II

[153] Als Anna sich von ihrem Bruder getrennt hatte, eilte sie zuerst in einen Viktualienkeller, und dann mit den gemachten Einkäufen frohen Muthes nach Hause, um ihren Eltern das glückliche Ereigniß, welches ihr wiederfahren war, mitzutheilen. Fast athemlos und mit pochenden Herzen eilte sie die drei alten morschen Treppen des Familienhauses hinauf und stand endlich vor der Thür ihrer Wohnung – wenn man so den Aufenthaltsort für eine aus 7 Personen bestehende Familie nennen konnte, der in einer weißgetünchten 20 Fuß langen und 15 Fuß breiten Bodenkammer bestand. – Drinnen vernahm sie die polternde Stimme ihrer Mutter, die über das[153] lange Ausbleiben der »faulen Dirne« und des »liederlichen Buben« schalt, die gewöhnlichen Bezeichnungen für sie und Ralph. Sie war es gewohnt, hart und ungerecht behandelt zu werden; und doch seufzte sie heute und öffnete mit einer ihr sonst fremden Bangigkeit die Thüre.

– Bist endlich da, Rumtreiberin? – grollte die Mutter mit erstickter Stimme, als Anna in die Stube trat. – Um 8 Uhr wird die Fabrik geschlossen und jetzt ist's schon 9 vorbei. Wo hast' unterdeß 'rumgelumpert, he? Und wenn Du noch was dabei verdientest! – Aber Du bist zu Nichts nütze.

– Schweig' doch, Alte – sagte der alte Naumann, welcher mit dem jüngsten Kinde auf dem Schooß sich vor dem kleinen Ofen niedergekauert hatte, in dem noch ein paar Coakskohlen glühten. – Es ist ja heute Zahltag gewesen, und da wird sie länger aufgehalten sein. Die Anna ist ein gutes Mädchen, auf die laß ich nichts kommen. Aber der Junge, der Junge –[154] er stützte den Kopf in die Hände und starrte in die verglimmende Kohlenglut.

Anna sagte Nichts, weil sie wußte, daß Widerspruch von ihrer Seite ihre Mutter noch mehr aufzubringen pflegte. Sie holte ein Talglicht aus ihrem Arbeitskorbe, steckte es in den Hals einer alten Flasche und zündete es an einer Kohle an. Während die Mutter fort und fort zankte, wie ungebildete Menschen es thun, die den Groll über ihr trauriges Schicksal an denen auszulassen pflegen, die am wenigsten daran schuld sind – benutzte Anna den Augenblick, wo sie am Ofen beschäftigt war, um ihrem Vater das von Gilbert empfangene Goldstück in die Hand zu drücken, damit es nicht etwa in die habgierigen Hände ihrer Mutter gelangte, die ihre Nahrungssorgen nicht selten in Branntwein zu ertränken pflegte. Der alte Naumann sah bald seine Tochter, bald das Goldstück an, begnügte sich jedoch, als Anna bezeichnend den Finger auf den Mund legte, verwundert den Kopf zu schütteln, als wollte er sagen: die Sache kommt mir nicht ganz geheuer vor.[155]

Anna setzte das Licht auf den Tisch und langte nun aus ihrem Arbeitskorbe ein großes Brot und eine fußlange Wurst heraus. Darauf holte sie aus dem alten Spinde ein paar gebrochene irdene Teller und setzte sie ebenfalls auf den Tisch. Ihre Eltern sahen mit einem Erstaunen, das bei der Mutter in Zorn überzugehen drohte, dem geschäftigen Treiben ihrer Tochter zu. Diese aber schien mit dem entfalteten Luxus ihrer Anordnung noch nicht zufrieden zu sein. Zum größten Schreck ihres Vaters warf sie mit rascher Hand alle Kohlen, die derselbe für den morgenden Tag reservirt hatte, in den Ofen, so daß derselbe bald rothglühend wurde, legte die Wurst auf eine Pfanne und stellte diese auf den Ofen. Bald füllte der Dampf der schmorenden Wurst die Stube und weckte die beiden in einer Ecke des Bettes zusammengekauerten Geschwister – ein Aroma für die ausgehungerten Magen – Annas auf. Ihr erster Laut war ein Geschrei nach Brot, auf das indeß Niemand achtete. Annas Mutter erhob sich endlich schwerfällig von ihrem Lager, stemmte[156] beide Arme in die Seite und wollte eben der Tochter ihren ganzen Unwillen über diese Verschwendung zu erkennen geben, als diese endlich das lange Schweigen durch die Mittheilung des Gesprächs brach, welches sie mit Gilbert gehabt hatte.

