Fünftes Kapitel

Die Gräfin Dolores mit dem Marchese D ... Politik. Alchemie. Verführung

[246] Die Gräfin verlor den Grafen, in der immer veränderten Gesellschaft des Marchese, bald aus den Gedanken; mechanisch setzte sie sich Morgens eine Stunde zum Schreibtische, klagte über seine Abwesenheit, erzählte von ihrem Kinde; solch ein Wisch von einem Briefe, krumm und schief geschrieben, mit Kaffee und[246] Tinte befleckt, konnte doch den Grafen selig machen; es schien ihm so vertraulich zu einem Briefe nicht einmal die Gedanken zusammen zu nehmen, sondern so wie im gewohnten Morgengrüßen auch wohl dazwischen einmal zu gähnen. Inzwischen nahm die Gräfin ihre Gedanken, oder vielmehr sie fand sie und mehr, als sie sonst hatte, zusammen, sobald der Marchese zu ihr eintrat, ihr Zimmer aufräumte und wieder mit allerhand neuen Kleinigkeiten verzierte. Da wir nicht Lust haben die Geschichte jedes Tages ausführlich vorzutragen, weil die gemeine Bosheit manches daraus erlernen könnte, so wollen wir das Betragen des Marchese durch einige frühere Beobachtungen über ihn deutlicher zu machen suchen; bald möchte er sonst gar zu befremdend erscheinen. Aufgewachsen in der verderbten großen Welt von Madrid, mit einer Klugheit, die ihn selbständig machte, wo andre noch angeführt werden, suchte er ihren Genuß nicht in der rohen Art, die blind zugreifend die Sinnlichkeit mehr erschöpft als befriedigt, nein, er wollte das Herrlichste alles mit ganzer Kraft genießen: dies meinte er das herrlichste Leben, die Mittel waren ihm Nebensachen; sein Talent hatte ihm die meisten entweder eigen gemacht, oder unterworfen. Ohne lange Beratung mit sich, fast unbewußt traf er stets, ob er sich einem Manne von Bedeutung, oder einer schönen Frau mehr durch Lob oder Tadel nähere, mehr durch allgemeine praktische Gesinnung oder durch Sonderbarkeit, ob er besser imponierte oder sich belehren lassen müsse, ob Bewunderung oder Mitleid ihm wesentlicher diene; gewiß war er, besonders Frauen, bald so nahe bekannt, als irgend ein anderer, und gemeinhin viel vertrauter; sie sagten ihm, was sie guten Bekannten lange verschwiegen, hatten sie gefehlt, so zeigte er sich noch fehlerhafter; er zeigte ihnen so viele Häkchen, so viele Berührungen seiner reichen Natur, daß eines sicher fassen mußte; hatte er aber nur einen Ton erkämpft, so ließ er ihn nicht mehr verstummen; bis die letzte Luft aus dieser Pfeife ausgeblasen, nicht eher ließ er nach. Und bei dieser steten Bewegung seiner neugierigen Bestrebungen wurde er sich selbst ganz leicht; die quälende Tätigkeit seines Daseins fand ihr Ziel; es tat ihm leid, wo es endlich öde und traurig ausging, aber er konnte nicht anders und er fühlte, daß er auch in seiner Natur genug gelitten und erduldet; er gönnte auch andern ihre Prüfung. Von einem Don Juan war er schon dadurch unterschieden, daß er keinesweges[247] bloß sinnlich war mit all und jedem Weibe: nur mit den sinnlichen war er sinnlich; noch eifriger konnte er mit streng-moralischen sein Leben durchgehen und bessern, mit einer Religiösen beten. Hätte Don Juan seine Vielseitigkeit gehabt, er hätte sich durch des Teufels Großmutter vom Teufel los geschwatzt. Daß ihn Dolores sinnlich reizte, brauchen wir nicht zu erinnern; beten und träumen war ihre Sache nicht, aber sie war die stolzeste, prächtigste Sinnlichkeit, die je über die Erde geblickt, als wäre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen. Er sah bald, daß Glanz, Artigkeit, Schönheit sie nicht bezwinge; sie war zu stolz, sie mußte gedemütigt werden, das war aber bei ihr nicht leicht. Er ließ einige Tücken gegen ein paar lockere Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen Gesellschaftsspiele, die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten; das brachte manche gegen ihn auf: auch Dolores, die an ihrem Umgange Geschmack gefunden; sie machte ihm Vorwürfe, er stellte sich so wütend, daß ihr vor ihm angst wurde; das war kein Schauspiel, nein er fühlte es ganz so, als würde die Gräfin durch solchen Um gang entweiht; etwas, das der Graf auch gefühlt, aber immer nur leise angedeutet hatte; doch dachte sie heimlich dabei, daß ihrem Manne es eigentlich gebührt hätte, so zu handeln.

