XIII

[138] Mitternacht war vorüber, noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich erleuchteten Straßen. Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution. Denn wenn Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrath am Volke die Barrikaden erbauet hatte, so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes, um jene – wenn auch gerechtfertigten, doch für die Größe jener denkwürdigen Stunden kleinlichen – Leidenschaften in die erhabene Kälte einer echt revolutionären Ruhe zu versenken. Als der Kampf losbrach, war es ein Aufstand, als er acht Stunden gedauert hatte, gab es keinen Kämpfer auf[138] den Barrikaden, der nicht wußte, worum es sich nunmehr allein handle – um den Fürstenthron.

Man hat sich nicht wenig mit der »Hochherzigkeit« des Berliner Volks gewußt, welche darin liegen sollte, daß die Berliner Revolution vor dem Throne – stehen geblieben. Ich aber meine, daß eine solche Hochherzigkeit nach aller der Schmach und Entwürdigung, der sich das Volk seit drei Decennien hatte unterwerfen müssen, besser Feigheit heißen müßte.

Und doch ist diese Thatsache nicht abzuleugnen! – –

Aber wer hat sie auf seinem Gewissen? Wahrlich nicht jene heldenmüthigen Arbeiter im groben Leinwandskittel, die ihre nackte Brust den kriegserfahrenen, gutbewaffneten Soldaten entgegenwarfen. – Die feigen Weißbierbourgeois waren es, welche, während draußen die Kanonen donnerten, sich die Schlafmütze noch tiefer und die Bettdecke noch höher, wie gewöhnlich, über die[139] Ohren zogen. Als sie am andern Morgen aus den Federn krochen und mit verstörten Blicken hinabschaueten auf das Straßenpflaster und nun statt des Kanonendonners den Jubel des siegreichen Volkes hörten, da schwoll ihnen plötzlich der Kamm – sie mischten sich unter die Jubelnden, ließen sich beglückwünschend die Hände drücken und schwärmten für die Freiheit. – Aber ihre Freiheitslust hatte nicht die Bluttaufe erhalten, das Philisterthum schlug ihnen in den Nacken, sie wurden sentimental beim Andenken an die Angst, die ein »hohes Haupt« in jener Nacht mit ihnen getheilt hatte – und ihre Sentimentalität brachte sie zur Hochherzigkeit, ihre Hochherzigkeit aber zum Verrath am Volke. Das Volk aber, das gekämpft, geblutet und gesiegt hatte, ließ sich täuschen von den Philistern, die es als Brüder betrachtete.

Mitternacht war vorüber. Alice knieete hinter der Barrikade am Kölnischen Rathhause neben Ralph, dem ein von einer Kartätschenkugel abgerissener Holzsplitter die Brust verwundet hatte.[140]

– Fühlst du dich besser? – fragte sie, dem Verwundeten so viel wie möglich Linderung verschaffend.

– Ich danke dir, sagte er, ihre Hand an die Lippen drückend. – Wenn ich nur nicht hier liegen müßte. – Besser todt, als so mit Bewußtsein in seiner Ohnmacht daliegen. Der arme Hartwig ist am besten dran. – Und was wird uns das Alles helfen?

– Wir werden siegen – sagte Alice mit Wärme.

Er schüttelte traurig den Kopf. – Schau umher und zähle, wie viel von den Unsrigen noch übrig sind. Die Hälfte ist todt oder im Verenden, der Rest verwundet und ermüdet. Hält das Militair bis Tagesanbruch aus, so sind wir verloren.

– Und rechnest du die Schützen in den Häusern für nichts, die fast mit jedem Schusse einen Soldaten zu Boden strecken? Und muß die Ermüdung des Militairs nicht noch weit größer sein als die unsrige, da sie seit 8 Tagen consignirt[141] und schlecht mit Proviant versehen sind. Ich sage, wenn wir uns bis Sonnenaufgang halten, so haben wir gesiegt.

