé, aber du wirst sehen, meine Schöne, daß diese Anschauung ganz an der Oberfläche bleibt. Wir haben kein menschliches oder göttliches Gesetz, das uns einlüde, geschweige denn zwänge, an der Vermehrung des Menschengeschlechtes zu arbeiten. Alle diese Gesetze gestatten den Junggesellen wie den Jungfrauen, einer Menge von faulen Mönchen und überflüssigen Nonnen im ledigen Stande zu verbleiben; sie erlauben dem verheirateten Manne, seiner schwangeren Frau beizuwohnen, obgleich dabei sein Samen ohne jede Möglichkeit der Befruchtung vergeudet wird. Man stellt sogar den Stand einer Jungfrau höher als den einer verheirateten Frau.
Ist es nun nicht sicher, daß Leute, die beim Koitus mogeln oder die wie wir sich an den Freuden des Gänschenkrabbelns ergötzen, nicht mehr tun [69] als diese Mönche und Nonnen und überhaupt alle, die unverheiratet bleiben? Diese behalten in ihren Hoden ganz zwecklos einen Samen, den die andern ebenso zwecklos vergeuden. Sind nun nicht beide Teile der Gesellschaft gegenüber genau in der gleichen Lage, weder die einen noch die andern geben der Gesellschaft neue Mitglieder; aber sagt uns nicht die gesunde Vernunft, daß es immerhin besser ist, diesen Samen nutzlos zu vergeuden und dabei uns eine Freude zu verschaffen, die keinem Menschen schadet, als sie ebenso unnütz, aber obendrein auf Kosten unserer Gesundheit und oft unseres Lebens in unseren spermatischen Gefäßen aufzubewahren? Du siehst also, Frau Philosophin, unsere Belustigungen schaden der Gesellschaft nicht mehr als der von ihr anerkannte Zölibat der Mönche, Nonnen und so weiter; wir können also ruhig dabeibleiben.
Ohne Zweifel fühlte im Anschluß an diese Betrachtungen der Abbé sich verpflichtet, Frau C. gewisse Dienste zu erweisen; denn einen Augenblick darauf hörte ich diese sagen, ach, laß doch das, häßlicher Abbé! Fort mit deinem Finger! Ich bin heute nicht dazu aufgelegt, ich spüre noch die Nachwirkungen unserer gestrigen Ausgelassenheiten. Also laß es bis morgen; außerdem weißt du ja doch, daß ich es gerne recht bequem habe und dabei auf meinem Bett zu liegen wünsche. Diese Bank ist gar nicht bequem. Also schnell, mache Schluß! Ich wünsche von dir jetzt weiter nichts als die versprochene Aufklärung über Frau Natur. Nun, da bist du ja ruhig, Herr Philosoph. Sprich, ich höre.
Über Frau Natur? Wahrhaftig, von der wirst du bald ebensoviel wissen wie ich. Sie ist ein Wesen, das nur in der Einbildung besteht, ist weiter nichts als der sinnlose Klang eines Wortes. Die ersten Religionsstifter [70] und die ersten Staatengründer waren in Verlegenheit, wie sie dem Volk den Begriff des sittlich Guten und des sittlich Bösen erklären sollten; darum erfanden sie ein Wesen, das zwischen Gott und uns steht. Dieses Wesen machten sie zum Urheber unserer Leidenschaften, unserer Krankheiten, unserer Verbrechen. Wie hätten sie auch ohne diese Aushilfsmittel ihr System mit der unendlichen Güte Gottes in Einklang bringen können? Womit hätten sie die menschlichen Gelüste des Diebstahls, der Verleumdung, der Vergewaltigung, des Mordes erklären wollen; warum gäbe es so viele Krankheiten, so viele körperliche Leiden? Was hatte dieser unglückliche Krüppel ohne Beine, der sein ganzes Leben lang auf der Erde kriechen muß, dem lieben Gott getan?
