Siebzehntes Kapitel

Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin. Nachrichten von Klelia

[159] Am anderen Morgen war die Gräfin recht betrübt, daß ihr Rosalie fehlte, die jede ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte, jeden Wink verstand; erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fügsamkeit und Beflissenheit des Mädchens kennen, da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt leistete. Sie flüchtete sich aus ihren ungeschickten Händen ganz verdrießlich zum Grafen, der bei der Durchsicht einer weitläuftigen Baurechnung der neuen Dorfkirche, die nun bald beendigt war, alle seine Aufmerksamkeit gefesselt hielt, legte sich auf seine Schulter, spielte in seinen Haaren, und erzählte ihm mit einem weinerlichen Tone, wie es doch so böse um das Heiraten der Mädchen wäre; kaum wäre ein Mädchen brauchbar, so würde es in eine ganz fremde Beschäftigung dadurch gebracht; wenn doch alle Dienste so könnten eingerichtet werden, daß die Leute sich dabei verheiraten könnten. – Der Graf sagte immer kein Wort und rechnete fort. – Die Gräfin sah ins Buch und las: »Drei Schock Lattnägel, Hohlsteine«, lachte und sagte: »Ich glaube, du wirst noch ein Baumeister; hör, du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne, die ich so gern küsse, und das leide ich nicht!« – Dabei küßte sie ihm einen Kranz um die Stirn und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten, daß der Graf die ganze verwickelte Rechnung zur Seite schob, ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte, sie noch denselben Tag zu beendigen, die Gräfin auf seinen Schoß setzte und sie herzlich küßte. – Die Gräfin aber sprang auf und rief: »Ich glaube, es ist das einzige Vergnügen, was du mir zu machen weißt, daß du mich küssest; sonst, ehe wir verheiratet waren, brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen; ja das war gute Zeit; jetzt bist du entweder in Geschäften, oder du denkst an Geschäfte; ich glaube, daß ich künftig dein Schreiber werden muß, wenn ich etwas von dir hören und sehen will.« – »Du hast recht, liebe Frau«, antwortete der Graf, »aber wahrhaftig ich kann oft nicht anders; ich wollte, ich hätte mich nicht in so vielerlei Arbeit eingelassen; was ich aber einmal unternommen, daran setze ich Ehre und Leben.« – DOLORES: »Und ich setze alle meine Liebkosungen, alle meine Bosheit heute daran, daß[159] du nicht zum Schreiben kommst; lies mir etwas vor.« – GRAF: »Ich habe nichts.« – DOLORES: »Da sind ja noch die Briefe, die dir Fräulein Walpurgis gegeben.« – GRAF: »Die werden dich nicht unterhalten, sie sind zu ernsthaft.« – DOLORES: »Immer zu; ich bin heute auch sehr ernsthaft.« – Der Graf las ihr jene Briefe, wie folget, vor:


Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer Mohrin, welche Nonne wurde4

1. Der Einsiedler an die Mohrin

Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes, der Prophet David, war einstmals ertrunken in der Stille des göttlichen Schauens und sprach das edle Wörtlein: »Mir ist gut, daß ich Gott anhange.« O wohl mir, gutes Kind, was mein Mund Dir oft begreiflich gesagt hat, als ich bei Dir war, das rufet zu Dir mein Herz: Wer Gott anhängt, wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein; das ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem letzten Nachtmahle, das er hielte mit den Jüngern: heiliger Vater, ich begehr, daß sie eins mit uns sind, als ich und du eins sind. Und welche also mit der Allheit in Einigkeit worden sind, alle ihre Sinne kommen dann in solche Eingezogenheit und ihr Verständnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der Sonne des ewigen Geistes. Ach hebe auf Dein Auge, sehe, was freuet sich jetzund Berg und Tal, Laub und Gras, wie lachet jetzt die schöne Heide! Alles wegen der klaren Sonne, zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet. Ach darum mein Kind, erschwinge Dich in die wilde, stille Wüste der Gottheit und Dir wird wohl sein; wisse, daß ein starkes Gemüt mit Gott einen schwachen Leib überwinden kann. Wer aber der schönen Rosen Auge haben will, der muß ihre natürliche Art erwarten in Gemach und Ungemach, bis der fröhliche Tag kommen, da er sie in spielender Wonne fröhlich genießen wird nach aller Herzenslust. Darum sei geduldig meine Tochter, wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster Dich noch nicht ganz erschließen kann, wenn[160] Deine Stunden des Gebets noch leer an Freuden sind; jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele, aber Du ahndest doch oft schon den Frühling.