– Gott sei Dank, daß ich Sie endlich treffe – rief eine Stimme hinter ihnen – wo ist Ralph? gnädige Frau, haben Sie ihn nicht gesehen?

– Anna! – riefen Alice und Ralph aus einem Munde.

Das arme Kind war, als sie heruntergeeilt war, um die Vertheidiger der Barrikade von dem ihnen drohen den Verrath zu unterrichten, zu spät gekommen. Vergebens suchte sie ins Haus zurückzukehren. Die Soldaten ließen Niemand hinein. Da gedachte sie ihres Bruders und des Versprechens, das ihr Alice gegeben hatte, ihn zu befreien. Schnell faßte sie den kühnen Entschluß, Nachforschungen nach ihnen anzustellen. Sie eilte die Markgrafenstraße hinunter, fragte bei jeder Barrikade – Niemand hatte sie gesehen.

Endlich wurde sie zum alten Steiger an der Barrikade des Hausvoigteiplatzes gewiesen.[142]

Hier hörte sie, daß ihr Bruder an der Barrikade des »Kölnischen Rathhauses« stationire. Es war indeß spät geworden; das mühsame Uebersteigen der Barrikaden – wo sie die Pausen benutzen mußte, welche zuweilen im Feuern eintraten – die Neckereien, denen sie seitens der Soldaten ausgesetzt war, Alles dies hatte viel Zeit weggenommen. Nach sechs langen Stunden des Umherirrens und der Angst langte sie endlich am Kölnischen Rathhause an.

Alice ward in den Tod erschreckt über die Erzählung Annas in Betreff Lydia's. Sie mußte sich von der Sachlage überzeugen und eilte, Ralph unter der Obhut seiner Schwester lassend, nach ihrer Wohnung, welche sie unaufgehalten bald erreichte. Als sie den Hausflur mit Leichnamen bedeckt sah, schauderte sie, aber furchtlos eilte sie weiter. Ihre Zimmer waren leer – – die ungeheuren Blutlachen in der Mitte ihrer Wohnstube, die zerschmetterten Möbel und die Kugelspuren in den Wänden hätten ihr einen hinlänglichen Beweis von der Wuth des hier stattgehabten[143] Kampfes gegeben, wenn nicht die Menge Todter, über welche sie dahinschreiten mußte, noch lauter gesprochen hätte.

Kein Laut – ein neuer Schauder durchrieselte ihr Gebein, als sie sah, daß sie die einzig athmende Brust in diesem Chaos der Verwüstung und des Mordes war – – da hörte sie einen Seufzer. Ihre Furcht überwindend schritt sie über zwei Soldatenleichen hin nach der Ecke, aus welcher er zu kommen schien.

– Wasser, einen Schluck Wasser – stöhnte ein Verwundeter ihr entgegen.

Sie eilte, seinen Wunsch zu befriedigen.

Der Mond schien hell ins Fenster hinein. Alice untersuchte schweigend die Wunde und legte, so gut es ging, einen Verband auf. Als ihr Werk vollendet war, fragte sie nach Lydia, ob sie noch lebe, und nach Salvador.

– Als ich den Stich in den Kopf bekam – erzählte mit schwacher Stimme und in langen Pausen der Arbeiter – sank ich nieder und sah[144] nur noch, daß ein Herr in Generals-Uniform an der Seite Ihrer Freundin stand. –

Allerlei Vermuthungen gingen Alice durch den Sinn. Sie dachte an Lichninski, aber das war unmöglich – an den Prinzen A. – dem Himmel sei Dank – dann war noch Hoffnung vorhanden.

Rasch holte sie einige Betten herbei – bedeckte den Verwundeten damit und verließ ihn mit dem Versprechen, gleich einen Arzt zu senden.[145]

Quelle:
Louise Aston: Revolution und Contrerevolution. Bde. 1–2, Band 2, Mannheim 1849, S. 138-146.
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