Zehntes Kapitel

Geschichten aus dem Leben des Prediger Frank

[115] »Der Wunsch einer schönen Gräfin ist einem armen Landprediger Befehl«, sagte Frank, setzte sich, und erzählte recht lebhaft nach einer Pause. – »Ganz flüchtig muß ich Ihnen den Umriß meines früheren Lebens zeichnen; Sie werden sich meine Eigentümlichkeit[115] in ein paar Vorfällen daraus besser erklären. Mein Vater war Landprediger, meine Mutter eine Adlige und im strengsten Sinne Beherrscherin des Hauses, welches sie an mir, ihrem einzigen Kinde, bis an ihr Lebensende bewährte. Mein Vater starb, nachdem er mich durch guten Unterricht zur Universität wohl vorbereitet hatte; diesen einzigen Einfluß auf mich gestattete ihm meine Mutter, sonst durfte ich ihn nie im Dorfe oder in der Gegend umher begleiten; immer fürchtete sie, ich möchte verführt werden. Noch ist es mir unerklärlich, was ich unter dem Worte ›verführen‹ mir gedacht habe; es schauderte mir aber dabei und davor, als wäre es ein Spießen und Brandmarken zu gleicher Zeit. Mein Vater starb, als ich zur Universität abgehen wollte, und meine Mutter, die bis dahin nicht über ihren Garten hinausgekommen und immer mit verbundenem Kopfe umher geschlichen war, entschloß sich aus Sorge vor meiner Verführung, sich reisefertig zu machen und mich dahin zu begleiten; ich hatte keine Vermutung, welches Aufsehen das auf der Universität machen könnte; ich meinte, das sei der regelmäßige Gebrauch, und war daher nicht wenig überrascht, als ich das unglaubliche Schreien hinter mir her hörte, da meine Mutter mich bis an die Türe des Kollegiums brachte und mich wieder von da abholte. Nichts konnte sie von dieser Lieblingsidee, mich zu begleiten, abbringen, als die Furcht, daß ich mich deswegen mit einigen der alten Spottvögel schlagen müsse; deswegen allein blieb sie zu Hause, doch ihre Leidenschaft zu mir verwandelte sich in dem einsamen Warten, in der Besorgnis um mich in Wahnsinn, oft warf sie sich Nachts über mein Bette, ob ich auch nicht heimlich ausgegangen sei. In solchem Kummer verging sie wie ein Schatten und ließ mich nach einem halben Jahre ganz selbst überlassen auf einer der lustigsten Universitäten. Doch konnte erst allmählich meinem Wesen jene Rückhaltung genommen werden; ich tat alles dazu, besuchte Fechtboden und Gesellschaften, nur vor dem Verführen blieb mir der eingeprägte Schauder, der mich jedesmal ergriff, so oft ich aus einer gewöhnlichen jugendlichen Eitelkeit mir vornahm, mit meinen Kameraden gleiche Schuld zu übernehmen. Ich bin fest überzeugt, wenn ein Mensch unter drei Augenblicken nur zweie tugendhaft ist, so kann er ein Heiliger werden, denn alles Laster hat eine eigene Umständlichkeit, daß die beiden tugendhaften Augenblicke notwendig zwischentreten müssen. Sie[116] haben mich gekannt, Herr Graf; ich war in allen übrigen Verhältnissen ein ganz fertiger Student.« ... »Viel mehr als ich«, sagte der Graf . ... »Eine Verbindung mit einem Frauenzimmer schien mir indessen ganz notwendig zu meiner Ausbildung; ich wollte also gleich mein Glück bei der Frau eines Professors versuchen, weil es die einzige angesehene Frau in der Stadt, mit der ich bekannt geworden, und die für leichtsinnig ausgeschrien war. Es schwärmte damals ein wunderlicher Glücksritter umher, der für Männer und Frauen eine sehr lächerliche Verbindung stiftete, weil keiner recht wußte warum, oder wozu sie dienen sollte; ein paar symbolische Zeichen machten das ganze Geheimnis; an unserm Orte förderte er physikalische Versuche aller Art, insbesondre die sogenannte Phantasmagorie, wodurch in einem dunklen