Zuschrift an den Herrn Abbt von Bertòla.

[247] Schätzbarster Freund!


Der schmeichelhafte Beyfall, mit welchem ich meine Kleopatra in Ihrer Idea della bella Letteratura Alemanna aufgenommen fand, ermunterte mich zu einem neuen tragischen Versuche. Lesen Sie ihn! und erwägen Sie dann, ob Sie Gutes oder Übels gestiftet haben.

Ich wählte mir die Geschichte der Virginia lieber als eine andere, theils, weil dieselbe, gleich der Geschichte der Kleopatra, sowohl durch ihre tragische als politische Wichtigkeit, in den Jahrbüchern Roms Epoche machet, theils, weil ich in einer meiner kritischen Schriften über die dramatische Kunst1, mich geäußert hatte, wie meines Bedünkens, dieser Stoff zu behandeln wäre, wenn man ihm diejenige Art von Interesse und Würde ertheilen wollte wodurch das heroische Trauerspiel sich von mindern Gattungen unterscheiden muß. –

Ungeachtet Sie, als ausgezeichneter Kenner Ihrer National-Litteratur, aus einigen Stellen meines ersten und zweyten Akts gewahr werden können, daß mir die Virginia ihres Grafen von Alfieri nicht unbekannt ist, werden Sie doch auch erkennen, daß nicht sie, sondern die wahre Geschichte meine Führerinn war. Der ganze Inhalt[247] der beyden ersten Akte liegt beynahe wie hier in der Histoire des revolutions de la republique Romaine vom Vertot. Der dritte Akt besteht zwar größtentheils aus meinen eignen, aber doch solchen Erdichtungen, zu denen mir die eben genannte Geschichte Wink oder Anlaß gab. Dahin gehört Icils Vorschlag zur Flucht nach dem heiligen Berge – die Ermordung seines Bruders durch Miethmörder, und die vermeinte Ermordung des Virginius. Nur im vierten Akte wagte ich ein Paar ganz unhistorische Erdichtungen. Der Angriff Icils auf den Marcus Claudius und Alles, was daraus entstehet, ist so wie die Gemahlinn dieses Marcus, ganz mein eignes Geschöpf. Die erste von den beyden Erdichtungen hielt ich für gut, weil sie auf eine natürliche Weise, unerwartete und (wie es mich däuchte) interessante Veränderungen hervorbringet, ohne den Gang der Haupthandlung zu verändern oder aufzuhalten: Die zweyte hingegen hielt ich platterdings für nothwendig, weil erst durch sie die Katastrophe denjenigen Grad von Wahrheit und Deutlichkeit erhält, welchen der echte Kunstrichter fodert, und fodern muß. Der Zuschauer wird zwar schon im ersten Auftritte meines Stücks von des Decemvirs schändlichem Anschlag auf Virginien unterrichtet, und in der Folge durch dessen eigene Geständnisse vergewissert; aber Valerius und das römische Volk, welche die Katastrophe bewirken, werden es erst durch die Entdeckung der Lälia. Ohne diese, oder eine ähnliche Überzeugung, hätten die Römer nicht hinlänglichen Beweggrund, gegen ihren Decemvir so zu handeln, wie ich sie in meinem Stücke handeln lasse; wie sie der Geschichte nach wirklich gehandelt haben: und im guten Drama müssen alle Begebenheiten, am meisten aber diejenigen, woraus die Katastrophe entstehet, genugsam und deutlich motivirt seyn. Dem Geschichtschreiber glauben wir auf sein ehrliches Wort alle nicht unmöglichen Dinge, die er uns erzählet, und Er selbst fodert nicht viel mehr als diesen[248] Glauben von uns; aber der tragische Dichter (der, ungeachtet sein ehrliches Wort gar nicht in Betrachtung kommt, weit mehr als bloßen Glauben von uns fodert, da er uns durch seine Vorstellungen die heftigsten Empfindungen der Furcht und des Mitleids abzwingen will,) muß seinen Zweck zu erreichen, einen desto höhern Grad von unzweifelhafter Wahrheit in seine Vorstellungen legen, und deßhalb uns alle Gründe, nach welchen seine Personen handeln, genau bekannt machen; weil unser Herz unmöglich heftigen Antheil an einer Sache nehmen kann, so lange unser Verstand befugt ist, an der Wahrheit der Sache zu zweifeln. Und in dieser Rücksicht ist es unwidersprechlich, daß auf dem Theater wahrscheinliche Erdichtung mehr Werth habe, als die Wahrheit selbst, sobald diese weniger wahrscheinlich, als die Erdichtung ist. –