Ein Theologe antwortet uns auf diese Fragen: Es sind die Wirkungen der Natur. Aber was ist denn diese Natur? Ist sie ein anderer Gott, den wir nicht kennen? Handelt sie aus sich selber und unabhängig von dem Willen Gottes? Nein, sagt der Theologe wieder ganz trocken. Da Gott nicht der Urheber des Bösen sein kann, so kann das Böse nur durch die Natur existieren. – Was für ein Unsinn! Muß ich mich über den Stock beklagen, der mich schlägt, oder nicht viel mehr über denjenigen, der den Schlag geführt hat? Denn ist nicht dieser der Urheber des Schmerzes, den ich verspüre?
Warum wollen wir denn einfach nicht zugeben, daß »Natur« nur ein sinnloses Wort ist, ein Begriff, den unsere schwache menschliche Vernunft geschaffen hat? Warum wollen wir nicht zugeben, daß Gott alles ist; daß das körperliche Leiden, das dem einen schadet, einen anderen glücklich macht, daß alles, so wie es ist, gut ist; daß es in Hinsicht auf die Gottheit auf der Welt nichts [71] Schlechtes gibt? Alles, was wir gut oder schlecht nennen, verdient diese Bezeichnung nur im Verhältnis zu der menschlichen Gesellschaft, nicht aber im Verhältnis zu Gott, durch dessen Willen wir notwendigerweise nach den ersten Gesetzen, nach den ersten Grundsätzen handeln, nach denen er die ganze Welt eingerichtet hat. Ein Mensch stiehlt; das ist von seinem eigenen Standpunkt aus gut; es ist schlecht, weil er dadurch die gesellschaftliche Ordnung verletzt, aber vom Standpunkt Gottes ist es weder gut noch schlecht. Ich gebe allerdings zu, daß dieser Mensch bestraft werden muß, obgleich er aus Zwang gehandelt hat und obgleich ich überzeugt bin, daß er nicht frei war, sein Verbrechen zu begehen oder nicht zu begehen. Aber er muß bestraft werden, weil die Bestrafung eines Menschen, der die gesellschaftliche Ordnung gestört hat, ganz mechanisch einen sinnlichen Eindruck macht, der die Bösewichte davon ab hält, etwas zu wagen, was ihnen dieselbe Strafe zuziehen könnte, und weil die Strafe, die dieser Unglückliche für seine Gesetzesübertretung erleidet, zum allgemeinen Besten beitragen muß, das in diesem Falle dem Wohle des einzelnen vorzuziehen ist.
Man muß daher sogar die Eltern und Freunde von Verbrechern und alle, die mit ihnen Umgang haben, als ehrlos brandmarken, um dadurch alle Menschen zu veranlassen, sich gegenseitig untereinander Abscheu gegen Handlungen und Verbrechen einzuflößen, die die öffentliche Ruhe stören können. Unsere natürliche Anlage, unsere Bedürfnisse und die Rücksicht auf unser eigenes Wohl treiben den einzelnen unaufhörlich an, diese Ruhe zu verletzen. Diese natürliche Anlage des Menschen kann nur durch Erziehung überwunden werden [72] oder durch die Eindrücke, die seine Seele durch den Umgang und Verkehr mit anderen Menschen empfängt, und zwar entweder durch das gute Beispiel oder durch die Lehren, die sie geben – mit einem Wort, durch äußerliche Eindrücke, die im Verein mit unseren innerlichen Anlagen alle Handlungen unseres Lebens bestimmen. Man muß also die Menschen auslachen, man muß sie zwingen, sich gegenseitig zu diesen Empfindungen anzuspornen, die dem allgemeinen Wohl nützlich sind.
Ich glaube, meine Liebe, du begreifst jetzt, was man sich bei dem Wort Natur denken muß. Morgen früh gedenke ich, dir auseinanderzusetzen, was man von den Religionen zu halten hat. Dies ist ein für unser Glück sehr wichtiges Thema; aber für heute ist es zu spät, es noch zu behandeln. Ich fühle das Bedürfnis, jetzt meine Schokolade zu trinken.