Zimmer allerlei Gegenstände, vermöge einer sehr vollkommnen Zauberlaterne, in überraschender Abwechselung dargestellt wurden. Ich benutzte schüchtern diese Gelegenheit vollkommener Dunkelheit, wo meine Verlegenheit nicht sichtbar wurde, ihr Zärtlichkeiten zu sagen; ließ meine Hand leise in die ihre gleiten und sie hielt sie fest; ich war ganz sicher, daß mir hier ein leichter Sieg bereitet sei. Überlegen Sie auch, ob ich so ganz falsch schloß; denn unter den acht Kindern, die diese Niobe in einer durchdachten physischen Erziehung schön und kräftig aufzog, wurden dreie fremden Vätern zugeschrieben; der Mann selbst war dessen nicht in Abrede; er sagte, ehe seine Praxis so ausgebreitet worden, habe er seiner Frau leben können; jetzt müsse er sein Glück dem größeren Wirkungskreise aufopfern und seiner Frau die Freiheit lassen. Ich besuchte sie den andern Tag; sie drückte mir wieder freundlich die Hand, und ich begann ihr einige Zärtlichkeiten zu sagen. Sie wußte auf halbem Wege, was ich wollte, sagte es mir und versicherte dabei, so gut ich ihr gefiele, denn sie hätte mich lieb wie ihren eigenen Sohn, das könne sie mir nicht zu Gefallen tun. Sie erklärte mir, daß ihre Liebe nur dem ausgezeichneten, ausgebildetsten Geiste gehöre; denn wie sie ihren Kindern Fülle der Gesundheit geben könne, so sollten sie vom Malme den vollkommensten Geist erhalten; darauf nannte sie die Väter ihrer drei jüngsten Kinder, ich erstaunte die Namen dreier ausgezeichneter Männer zu hören, denen sie zum Teil weit nachgereist war, um zu ihrer Bekanntschaft zu gelangen. Sie schwor mir, daß keiner darunter so schön, so[117] reizend ihr gewesen wäre als ich, aber ihre ganze Seele hätte an ihnen gehangen; ich sollte mich erst in irgend einem herrlichen Talente ausgezeichnet bewähren, dann möchte ich zu ihr heimkehren und sie werde mir zu Füßen fallen. Dieses ganz offene Geständnis löste alle Verlegenheit, die mich drückte, und indem es eine Neugierde bezwang, erweckte es die andre, von einer so besonderen Frau mehr zu vernehmen, die eine ganz ausgearbeitete Metaphysik ohne alles literarische Geschrei mit sich herumtrug. ›Jedes Chor‹, fuhr sie fort, ›das sich selbst überlassen bleibt, läßt unmerklich den Ton sinken; der bloße Antrieb, die physische Neigung im Menschen wirkt eben so zum Schlechteren; ohne eine höhere Gesinnung können ganze Nationen darin verdummen, und Kriege sind eben darum den Völkern notwendig, weil erst in der Not den meisten Menschen die Talente groß und liebenswert erscheinen. Mir ist die Ehrfurcht gegen Geistesherrlichkeit gegeben, daß ich ohne Zwang ganz frei von je mich den Talenten ergeben; seinem umfassenden Geiste dankt es mein Mann, daß ich ihn erwählte: ich schwöre Ihnen, es ist einzig die Schuld der Mutter, die von der gewöhnlichen Rasse gesunde Dümmlinge in die Welt setzet, welche ohne Idee des Höheren geboren, auch in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens vor jeder Götternatur verschwinden; sicher hat sie sich durch einen unwürdigen Mann täuschen lassen, und Liebe genannt, was bloße Tierheit in ihr war. Liebe ist ein höchst gemißbrauchter Ausdruck, die Liebe ist ganz geistig und die tiefste Demut vor einer andern Natur; ihr Organ ist die Sinnlichkeit, mehr nichts, und nun fragen Sie sich selbst, ob Sie, der Sie noch zu gar keiner Eigentümlichkeit in sich gelangt, noch prunken mit Scheinwissen und Kleidern, noch nicht wissen, was Sie wollen, und von keiner Begeisterung getrieben sind, ob Sie es wohl eigentlich wagen durften, einer Frau wie mir Liebesanträge zu machen. Acht Wochenbetten habe ich als Heldin bestanden, und das ist wahrlich so viel, als acht Hauptschlachten; wenigstens nähere ich mich demselben mit den Empfindungen eines Helden: ich höre die Trompeten, der Kampf ist schwer und schmerzlich, aber das Höchste, was ich tun kann. Wie aber der Krieg nicht des Kriegers wegen, so ist auch die Geburt nicht der Geburt wegen; nicht daß sich das Gleiche vom Gleichen entwickele, da wäre unser Leben unwürdig, aber das Höhere soll erreicht werden;[118] – junger Mann, fühlen Sie davon etwas in sich, das Verachten Ihrer Zeit hilft Ihnen nicht durch, erst müssen Sie diese Zeit verstehen: Wahrlich, meine Kinder werden mich weit übertreffen.‹ – Bei diesen Worten stand sie auf, küßte mich, als wollte sie mich an ihre Brust legen, und sagte: ›Ich muß in meine Holländerei, ich muß mein Kind stillen. Kommen Sie bald wieder; ich möchte Sie einer Freundin empfehlen, da Sie bald von der Universität abgehen, wo Sie als Lehrer ihrer Nichten wahre Weltweisheit und Lebensphilosophie in dem Umgange der gebildetsten Menschen lernen könnten.‹ – Ich kam sehr nachdenklich nach Hause. In der ganzen Stadt ging bald das leichtsinnige Gerede, ich sei der glückliche Liebhaber der Frau: so wenig ist an den meisten ähnlichen Gerüchten unter Studenten, und alle gingen dem Fußsteige, den ich gemacht hatte, nach, wie es auch den Studenten eigen, und hatten so wenig davon als ich, den sie beneideten. Nach einem Jahre ihres entfernten freundschaftlichen Umganges, sehnte ich mich von ihr und von meinen griechischen Philosophen fort; ich war zwei Jahre beschäftigt gewesen, alle Knoten zu lösen, welche die Faulpelze den griechischen Knaben bei griechischer Sonne geschürzt haben, und fand am Ende, daß ihr ganzes künstliches Netz, worin sie so manchen Fisch gefangen, nichts als ein ganz ordinärer Bindfaden sei.«

»Nun, nun«, sagte der Graf, »das beste Gemälde ist ja, in allzu großer Nähe betrachtet, nichts als eine Sammlung von bunten Flecken.«

»Durch die Mitteilungen der Professorin lernte ich jene Freundin, die Gräfin Limonie näher kennen; sie hatten mit einander eine phantastische Freundschaft gestiftet, einander alles, was sie berührte, frei zu bekennen. Doch schien es, als wenn die Gräfin Limonie nur in der Traurigkeit ein Bedürfnis sich mitzuteilen fühlte; immer enthielten die Briefe trübe Klagen über unerreichte unmögliche Wünsche, immer Dank für den mächtigen Trost, den ihr die Freundin verliehen. Es soll gewisse Menschen geben, bei deren Anblick die Wahnsinnigen, wenn auch nicht vernünftig, doch stille werden; es gibt andre, die über jede andre Art Schmerz gleiche Gewalt haben; es gehört dazu eine gewisse Verschiedenheit zwischen dem Kranken und dem Arzte, die sich auch reichlich zwischen den beiden Frauen fand. Mit dem schönsten Empfehlungsbriefe[119] meiner Liebesprofessorin in der Tasche trat ich in den Ferien, als ich von der Universität abging, meine Reise zu der Gräfin Limonie an, die sich auf ihrem Gute, welches vorteilhaft zwischen den angenehmsten Städten gelegen, während des Sommers aufhielt. Ich war zu Pferde und allein, als ich mich dem Gute näherte, ich fragte einen Mann in ordentlichen Kleidern, der Dünger am Wege abladete, wo der Weg zur Gräfin ginge. Der Mann sah mich an und sagte: ›Wollen Sie selbst zu meiner Schwester?‹ – Ich freute mich seiner Bekanntschaft und bejahte seine Frage. – ›Hören Sie‹, fuhr er fort, ›da gebe ich Ihnen den wohlgemeinten Rat, ziehen Sie sich ganz um, oder sie spricht nicht mit Ihnen; der Geruch von Pferden macht ihr Krämpfe; ich habe sie seit Jahren nicht im Zimmer gesprochen; es ist eine Närrin, aber sie ist nun einmal so.‹ – Ich dankte ihm befremdet für die Warnung; er zeigte mir den Weg und ehe ich auf den Schloßhof ging, zog ich mich, seinem Rate gemäß, im Wirtshause ganz um. Dort erfuhr ich, daß der Bruder alle Güter der Gräfin verwalte, und von ihr wie ein Lasttier gebraucht und verspottet werde. Ich begab mich zu ihr. Der Türsteher nahm bei aller Höflichkeit doch eine sehr umständliche Untersuchung mit mir vor; ich gab ihm das Empfehlungsschreiben der Professorin ab, worauf mich der Mann in ein recht artiges Zimmer führte bis das Schreiben gelesen. Dies schien kaum vollendet, so führte mich ein Kammerdiener mit sehr vielen Verbeugungen in ein prachtvolles Zimmer und erbat sich meine Befehle, was ich zu meiner Erfrischung bedürfe. Ich verbat mir alles; es dauerte aber nicht lange, so wurden mancherlei Erfrischungen, Schokolade, Kuchen, Wein gebracht, die Türen blieben halb geöffnet und es schien mir deutlich, daß ich aus der Ferne von allerlei Leuten beobachtet werde. Nach einer Stunde kam eine Gesellschafterin der Gräfin mit vielen verbindlichen Grüßen von ihr; ich wurde eingeladen, wenn ich nicht mehr ermüdet von der Reise, oder sonst durch keine Kränklichkeit verstimmt wäre, nach dem Gesellschaftssaale zu kommen, wo ich mehrere Verwandte der Gräfin versammelt finden würde; sie selbst könne erst am Abend sichtbar werden, weil sie gestern ihre Andacht gehalten und heute sehr erschreckt worden wäre. Ich erkundigte mich mit Teilnahme nach der Ursache dieses Schreckens, ich konnte aber nichts erfahren. Die Gesellschaft fand ich recht lustig, sobald sie die Gräfin[120] vergaß, kaum wurde ihrer aber erwähnt, so nahm jedes eine ernsthafte Miene an, wie einer, der in der Kirche sich vergessen und leise vor sich ein Liedchen gepfiffen; es wurde von ihr, von ihrem Schrecken, von ihrer Güte gegen den Unglücklichen gesprochen; ich verstand nichts davon, und man wollte es mir auch nicht aufklären. Abends wurde jeder einzeln in das Zimmer der Gräfin gebracht, ich zuletzt. Das Zimmer war durch eine dünne Florwand in zwei Hälften geteilt; ich trat diesseits ein, sie lag jenseits geschmückt mit kunstreichem Kopfaufsatz auf einem langen Schäferstuhle, ihre Füße waren mit einer Spitzendecke zugedeckt. Erst brannte nur ein kleines Licht auf dem Tische ihr zur Seite, doch brachte der Druck ihrer Hand einen hohen Feuerstrahl hervor, der sich in einem brennenden Bogen niedersenkte: es war Spiekwasser, das künstlich durch die Flamme gedrückt also brannte und duftete. Sie sagte mir, daß ihre Scham es den Tag notwendig gemacht hätte, sich von der Gesellschaft zu trennen; ich möchte die Scheidewand von Flor verzeihen, ich wäre ihr sonst so ganz willkommen wie der kühlende Hauch des Abends; sie glaubte in mir die Seufzer ihrer Freundin zu hören, die so viel, so unendlich viel bei ihrem kranken Kinde gelitten. – Ich Unglücklicher, der den rechten Ton noch nicht treffen konnte, sagte ihr zur Berichtigung, die Krankheit sei ein unbedeutender Husten gewesen und die Professorin habe keinen Augenblick darum besorgt geschienen. – Gräfin: ›Ja, daran erkenne ich meine Freundin, an dieser Selbstverleugnung und edlen Verstellung, um ihren Freunden allen Schmerz zu verbergen; es ist eine starke Frau, aber dieser Kampf mit ihren Gefühlen muß sie doch endlich erschöpfen.‹ – Ich merkte jetzt, daß sie durchaus bedauert sein müsse, und sagte: ›Es ist ein Kampf mit dem Schicksale, und wie Jakob nach dem Ringen mit Gott sich erlahmt fand, freilich, so vernichtet sich endlich jeder in so edlem Streite.‹ Ich weiß nicht, wo ich die Phrase gelesen, sie kam mir nicht aus dem Herzen, zog aber die ganze Aufmerksamkeit der Gräfin auf sich. – Gräfin: ›Wahr, sehr wahr und besonders bei dem Kampfe der Jugend mit dem Tode, die welkende Kinderblüte: es ist ein so rührender Anblick, wie das Veilchen am Wege, das der müde Wanderer niedertritt; ihre Klage, wie die letzten Töne einer ablaufenden Flötenuhr, der langsam der Atem ausgeht; wer möchte so eine kleine Leidende nicht wie eine Ätherwolke zum Himmel heben,[121] zu Gott blicken, seufzen und fragen: muß die Schönheit, die Unschuld, die Frömmigkeit schon so früh leiden?‹ – Ich konnte mich nicht enthalten, in diesem Augenblicke an die dicken schmierigen Pausbacken der Professorskinder, an ihr bestialisches Schreien, an die Birkenruten, die hinter jedem Spiegel steckten, zu denken, sagte aber mit niedergeschlagenen Augen: ›In den irdischen Leiden der Unschuld zeigt sich ihr himmlischer Friede.‹ Sei es nun, daß es Täuschung, oder hatte ich mich unwillkürlich selbst gerührt, oder war es ein Nervenzusammenhang, etwas Feuchtigkeit in der unrechten Kehle, oder ein naher Schnupfen, genug es lief mir eine Träne die Backen herunter. – Gräfin: ›Ich sehe in Ihrem Auge etwas Schöneres glänzen, als Diamant‹; bei diesen Worten drückte sie und der Florvorhang rollte auf. ›Sehn Sie in meinen Augen den Widerschein; vergessen Sie dieses Augenblicks nicht, eine reine Träne badet uns von allem Staube der Welt rein.‹ – Ich: ›Tränen sind ein Himmelstau, den Psyche mit ihren Flügeln aus dem Kelche der Blumen schüttelt.‹ – Gräfin: ›Das sind schöne Tränen, aber es gibt auch trostlose, wie die Tropfen der Aloe bitter, Tränen, wie ich sie heut vergossen, es verschwimmt die Welt darein.‹ – Ich: ›Und sind die Tränen umsonst, ist keine Rettung möglich?‹ – Gräfin: ›Ich weiß, ich werde es mit der Zeit verwinden, aber warum bin ich Schwächste ausersehen, alles Unglück der Welt zu tragen! Mein werter Freund, es sind nicht die Hammerschläge des Schicksals, nein die Nadelstiche, die immer wiederkehren, woran ich verzweifeln möchte.‹ – Ich: ›Blicken Sie empor, der Himmel tröstet alle Tiefbetrübten.‹ – Gräfin: ›Weh meine Nerven! Lydia, laß den Farbenbogen drehen, der Schwindel kommt mir sonst.‹ – Es drehten sich bei diesem Ausrufe eine Art chemischer Feuerwerke, dem Regenbogen sehr ähnlich; die Gräfin stützte sich matt auf, und ich wollte gehen. – Gräfin: ›Ach Sie wollen mich verlassen, Sie können das Leiden nicht sehen?‹ – Ich: ›Ich fürchtete nur zu belästigen.‹ – Gräfin: ›Aber daß Sie dieses fürchten, wie kam das; darüber müssen wir uns noch explizieren; morgen werden wir uns sicher besser verstehen; gute Nacht mein neuer Freund, ich fühle mich noch sehr schwach von dem Schrecken.‹ – Ich wollte mich entfernen, die Gräfin rief mich zurück: ›Vielleicht erleichtert mich die Musik; Sie spielen Fortepiano, schreibt meine Freundin, ich will Ihnen etwas vorspielen; es ist nichts, aber die Art, wie[122] ich's vortrage, ist mir eigen.‹ – Die Gräfin setzte sich zum Fortepiano, präludierte mühsam langsam, bald aber gleiteten ihre schönen Hände mit großer Schnelligkeit, und unermüdlich über das Elfenbein; ich stand in tiefer Bewunderung und küßte am Schlusse, nachdem sie wohl zwei Stunden mit außerordentlicher Kraft gespielt hatte, die Hände, das einzige, was mir an der Frau ganz verständlich war. Beim Nachtessen, wo ich zuletzt mit der Gesellschafterin allein blieb, nachdem die Verwandten einzeln hinausgegangen waren, um die Gräfin in den Schlaf zu lesen, fand ich, daß der ernste Ton in dieser ältlichen Mamsell nur angenommen; sie trank gern ihr Glas und lachte dann über die Gräfin. Hier wagte ich es, über den Schrecken mich zu erkundigen, der die Gräfin heute so zerrüttet hätte. Die Mamsell lachte; sie sagte, es wäre kein weiteres Unglück, als daß der eine Kammerdiener sich ein feines Loch durch die Wand gebohrt hätte, um die Gräfin im Badezimmer zu sehen; heute habe sie plötzlich ein glänzendes Auge an einer Stelle der Mauer bemerkt, wo gerade ein heller Sonnenstrahl hingeschienen; sie sei in dem Quergang aus dem Bade gestiegen und habe selbst, beschämt wegen ihrer Blöße, den verzückt hinstarrenden Kammerdiener gefunden, der sich ihr zu Füßen geworfen und eine unwiderstehliche Leidenschaft vorgeschützt habe, die ihn schon seit Jahren verzehre; sie habe gegen Leidenschaften viel Mitleid und sei so gezwungen worden, den Menschen, den sie für immer verbannen möchte, dessen Auge ihr ein steter Verräter seiner unverschämten Neugierde sei, um sich zu dulden. Ich mußte über die Mordgeschichte herzlich lachen, und trank ein Glas übers andre; die Mamsell schenkte auch nichts der Flasche; die Ermüdung der Reise wirkte nach: kurz, ich erwachte den andern Morgen auf dem Stuhle mit bedeutendem Kopfweh, die Lichter waren abgebrannt, die Mamsell lag mit der Nase in ihrer großen Tabaksdose auf dem Tische und hatte mit ihrem Atem allen Tabak über die Reste des Desserts geblasen. Ich schlich mich leise auf mein Zimmer, später hörte ich, daß Mamsell wegen ihrer Ohnmacht, von der Gräfin herzlich bedauert wurde. Ich hatte von dem halben schlafe wirklich eine leidende Miene und konnte mich nicht gleich wieder in die Sprache der Gräfin versetzen, die mir gewaltige Beschreibungen von einem Sturmwinde machte, der Nachts vor dem Fenster wie ein Riese vorüber gerannt und die Nacht verfolgt habe,[123] bis sie ihre Sternenkrone fallen lassen; da sei die Sonne aufgegangen und die Beschämte habe sich mit ihm in eine Höhle unbewußt geflüchtet. Dergleichen poetische Prosa war mir noch nicht ganz geläufig und ich meinte in mir, das möchte wohl jenes schreckliche Schnarchen der Mamsell gewesen sein, das allen Tabak über den Tisch geblasen. Da die Gräfin sah, daß ich nicht antwortete, so beschloß sie sich mit mir zu explizieren; sie explizierte zwei Stunden, ich wußte nicht was; zu meiner großen Qual diente es gewiß, denn es war schönes Wetter; aus Ärgernis küßte ich sie, das sollte wieder expliziert werden. Ich armer Unglücklicher war nahe daran, mich aus dem Fenster zu stürzen. Sie erzählte mir nun so vieles, was ihr eigen sei, daß mir die ganze Welt uneigentlich vorkam; das Eigenste war aber, daß sie eine unwiderstehliche Schwachheit für mich seit dem ersten Abende gefühlt hätte, die mir aber ganz unbekannt blieb, weil ich in ihrer Nähe immer in meine lächerliche Rolle verfallen mußte. Um nicht zu weitläuftig zu werden, will ich statt einer ausführlichen Erzählung der einzelnen Angriffe und Ausfälle, nur die Hauptstellen aus dem Belagerungsjournale entlehnen, das sie mit großer Aufrichtigkeit ihrer Freundin, der Professorin, jede Woche überschickte und das ich nachher zu lesen bekam, als ich aus Überdruß über das langweilige Leben zur Universität zurück kehrte. Eines Tages schrieb sie: ›Meine Schwachheit für ihn ist leider nur zu gewiß, ein Zittern wirft mich nieder in seiner Nähe; gestern las ich ihm eine Beschreibung des Schlafes vor nach dem Englischen, und er schlief ein; wie ist er so ganz in meiner Gewalt.‹ Bald darauf: ›Wehe mir, die Jahreszeit, die Einsamkeit, alles erleichtert ihm seine Kühnheit, ich wollte einen stolzen Ernst gegen ihn annehmen, aber meine Blicke verraten ihm meine Schwäche; was sind wir Menschen mit einem weichen Herzen, und doch ohne dieses Herz, was wären wir!‹ Einige Tage später: ›Seltene Tugend eines Jünglings seines Alters, seiner Schönheit, in unsrer Zeit; er vertraute mir heute, daß er noch nichts vom Glücke der Liebe wisse; ich gab ihm einen Kuß, daß er ihm ein Siegel der Tugend werde; wehe mir, wenn ich ihm die Ruhe raube, dem Armen, der so früh schon seine Eltern verloren hat.‹ Zuletzt schrieb sie: ›Noch ein Tag wie dieser in der Sommerlaube und ich bin verloren; morgen schreibe ich Dir vielleicht: Es ist geschehen, ich atme kaum, – ich denke nicht, voll Schlaf und[124] Traum ist mein Gesicht. Nun gute Nacht, nun guten Tag, ich bin verwacht, nichts mehr vermag.‹ –

Ist das Journal über ihren Seelenzustand nicht wie der Bericht des englischen Kapitäns über sein brennendes Schiff, den er von Stunde zu Stunde ans Land schickt, bis er mit dem letzten aufgeflogen? Doch dazu ließ es meine qualvolle Langeweile nicht kommen; von ihrer Neigung zu mir hatte ich gar nichts vernommen, denn ihre Liebe bestand gegen alle eigentlich nur darin, sie recht strenge in ihre verrückte Art und Weise zu zwingen. Ganz zermartert von allen Explikationen des vorigen Tages zog ich frühmorgens an jenem bedenklichen Tage meine Stiefel an und ritt davon, nachdem ich einen Brief zurückgelassen, worin ich allerlei verblümte Worte von der Macht des Frühlings gesagt hatte, der mich zu ihr und von ihr zöge; ohne die Seelengröße zu haben, die ihren Flug erhebe, hätte ich doch den Wunsch, ihr zu folgen, und so sei ich in ihrer Nähe wie ein sterblicher Mensch an einer Göttertafel. – Sie nahm das alles in ihrer Manier auf, als fliehe ich sie, um nicht ihre Keuschheit durch sinnliche Anmutungen in Gefahr zu setzen; sie hielt mich für einen der größten Tugendhelden. So schrieb sie an meine Professorin und ich kühlte meine Eigenliebe, als ich bei ihr über die große Freundin spotten konnte. Das sei für heute genug.«

Wirklich war es auch dem Grafen überflüssig genug. Er hatte während der letzten Erzählung einen solchen Widerwillen gegen den Prediger bekommen, daß er ihm beim Abschiede wie ein kalter Satanas erschien, der nach seiner Frauen Unschuld strebte, als er ihr noch einmal seine Prophezeiung wegen des Kindes vorschwatzte. Als er allein war mit seiner Frau, drückte er diesen Widerwillen ohne Rückhalt aus; sie begriff ihn gar nicht; sie hatte die Erzählung ganz unterhaltend gefunden. »Nun«, sagte der Graf, »das muß wohl von seinem verruchten Anblicken gekommen sein; allerwärts sah ja seine böse Lust und seine Eitelkeit hervor, und dabei wette ich, die Hälfte ist nicht so wahr; das hat er sich alles weis gemacht, um in sein armseliges Leben doch irgend eine Begebenheit einzuflicken; um doch auch sich ein Gefühl zu machen, lügt er sich die Haut voll. So lange er von andern erzählte, war er erträglich, kaum sprach er von sich, da war mir's, als wenn man einen berühmten Poeten von Angesicht sieht; man glaubt nicht,[125] daß er so gemein aussehen könne. Und der verruchte Blick: die Idee ist mir ganz verhaßt, ich habe ihn erst allmählich deswegen angesehen; ich dachte erst später darüber nach. Wenn du niederkommst in neun Monaten, so erkenne ich das Kind nicht an, und den verruchten Pfaffen laß ich als einen Zauberer verbrennen.«

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Romane und Erzählungen. Bde. 1–3, Band 1, München 1962–1965, S. 115-126.
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