8. Lebensmotto

[26] Fromme Seelen, fromme Herzen,

Himmelssehnend, lebenssatt;

Euch ist rings ein Thal der Schmerzen,

Eine finst're Schädelstatt!

Mag in schreckenden Gesichten

Bang vor mir das Schicksal steh'n;

Nie soll mich der Schmerz vernichten,

Nie zerknirscht und reuig seh'n!


Freiem Leben, freiem Lieben,

Bin ich immer treu geblieben!
[26]

Leben – Meer, das endlos rauschend

Mich auf weiten Fluten trägt:

Deinen Tiefen freudig lauschend

Steh' ich sinnend, stummbewegt.

Stürzt Gewittersturm, der wilde,

Jauchzend sich in's Meer hinein,

Schau' ich in dem Flammenbilde

Meines Lebens Wiederschein.


Freiem Leben, freiem Lieben,

Bin ich immer treu geblieben!


Liebe – von der Welt geächtet,

Von dem blinden Wahn verkannt,

Oft gemartert, oft geknechtet,

Ohne Recht und Vaterland;

Fester Bund von stolzen Seelen

Den des Lebens Glut gebar,

Freier Herzen freies Wählen,

Vor der Schöpfung Hochaltar!


Freiem Leben, freiem Lieben,

Bin ich immer treu geblieben!
[27]

Und so lang' die Pulse beben,

Bis zum letzten Athemzug,

Weih' der Liebe ich dies Leben,

Ihrem Segen, ihrem Fluch!

Schöne Welt, du blühend Eden,

Deiner Freuden reicher Schatz

Giebt für alle Schicksals Fehden

Vollen, köstlichen Ersatz!


Freiem Lieben, freiem Leben,

Hab' ich ewig mich ergeben!
[28]

Quelle:
Louise Aston: Wilde Rosen. Berlin 1846, S. 26-29.
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