Mir ist es recht, sagte Frau C. aufstehend. Der Herr Philosoph bedarf ohne Zweifel einer körperlichen Kräftigung nach den von mir verursachten Kräfteverlusten; das ist ganz in der Ordnung. Du hast dich ganz vorzüglich benommen und wundervolle Sachen gesagt. Deine Bemerkungen über die Natur sind vortrefflich; aber nimm es mir nicht übel, wenn ich stark daran zweifle, daß du mich in derselben Weise auch über das Kapitel der Religion aufklären kannst, das du bereits mehrere Male mit viel geringerem Erfolge berührt hast. Allerdings, wie solltest du bei einem so abstrakten Thema, wobei alles Glaubensartikel ist, Beweise anführen können?
Nun, das werden wir morgen sehen, erwiderte der Abbé.
Gut, aber glaube nur nicht, daß du mit Worten davonkommen wirst; morgen werden wir, mit deiner [74] Erlaubnis, frühzeitig in mein Zimmer gehen, und dort werde ich deiner Hand und meines Ruhebettes bedürfen.
Einige Augenblicke später gingen sie beide nach dem Hause zurück; ich folgte ihnen unter dem Schutze einer dichten Hecke. In meinem Zimmer blieb ich nur einen Augenblick, um ein anderes Kleid anzuziehen; dann ging ich sofort in die von Frau C. bewohnten Räume, denn ich befürchtete, der Abbé möchte vielleicht das Kapitel von den Religionen doch sofort behandeln, und ich wollte seine Bemerkungen auf alle Fälle hören. Sein Vortrag über die Natur hatte großen Eindruck auf mich gemacht; ich sah klar und deutlich, daß Gott und die Natur nur ein und dasselbe sind, oder daß zum mindesten die Natur nur dem unmittelbaren Willen Gottes folgt. Ich zog daraus meine kleinen Schlußfolgerungen und begann vielleicht zum erstenmal in meinem Leben zu denken.
Ich zitterte, als ich zu Frau C. ins Zimmer trat. Mir war, als wüßte sie von der Hinterlist, die ich gegen sie begangen hatte, und als könnte ihr meine Aufregung nicht entgehen. Abbé T. sah mich aufmerksam an. Ich hielt mich für verloren; bald aber hörte ich ihn halblaut zu Frau C. sagen: Sehen Sie doch, wie hübsch Therese ist! Sie hat reizende Farben, ihre Augen funkeln und ihre Gesichtszüge werden jeden Tag geistreicher.
Ich weiß nicht, was Frau C. ihm antwortete; aber sie lächelten beide. Ich tat, wie wenn ich nichts gehört hätte, und wich ihnen den ganzen Tag nicht von der Seite.
Als ich mich am Abend auf mein Zimmer zurück gezogen hatte, entwarf ich meinen Kriegsplan für den nächsten Morgen. Aus Furcht, nicht rechtzeitig aufzuwachen, schlief ich überhaupt nicht. [75] Gegen fünf Uhr früh sah ich Frau C. nach dem Wäldchen eilen, wo der Abbé sie bereits erwartete. Nach dem, was ich am Tage vorher gehört hatte, mußte sie bald in ihr Schlafzimmer zurückkehren, wo das von ihr erwähnte Ruhebett stand. Ohne mich zu besinnen, schlüpfte ich in das Zimmer hinein und versteckte mich im Bettgäßchen; ich setzte mich am Kopfende auf den Fußboden, so daß ich mich mit dem Rücken an die Wand anlehnte. Vor mir hatte ich den Bettvorhang, den ich nötigenfalls etwas zur Seite schieben konnte, um das in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers stehende Ruhebett zu übersehen; es konnte kein Wort gesprochen werden, ohne daß ich es hörte.
Ich wartete lange und begann in meiner Ungeduld schon zu fürchten, daß mir mein Plan fehlgeschlagen wäre; schließlich aber traten die beiden Helden der Komödie doch ein.
Mach es mir recht tüchtig! lieber Freund, sagte Frau C, indem sie sich auf ihr Ruhebett sinken ließ. Die Lektüre deines bösen Pförtners der Kartäuser hat mich ganz in Flammen gesetzt; seine Porträts sind sprechend ähnlich; sie tragen einen bezaubernden Ausdruck von Wahrheit; wenn es weniger schmutzig wäre, es wäre ein unnachahmliches Buch in seiner Art. Stecke ihn mir heute hinein, Abbé! Ich beschwöre dich! Ich sterbe vor Lust, und ich bin bereit, alle Folgen zu tragen!