2. Die Mohrin an den Einsiedler

Ich danke Euch für Euer Schreiben, so weit ich es verstehe, doch auch, was ich nicht verstehe, tröstet mich, wie damals Euer Angesicht, als ich noch traurig es anblicken durfte. Heiliger Vater! Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt und meine, es wäre eine Ewigkeit. – Ich werde Euch wohl nie wiedersehen, denn Ihr wandelt mit Trost über den ganzen Erdboden, ich aber bleibe einsam in meiner Zelle. – Wie war ich so hülflos, ob Ihr gleich mit einem Segen von mir geschieden; die Schwestern sahen mich alle so neugierig an, und befühlten meine Hand, ob die schwarze Farbe darauf säße oder darunter; meine Seele umzog dann Nachts ein so trübes Licht, daß ich nicht schlafen konnte, sondern an das Fenster ging und mich über den Mond verwunderte, wie er so helle durch die Linden schimmerte; die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fühlte mich umfaßt von der kranken Schwester Therese, die auch nicht schlafen konnte und immer Nachts durch alle Zellen schlich, und wußte alles, wo die Nachtfalter im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall sänge. Sie ist so gut, beinahe so gut wie Ihr, und klagt nur immer, daß sie mich nicht genug lieben kann. Die andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt, und wissen alle, was da geschieht; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprächen über das, was außer dem Kloster ist; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern, wie unser Herr Gott im Himmel. Oft denken wir, wie gerne wir mit Euch lehren möchten, und könnten wir nicht lehren die Heiden, so könnten wir doch Eure Füße salben, für Euch sorgen; aber wofür braucht Ihr zu sorgen, da Ihr so wenig bedürft und Gott mit Euch ist; Ihr sorgt für uns und alle Welt. Alle Heiligen denken wir uns wie Euch, und die jungen Heiligen, wie der heilige Sebastian, gefallen uns nicht, da Ihr alt seid. Euer weißer Bart ist das Ruhekissen aller Andacht; wie war mir die Sandwüste so paradiesisch, als ich auf Eurem Barte ruhen durfte, als Ihr besorgtet für mein Leben; kein Obdach wäre mir da etwas wert gewesen, so stark auch das Unwetter; ich hörte Euer Herz schlagen, ich fühlte Euren Atem wie Tau[161] an meiner Brust; ich war Euch so nahe. Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt; ich denke mir rote und grüne Länder, wo Ihr durchgehet; ich liebe Euch wie meinen Himmel und liebe den Himmel, wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Güte. O möge Euch für die Treue an mir, Maria, die Mutter Gottes, ihr Kindlein eine Stunde in die Arme geben, daß es Euch anlächle in der Wüste. Mich segnet Euer Andenken.


