Erster Aufzug

[60] Vor einem Wirtshaus an der Landstraße.


PRÄDIKANT mitten in der Rede. Viel Zwischenrufe. Nehmt's ihnen nit für ungut, Leut! Begreift: kann der Edelmann brav Geld vom Pfeffersack auf der Straß' nehmen, wenn ihm dann der Stadtbund die Burg zerhaut? Also, was bleibt: muß den Bauern noch mehr schinden! Drum, wenn schon heut traurige Kirchweih ist, ei, so sag ich doch: wart aufs Himmelreich, Bauer! Hungerst du, friß Stein – sollen etwa die Herrn dir abgeben? Sind doch deine Oberkeit, eingesetzt vom Herrn Gott, dich zu binden und zu schinden. Was klapperst? So könnt's nimmer gemeint sein, was in der Bibel steht? Hei, so frag die Doktores drum, die Latein verstehn, Dummbart, – sind gleich alle Menschenkinder getauft und Brüder im Herrn, gelöst durch sein allerköstlichstes Blut, ist doch nur Recht, daß der eine den andern zwackt, bis er sein sterblichen Leib zerknackt. Du da, wer hat dir dein Bein zerschossen?

EIN BAUER. Ist in der Fehd mit dem Steinberger geschehn, als ich mitmußt' als Roßknecht!

PRÄDIKANT. Und was gab's als Lohn? .. Schweigst still? J, so hat's dein Gnädger auf Zins gelegt, wann du tot bist, kriegst es auszahlt. Dicker da, warum bist du blind?

MEHRERE durcheinander. Der kann nit antworten, ist auch stumm. Sie haben ihm die Augen ausstochen, weil er gesagt hat, die Hirsch auf seinem Acker ärgerten ihn, und die Zung ausrissen, weil er dabei geschimpft hat![60]

PRÄDIKANT hohnlachend. Wollten dir Zung und Aug doch auch bloß verwahren, weil sie noch nit recht brauchen kannst. Die Stimme erhebend. Und die verfluchten Schinder und Henker wollt ihr ansehn als Oberkeit? Meint, unser lieber Herrgott wär's, der sie eingesetzt zu Gewalt über euch? Unser Herrgott, der da ist das Erbarmen, sodaß er geschickt hat sein eigen Kind für euch zu sterben viel schmerzhaften Tod am Kreuz? Der soll sie begabt haben mit Gewalt über euch, – die Hetzhunde da, die Tiger da? Eia, Brüder, wißt ihr das nit, wer ihnen die Macht gibt? Gott nicht, der Herr Jesus nicht, aber der Höllenfürst! Und hat seine abertausend Trabanten wohl selber in die Seelen geschickt! Die laufen herum zwischen euch, sehen aus wie ihr, laufen über euch, sehen aus wie Herren – sehn wie gottverfluchte römische Juristen aus, die euch prellen um euer gutes Recht, sehn aus wie Pfaffen, die euch schröpfen mit Trug, als gehört sie nit euch, die liebe Gotteserd, darüber der Herr die Sonne läßt scheinen und den Regen fallen und die Ernten aufgehn wem, wenn nit euch? Wem, wenn nit, wer sie beackert hat? Wem, wenn nit euch, die ihr freie Bauern gewesen seid's von Alters und freie Bauern noch heute seid's vor Gott! Herrgott ja, nur noch vor Gott!

EIN BAUER. Prädikant, so hat mein Bruder zu Waldburg zu einem Mönche gesagt, haben sie ihn in den Turm geschmissen – war ein schöner Knab, ein brav Herz – und dann haben sie ihn befragt und gereckt und ersäuft haben's ihn.

PRÄDIKANT. Soll der himmlische Zorn sie selber ersäufen und ihre Jungen! Schaut um – eh noch war Schnee im Land, heute treibt's! O du herzige Ostersonne, die du's meinst, daß die Knösplein aufbrechen, weck Alles auf! »'s ist eine Lust zu leben«, hat's der umsonsten gesagt? Gibt's denn der Hutten im Lande nit mehr? Sein Macht und Reich zerbrochen ist in Roma schon dem Antichrist, wenn er auch noch sitzt auf dem Ablaßkasten ...

PLÖTZLICHER RUF. Bundschuh! Bundschuh![61]

PRÄDIKANT. Und wär's mit dem Bundschuh ...

RUF. Der Wächter!

EIN BAUER. Ruhe da jetzt! Kommen Bischöfliche, fünf Reuter, vom großen Rotdorn aus drunten über der Mühl – hat einer davon einen Bauern am Roßschweif.

EIN ANDERER. Weg mit dir, Prädikant! Weg, weg!

WIEDER EINER. Schnell mit dem da, bei dem ins Heu! Darf um Gottshimmelswillen noch nichts auskommen.


