Der Wintergarten, Taufe, Hochzeit

[431] In diesem Augenblick öffneten sich die hohen Türen, welche die rechte Wand des Zimmers bisher vorgestellt hatten, Wärme und Blumenduft hauchten uns an, es war eine wunderbare Zauberei, die keiner geahndet hatte. Wir glaubten am Tage ins Freie zu sehn, so herrlich durchsichtig war die Höhe gemalt und weithin zu Gegenden jenseit des Chimborasso versetzt, da lag er vor uns in[431] prächtigem Morgenblau, und hinter ihm stieg die Sonne empor, die uns verlassen. Die Ebene war wunderbar von den fremdartigen riesenhaften Pflanzen unterbrochen, unser Landsmann Humboldt saß im Vordergrunde und zeichnete, ein Kondor lag zu seinen Füßen. Dieses wohlgelungene Panorama, wurde noch außerordentlich von einem Wintergarten unterstützt, den unsre herrliche Frau ganz heimlich mit großer Liebhaberei ausgeführt hatte. Auf das helle Panorama führte ein sich erweiternder Weg, wie ein Laubgang, der dunkler gehalten; seine beiden Seiten waren mit einer dichten Reihe eingegrabener Südpflanzen bedeckt, die keine Unterbrechung ihres Lebens, keinen Winter dulden; da standen üppig die eingewurzelten Schlangen, halb belebte Säulen, Palmen, umschlungen von Lianen, baumartige Farrenkräuter, der ganze vegetabilische Unsinn jener Zonen, heimlich versteckt dazwischen der ganze Reichtum unsrer duftenden Blumen. Die Breite des Saals war nur von ein paar Gruppen jener verruchten wollüstigen Pflanzen unterbrochen, die nichts als ein paar dicke auf einander erwachsene Blätter sind, mit ein paar Stacheln bewaffnet. Mancherlei Gevögel, besonders Kanarienvögel, durchschwärmten die Luft; einige Papageien von buntem Gefieder kletterten auf den Palmen und Aloes sehr feierlich; ein indianischer Rabe trank aus dem Becken eines Springbrunnens, der, unfern dem Panorama, seinen Strahl in ein Marmorbecken fallen ließ. Einige Lämmer mit roten Bändern um den Hals sprangen unsrer Frau entgegen; die Kanarienvögel flogen auf ihren Kopf: in dieser Welt war der Mensch noch der Tiere Gott. Die Kanarienvögel hielten sich mit ausgebreiteten Flügeln das Gleichgewicht auf ihrem Kopfe und bekamen Zucker, die Lämmer Brot. So ging sie langsam zum Springbrunnen und weidete sich an unsrer Verwunderung und Freude. Wie wurde sie aber selbst überrascht, als sie sich dem Becken des Springbrunnens näherte, und ein Kistlein von Rohr schwimmen sah. Sie hob es aus dem Wasser, fand ein Knäblein, sie wagte es kaum mit zarten Fingern anzurühren, froh verwundert mit aufgehobenen Händen stand sie davor, das Knäblein lächelte und streckte die Arme nach ihr aus. Wir errieten gleich, daß es der Findling von heute sei, den der Invalide heimlich dahin gebracht, um nicht gegenwärtig sein zu müssen, auch bestätigte dies die Inschrift einer kleinen Platte, die dabei lag.[432]


Hat ein andrer mich aus Todeswell gehoben,

Hebe Du mich aus der Taufe Lebenswelle,

Ja Dein Herz sei meines Tempels erste Schwelle;

Vater, Mutter, die mir nah, sind all da droben,

Doch die Liebe bleibt nie ferne müßig stehen;

Freundschaft wird die Hand als Zeugin auf mich legen,

Hoffnung traf ich schon auf meinen Schreckenswegen,

Und dem Glauben kann ich in die Augen sehen.


