Meine Rechtfertigung

[35] Gegen eine polizeiliche Maßregel ist eine juristische Vertheidigung unmöglich, abgesehen davon, daß sie für eine Frau gänzlich unpassend wäre. Ich sehe wohl ein, daß die Schritte der Administration nicht durch Rechtsgründe motivirt zu werden brauchen, weil die Wohlfahrt des Staates oft ein rasches Einschreiten erfordert, und jede Verzögerung, welche in dem mühsamen Aufsuchen und Anführen der gesetzlichen Gründe nothwendig bedingt wäre, vom verderblichsten Einfluß auf die Sicherheit des Ganzen sein könnte. Beamte haben mir dies deutlich zu machen gesucht, wie die Regierung zu solchem Verfahren, zu Maßregeln, zu Ausnahmegesetzen berechtigt sei. Diese Sorge[35] für die Wohlfahrt des Staates erinnerte mich, obgleich ich ihre Nothwendigkeit einsah, etwas zu sehr an den Wohlfahrts-Ausschuß der französischen Revolution, und seine Maßregen, und ich sah mich erschrocken um, ob der preußische Staat sich etwa in einem solchen terroristischen Kriegszustande befände. Am wenigsten aber wollte mir einleuchten, wie diese Theorie auf meinen speziellen Fall Anwendung finden könne, da ich mir bewußt war, durchaus nichts unternommen zu haben, was der Wohlfahrt des preußischen Staates gefährlich sein könnte.

Der Polizei gegenüber kann ich mich nicht rechtfertigen, weil ich ihr Maß für das, was dem preußischen Staate heilsam oder gefährlich ist, durchaus nicht kenne; weil ich als preußische Unterthanin zu dem Vertrauen verpflichtet bin, daß die Maßregeln der Regierung, wenn sie auch unbegreiflich sind, wie die Wege der Vorsehung, doch zu meinem Besten führen.

Meine Rechtfertigung gilt hauptsächlich dem Publikum, das aus Unkenntniß jener providentiellen Fürsorge mich leicht für schuldig halten könnte, mich gegen den bestehenden Zustand der Gesellschaft verschworen, und Verbrechen begangen zu haben, welche[36] die strenge Ahndung des Gesetzes rechtfertigen, und meinen guten Namen an den Pranger stellen. Sie gilt übrigens nicht allein jener Maßregel der Regierung, sondern auch den lügnerischen Correspondenz-Artikeln, welche sie zum Theil hervorgerufen und meinen Namen bei der deutschen Lese-Welt in Verruf gebracht haben.

Der officiell angeführte Grund meiner Verweisung sind meine »Ideen,« die ich theils »geäußert,« theils »ins Leben rufen wolle

Es wird Anfangs Jedem befremdlich vorkommen, auf welche Weise eine Frau ihre »Ideen« ins Leben rufen könne, doch eine genügende Erklärung dieser Absonderlichkeit liegt in jenen Correspondenz-Artikeln, und in der Aeußerung des Polizeibeamten Goldhorn. Denn da das Cigarrenrauchen wohl nicht zu den Thatsachen gehört, durch welche eine Idee ins Leben gerufen wird, und außerdem auch bloß in den Straßen der preußischen Residenz polizeilich strafbar ist: so bleibt nichts übrig, als diese Worte auf die »Stiftung eines emancipirten Frauenklubbs« zu beziehen. Als ich zum ersten Male diesen Klagepunkt in der »Deutschen Allgem. Zeitung« las, erstaunte[37] ich über die Abentheuerlichkeit des Gedankens und die kühne Phantasie des Correspondenten, ohne im Entferntesten daran zu denken, daß die Berliner Polizei dieses monstrose Gedankenkind adoptiren werde. Ich traute ihr eine viel zu große Kenntniß der Verhältnisse zu, um eine solche Bedlamsstiftung in Berlin für möglich zu halten.

Nicht lange Zeit darauf erschien in den Hamburger Jahreszeiten ein anderer Berliner-Correspondenzartikel, der durch kühne Genremalerei die Conturen des ersten ausführte. Wenn jener mehr von einer großartigen Conception des Ganzen Zeugniß ablegte, so mußte in diesem die feine Detaillirung des Einzelnen Bewunderung erwecken. Die »Deutsche Allgemeine Zeitung« machte mich zu einer falschen Miss, welche Cigarren rauchte, einige Phrasen von der »freien Liebe, welche die Welt erlösen solle,« im Munde führe, und mit großen Emancipationsplanen umgehe. Die »Hamburger Jahreszeiten« schilderten schon die Verwirklichung dieser Plane, die organisirte Emancipation, die verschiedenen Getränke, mit denen sich die emancipirten Damen in die nöthige Begeisterung versetzten, die Kühnheit mit welcher sie[38] die Herren zum Tanz aufforderten; und schrieben mir dann eine besondere Virtuosität in dieser Art des Frauenthums zu. Öttingers »Charivari« druckte diesen Correspondenz-Artikel nach. Hier haben wir bestimmte Thatsachen, die einen festen sicheren Halt gewähren, obgleich ihre Wahrheit nicht einmal der Polizei unumstößlich genug schien, um sich mit Consequenz auf sie zu berufen. Eine organisirte Frauen-Emancipation, Orgien, Bachanalien in der Residenz! – Doch wie es eine alte Wahrheit ist, daß die Phantasie der Menschen und ihr irdisches Leben sich am besten aus der Art und Weise erkennen lasse, wie sie sich des Jenseits vorstellen; und die Indianer z.B., auch dort ihre Friedenspfeife nicht vergessen: so verläugnet auch die abentheuernde Phantasie des Correspondenten in ihren kühnen Traumbildern keineswegs seine philiströse deutsche Natur, indem er seine erträumte Frauen-Emancipation etwa darstellt, wie ein Sonntagsvergnügen in einer Dorfschenke. Etwas mehr Poesie hätte seine Correspondenz durchaus nicht verunstaltet, und statt Bier und Grogg hätte er uns immer Nektar und Ambrosia vorsetzen können.

Da die Polizei diesen durchaus lächerlichen Artikel[39] nicht berücksichtigte, so brauche auch ich wohl keine Vertheidigungsschrift dagegen aufzusetzen, und habe mich blos gegen die Absicht zu vertheidigen, die man mir Schuld giebt, eine solche Frauen-Emancipation zu organisiren, gefährliche Ideen ins Leben rufen zu wollen.

Eine Absicht ist bekanntlich von einem fait accompli himmelweit verschieden, und gehört, so lange sie sich nicht in konkludenten Handlungen äußert, nur vor das Forum des Gewissens. Bei den vaguen Begriffen von Frauen-Emancipation würde es dem scharfsinnigsten Juristen schwer fallen, zu der Absicht, eine solche zu organisiren, die konkludenten Handlungen zu erdenken; er müßte denn grade in humoristischer Stimmung Cigarrenrauchen und Biertrinken zu denselben rechnen. Daß die Damen die Herren zum Tanz auffordern, dürfte wohl kein sicheres Mittel einer beabsichtigten Emancipation sein, weil sonst auch ein christlich-germanischer Cotillon in den Minister-Salons von dieser Schuld kaum freizusprechen wäre. Und doch sind dies die einzigen, noch dazu gänzlich unbewiesenen und unwahren Thatsachen, aus denen man auf meine kühnen Reformationsplane[40] einen kühnen Schluß hätte machen können. Die Polizei hat sich übrigens gar nicht die Mühe gegeben, dergleichen konkludente Handlungen anzuführen oder zu beweisen; sondern in freier Genialität die Anklage einer beabsichtigten Emancipation improvisirt. Wären aber jene Thatsachen hinlänglich bewiesen; wäre der Schluß aus ihnen auf eine solche Absicht hinlänglich gerechtfertigt: so bliebe noch immer die wichtige Frage übrig, ob in den Thatsachen oder in der Absicht irgend eine Rechtsverletzung liege. Dies wird die Polizei selbst läugnen, und ihr Recht, einzuschreiten, aus der Unsittlichkeit jener Handlungen herleiten. Doch eine Thorheit ist ebensowenig Unsittlichkeit, wie Rechtsverletzung. Nimmt die Polizei erst das Recht für sich in Anspruch, gegen jede Thorheit einzuschreiten: so dürfte ihr Wirkungskreis sich wohl allzuhoch ausdehnen.

Aus dem gänzlichen Mangel jeder bewiesenen Thatsache erhellt, daß der zweite Klagepunkt, mein Willen, meine Absicht: Ideen ins Leben zu rufen, mit dem ersten zusammenfällt, mit der Anklage: gefährliche Ideen geäußert zu haben. Im Gespräch aber Ideen zu äußern, die freiesten, die[41] willkürlichsten, wie sie die Laune des Augenblicks erzeugt, ist das unbestrittene Recht jedes Menschen. Aller Geist, aller Reichthum der Beziehungen, die ganze Bewegung der Gesellschaft, hängt von diesem Rechte ab. Eine Gesetzgebung, die es aufheben wollte, würde sich der ärgsten Tyrannei schuldig machen, welche die Geschichte kennt. Im Gespräch, im Umgang, und allein hier, ist die zufälligste Meinung, die willkürlichste Ansicht berechtigt, sich eine ephemere Geltung zu verschaffen. Allerdings kann man auch im Gespräch ein Verbrechen begehen, sei es eine gewöhnliche Injurie, oder eine Majestäts-Beleidigung oder eine Gotteslästerung. Eine solche Anklage, welche von der schwankenden Willkührherrschaft der Polizei mich befreien, mich auf den sichern Boden des Rechtes führen würde, liegt gegen mich gar nicht vor. Da die gesprächsweise Aeußerung der Ideen auch nicht gegen die Wohlfahrt des Staates, und gegen die bürgerliche Ordnung verstoßen kann: so hat auch die Polizei, ihrem wahren Berufe nach, kein Recht hier einzuschreiten.

Hier tritt uns ein neues Princip entgegen, ein Princip, das aus der ganzen Tiefe des wahrhaft christlichen[42] Staates hervorgeht; das sich in frühern, unkultivirten Zeiten in der roheren Form der Inquisition offenbarte, in unserm aufgeklärten Jahrhundert aber die feinere Form der Gewissenspolizei annimmt. So hoch der christliche Staat über dem bloßen Rechtsstaat steht: so hoch steht dies Princip über dem Princip des Rechts. Das Gesetz der Liebe ist ein anderes, als das Gesetz der Gerechtigkeit. Der christliche Liebesstaat macht die Gewissenspolizei nothwendig, welche für das Heil der Seelen sorgt, welche die Richtungen und Tendenzen der Einzelnen controllirt. Hier kann auch die bloße Aeußerung von Ideen, insofern sie eine Abirrung vom Wege des Heils verräth, der Polizei anheimfallen, und ihrer christlichen Zucht und Besserung.

Meine Verweisung ist ein Zeugniß von ihrem Wirken, ist ein Werk der christlichen Gewissenspolizei.

Es bleibt also meine einzige Schuld die Äußerung gefährlicher Ideen übrig; und es kommt nun darauf an, mich noch wegen dieser Ideen vor dem Publikum zu rechtfertigen.[43]

Als Dokument meiner Ideen hat die Polizei mein Glaubensbekenntniß in Händen, das sie sich auf eine Weise verschafft hat, welche für ihren Eifer für mein Seelenheil zu sorgen, das beste Zeugniß ablegt.

Für ein anderes, gewiß sehr trügliches Dokument hält die Polizei die Widmung der Gottschall'schen Gedichte: »Madonna und Magdalena.« Aus dieser Widmung zu schließen, daß ich alle in diesem Buch ausgesprochenen Ideen theile, ist kühn, sehr kühn. Die Gedichte sind überdies mit preußischer Censur erschienen, die bei der Treue und Sicherheit, mit welcher sie gehandhabt wird, gewiß nichts Ansteckendes und Verderbliches die Quarantaine passiren läßt. Auch hat die preußische Censur gewiß mehr Intelligenz, ästhetische Bildung und poetisches Verständniß, als ein prosaisch-bornirter sächsischer Recensent in den »Blättern für litterarische Unterhaltung,« oder gar die ultramontane Münchener Jesuitenkolonie in den alleinseligmachenden »historisch-politischen Blättern

Was nun mein Glaubensbekenntniß anbetrifft:[44] so ist dies das Resultat meines Lebens, meiner Schicksale und Studien. Mag es abweichen von dem gewöhnlichen Glauben der Menschen; mag es den Meisten irrig und haltlos erscheinen: es ist meine feste Ueberzeugung, die mir einen festen Halt im Leben giebt. Keiner äußern Gewalt, am wenigsten der Staatsgewalt steht das Recht zu, dies mein innerstes Heiligthum anzutasten, so lange ich für diese Ideen keine äußere Propaganda stifte.

Ich glaube allerdings nicht an die Nothwendigkeit und Heiligkeit der Ehe, weil ich weiß, daß ihr Glück meistens ein erlogenes und erheucheltes ist; daß sie in ihrem Schoße alle Verwerflichkeit und Entartung verbirgt. Ich kann ein Institut nicht billigen, das mit der Anmaßung auftritt, das freie Recht der Persönlichkeit zu heiligen, ihm eine unendliche Weihe zu ertheilen, während nirgends grade das Recht mehr mit Füßen getreten und im Innersten verletzt wird; – ein Institut das mit der höchsten Sittlichkeit prahlt, während es jeder Unsittlichkeit Thor und Thür öffnet; das einen Seelenbund sanktioniren will, während es meistens nur den Seelenhandel sanktionirt. Ich verwerfe die Ehe, weil sie[45] zum Eigenthume macht, was nimmer Eigenthum sein kann: die freie Persönlichkeit; weil sie ein Recht giebt auf Liebe, auf die es kein Recht geben kann; bei der jedes Recht zum brutalen Unrecht wird.

In den Instituten liegt die Unsittlichkeit, nicht in den Menschen; in den Menschen nur in sofern, als ihnen Einsicht und Kraft fehlt, um bessere Verhältnisse zu schaffen. Doch in uns'rem Jahrhundert liegt diese Sehnsucht, dieser hoffnungsreiche Drang und Trieb nach freieren Gestaltungen, welche endlich das rein Menschliche zu seinem Rechte kommen lassen. George Sand tritt uns als die Prophetin dieser freien schönen Zukunft entgegen, indem sie die Zerrissenheit und Nichtigkeit der jetzigen Verhältnisse mit unendlicher Wahrheit schildert. Durch die ganze neuere französische Litteratur geht dieser Zug des Schmerzes und der Sehnsucht, der heiligen oft entweihten Liebe einen Tempel zu bauen. Dies ist die einzige Frauen-Emancipation, an der auch meine Sehnsucht hängt, das Recht und die Würde der Frauen in freieren Verhältnissen, in einem edleren Cultus der Liebe wieder herzustellen. Sich selbst[46] wegwerfen ist die höchste Schande, und grade diese Schande wird durch die Ehe vor aller Welt zur Ehre gestempelt. Doch zu diesem neuen Cultus der Frauenwürde und Frauenliebe gehört vor allen Dingen eine tiefere Bildung und ein höheres Bewußtsein der Frauen selbst. Das ist die andere Seite einer vernünftigen Frauen-Emancipation, wie sie meiner Seele als Ideal vorschwebt.

Bildung erst giebt dem Leben und der Liebe die höhere Weihe und die innere Freiheit, ohne welche jede äußere Freiheit zur Chimäre wird. Nicht die Bildung des Confirmanden-Unterrichts, nicht die Bildung der Pensions-Institute; nein, das höhere Leben des Gedankens, wozu die Frau von der Natur eben so befähigt und berechtigt ist, als der Mann. Mag sie mehr Phantasie, mehr Gefühl haben; mag die Idee bei ihr gleich die Gestalt irgend einer Persönlichkeit annehmen, und eine ewige Menschwerdung feiern, um der Anbetung des Herzens zugänglicher zu werden: es ist doch etwas Allgemeineres, etwas Höheres, was dann den feurigen Pulsschlag belebt; und in der Poesie des weiblichen Herzens feiert der Gedanke des männlichen Kopfes ein fröhliches Auferstehen[47] zu neuem doppeltem Leben. Das Fühlen verlangt dieselbe schrankenlose Freiheit, wie das Denken, um nicht durch unwürdigen Zwang entehrt zu werden.

Und wie die bewußten Söhne dieses Jahrhunderts die Freiheit des Gedankens fordern, auf daß nicht länger das höchste Gut des Menschen der Laune und Willkühr preisgegeben sei: so müssen seine Töchter die Freiheit des Gefühls verlangen, auf daß es nicht länger verkauft werde in schnöder Sclaverei und den Launen verächtlicher Gebieter diene. Mögen die wenigen Glücklichen mich verlachen, die aus freier Wahl, mit klarem Bewußtsein, in seligem Tausch ihr Herz dahingaben; es werden Tausende sich finden, die aus tiefster Seele mir beistimmen, welche, der Macht und dem Zwange der Verhältnisse folgend, sich selbst zu ewiger entehrender Knechtschaft verdammten oder in früher bewußtloser Jugend verkauft, erst spät das verlorene, dahin geopferte Leben erkannten. Ja, diese sind am unglücklichsten, wenn sie kein Recht mehr haben auf ihr eigenes Selbst; und nun allzuspät die heilige Ahnung der Liebe mit allen ihren Seligkeiten aufsteigt, und die Anbetung eines würdigen Mannes[48] zum Fluche wird, der die erzwungene Harmonie eines durch Gewohnheit geheiligten Kreises stört. Denn an der Würde des Mannes entzündet sich die Würde des Weibes: und Weh' ihr, wenn dem erwachten Bewußtsein der eigenen Hoheit und Majestät nichts übrig bleibt, als ungesetzliche Empörung gegen die gesetzliche Knechtschaft!

Es ist hier nicht der Ort, meine Ideen auszuführen. Nur im Allgemeinen wollte ich sie andeuten, damit das Publikum sehe, wie weit sie von jeder Frivolität entfernt sind. Und wie könnte ich sie anders auffassen, als mit heiligem Ernst, da ich ihnen ja mein ganzes Leben zum Opfer brachte!

Mein Glaubensbekenntniß ist ferner in religiöser Beziehung abweichend von dem officiellen Glauben des Staates. Dies würde nur dann ein Verbrechen sein, wenn ich Missionaire für meine Ideen in die Welt schickte oder die Thesen eines neuen Glaubens an den Kirchthüren anschlüge. Sonst ist dies Glaubensbekenntniß meines Herzens Heiligthum, und ich beging ein Verbrechen gegen mich selbst, als ich leichtsinnig der Gewissenspolizei den Zutritt dazu eröffnete.[49]

Dem Publikum aber möge genügen, daß dies Glaubensbekenntniß allerdings ein religiöses ist, wenn wir mit dem großen Theologen Schleiermacher, Religion als die Form auffassen, in der sich jeder Einzelne mit dem Universum vermittelt. Ob ich dabei an einen persönlichen, lebendigen außerweltlichen Gott glaube oder nicht: ist ganz gleichgültig. Ich habe zwar für meinen Glauben die Autorität keines Religionsstifters anzuführen; aber wohl die Autorität aller Philosophen von Spinoza bis Hegel, mit denen ich gern zusammen verdammt und selig werden will. Ich habe das ganze Bewußtsein der Gegenwart für mich, das mit größerer oder geringerer Klarheit über jenen Glauben hinausdrängt; und gewiß die Überzeugung vieler meiner Richter, welche die Religion nur zu Staatszwecken dressiren. Ich nehme das Recht in Anspruch, auf »meine Façon« selig zu werden, mich auf meine Art mit dem Weltall zu vermitteln; ein Recht, das den Frauen so gut zusteht, wie den Männern. Eine Frau, die ihrer religiösen Privat-Überzeugung wegen, von den Behörden verdammt wird, hat das seltsamste Schicksal, das im neunzehnten Jahrhundert denkbar[50] ist, ein tragikomisches Schicksal, das nur von einer humoristischen Laune, von einem ironischen Einfall des Weltgeistes herrühren kann. – Das aber ist meine feste Überzeugung, daß gerade über die maßlose religiöse Heuchelei dieser Zeit über kurz oder lang der Tag des Gerichtes hereinbrechen, und den allgemeinen Unglauben strafen wird, der so lange mit der Maske des Glaubens kokettirt! Doch alle, welche offen und frei ihre Überzeugung aussprechen, gleichgültig gegen das Achselzucken einer in der Lüge großgezogenen Menge, und gegen das Stirnrunzeln der auf der Heuchelei ruhenden Staatsgewalten, retten ihre Seele vor dem künftigen Gericht der Geschichte.


Dies ist die einfache Erzählung meiner Verweisung und meine Rechtfertigung. Ich trete nicht auf als Klägerin gegen einzelne Persönlichkeiten, die ja meist willenlose Träger sind eines höhern Willens. Ich richte meine Klage gegen den allgemeinen Geist der Reaktion, der uns mit einer civilisirten Inquisition bedroht. Und grade ein schlagendes Beispiel dieser Inquisition, in Frack und Manschetten, glaubte ich dem Publikum vorführen zu können; ein Drama,[51] welches den einzigen Fehler hat, daß ich selbst darin die passive Hauptrolle spiele.

Ich rufe alle freien Männer auf zu meinen Advokaten! Sie werden nicht dulden, daß eine Frau so gewaltsamer Bevormundung unterworfen, daß ihre Seele polizeilich in den Himmel escortirt wird. Auch wir sind mündig, und wollen kämpfen für unsre Freiheit, für unser Recht! Die höchste Freiheit aber ist, daß wir wählen dürfen zwischen Himmel und Hölle! –

Ich rufe das deutsche Volk auf zu meinem Richter. Mag es eine Ueberzeugung verdammen, die es nicht theilen kann: es wird wenigstens meine Entrüstung theilen über eine polizeiliche Willkühr, die kein Recht der Persönlichkeit anerkennt! Dies ist das Damoklesschwert, das über dem Haupte eines Jeden schwebt; und die gleiche Furcht muß vereinigen, was ein ungleicher Glauben trennt. Auf die Verweisung der würdigen Veteranen der Freiheit, Itzstein und Hecker, folgt die Verweisung einer Frau, wie eine Posse auf ein Trauerspiel. Doch in der Posse zeigt sich oft der Zeitgeist offen in seinem ganzen Wesen, während er im Trauerspiel in verhüllter Größe einherschreitet.[52] Daß mein Beispiel einzig in seiner Art ist, rechtfertigt meine öffentliche Rechtfertigung. Es ist eine Anekdote für den Geschichtschreiber; doch eine jener unvergeßlichen Anekdoten, deren Pointe eine historische ist, weil in sie das innerste Leben und der ganze Charakter der Zeit ausläuft.[53]

Quelle:
Louise Aston: Meine Emancipation, Verweisung und Rechtfertigung, Brüssel 1846, S. 35-54.
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