3. Der Einsiedler an die Mohrin

Da der König David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht, da begann er zu alten, da begann er zu kalten, und das sahen seine getreuen Diener, und die zogen durch alles Land und suchten ihm eine züchtige Jungfrau, und führten sie zu ihm, daß sie ihn wärmete mit ihrer Andacht, und also ward er wieder jung und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn. Siehe, so hast Du mir getan, und ich bin gestärkt durch Dich in die Welt gezogen; siehe, so tue vielen und andern, die noch mehr Deiner bedürfen, als ich. Es sind jetzund viele Menschen, die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar er zürnet, aber sie sind laulicht, lieblos und gnadenleer geworden; schließe Dich an sie, zu erwärmen die Kalten, und Reif wird herabfließen in Tränen und die Flur wird heller und grüner sein, denn jemals. Ein liebendes Herz spricht zu tausend andern, es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne, daß die kalten Herzen inne werden der göttlichen Herrlichkeit. – Auch mir, Du geliebtes Kind, fehlet viel, da ich Dich nicht bei mir sehe; der volle Mond ist gebrochen, die frohe Sonne erloschen, der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden, ach und die heiße Sommerwärme vom kalten Reife verdrängt; doch manche Rose, die sich dem Himmelstau lange verschlossen, gehet im kalten Reife auf, also diente ich jetzt schon mancher andern frommen Seele. – Verzweifele nicht an Deiner Heiligung, höre nur treu die Stimme des geliebten Jesus, denn seine Stimme ist süß und sein Angesicht lieblich. Ich bitte die ewige Wahrheit, daß sie in Deinem Herzen haushalte, und alles Unreine kräftiglich darausstoße, das je darinnen sich gesetzet. Wie wäre es aber möglich, daß alles Getümmel, das zwanzig Jahre an einem Orte sich gesammelt, in wenigen Tagen ausgestoßen sei. Es muß noch manches wandelbare Wetter[162] in Dir aufstehen, ehe die bleibende Heiterkeit sich darin setzet. Darum lässet Christus sein Antlitz leuchten über Dir, daß Du sehen mögest, wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen.


4. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater, Euer Brief hat mich gestärkt, daß ich zur großen Verlobung bin tüchtig geworden. Ich habe mein Gelübde getan; ich konnte kein Haar mir abschneiden lassen wie die andern, denn mein Haar ist nie aufgegangen, das die heiße Sonne frühzeitig versengt hatte, und mein Herz ist trocken geblieben. Ich habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher, ich habe nicht geweinet wie die andern den Tag nachher, als die Tür zuschlug und ich in die dunkle Zelle eingeführt wurde. Ich fühlte mich nicht verändert, nicht heiliger, nicht frommer, und schreibe das der Trockenheit meines fremden Himmels zu. Ihr seid mein Führer, Ihr hörtet mich, als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang, das ich nicht verstand, das ich bloß so nachsingen lernte meiner Mutter, ehe ich geraubt wurde. Da tratet Ihr herein und fürchtetet nicht das Gespötte, nicht die Drohungen der wilden Seeräuber; Ihr riefet laut: »Hier ist noch eine arme Seele, die gerettet werden kann, denn sie wendet sich zu Gott.« – Und Gott gab Euren Worten die Kraft und erschreckte die Männer und ich folgte wie ein junges Kindlein der Mutter; ich war einer großen Sünde recht nahe und wußte es nicht; nun ich es weiß, habe ich Euch erst danken lernen; Ihr habt mich an den Himmel abgegeben, aber ich wage nicht hinaufzusehen. Sehet hinauf und betet für mich.


5. Der Einsiedler an die Mohrin

Die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch; die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande. Mit welchen Freuden meinst Du, daß sich der Herr in den schönen Weingärten ergeht; ach ihr jungen schönen Weinstöcke des himmlischen Vaters, ihr schönen holdseligen Turteltäubelein des göttlichen Gemahls, gedenket wie lange Zeit ihr seid wüste gelegen, wie manchen schönen Tag müßig! – O wehe des kalten Windes unnützer Worte! Mein frommes Kind, was soll ich mehr schreiben. Es freuet sich mein Herz über Dein angefangenes heiliges[163] Leben; ehe Du aber erstarket bist, mußt Du Dich umzäunen, als ein junges Bäumelein gegen das grasende Vieh. So schaue in Dich, statt der andern Tun und Lassen zu vergleichen, warte der himmlischen Harfen, die im Gemüte, wie die Vögel der Luft, unsichtbar dem in sich Verlornen klingen. Auch sollst du gewarnet sein, so die schönen Weingärten aufblühen, daß auch dann die Bremen und leidigen Käfer beginnen zu stürmen, und wo der böse Geist mit sich selber nicht kann zukommen gegen einen frommen Menschen, da lässet er ihn reizen von seinem Gesinde mit bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide. Und darum mein junges Kind, mein zartes auserwähltes Kind, stehe fest in Gott, denn er lässet Dich nicht.


6. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater! Ich bin demütig und meine Freude ist, allen zu dienen, und doch werde ich verschmähet. Wie können sie mich verachten, da Ihr mich gewürdigt habt der Lehre. Bei der Pfingstprozession traf mich die Reihe ein Fähnlein zu tragen, mit dem Bilde Mariens geschmücket, aber die weißen Schwestern rissen mir die Fahne aus der Hand und ich – wie eine Aussätzige mußte ich hinterher allein gehen, denn auch Therese hatte sich da einer anderen gesellt. Und ich konnte vor Scham nicht rot werden, daß sie ein sichtbar strafend Zeichen ihrer Bosheit sähen; ich bin schwarz und von Gott zur Nacht verstoßen. Heiliger Vater, wie bedarf ich so sehr Eures Trostes, daß ich auch hier nicht tauge, wo ich meinte selig zu werden; ich muß weinen um andrer Leute Stolz; ist das nicht Hochmut? Ich habe an Euch und an den himmlischen Bräutigam zu denken, und denke immer meiner Mitschwestern, und zwinge mich wohl, für sie zu beten, aber mein Herz wird vom Zorne überwältigt; umsonst geißle ich mein Fleisch – ich hatte einen schlimmen Herren auf der Insel – es ist zu gewohnt der Schläge und fühlt sie nicht mehr. Hörte ich nur ein Wort von Euch, heiliger Vater, so würde ich ruhig sein.


7. Der Einsiedler an die Mohrin

Die Töchter Jerusalems hatten ein Angaffen, daß König Salomos auserwählte Frau schwarz war, und ihm doch wohl unter vierzig und hundert Frauen die liebste. Da antwortete sie ihnen jugendlich:[164] »Ich bin schwarz, aber gar schön wie die Teppiche im Tempel.« – Liebe schwarze Tochter, mir ist lieber eine gnadenreiche Schwarze, denn der Schein einer gnadenlosen Weißen; wer sich auf der himmlischen Heide ermaiet hat, der achtet nicht viel auf das zeitliche Maiengewand. Mein Kind, mein Kind, werden Dir auch meine Worte was helfen, da Dein Auge voll Wasser, Dein Herz voll Zornes ist. Lieber Gott, es ist so leicht zu sprechen und raten, es tut aber gar wehe, ein Gegenwärtiges zu empfinden. Ach mein Kind, ich muß Dir eines erzählen, daß Du Deines Leides vergessest. Siehe, es geschahe einmal, da war ich in großen verschmäheten Leiden, da saß ich in meiner Zelle und sahe einen Hund, der lief mitten in den Kreuzgang und schleifte da ein Gebetbuch, und warf es nieder und biß darein und spielte damit. Also, liebes Kind, war ich in der Brüder Mund. Das Gebetbuch läßt sich behandeln, wie es der Hund will, aber ich erkannte es und nahm es auf und legte es in mein Käppelein neben meinen Stuhl und schicke es Dir nun zum Troste; höre an diese edle Trutznachtigall meines Bruders Spee; das irdische Geschrei muß dieser himmlischen Stimme schweigen, die Dich immerdar mahnt: Hast Du ein Herz wie das meine, so schwinge Dich auf durch Nebel und Schloßen. – Mein Kind, wir sind nicht allein die Verschmähten, die Verstoßenen in der Welt, die Mehrzahl des himmlischen Hofes war es einst viel mehr; gedenke der vielen Märtyrer. Sind wir den Leuten unnütz? Das Weidenholz ist auch unnütz; man schnitzet aber nach dessen Absterben heilige Bildnisse daraus, die man werter hält als Zedernholz.