Alles zerstreut sich schnell bis auf wenige. Drei Reiter.


ERSTER REITER zum Wirt. Bier her! Wein her! Schinken her! Eier her! Potz Donner, tummle dich, Hund, haben die Kehle bis zum Magen runter voll Staub. Wird's? Stößt ihn, alle setzen sich um den Tisch.

ZWEITER REITER. Daß deine Lausbuben auf die Rösser passen!

DRITTER REITER. Brüder, ich mein, das gefangene Mistvieh müßten wir hier han, sie geben ihm sonst zu fressen.

ZWEITER REITER. Sollten ihn lieber laufen lassen ...

NOCH ZWEI REITER einen Bauern vor sich stoßend.

VIERTER. Da habt's ihn. Bindet einen Strick, den der Bauer um den Hals hat, an den eingerammelten Bauerntisch, stößt den Bauern. Schau zu, Hund, wie's schmeckt! Wann hast zum letzten Mal gepamst und gesoffen?

BAUER demütig. Ehgestern zu Vesper, Euer Edelgeboren.[62]

ERSTER REITER lachend. Hätt'st heut morgen so manierlich scharwenzt, hättst nit hinterm Roßschweif herlaufen müssen! Zum Wirt. Sind jetzt wie die Bremsen, überall summt's, muß man die vordringlichsten wegfangen. Zum Bauern. Jetzt schau zu, was wir kriegen und was du kriegst! Wird dir dann leicht klarer, ob's schon einerlei ist, Reitersmann und Roßmuck, daß du den Deckel darfst auf den Läusen behalten.

ZWEITER REITER leiser zu den andern. Hat mir aber sonsten der Ritt nit gefallen. Zu viel Gesindel auf allen Straßen. Haben sie immer noch nit genug zum schaffen, daß sie rumlaufen?

VIERTER REITER. Stand da oben einer an der Brücke, grüßte, wie's gehört, sah bescheiden drein. Als wir vorbei sind, dreh ich mich um, ballt er die Faust und husch in Busch.

DRITTER REITER. War so was Großes, daß du's noch mal erzählen mußt! Machen sie Männchen, sind's doch nur Hasen, schmeißt sie ein Stein zusamm.

ZWEITER REITER. Warst nit mit im Schwäbischen drunten, hast sie nit bei Bohrdorf gesehn!

ERSTER REITER zum Bauern. Spitz nit die Ohren, Esel, waren da immer noch andre Kerle, denn du!

ZWEITER REITER gedämpft zum ersten. Mir gefallt's aber auch nimmer so. Wär für den Spaß mit dem da eh nit gewesen ohne den Wein im Kopf! Heimtückisch Volk! Und viel!

DRITTER REITER. »Gegen einen gewappneten Mann kommen nit hundert Bauern an« ...[63]

ZWEITER REITER. Fällst noch in dein eigen Großmaul. Aufruhrgeist überall im Land. Trau auch den Städten nit! Nicht mal den Fürsten! Mag der Luther jetzt Wasser spritzen, das Feuer, damit er die Bullen verbrannt hat, greift um.

DER GEFANGENE BAUER demütigst. Wenn ich dürft bitten, ein Brot! Hab seit gestern zum Vesper nichts gessen.

DRITTER REITER ihn anschreiend. Darfst nit bitten! Beißt's dich in den Bauch, beiß'n wieder.

DER BAUER wie vorhin. Wenn ich dann schon ein Trünklein Wasser hätt ...

DRITTER REITER wie vorhin. Beiß dich in die Pfote, sauf's Blut!

ERSTER REITER. Hast das vom Schlupftal drüben gehört, Matz? Wie sich der Bauernrüssel gerächt hat? Treibst du's scharf, besser gleich ausmachen. Nimmst ihn halt mit, unterwegs gibt's Bäume. Aber jetzt auf! Glaub's nit, daß wir nach Tager drei hier noch so sitzen könnten. Mir wird die Bank schon hint heiß. Schleunt euch, daß wir noch vor Nacht heim sind.


Die Reiter haben kaum die Bühne verlassen, als ein halbwüchsiges Mädel aus dem Versteck vorbricht.


DAS MÄDEL. Der da, der war's!

WIRT. Der mit dem Fuchsschwanz auf dem Kopf?

DAS MÄDEL. Der rote!

WIRT. Ist eingekerbt und wird bezahlt! Weg mit dir! Stößt sie weg. Aus den Verstecken füllt sich der Raum rasch wieder. Es wird wie vor dem Reiterbesuch.

Vorhang.


Quelle:
Avenarius, Ferdinand: Faust. Ein Spiel. 3. Tausend, München 1919, S. 60-64.
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