Übrigens bin ich versichert, mir Ihren Beyfall dadurch verdienet zu haben, daß ich in diesem, wie in meinen übrigen Theaterprodukten, die Regeln der Alten pünktlich zu befolgen getrachtet habe. Die Regel: Neve minor, neu fit quinto productior actu fabula! gehört weniger als alle andern für uns Neuere, da sie nicht wie die Regeln der Einheiten, die Illusion (den Hauptzweck des Drama, wie aller schönen Künste) befördern hilft. Vielleicht war sie den Alten, ihrer Chöre, auch anderer Ursachen wegen, zur Form ihrer Tragödien wesentlicher als uns; aber sie war doch immer nur eine conventionelle, nie eine nothwendige Regel. Meines Erachtens gibt es wenig einfache tragische Handlungen, die man füglich gerade in fünf Akte eintheilen kann, ohne sich ganz willkührliche und zwecklose Zwischenakte, oder (nach Art der meisten englischen Dichter) entbehrliche, und deßhalb fehlerhafte Episoden zu erlauben, oder (nach der nicht ungewöhnlichen Art der Franzosen) ganze Akte mit einer erzählenden Exposition auszufüllen. Die Eintheilung des Stoffs muß also unstreitig der Beurtheilung des Dichters heimgestellt bleiben, so wie es der Beurtheilung des Geschichtmalers heimgestellt ist, in einem großen Gemälde (auch wann ihm Inhalt und Raum vorgeschrieben[249] werden) die Anzahl seiner Gruppen selbst zu bestimmen. – Doch warum erwähne ich dieses Umstands gegen Sie? Meine Kleopatra ist wie diese Virginia in vier Akten, und sie erhielt Ihren Beyfall.

Ein Umstand, welcher mehr eine Erwähnung verdienet, ist die Verschiedenheit der Versart, in welcher die beyden Stücke geschrieben sind. Unsere deutschen Theater-Dichter und Richter find noch nicht ganz einig, welche Gattung der Verse der Tragödie vorzüglich anpasse, ob der reimlose fünffüssige Jambus (worin diese Virginia erscheinet) oder der gereimte Alexandriner, dessen ich mich bey der Kleopatra und meinen übrigen Tragödien bedienet habe. Viele unsrer neuern Dichter, die sich die Arbeit recht bequem machen wollen, und viele unsrer berühmtesten Akteurs (deren ganz prosaische Natur gar keine Verse vertragen kann, weil sie dieselben nicht zu deklamiren wissen) bestreben sich, alle Verse überhaupt von unserm Theater zu verbannen. Gegen dies Meinung brauche ich wohl nichts zu sagen; sie hat das Zeugniß aller Zeiten und aller Nationen wider sich. Was aber die Wahl der tragischen Versart betrifft, bekenne ich noch immer meine Vorliebe für den gereimten Alexandriner, aus den Gründen, die ich in de Vorrede zu meiner Antiope angeführt habe. Allein eben diese Versart ist jetzt auf unserm Theater am wenigsten beliebt. Um zu zeigen, daß ich keinerdings eigensinnig bin, ließ ich in gegenwärtigem Stücke meine Helden in reimlosen Versen sprechen, und fand – meine Arbeit um vieles leichter. Gleichviel erhält nur das Ganze Ihren Beyfall, so ist mein Hauptziel erreichet; so bringe ich Ihnen in meiner Virginia kein ganz unwürdiges Opfer meiner Hochachtung, und rechtfertige zu gleicher Zeit, doch einigermaßen, das – zu günstige Urtheil, welches Sie in Ihrer Idea etc. über meine dramatischen Versuche gefället haben. Wien den 15ten März 1790.

Ihr ganz ergebenster Diener und Freund

Ayrenhoff.[250]

Fußnoten

1 In dem Schreiben über Deutschlands Theaterwesen und Kunstrichterey. Auch berührte ich diesen Gegenstand nachher in meinem fünfzehnten Briefe über Italien.


Quelle:
Cornelius von Ayrenhoff: Sämmtliche Werke. Band 2, Wien 1802, S. 251.
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