8. Die Mohrin an den Einsiedler

Heiliger Vater! Ihr wandelt wie die seligen Engel unermüdet weiter und beglücket wunderbar alle Menschen, bei denen Ihr zusprechet, sehet aber nicht zurück auf die, welche beglückt sind durch Euch. Es ist auch christliche Milde den frommen Dank anzuhören und den Lohn seiner Taten zu empfangen. – Mir ist der Friede geworden; ja es scheinet Gottes Auge über mir zu weilen und mich mit einem Meere lichter Wolken zu erfüllen; kein Unfall störet mich mehr, und die Schwelle, über die ich erst gefallen, wird mir zu einer Altarstufe, der ich den Anstoß danke, um mich darauf höher zu erheben. Ich bin ungeschickt, es Euch zu sagen, mag auch meine Seligkeit nicht sträflich unterbrechen mit Nachsinnen;[165] mir ist oft, als wenn ich flöge, wie eine Biene und sammelte den seligen Honig ein, ja der Himmel ist mir offen und das neue Jerusalem, wenn ich daran gedenke. Die ungläubigen Schwestern spotten über meine Gesichte, weil mein Angesicht schwarz ist; aber mich schmerzt das nicht mehr; ich weiß, daß ich Ihn habe; je mehr ich ruhe, je mehr ich begreife; je länger ich schweige, je mehr Wunder ich wirke in Seiner Macht; je mehr Seine Lust wächset, je größer meine Hochzeit; je minniglicher wir uns ansehen, je ungerner wir uns scheiden; je mehr Er mir gibt, je mehr ich verzehre; je mehr ich leuchte, je mehr Lob wird Gott zubereitet.

Ich war oft so entzückt in seliger Anschauung des Bräutigams, daß ich das Geläute der Metten nicht hörte. Sie schickten mir den frommen Abt, um mich ermahnen zu lassen, und ich sagete ihm, was ich sehe. Und ihm ward wie einer schwebenden Taube und er kniete vor mir. Heiliger Vater, kommt zu mir, es wandelt mich oft eine Furcht an vor meiner Seligkeit und Vollkommenheit, als wenn ich damit nicht leben könnte auf Erden; als wäre ich schon im Himmel wie eine rote Abendwolke, die alle Gesichter der Men schen rötet. Schon kommen Bedrängte aus ferner Gegend, die von mir gehört haben, und wollen nur, daß ich die Hand auf sie lege, und ich lebe so selig in meiner Klause, daß mir die Welt rings ganz dunkel und öde erscheint. Ich werde von einer inneren Kraft getrieben wie ein Samenkorn und wage nicht, umzuschauen, ob ich Raum habe, meine Blätter zum Himmel zu treiben. Ich sehe die Säulen an unserer heiligen Kirche und traure, daß ihre Knospen nicht blühen; wenn sich meine Blüte erhebt, da wird die Kirche daran hängen wie ein Stein, der an den Baum gehangen worden, ihn nieder zu drücken; aber der Baum hebt endlich mit Frühlingskräften den Stein und der Stein drückt ihn nicht mehr nieder. Kommt zu mir heiliger Vater, und vereinigt Euch mit mir; wie soll ich mich halten gegen die Wunder. Ich will Euch dafür mit aller meiner Kraft und Seligkeit erfüllen.