Dies außerordentliche Glück, so wie der oben er wähnte angenehme Duft, den die Wurst verbreitete und der auch auf die bissige Natur von Annas Mutter einen mildernden Einfluß ausübte, schien diese bis zu dem Grade besänftigt zu haben, daß sie – was sie noch nie gethan – Annen ihre »vernünftige Tochter« nannte, die endlich einsehen lerne, was zu ihrem wahren Besten diene. – Sie ließ darauf noch einige Ermahnungen über die Art und Weise folgen, wie Anna dieses Glück benützen müsse, welche dem armen Kinde das Blut ins Gesicht trieben. Da hielt sich der alte Naumann, welcher bisher blos mit dem Kopfe geschüttelt, nicht länger. Er setzte das Kind, welches er auf dem Schooße gehalten,[157] auf die Erde, und trat mit geballter Faust vor seine Frau.

– Weib – rief er – bist Du denn ganz des leibhaftigen Satans geworden, daß Du an Deiner eigenen Tochter Dir 'nen Kuppelpelz verdienen willst? An Dir hat's freilich nicht gefehlt, daß die Anna nicht längst schon gemein geworden. Aber ich sage Dir, noch einmal solche verfluchte Redensarten und Du sollst sehen, daß der alte Naumann Ordnung im Hause machen wird, daß Dir die Augen übergehen sollen.

– Seid ruhig, Vater – begütigte Anna – es verschlägt bei mir nicht.

– Ja es ist ein wahres Wunder, daß Du so aus der Art geschlagen bist – fuhr Naumann in zorniger Ironie fort; aber ich sage euch Allen, und besonders Dir, Du Rabenmutter, wenn ich da bei dem feinen Herrn, der sie in Dienst nehmen will, Unrath merke, so kommt sie mir entweder nicht mehr vor die Augen, oder die Geschichte hört auf.[158]

– Thust auch gerade, als wenn ich sie um ihr Seelenheil bringen will – meinte etwas eingeschüchtert die Frau, die recht gut wußte, daß, wenn ihr Mann einmal wirklichen Grund zum Zorn hatte, dann auch mit ihm nicht zu spaßen war. – Es war ja nur ein Scherz.

– Schöner Scherz das – brummte Naumann und wandte sich dann zu seiner Tochter: – Ich werde selber mit Dir hingehen zu dem Herrn – wie heißt er doch?

– Möller. –

– Also zum Herrn Möller und sehen, wes Geistes Kind er ist. Gefällt er mir nicht, dann wird nichts daraus, das sage ich Dir im Voraus.

Anna hatte indeß die dampfende Wurst auf den Tisch gesetzt und die Familie wollte eben das leckere Mahl beginnen, als sich die Thüre öffnete und ein kleiner vertrockneter Mann eintrat, dessen Erscheinung, obwohl nichts weniger als furchterregend, doch selbst auf die Frau Naumann einen Eindruck hervorbrachte, welcher mit dem Gefühl eines ertappten Verbrechers große Aehnlichkeit hatte.[159]

– Vortrefflich – röchelte das Männchen, mit Affektation den Wurstgeruch einschlürfend – ganz vortrefflich! Sind wir also auf einen grünen Zweig gekommen? Haben wir vielleicht in der Lotterie gewonnen oder gar eine reiche Erbschaft gemacht? So werden wir ja auch wohl die paar lumpigen Thaler Miethe bezahlen können, he?

– Wollen Sie nicht bis morgen warten, Herr Klingemann?