Fällt mir nicht ein! versetzte der Abbé. Und zwar aus zwei guten Gründen nicht: Erstens liebe ich dich und ich bin zu anständig, um deinen guten Ruf aufs Spiel zu setzen, auch möchte ich deine gerechten Vorwürfe wegen einer solchen Unvorsichtigkeit nicht anhören; zweitens ist der Herr Doktor, wie du siehst, nicht eben in glänzender Verfassung; ich bin kein Gascogner, und ...
[76] Ich sehe vollkommen genug, rief Frau C. Dieser letzte Grund ist so stark, daß du wirklich nicht nötig gehabt hättest, dich mit dem ersten zu brüsten. Aber höre, setze dich doch wenigstens neben mich, fuhr sie fort, indem sie sich wollüstig auf dem Bett ausstreckte; wir wollten, wie du es nennst, das kleine Meßopfer bringen.
Ah, von ganzem Herzen, meine liebe kleine Mama! rief der Abbé. Er hatte sich erhoben und entblößte bedächtig ihren Busen. Dann hob er ihren Rock und ihr Hemd bis zum Nabel auf und öffnete ihr die Schenkel, indem er zugleich ihre Knie ein wenig emporhob, so daß ihre Absätze beinahe einander berührten.
In dieser Stellung küßte der Abbé abwechselnd alle Schönheiten des Leibes seiner teuren Geliebten. Frau C. lag unbeweglich und schien von den Wonnen zu träumen, deren Vorboten sie bereits nahen fühlte. Ihre Augen waren halb geschlossen; die Spitze ihrer Zunge erschien auf dem Rande ihrer Rosenlippen, und alle Muskeln ihres Gesichtes zuckten in wollüstiger Erregung. Mach doch endlich ein Ende mit deinem Küssen! rief sie dem Abbé zu. Siehst du denn nicht, daß ich auf dich warte? Ich halte es nicht mehr aus!
Der gefällige Beichtvater ließ sich dies nicht zweimal sagen. Er ließ sich zwischen Frau C. und der Wand auf das Ruhebett sinken, schob seine linke Hand unter den Kopf der zärtlichen Frau C. und gab ihr die wollüstigsten züngelnden Küsse auf den Mund. Seine andere Hand verrichtete derweilen das Hauptgeschäft: Sie liebkoste mit vollendeter Künstlerschaft jenen Teil, durch den unser Geschlecht sich von dem männlichen unterscheidet und der bei Frau C. sehr reichlich von wunderschön schwarzem lockigem Haar geschmückt ist. Der [78] Finger des Abbés spielte hier die interessanteste Rolle. Ich war in der denkbar günstigsten Stellung, um dieses Gemälde betrachten zu können. Das Ruhebett stand so, daß ich das Vlies der Frau C. vor Augen hatte. Unter demselben zeigten sich zum Teil ihre beiden Hinterbacken, die sie leicht von unten nach oben bewegte – ein Zeichen ihrer innerlichen Bewegung. Ihre Schenkel, die schönsten, rundesten, weißesten Schenkel, die man sich nur denken kann, vollzogen mit den Knien eine andere leise Bewegung von links nach rechts und umgekehrt, die ohne Zweifel ebenfalls zu ihrem wollüstigen Genuß beitrug. Der Finger des Abbés war in dem dichten Vlies verschwunden, machte aber alle diese Bewegungen mit.
Es wäre ein vergebliches Bemühen, lieber Graf, Ihnen sagen zu wollen, was ich in jenem Augenblick dachte. Mechanisch äffte ich einfach nach, was ich sah. Meine Hand leistete mir denselben Dienst wie die des Abbés der Frau C.; ich ahmte alle Bewegungen meiner Freundin nach.
Ach! Ich sterbe! rief sie plötzlich. Steck ihn hinein, lieber Abbé! Ja ... recht tief ... ich beschwöre dich, stoß! Stoße recht stark! Stoße, Kleiner! Ach welche Wonne ... Ich vergehe ... Ich zerfließe ... Ich ... ich ...
Ich machte alles nach, was ich sah, und ohne einen einzigen Augenblick an das Verbot meines Beichtvaters zu denken, stieß ich mir ebenfalls meinen Finger hinein. Ein leichter Schmerz, den ich verspürte, hielt mich nicht zurück. Ich stieß, so stark ich nur konnte und bald war ich auf dem Höhepunkt der Wollust.
Ihre verliebte Erregung hatte sich beruhigt, und ich war trotz meiner unbequemen Lage beinahe in Schlaf gesunken, als ich Frau C. sich dem Platze [79] nähern hörte, wo ich mich versteckt hielt; ich glaubte schon entdeckt zu sein, aber ich kam mit der Furcht davon. Sie zog die Klingelschnur und bestellte Schokolade; während die beiden diese tranken, rühmten sie die Freuden, die sie soeben gehabt hatten.
Warum sind Sie nicht ganz und gar unschuldig? sagte Frau C. Sie mögen noch so oft sagen, daß sie den Vorteil der Gesellschaft nicht beeinträchtigen, daß wir durch ein Bedürfnis zu ihnen getrieben werden, das für gewisse Temperamente ebenso natürlich ist und ebenso notwendig befriedigt werden muß wie Hunger und Durst. Sie haben allerdings vollkommen bewiesen, daß unsere Handlungen nur von Gottes Willen abhängen, daß »Natur« ein sinnloses Wort ist, aber was sagen Sie von der Religion? Sie verbietet uns die außerehelichen Freuden der Fleischeslust. Ist »Religion« ebenfalls ein sinnloses Wort? Wie? Erinnern Sie sich denn nicht mehr, daß wir nicht frei sind, daß alle unsere Handlungen notwendigerweise vorherbestimmt sind? Und wenn wir nicht frei sind, wie können wir dann sündigen? Doch da Sie es wünschen, so wollen wir dies Thema von den Religionen einmal ernstlich vornehmen. Ich kenne Ihre Verschwiegenheit, Ihre Vorsicht, und ich trage um so weniger Bedenken, mich deutlich auszusprechen, da ich vor Gott beschwören kann, daß ich ehrlich und aufrichtig versucht habe, den wahren Sinn der Religion zu ergründen. Meine Arbeit und mein Nachdenken über diesen wichtigen Gegenstand haben mich zu folgenden Entschlüssen geführt: Gott ist gut, sage ich; seine Güte ist mir Gewähr, daß er mich nicht täuschen wird, wenn ich eifrig zu erkennen suche, ob er einen wirklichen Kultus von mir verlangt. Es muß mir offenbar gelingen, diesen [80] Kultus zu erkennen, denn sonst wäre Gott ungerecht; er hat mir die Vernunft gegeben, um mich ihrer zu bedienen, mich von ihr leiten zu lassen; wozu konnte ich sie besser anwenden?
Wenn ein aufrichtiger Christ seine Religion nicht prüfen will, warum verlangt er denn – wie es ja geschieht – von einem aufrichtigen Mohammedaner, daß dieser die seine prüfen soll? Sie glauben beide, daß ihre Religion ihnen von Gott offenbart worden ist, die eine durch Jesus Christus, die andere durch Mohammed.
Unser Glaube stammt nur daher, daß Menschen uns gesagt haben, Gott habe gewisse Wahrheiten enthüllt. Aber andere Menschen haben den Anhängern anderer Religionen dasselbe gesagt; wem soll man also glauben? Um zur Wahrheit zu gelangen, müssen wir prüfen; denn alles, was von Menschen stammt, muß unserer Vernunft unterworfen sein.
Alle Stifter der verschiedenen Religionen, die auf der Erde verbreitet sind, haben sich gerühmt, daß Gott sich ihnen offenbart habe; welchem dürfen wir glauben? Untersuchen wir also, welche Religion die echte sei. Da aber von Kindheit an durch unsere Erziehung alle unsere Begriffe durch Vorurteile gebildet sind, so müssen wir zunächst dem lieben Gott alle Vorurteile zum Opfer bringen und hierauf mit der Fackel der Vernunft eine Frage beleuchten, von der in unserem zeitlichen und ewigen Leben Glück und Unglück f