9. Der Einsiedler an die Mohrin

Liebe Tochter. Säße ein Mensch vor einem Keller an einem sommerlichen Tage, schön bedeckt mit des gelaubten Waldes grünem Staate, mit der Blumen heller Schönheit, trüge in seiner Hand einen Zyperwein in dem durchleuchtenden Glase und tränkete[166] sich damit nach des Herzens Begierde; und ein anderer Mensch säße auf der dürren Heide unter einer rauhen Wacholderstaude und läse Beeren ab, daß er kranke Menschen gesund machte; entböte jener diesem, wie er sollte tanzen, er spräche: »Der mag wohl trunken sein, mir ist ganz anders zumut«; wir sind ungleich geführet mein Kind, das mag ich eigentlich zu Dir sprechen von der Botschaft, die Du mir getan: wie eine Fackel entbrennet sei in Deinem Herzen und die Liebe Wunder in Dir wirke. Mein Kind, es steht eine große Freude auf in meinem Herzen, daß sich der Liebliche so lieblich erzeiget, und daß er Dir gibt zu empfinden, was er nur wenigen verleiht; doch merke liebes Kind, ein Mensch, der nie zu dem Weine kam, dem ist der Wein empfindlicher, als dem, der schon oft getrunken, und gedenke, daß Dir also geschehen sei von der klaren süßen Liebe der ewigen Weisheit, die Dich nun kräftig hat umfangen. Oder ich meine auch, daß Gott Dich reize, weil er Dich bald von hinnen nehmen will in den grundlosen Brunnen, woraus Du ein seliges Tröpflein versuchet. Nehme daher wahr Deiner leiblichen Kräfte, daß Du nicht verzehret werdest vom allzu heftigen Streben nach dieser Seligkeit. Es mag sich auch fügen, daß Du vielleicht bald auf ein Geringes gesetzet wirst, denn nach langer Hitze und Dürre leuchten die Wetter prächtig und tränken die Gefilde mit Himmelsduft, aber dann ist es oft lange kalt. Fülle in Demut Deine Zisterne und versäume nie darüber Dein Gebet, so wird es Dir nie an einem Labetrunk fehlen, den Du mit allen teilen mußt, die da dursten. Liebe Tochter, versäume keinen andern in Deiner Frömmigkeit, indem Du Deine Frömmigkeit und Dein Glück mir anrühmest. Ich wohne hier in der Wüste an einer sanften Quelle, die immerdar in Tropfen fließet, und habe ich ein Stündlein mit ausgestreckter Hand gesessen, so hat sich so viel des Trankes darin gesammelt, als mir gut tut im Alter. Liebe Tochter, es dursten so viele in der Welt unter schwerer Arbeit nach einer himmlischen Labung, danke es Gott durch solchen segenreichen Zuspruch, daß Du nicht wie eine Ehefrau mit Not und Sehnsucht wegen Mann und Kind geplagt bist, sondern daß Dein Sehnen schon Seligkeit und ihre Erfüllung der Himmel sei.