Mit seinem Scharfsinne faßte er auch bald die schwache Seite der Gräfin, von der er sich ihr schnell, unabhängig von dem Reize seines Umganges, wichtig und unentbehrlich machen könne. Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen, und seine Härte, sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschließen; ein Unrecht in einer Zeit, die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat, daß sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit mehr herabgewürdigt wird. Im elterlichen Hause war die Gräfin schon als Kind ganz an das Gegenteil gewöhnt worden; Frauen wurden zu mancher geheimen Verhandlung gebraucht, öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle; sie erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift, und der Marchese überbrachte ihr deren bald viele, sehr verbotene, schwer zu erlangende, mit unter sogar Manuskripte, die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte. Jede Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem, was nicht voraus zu[248] sehen. Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung, Überbringung und Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen Gang aus, der sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand, wenn er, ohne die Vorzimmer zu durchlaufen, sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte. Sie gab ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken, welches bedeutende Zeichen sie ihm damit schenke. – Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen, Zweifeln an Verschwiegenheit, rätselhaften Andeutungen, welche alle Neugierde der Gräfin spannten, erklärte er ihr, daß er sie fähig glaube, einen ausgezeichneten politischen Einfluß zu gewinnen. Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese Äußerung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes, ob eine Frau nach ihren Verhältnissen dazu tauge. – »Das ist Torheit«, rief der Marchese heftig, »wären Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen; ich halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen Verhandlungen.« Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von französischen Frauen, die ihre Zeit geleitet. Er schloß mit den Worten: »Diese Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte, während alle die guten Mütter, wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird, von ihren eignen Kindern schon vergessen werden; Sie sehen, es gibt eine höhere und eine gemeine Tugend; die letztere kann jene nicht erkennen, sie ist über ihre Fassung, wohl aber jene diese, und darum glauben Sie wegen jener Äußerung nicht, daß ich mütterliche Tugenden verachte, die Sie Gräfin so schön und liebreich ausüben; aber es gibt freilich etwas Höheres!« – Die Gräfin drängte sich ungeduldig, dieses Höhere kennen zu lernen; sie wünschte, die Geschichten jener Frauen zu lesen, und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen Memoiren, die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit, die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten, so lebendig entwickeln, daß eine gewöhnliche Untreue in der Ehe, aus Zuneigung, fast wie eine himmlische Tugend erscheint. Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich in diesen Büchern las, die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte, rückte er mit seinen politischen Absichten näher; er erbat sich von ihr Kundschaft über einige fürstliche Häuser, die sie kannte; was sie ihm flüchtig gesagt,[249] stellte er mit großer Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen Darstellung zusammen, und er las es ihr spät Abends vor, so daß sie über sich selbst erstaunte, was er aus ihr bilde, chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit großer Sorgfalt, bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien. Unglaublich hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt; sie zitterte, es zu verlieren und hätte es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben. Auch dazu gab der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die Gelegenheit; er sprach von ihrem Talente, das Geheimste zu beobachten, von ihrer Darstellung mit einer Zuversicht, als wären diese Gaben allgemein anerkannt. Der Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit; sie lebte sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen, und für den Marchese zu benutzen, so daß es bald in der Stadt hieß, sie sei die rechte Hand des spanischen Gesandten. Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse, die er ihr verbarg und nach denen sie strebte; auch hielt er sich noch immer zurück, eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen; sie aber hatte den geheimen Wunsch, daß er ihr seine Liebe erklären möchte, die sie recht wohl in ihm erkannte; daß sie ihm dann zwar alles Unerlaubte versagen würde, dessen war sie gewiß, aber wenigstens konnte er ihr nachher nichts mehr versagen, oder durch Äußerungen ihren politischen Gesellschaftsruhm stürzen. Er durchschaute sie, und tat noch immer voller Rücksichten, da er ihr Streben bemerkte, vor ihm als ganz rein zu erscheinen; er glaubte immer noch, daß selbst die Furcht vor ihrem politischen Sturze sie nicht genug in seine Gewalt bringe; als eine wunderschöne Frau könnte sie nach einigen Tränen darüber lachen; er mußte sie ganz demütigen, daß sie sich sogar als lasterhaft erscheine und daß es ihm ganz überlassen sei, sie gesellschaftlich zu vernichten. Sie ganz zu demütigen, bot ihm der Zufall, den er oft schon belauert, die dienstfertige Hand. – Die Gräfin wollte einen Ball besuchen; sie trat in ein Zimmer voll großer Spiegel, in dessen Ecke er sich hinter einem Schirme auf ein Sopha ausgestreckt hatte; sie bemerkte ihn nicht, machte gegen den einen Spiegel einige recht hochmütige, einige recht freundliche Gesichter; dann sagte sie behaglich zufrieden mit sich selbst: »Heute bin ich unwiderstehlich, heute wird sich[250] der Marchese doch vor mir demütigen müssen; heute will ich ihn warten lassen, ehe ich ihm die Hand biete. Halt«, sagte sie weiter, »hier auf der rechten Backe noch etwas Schminke – nun soll es heute einmal rot wie ein Wagenrad werden? – Wenn der Marchese wüßte, daß ich mich schminkte, ich wäre verloren, dann wüßte es alle Welt. – Und mein Mann, was würde der sagen, dem ich so heilig versprochen, keine Schminke aufzulegen: solch Versprechen kann aber nicht gelten.« –