Unsre liebe Frau sah das Kind zärtlich an, und küßte es, sie winkte einem Unbekannten in schwarzen Kleidern. Er trat hervor und taufte das Kind am Marmorbecken; die Frau gab ihm den Namen Moses, in Erinnerung der Art, wie sie ihn gefunden; wir alle legten als Zeugen die Hände auf; ein Vogel kam und ließ aus seinem Schnabel einen hellen Tropfen auf den Mund des Kindes fallen. Hier möchte ich meine Erzählung schließen dürfen: wir waren so heiter, so zutraulich geworden, daß wir der ganzen Welt hätten vergessen können, aber sie wollte unsrer nicht vergessen. Es trat ein kleiner Offizier ins Zimmer, der Gesandte beugte seine Kniee und begrüßte ihn als seine Fürstin; sie verkündigte ihm begeistert die neuen Hoffnungen für ihr Haus und bestimmte ihn augenblicklich, zu einer wichtigen Bestimmung abzureisen. Der Gesandte versicherte ihr seine völlige Ergebenheit, doch warnte er sie den Regungen des Volks nicht zu viel zu trauen, das immer halb im Taumel der Unempfindlichkeit sei. Sie aber fuhr begeistert auf: »Es wacht mein Volk, nichts schläfert es mehr ein, die Zeit ist aus des schönen Traums, der uns Verzweiflung hat versteckt. Kühn war's, den Riesen, des Volkes Geist, zu wecken, denn wenn er aufwacht, schlägt er um sich, Freund und Feind in trüben Sinnen sich vermischend und erst am Schrei erkennt er, daß er wache. Dann springt er auf, macht große Augen und fragt: ›wo ist mein Weib, wo sind die Kinder, wo ist der reiche Vorrat, den ich mühsam sammelte, daß ich von Müh erschöpfet niedersank und schlief?‹ Da sieht er seinen Ring, sieht auch sein Weib dort an der Hand des Feindes jenseit wandern, die Kinder liegen zerschmettert ihm zu Füßen, dem alten Weinfaß ist der Boden ausgeschlagen, die Becher liegen rings in Scherben. Es brennt sein Haus, fort ist der Reiz des häuslich stillen Lebens, er eilt zu seinem Nachbar, sich zu trösten und findet ihn verhungert schon. Nun denkt er aller und vergißt[433] sich selbst, den harten Kampf für Freiheit alle wählen; da mustert er die Seinen, und fühlet seine Schwäche und die Macht von oben. ›O Herr nur einen Hauch des Glückes, das alle Segel schwellt des Lasters‹, so flehend sinket er vor einem Felsen nieder. Gleich stürzt ein Strom von dieser Felsenhöhe und stäubt in Dunst auf ihn hernieder, da ruft er tief entzückt: ›kein Tropfen zu viel, kein Tropfen zu wenig, wie hell und wie kühl, ich wirke nicht, tön ich.‹ – Der Trübsinn, der ihn lähmte, tauft sich von seinem Haupte, und was er je an Freuden ahndete und fand, ist gar nichts gegen diese Seligkeit, ganz eins zu sein; frei steht er nun, ein starker frommer Held, er schaut hinauf, da leuchtet ihm in tausend Farben, der neuen Erde Hoffnungstagen und tut der Welt nun ewig kund, geschlossen sei der Gnadenbund.« – So lebhaft uns die letzten Worte an ein Possenspiel erinnerten, das wir zu jener Zeit oft mit einander spielten, von der Sündflut, so konnte doch keiner von uns lachen; es ist als wenn jede Begeisterung eine neue Welt anzufangen das Recht hätte, das Alte verliert gleich seine allgemeine Bedeutung. Sie sah die prachtvolle Aussicht mit verächtlichem Lächeln und sprach: »Der Morgen, seht, der hinter jenen Bergen hinüber scheint, das sind die Höllenflammen unsres Weltteils, wie ist die Kunst zu schwach den Abgrund zu bedecken mit schönem Schein, doch diese Kunst ist schrecklich, die betrügt, die rechte Kunst ist wahr, sie heuchelt nie den Frieden, wo sie ihn doch nicht geben kann.« – Sie wollte gehen bei diesen Worten, doch die Geniale hielt sie und bat flehentlich, sie mitzunehmen: sie wäre zu jeder Anstrengung fähig und könnte sie auch nicht Krieg führen, sie könnte wenigstens den Krieg predigen. Die Fürstin nahm sie in ihre Arme, und hier war unsre erste Trauer, die Trennung von zwei so werten Genossen unsres Kreises, von dem Gesandten und von der Genialen, wir wollten einander nie vergessen; so vertraulich waren wir, wer weiß, ob wir uns noch grüßen, wenn wir nach ein paar Jahren uns wiedersehen, oder ob jeder nach andrer Seite sieht, um sich einander die unnütze Mühe zu ersparen. Diese Unterbrechung unsres Festes hatte inzwischen unserer Frau die Kraft gegeben, uns ruhig ihren Plan zu eröffnen, noch heute sich zu verheiraten. Der Geistliche legte die Hand unsrer Frau in die Hand des Winters; nachdem er die Ringe gewechselt, segnete er sie ein, und selig lächelnd sah der Greis sie an, den die vorhergehenden Ereignisse sehr erschüttert[434] hatten. Uns wurde allen wohl bei seinem Anblicke, da sank er starr nieder, seine Ahndung wurde erfüllt, er hatte den Winter nicht überlebt, aber der Ausdruck seines Gesichts blieb ein Vorgenuß ewiger Seligkeit. Unsre Frau war tief gerührt, wie wir alle, aber fest; ihre Sorgfalt ihn zu beleben, war vergebens. Wir eilen dem Traurigen vorüber. Als sie sich kaum von ihrem Verluste überzeugt hatte, trat der Invalide und Ariel, beide in Mänteln mit Reisestöcken ins Zimmer. Der Invalide küßte ihre Hand zum Abschiede und bat um ein Zeichen, das er auf einer Reise um die Welt, als eine trostreiche Erinnerung tragen könne, zugleich empfahl er ihr das Kind. Sie reichte ihm den eben erhaltenen Ring, er neigte sich still und verschwand mit Ariel. Es gibt ein Maß der Schmerzen, und das geringste Zuviel vernichtet: der Schmerz unsrer Frau durchbrach jetzt die Schranken der Geduld, ihre Brust war beklemmt, schluchzend öffnete sie die Fenster ihres Wintergartens, die Vögel flogen in die Freiheit, die sie nicht ertragen konnten, die amerikanischen Gewächse schlossen sich, ihrem vaterländischen Himmel getreu, wo jetzt die Nacht eintrat, nun die Sonne uns aufging; sie schlossen sich für immer in der Kälte, die aufgehende nordische Sonne beschien ein untergehendes Südland. – Nachdem der Schmerz seine erste abhärtende Stärke verloren, ward unsre Frau ernstlich krank; das Kind blieb ihr einziger Trost und Beschäftigung; unsre Gesellschaften waren getrennt. In diesen Zeiten der ersten ernsthaften Betrachtung vernichtete die Trauer, was in ihrem Angedenken noch von jener unseligen Leidenschaft lebte; dem feindlichen Freunde sendete sie sein Bild zurück; es kam zum Tröste seiner Verwandten, die eben seinen Tod auf dem Felde der Verzweiflung betrauerten; sie fühlt sich jetzt frei aber freudenlos; o möchte doch die Rückkehr des Weltumseglers ihr neue Freude bringen!

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 2, München 1962–1965, S. 431-435.
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