Dolores meinte am Schlusse dieser Briefe, Klelia hätte auch solche Heilige werden können, wenn sie in der alten Zeit gelebt hätte; sie[167] sprachen von ihr, wie es käme, daß sie seit der ersten Nachricht von ihrer glücklichen Ankunft in Palermo noch gar keine Nachrichten erhalten hätten. Wie es sich aber oft so sonderbar mit ersehnten Briefen trifft, so kam der Briefbote während dieser Unterhaltung mit einem dicken Briefe zurück, den Dolores sogleich aus der Aufschrift erkannte: »Sieh Karl, ein Brief von Klelien, den les ich zuerst, nachher sollst du ihn lesen.« So setzte sie sich still hin und der Graf las immer die umgeschlagenen Blätter laut ab: » ... Der Obrist, unser Onkel, hält alle Abend von neun bis ein Uhr eine Pharaobank; da kommen alle Offiziere des Regiments und die reichsten Leute der Stadt zusammen und ich muß sie unterhalten, ich Unglückliche, der vom Schlafe oft die Augen zusinken, und dabei muß ich sehen, daß sie ihn im Herzen verachten, wenn sie es gleich nicht kund werden lassen. Zwar hege ich das feste Zutrauen zum Onkel, daß er ehrlich spielt, aber ist es nicht schon ein Betrug Bank zu machen, wenn man voraus weiß, daß nach den Vorteilen, die das Spiel erlaubt, und wegen der Unbesonnenheit der meisten Spieler, die Bank immer gewinnen muß. Ich sagte das meinem Onkel, aber er wurde sehr heftig und schwor, daß er doch unmöglich ohne Gewinn seine Pacht an den Staat bezahlen, und sein Vermögen in die Bank stecken könne ...« Hier schlug Dolores um, und der Graf las auf der andern Seite: » ... Die Nonnen sind mein Trost, mit ihnen lerne ich viele schöne Handarbeiten; da sticken wir zusammen ein herrliches Meßgewand, das Rosaliens Kapelle auf dem Berge geschenkt werden soll; es ist aus kleinen Blumen zusammen gestickt, und jede der Schwestern kann sticken, welche Blume sie liebt, doch immer, daß es sich wohl ordne. Ich sticke lauter deutsche Vergißmeinnicht, die sie hier nicht achten, und bei jeder denk ich immer ganz allein an einen von euch, oder an unsern alten Bedienten, und lasse manche Träne hineinfallen, und wo es einen Flecken macht, da sticke ich eine Perle drauf, damit die Schwestern nicht böse werden ...« Wiederum wendete Dolores das Blatt und der Graf las: » ... Neulich konnte ich es doch nicht lassen, einen jungen Mann zu warnen, der in törichter Hitze seinen Satz immer verdoppelte, aber was half's, jedermann lachte über mich; der junge Mensch spielte nun aus Eitelkeit noch wilder und bildete sich ein, ich sei in ihn verliebt. Jetzt lauert er mir aller Orten auf, so daß mich seine törichte Leidenschaft oft zu Hause hält;[168] denn er soll kühn sein und es gibt hier wenig öffentliche Sicherheit. Mein Onkel gab mir einen derben Verweis, wofür mich freilich die Tante so freundlich trösten wollte; lieben Freunde, sie ist gut, sehr gut, ich verstehe mich aber nicht mit ihr; ich suche die Stille, sie wünschte in ihrem Hause beständige Neckereien, Herumlaufen, Tanz ...« Dolores drehte wieder das Blatt, der Graf las: » ... So prachtvoll hier alles sein mag, unser liebes Deutschland vergesse ich darüber doch niemals; oft, wenn ich lange nicht daran gedacht habe, da fällt es mir so schwer aufs Herz, oft weiß ich nicht einmal, wobei es mir so einfällt. Neulich aber war ich ganz trostlos, da komme ich in unsere Küche, wo ich doch schon oft gewesen, und sehe so zufällig in dem knisternden Feuer der grünen Ölbaumäste eine schöne Figur in der eisernen gegossenen Platte, die im Hintergrunde des Herdes aufgerichtet steht; zwar war sie sehr verrostet, aber ich konnte doch noch deutlich sehen, wie sie aus einem Füllhorne Blumen fallen läßt. Unter der Platte standen nun mehrere lateinische Buchstaben, die ich zusammenbuchstabiere und immer nicht verstehen kann, weil ich auf etwas Lateinisches oder Italienisches rate; endlich spreche ich es ganz aus, seht, da heißt es Frühling; unser lieber deutscher Frühling, mit aller seiner Wunderbarkeit, wie er aus dem Schnee hervortritt, kann mich nie so verwundert, so gerührt haben als diese arme Frühlingsgöttin, die vielleicht seit hundert Jahren hieher verbannt, von niemand verstanden worden; wer wird mich hier finden, der mich versteht, da ich keine Blumen ausstreue wie jene! Ich habe nicht geruht, bis ich die eiserne Platte in meinem Zimmer aufgestellt habe ...«