Bei diesen Worten sprang der Marchese lachend auf und warf sich der Erschreckten leicht und liebenswürdig geschickt zu Füßen, und sagte spottend: »Ja wohl muß es der hochmütige Marchese der ganzen Gesellschaft sagen, damit alle sich wie er vor Ihnen niederwerfen, Sie verderben sich sonst wahrhaftig die schöne Haut mit der fatalen Schminke und des artigen Liedes von dem Grafen denken Sie gar nicht.« Und dabei stand er auf und sang ihr dieses Lied, das der Graf ihr einmal zärtlich warnend verfertigt hatte, als er das erste Schminktöpfchen zu einem Balle bei ihr versteckt gefunden; der Graf hatte es ihm gegeben, indem er ihm versichert, daß sich die Gräfin seit der Zeit gar nicht mehr schminke, weil sie es ihm damals heilig versprochen. Hier dies Lied:


Siehst du in den hohen Spiegel,

Deine Locken gleich zu ringeln,

Scheint ein Bübchen, das hat Flügel,

Dich mit Blumen zu umzingeln:

Dann erscheinen in dem Spiegel

Noch der holden Mädchen drei,

Binden dieses Knaben Flügel,

Anmut bindet Lieb und Treu.


Willst du freundlich gern sie sehen,

Bleiben freundlich sie ergeben,

Willst du dich nur spiegelnd sehen,

Mögen sie wohl frei verschweben!

Klage nicht, daß Schönheit fliehet,

Schneller flieht das Irrlicht dann;

Bind es nicht durch Kunst, es glühet,

Was uns wärmt, auch brennen kann.


Sonnenstrahl, wie warm und helle,

Kannst die Wange bald versengen! –[251]

Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,

Alle Farben da sich drängen:

Amor schwingt die Fackel helle,

Sieht so listig auf den Grund,

Sieht so leicht die falsche Stelle,

Schminke küsset nicht sein Mund.


Wer sich Amor kann verstecken,

Kann auch nimmer selig lieben,

Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,

Kann das Kindlein hart betrüben:

Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig,

Wir entfliehen ja mit ihr,

Blühe Wein, und trage tüchtig,

Schönre Kinder bleiben hier.


Statt des einen Amor viele,

Viele Amors ohne Flügel

Kränzen Grazien im Spiele,

Und du siehst doch ohne Spiegel:

Siehst du deine Schönheit wieder

In den Kindern, die einst dein,

Schlage nicht die Augen nieder:

Ach wie schön, so schön zu sein.


Tausendmal verfluchte die Gräfin in sich dieses Lied; aber der Marchese schenkte ihr keinen Vers; immer tiefer sank ihr dabei Stolz und Mut; sie kannte seine Tücke, seine Kunst in lächerlicher Übertreibung. Zum erstenmal glaubte sie etwas ganz Unverbesserliches getan zu haben, und in dem Nachsinnen auf einen Ausweg wurde ihr eiskalt, und die Gedanken vergingen ihr. Noch ein Vers und sie hätte in Ohnmacht vor ihm gelegen; jetzt brach ein Tränenstrom aus ihren Augen; sie war artig und schwach wie ein Kind, dem man über eine Kleinigkeit zum Spaß harte Vorwürfe gemacht hat, und das sich nun gar nicht will zur Ruhe begeben. Das war so ihre Art; sie fühlte sich so ganz herunter von ihrer eingebildeten Höhe, daß sie nichts dawider hatte, als ihr der Marchese die Tränen von den Wangen küßte; sie wollte ihn gar nicht loslassen; »schweigen, schweigen!« rief sie schluchzend; er versprach es ihr mehrmals und ohne daß weiter zwischen ihnen etwas gesprochen wurde, hauchte sie sich in die Hände, um die Tränen zu[252] verwischen und die Augen zu erfrischen; der Marchese führte sie an den Wagen. So viel Gewalt sie sich antat, sie konnte nicht ihre gewöhnliche Lustigkeit auf dem Balle erreichen, und ihr, die sonst Nächte durchtanzte und am Morgen so klar wie ein Falke aus den Augen sah, fielen sie diesen Abend bald zu, und sie eilte nach Hause, in einem tiefen Schlafe das Ende ihrer hoffnungslosen Nachgedanken zu finden, wie der unverbesserliche Fehler gut zu machen, der ihr noch jeden Augenblick von neuem alles Blut ins Gesicht trieb. Noch am Morgen war sie ganz zerknirscht; nie hatte ein Mann ihr ganzes Gemüt so in seiner Gewalt gehabt, weil sie nie eigentlich geliebt hatte; sie fühlte etwas Neues zwischen sich und dem Marchese entstehen, das sie nach allen Beschreibungen der Bücher für die wahre Liebe halten mußte; sie fühlte in ihm ein Hinaussetzen über alle Verhältnisse, vor dem ihr grauete und das sie reizte, weil es den Keim zur Verderbnis in ihr plötzlich zum Aufwachsen regte. Ihr Mann war ihr durch das Lied ganz verhaßt; durch eine häufige Mißdeutung des Gefühls glaubte sie in ihm die wahre Ursache ihrer Beschämung; bald kam es ihr vor, als habe er sie boshaft dem Marchese ganz überlassen wollen; sie fand es plötzlich ein himmelschreiendes Unrecht von ihm, eine junge freudige Frau so allein ohne einigen Genuß zurück zu lassen. – Mißverständnisse sind die Blüten des Bösen, nur die Guten verstehen sich mit Guten zum Guten ganz und immer. Dem Marchese war nichts entgangen: seine gewonnene Überlegenheit, ihr Zutrauen breitete er mit rastlosem Eifer aus. Da sie ihrem Manne sonst meist nur aus Eigensinn, nicht aus verschiedener Ansicht widersprochen, denn sie nahm eigentlich nur von wenigem eine begründete Kenntnis an, so mußte ihr Urteil an diesem klugen kalten Sprecher leicht brechen, die Folge davon war, daß sie von ihm lernen wollte. Nun umspann er sie leise mit mancherlei geheimnisvollen Wissenschaften, höherer Philosophie, Astrologie und Geisterbeschwörung; er kannte von allem nur das, was auf das Gemüt wirkt und das Urteil beschränkt, und so führte er sie bald in eine neue Welt, unter der ihre gewohnte tief unten in niedriger Entfernung lag; so verschwand ihr auch der Graf mit dem notwendigen schönen Eindrucke, den seine Lebensweise auf jeden ihn Umgebenden machte.

Jede Zeit hat ihre eigne Art Geister, ihre Art sie zu denken und zu zitieren; einstmals rasselten sie alle wie Festungsgefangene mit[253] Ketten, sprachen vom Fegefeuer, und forderten Gebete von den Ihren; späterhin wurden sie wissenschaftlicher, und forderten zu ihrer Beschwörung große Kenntnisse, Anschaffung seltener chemischer Bereitungen, und in diesem Sinne wirken noch immer die Rosenkreuzer. Der Marchese hatte sich alle Geheimnisse der Rosenkreuzer angeeignet, um sie, vermischt mit dem Mesmerschen Magnetismus als eine furchtbare Geisterhand in das Innerste der Gemüter auszustrecken. Er zeigte der Gräfin unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit manche Briefe ausgezeichneter Männer der Zeit, die ihn als ein unbekanntes Oberhaupt der Geister und der höheren geistigen Weltregierung ansahen; sie staunte über die Gewalt, die er über alle ausübte, und in diesem Sinne wurden ihr selbst unbedeutende Äußerungen von ihm bedeutend; manches Zeichen, das er willkürlich machte, hatte ihr einen tieferen Sinn. Oft brachte er ihr, ohne ihr Wissen, magnetisierte Blumensträuße, die sie mit einander in eine Berührung setzten, daß sie in ihrem Innern, was er wollte, anschauen mußte. Eines Abends las er ihr aus einem geschriebenen Buche von der chymischen Hochzeit6 vor, das er sich selbst zuschrieb und von dessen Wunderbarkeit wir einen kleinen Vorschmack geben wollen:

»An einem Abend vor dem Ostertage saß ich an einem Tische, wo ich der vielen großen Geheimnisse dachte, deren mir der Vater des Lichts nicht wenig sehen lassen. Als ich nun mir mit meinem lieben Osterlämmlein, ein ungesäuert unbeflecktes Küchlein in meinem Herzen zubereiten wollen, kommt ein grausamer Sturm daher, daß ich nicht anders meinte, denn es werde der Berg, darin mein Häuslein gegraben, von großer Gewalt zerspringen müssen. Da mir aber solches an dem Teufel nicht fremd war, faßte ich einen Mut, und blieb in meiner Betrachtung, bis mich jemand an den Rücken anrührte, davon ich so erschrocken blieb, daß ich nicht umzusehen wagte. Doch wie ich mehrmals an dem Rocke gezogen wurde, so sahe ich mich um, da stand ein schönes herrliches Weib, deren Kleid ganz blau und mit goldenen Sternen wie der Himmel zierlich versetzt war. In der rechten Hand trug sie eine ganz goldene Posaune, auf welcher ein Name gestochen, den ich wohl lesen konnte, der aber zu verstehen unmöglich; in der linken Hand hatte[254] sie eine große Menge von Briefen, die sie in alle Länder trug. Einen dieser Briefe legte sie auf meinen Tisch, breitete dann ihre rauschenden blauen Flügel aus und verschwand durch das verschlossene Fenster. Als ich dies Brieflein in Demut öffnete, da las ich mit goldenen Buchstaben im blauen Felde geschrieben:


Heut, heut, heut

Ist des Königs Hochzeit ...«


Bei diesen Worten waren die Lichter so weit abgebrannt, daß der Marchese nicht weiter lesen konnte; die Gräfin hatte sich ängstlich mit ihrem Stuhle zu ihm gerückt; die Luft schien ihr belebt in tausend bedeutsamen Gestalten umherzugehen; der Marchese schaute mit einem großen Blicke empor, erhob die Hände und schien eine Erscheinung demütig zu begrüßen; er sprach, aber sie hörte nichts, er deutete auf sie, als wenn jetzt etwas über ihr schwebe, und ängstlich fragte ihn die Gräfin, was er sehe. Er sagte, daß er die Mutter Gottes sehe, die sie an ihn drücke und einen Kranz von Rosen mit den Worten über sie halte: Folge mir nach! Dolores drückte sich erschrocken an ihn und meinte, sie werde an ihn gedrückt; sie fühlte seinen Atem, und meinte, es sei der göttliche Atem, und rief: »Ich fühle sie, ich fühle ihren Atem, er ist heiß, wie der Orient und wie die Liebe einer Mutter!« – Bei diesen Worten rief er: »Und ich bin ihr Sohn!« und stürzte in einem krampfhaften Zucken über die Gräfin hin. Schon oft hatte er ihr von einer wunderbaren Erneuerung des heiligen Mythus gesprochen; sie schien bewußtlos bei diesen Worten: »Ja du bist, du Gewaltigster, du Heiligster in der Schwäche menschlicher Natur mir in die Hand gegeben!« – »Und du bist meine ewige Braut!« seufzte er. – Dann versank er scheinbar in einen Todesschlaf, sein Atem ward stille; der hülflose menschliche Zustand des hohen geliebten gefürchteten Gottmenschen erweckte das tiefste Mitleiden der Gräfin; sie rieb ihn mit wohlriechendem Öl, das in einem kleinen Fläschchen um ihren Hals hing, sie lüftete seine Binde, seine Weste; seine schöne männliche südliche Bildung trat hervor wie eine ausgegrabene Antike, wo jede Schaufel weggenommener Erde neuen Reiz enthüllt; sie konnte ihn nicht erwecken und mußte ihn so lange anstaunen. Zu schellen wagte sie nicht; es war sehr spät, und er war durch den geheimen Gang zu ihr gelangt. In[255] diesen Augenblicken schwebte eine Fledermaus schauerlich in der Höhe des Zimmers umher, wie ein fortziehender Schatten; auch der Marchese hatte sie durch die halbgeschlossenen Augen wahrgenommen und kam aus Furcht vor dem Tiere, das er nicht leiden konnte, wieder zur Besinnung. Die Gräfin war so freudig über sein Erwachen, sie hätte sich dem Himmel aus Dankbarkeit geopfert; aber das wollte er nicht; er wollte nicht überraschen, keine Vorwürfe hören; statt die Stimmung, den Ort, die neue Vertraulichkeit zu benutzen, ließ er die erweckten Begierden in ihr fortwuchern, hieb mit seinem Degen die Fledermaus nieder und verließ das Zimmer mit einem ernsten Kusse.

Ich möchte, statt zu erzählen, hier mit einem gewaltigen Trauermarsche die Unglückliche zu erwecken suchen: aber es ist doch zu spät.

Den Sieg über ihre Treue und über ihr Glück setzte der Marchese nur bis zum nächsten Abende hinaus, wo er ihr Zimmer mit unzähligen Blumen geschmückt und gegen alle Fledermäuse geschlossen hatte. Die Wurzeln waren alle untergraben, er wußte, wohin der Baum fallen mußte, und so schwelgte er alle seine jetzigen und künftigen Früchte an einem Abende auf; es war so schön, daß er sich heilig schwor, zu keiner Zeit ihr wieder so vertraulich zu werden, um diesen Eindruck sich nicht zu verderben. – O du angebetete Schönheit, wie bist du gefallen von deiner Höhe, wie bist du gemein worden und ich trage keine heilige Scheu mehr vor dir.

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 246-256.
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