– Und warum denn bis morgen, mein verehrter Meister? Wenn wir heute Abend schon Braten essen können, so brauchen wir ja mit der Miethe nicht bis morgen zu warten.

– Meine Tochter hat Hoffnung, morgen in einen guten Dienst zu treten, morgen entscheidet es sich. – Also nicht wahr, Sie sind so gütig und warten bis morgen.

– Papperlapapp – grinste der Verwalter des Familienhauses – wir kennen die Flausen. Habe lange genug gewartet. Jetzt ist meine Geduld aus.[160]

Anna sah ihren Vater bittend an. Aber er widerstand diesem Blick, weil er nicht eher an das Geldstück ein Recht zu haben glaubte, als bis er sich überzeugt haben würde, daß es auf ehrliche Weise verdient worden.

– Nun, wird's bald? – fuhr der Verwalter fort – oder soll ich etwa wiederkommen, bis die Herrschaften abgespeist haben? Gezahlt muß heute werden, es ist der letzte Termin. –

In diesem Augenblicke erschien die kräftige Gestalt Ralph's in der Thüre, ohne von dem Verwalter bemerkt zu werden, der in seinem höhnischen Tone gemächlich fortfuhr:

– Wozu miethet Ihr Volk Euch solche Wohnung, ja warum wohnt Ihr überhaupt zur Miethe, wenn Ihr sie nicht bezahlen könnt?

– Sollen wir etwa im Thiergarten schlafen, Herr Verwalter? – ertönte Ralph's tiefe Stimme hinter des Verwalters Rücken. – Nicht wahr – fuhr er fort, indem er ihm gegenüber trat – nicht wahr, Leute Ihres Gelichters möchten am liebsten die Armen hinauswerfen, wenn's auch[161] draußen stürmt. Aber nehmt Euch in Acht, Ihr Herren; es kommt einst ein Tag, an dem wir Abrechnung mit Euch halten werden, an dem Ihr alle Zinsen doppelt und dreifach erhalten sollt für die Wohlthaten, die Ihr den armen Leuten erzeigt habt.

– Ralph! – mahnte Naumann – bezähme Dich etwas.

– Nein, ich will mich nicht bezähmen. Es ist mir eine Wollust, daß ich diesen Blutsaugern einmal den ganzen Haß und Abscheu in's Gesicht schleudern kann, der in dem Herzen des Volkes für seine Bedrücker wurzelt. – Was wollen Sie, Herr?

Bei dieser plötzlichen Frage zuckte der kleine Mann sichtbar zusammen, obschon damit nicht behauptet werden soll, daß er bei der vorhergehenden Apostrophirung Ralph's sich gerade allzuwohl gefühlt habe. Der ihm von der Stirn herabträufelnde Schweiß schien eher Zeugniß vom Gegentheil abzulegen. Indessen wollen wir – um ihm nicht Unrecht zu thun, die Möglichkeit[162] zugeben, daß die Ursache in seiner zu nahen Position bei dem glühenden Ofen liegen konnte.

– Ich – stammelte er erschrocken – oh ich – ich wollte mich erkundigen, ob – wie – wenn. – Ein hartnäckiger Husten, der ihn überfiel, unterbrach seine Rede.

– Sie haben gehört, daß mein Vater sich erbot, Morgen die Miethe zu zahlen. Sind Sie damit zufrieden?

– Vollkommen, oh unbedingt. Sie müssen gar nicht glauben, bester Herr Ralph, daß ich zu Denjenigen gehöre, die, wie man zu sagen pflegt, den armen Leuten das Fell über die Ohren ziehn; davor soll mich der Himmel bewahren.

Anna hatte während dieses Zwiegesprächs ein paar Worte mit ihrem Vater gewechselt, die diesen endlich überzeugt zu haben schienen.

Wie viel bin ich Ihnen doch schuldig, Herr Klingemann? – fragte er den Verwalter.

– Bitte, es ist ja nicht der Rede werth. Bis morgen, lassen wir die ganze Sache bis morgen.[163]

– Nein, nein, es ist besser heute. Also, wie viel bin ich Ihnen schuldig?

– Nun, wenn Sie durchaus wollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen, Herr Ralph, daß ich gewissermaßen nur gezwungen – nun denn also, es beträgt seit Michaeli präenumerando gerade 8 Thaler.

– Hier, – sagte Naumann – ist ein Friedrichsd'or und zwei Thaler zehn Silbergroschen in Courant. Haben Sie die Quittung bei sich?

– Wahrhaftig, ein wirklicher, ächter Friedrichsd'or – murmelte der Kleine, das Goldstück von allen Seiten besehend – hm, das ist wunderbar: das wollen wir uns doch merken – die letzten Worte wurden begreiflicherweise leise gesprochen. – Hier ist die Quittung, Herr Naumann. Danke verbindlichst. – Mit einem hündisch-höflichen und zugleich boshaft-listigen Blick empfahl sich der kleine Mann, um sich mit dem empfangenen Goldstück sofort zu seinem Freunde, dem Polizeicommissarius des Reviers zu begeben.[164]

Er war indeß nicht der Einzige, dem das Vorhandensein von Gold in der Naumannschen Familie aufgefallen war. Anna's Mutter, welche sich bei der Scene ganz passiv verhalten hatte, wollte eben ihre Verwunderung in gewohnter Weise aussprechen, als Ralph mit einem strengen Blicke auf Anna die Frage an sie richtete, ob sie etwa in der Fabrik heute mit Gold bezahlt worden sei.

Anna war in Verlegenheit; sie hatte Gilbert versprochen, Ralph davon nichts mitzutheilen. Jetzt aber hatte sie durch ihre eigene Unvorsichtigkeit, indem sie ihren Vater zur Bezahlung überredete, sich in die Alternative versetzt, entweder eine Lüge zu erfinden, oder ihr Versprechen zu brechen. Wenn das Erstere auch durch die Mitwissenschaft ihrer Eltern nicht schon unmöglich geworden wäre, so würde sie Ralph gegenüber doch nicht fähig gewesen sein, zu lügen. Sie erzählte ihm also den ganzen Vorfall und verschwieg auch nicht, daß der Unbekannte sie gebeten, ihrem Bruder nichts mitzutheilen.

Ralph dachte einige Minuten darüber nach,[165] was er gehört hatte. Was konnte Gilbert – denn daß Möller und Gilbert dieselbe Person sei, hatte Ralph bald errathen – für Gründe haben, um seine Schwester, ein Mädchen, das er auf der Straße gesprochen, in seinen Dienst zu nehmen? Und sie zu verführen, war sie – wenn auch hübsch genug, – so doch für Gilbert, wie er ihn kannte, nicht gebildet, oder besser, nicht raffinirt genug. Er wollte sie also als Mittel zu andern Zwecken brauchen. Was waren das für Zwecke? Dies zu erforschen, war für Ralph wichtig.

– Du gehst morgen zu dem Herrn hin, Anna, und zwar allein.

– Das kann nicht Dein Ernst sein – sagte der Vater.

– Allerdings. Ich kenne den Mann. Er gehört zu unserer Gesellschaft. Was Ihr fürchtet, darüber könnt Ihr ruhig sein. Aber ich traue ihm in anderer Weise nicht. Anna tritt ihren Dienst an. Das Andere wird sich finden.

– Hast recht, mein Junge – sagte die Mutter – hab's auch gesagt. Aber sie lassen ja nicht[166] mit sich reden. – Damit warf sie sich wieder aufs Bett und war in Kurzem fest eingeschlafen.

Ralph begann, seine Schwester jetzt mit leiser Stimme genau zu instruiren, wie sie sich gegen Gilbert zu verhalten habe. Dann suchte jedes sein Lager.

Nur der alte Naumann sah noch immer in die glühenden Kohlen, als wolle er darin die Antwort auf die Frage lesen, warum in der Welt ein so ungeheurer Unterschied zwischen Reichen und Armen existire.[167]

Quelle:
Louise Aston: Revolution und Contrerevolution. Bde. 1–2, Band 1, Mannheim 1849, S. 153-168.
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