»Die arme Klelia«, rief der Graf, »wir müssen ihr gleich schreiben, sie muß zu uns ziehen; wer wird sie aber hieher begleiten? Ich begreife nicht, Dolores, wie du sie damals hast können wegreisen lassen; sie gehört so notwendig zu unserm Glücke; wir haben uns doch zuweilen gestritten und einander erzürnt, sieh, das wäre gar nicht möglich geworden in ihrer Nähe; sie ist ein Engel, bei dessen Anblicke einem alle Heftigkeit und Bosheit vergeht.« – »Es ist gut, daß sie nicht hier ist«, sagte die Gräfin, »so wie du jetzt gesinnt bist, würdest du sie sicher mir vorziehen; sie störte dich niemals, widerspräche dir nie; was du tätest und sagtest, wäre ihr immer recht; ich bin dir zu aufrichtig, zu freimütig.« – »Liebes Kind, wie du das wieder nimmst«, rief der Graf und fing schon seinen Brief an[169] Klelien an; »es ist mir gerade das Teuerste an dir, daß du so fest begründet, so sicher in dir lebst, um alle fremde Gesinnung zu verschmähen, um von niemand etwas anzunehmen, um ...« doch da war er schon so vertieft in seinen Einladungsbrief an Klelien, daß Dolores, ohne daß er es merkte, das Zimmer verlassen hatte, während er noch immer einzelne Worte zu ihr redete. Er schrieb gewöhnlich emsig und schnell, und da er nach einiger Zeit jemand neben sich atmen hörte, so glaubte er mit Wahrscheinlichkeit, es sei Dolores, die ungeduldig über sein langes Schreiben ihm über die Schulter sehe. Da der Brief gleich zu Ende ging, das heißt das Blatt, das so gebietend über die Länge der Gedanken entscheidet, so wollte er sie festhalten und sie zugleich beschäftigen, indem er nach ihrer Hand griff. Wirklich faßte er auch eine Hand und drückte sie, und seine Hand wurde zärtlich wieder gedrückt; zugleich fühlte er einen heftigen Kuß, der auf der Oberfläche der Hand haftete. Das war gegen die Art der Gräfin; er sah sich um, und fand die tolle Ilse, die ihm Hut und Stock brachte, die er gestern im Zimmer der Gräfin vergessen hatte und ihn mit dieser demütigen Gunst gar rührend anblickte. Der Graf war in Verlegenheit, seine Gesinnung gegen das weibliche Geschlecht hob im wirklichen Leben alle Standesverhältnisse auf; sie küßte ihm noch einmal die Hand und drückte sie an ihre Brust, deren Pochen er fühlte; er konnte ihr noch kein Wort sagen, sondern klopfte ihr mit den Händen die Backen, und murmelte so etwas: »Sie ist ein gutes Kind!« Ilse richtete sich jetzt aus ihrer gebeugten Stellung auf, und fragte: »Haben der liebe gnädige Herr was zu befehlen?« – »Nichts liebes Kind«, sagte er, und doch brauchte er Licht, um seinen Brief zu siegeln. Sie verließ jetzt das Zimmer mit einer tiefen Verbeugung, und er ging verwundert auf und ab, wie eine neue Schmeichelei so wunderliche Macht über ihn habe ausüben können; er konnte dem Mädchen nicht mehr Böses nachsagen, wie er bisher getan; jede Zuneigung, auch die unerwiderte, hat in einem guten Gemüte etwas Verpflichtendes, und jede Abneigung erscheint darin wie ein Unrecht. Die tolle Ilse war wirklich in den Grafen verliebt, wie gemeiniglich alle Dorfmädchen in einen schönen Gutsherrn; sein Einfluß ist ihnen deutlicher als in den Städten die ganze Macht eines Fürsten, er ist ihnen auch in guter Art viel überlegener; selbst die allgemeine Meinung gibt einer solchen Verbindung eher etwas[170] Ehrenvolles, und die Kinder, die daraus hervorgehen, werden mit einem Stolze wie junge Halbgötter angesehen, mehr als eheliche Kinder geschmückt und begünstigt. Es ist ihnen ein geheimer Stolz, wenn Sonntags Morgens die Knechte zu ihnen kommen und an den Kasten treten, wo sie den Sonntagsstaat heraus nehmen, mit manchem bunten Silberbande zu prunken, das sie noch wohl an die Mütze stecken könnten; solch ein Band ist oft mit dem Teuersten bezahlt, und wüßten sich nur die neidischen Mitmägde recht verständlich zu machen, sie bezahlten gern eben so teuer; aber eben in dieser Unverständlichkeit liegt viel sogenannte Tugend auf dem Lande. Es ist ein Vorteil unsrer Zeiten, daß sie die Verschiedenheit der Stände, wenn auch nicht aufhebt, doch sittlich unabhängiger von einander macht; so wird auch die sklavische Liebe der Volksehre weichen.

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 159-171.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores
Ludwig Achim's von Arnim sämtliche Werke: Band 7. Armut, Reichtum, Schuld und Busse der Gräfin Dolores: Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein, Band 1
Armut, Reichtum, Schuld und Busse der Gräfin Dolores. Eine wahre Geschichte zur lehrreichen Unterhaltung armer Fräulein. Roman

Buchempfehlung

Hume, David

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes

Hume hielt diesen Text für die einzig adäquate Darstellung seiner theoretischen Philosophie.

122 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon