Neunte Scene.

[18] Winter. Fledermaus.


WINTER. Treuhold, hast du Muth?

FLEDERMAUS. Wenn's keine Schläg' gibt, habe ich Muth wie ein Besessener.


Winter bey der Kiste, dumpfer Donner rollt.


FLEDERMAUS. Haha, brummt schon wieder. Wann mein' Rosel noch da wäre, hätte es jetzt schon in meinem Gesicht eing'schlagen.

WINTER. Packt den Deckel unten an, ich oben – so reißen wir ihn mit einem Mahl auf.


Donnerschlag, sie haben den Deckel offen; Feuer fährt heraus. Sie schlagen die Kiste wieder zu.


FLEDERMAUS. Das halt' der Teufel aus!


Der Donner brüllt immer heftiger.
[18]

WINTER wild. Und wenn ich zerschmettert werde, ich lasse nicht nach –

FLEDERMAUS faßt sich. Ich auch nicht, zerquetscht hat mich meine Rosel öfters schon –

WINTER. Also zum dritten Mahl!

FLEDERMAUS bläst an den Fingern. Hab' mich doch verflucht verbrennt. –

WINTER. Säumt nicht, Treuhold! – also zum dritten Mahl!

FLEDERMAUS. Courage!


Sie reißen die Kiste mit aller Gewalt auf, und schleudern den Deckel zurück. Heftig wüthender Donnerschlag. Fürchterliche Feuerwolke. Ein Blitz fährt a tempo herunter und grade in die Kiste. Fledermaus purzelt nach aller Länge nieder. Winter verhält sich das Gesicht und schaut durch die Hand in die Kiste. Großer Accord in der Musik.


WINTER faßt sich zuerst. Habe Dank! Unbekannter Geist! Du siehst, ich habe Muth gehabt, deinen wilden Donnerschlägen zu trotzen. – Prüfe mich nicht länger, du hast deinen Mann an mir gefunden!


Musik.


FLEDERMAUS regt langsam den Kopf in die Höhe. Seyn Sie schon todt?

WINTER. Ich lebe schöner als vorher. Rüstig, Treuhold, jetzt die Kiste hervorgetragen. Die Gefahr scheint vorüber zu seyn.

FLEDERMAUS. Ausgesetzt bin ich einmahl; meinetwegen soll ich jetzt sterben oder nicht.


[19] Musik. Sie packen die Kiste, und tragen siie in die Mitte des Theaters.


WINTER. Jetzt über den Inhalt her – hier seh ich schon den Mantel. –

FLEDERMAUS. Wenn nur ein Geld dabey lieget, das behielt' ich!

WINTER er greift in die Kiste mit kräftiger Hand und hebt einen schwarzen altdeutschen Mantel empor. Hier der Mantel, und siehe da, ein Pergament. –

FLEDERMAUS. Haha – das wird's Rezept seyn, wie man ihn einnehmen oder umnehmen soll.

WINTER nimmt das Pergament, und rollt es auf. Ich kann es nicht lesen, es ist zu finster. –

FLEDERMAUS. Und ich kann kein Licht hohlen, sonst kriegt mich der Schwarze auf der Stiege.


Musik. In diesem Augenblick steigt ein Mohrenknabe mit einer hellen Fackel aus der Versenkung.


FLEDERMAUS sieht die Gestalt. Bravo, jetzt weiß ich schon, wem wir zugehören!


Winter nimmt die Fackel. Die Gestalt verschwindet.


FLEDERMAUS. Ich dank Ihnen, Sie unterirdischer Leuchterbub! Winter gibt Fledermaus die Fackel, entfaltet noch einmahl das Pergament. Sanfte Töne lassen sich hören. Musik während dem Winter liest.

WINTER mit starker Stimme. »Sterblicher, der du zu wünschen und zu begehren nie aufhörst, nimm hier meinen Mantel als eine Probe deiner Genügsamkeit,[20] und deines Glücks. So lang du ihn besitzest wirst du nahmenlos glücklich seyn. Alles wirst du erhalten, was du wünschest. Hüthe dich aber je übermüthig zu werden, und in einer Anwandlung von Muthwillen diesen Mantel wegzuschleudern. Du würdest elender werden als je. – Heil dir! wenn du besonnen bleibst – Wehe dir! wenn frecher Uebermuth dich leitet!« –

FLEDERMAUS. Ist's jetzt aus. –

WINTER. Sonst steht nicht ein Buchstabe mehr da. Wendet das Blatt um. Auch hier nichts –!

FLEDERMAUS. Das ist alles? – Da sind wir gut dran. Der Mantel darf nicht muthwillig weggeschleudert werden, steht darauf? – Nu das ist ja eine leichte Bedingung. Ich bitte Sie, steht nichts, Er macht bedenkliche Mienen. nichts von Luftfahren, Höllenrachen, Seelverschreiben, Teufelhohlen – nichts? gar nichts von dem dabey? –

WINTER. Keine Zeile, laß uns weiter nachsehen – Er sieht nach, und schaut noch einmahl in die Kiste.

FLEDERMAUS. Da ist ein Kapperl! das gehört wahrscheinlich dazu; da ist noch ein Zettel. So viel ich sehe, ist da ein ganzes Postkastel, wo der Schwarze seine Brief' hineingelegt hat. Das müssen wir auch lesen – erlauben Sie, das les' ich mit meiner schönen Stimm' Die Musik beginnt wieder; er liest.[21]

»Sterblicher, der du nie erkennest, wenn dein Glück den höchsten Gipfel erstiegen hat, nimm diese Kappe, und prüfe dich, wie weit deine Begierde geht; genieß, alles durch sie – doch hüthe dich sie je von dir zu schleudern – nahmenloses Unglück wird dich befallen, und du wirst in die Hände jener unerbittlichen Feinde des Menschengeschlechts gerathen, die einst den Doctor Faust mit Hohngelächter zermalmten. Sterblicher! gedenke, dein Heil ist in deine eigenen Hände gegeben!«

FLEDERMAUS. Das Ding ist hoch geschrieben, aber ich versteh's doch! Also wir beyde müssen unsere Geschenke hübsch in Ehren halten, und kein's soll je mehr von uns kommen? Dießmahl hat's der Schwarze leicht gemacht. Mit dem Doktor Faust war er nicht so galant. Nun es ist, natürlich. Der Teufel wird halt auch schon aufgeklärt; aber uns, lieber Teufel, kriegst nicht, wir sitzen dir nicht auf!

WINTER hat indeß den Mantel umgehangen. Heiß und schwul wird mir in diesem Lappen und der Angstschweiß steht mir auf der Stirne. Doch Muth und Besonnenheit – ich will den Mantel nicht mißbrauchen –

FLEDERMAUS hat auch die Kappe aufgesetzt. Sapperment, mir zieht's die Augenbraunen in die Höhe! Alle Haare steigen mir gegen Berg; allein, ich werd's[22] schon gewöhnen – Wissen Sie was, wir wollen gleich probieren, was dem Doctor Faust seine Verlassenschaft für Künste kann. Ich werde mir geschwind acht Metzen Brillanten wünschen, – was meinen Sie?

WINTER. Laß uns lieber unser Schicksal erfahren. Zaubermantel zeige mir, was meiner Emilie bevorsteht, und wo sie sich jetzt befindet –


Donnerschlag, die Kellerwand öffnet sich. Tableau. Musik. Man sieht eine hochzeitlich geschmückte Gruppe. Haller legt Josephs Hand in die der Emilie. Der Stadtdirector steht an der andern Seite und zählt Geld. Im Hintergrunde stehen ein paar Gerichtsdiener und zeigen dem Stadtdirector einen Verhaftsbefehl.


WINTER tritt dem Bilde näher. Was seh ich, meinen Nahmen in den Händen der Gerichtsdiener? Ich danke dir, herrlicher Mantel! Ich werde mich und Emilien retten! Das Tableau verschwindet.

FLEDERMAUS. Ey, das ist eine pure Pracht! Halt Kapperl! ich möchte auch was sehen. Was denn g'schmind? Ja, ja, richtig mein künftiges Weiberl was sie jetzt wohl macht. – Wahrscheinlich liegt sie auf den Knien, und bittet den Himmel, daß mir hier im Keller nichts geschehen soll. Kapperl, laß mich mein Täuberl sehen!


Tableau. Musik. Zimmer in Fledermaus Hause. Rosel sitzt auf einem Sopha. Der Herrschaftshusar kniet vor ihr, und reicht ihr einen Blumenstrauß. Rosel drückt ihn an ihr Herz.


FLEDERMAUS. He da! was ist das? Sapperment, das kann ja nicht seyn! Rosel, ich bitt dich um alles[23] in der Welt, was thust du denn? Rosel bist du verblendet? Herr von Husar, ich bitt' Sie, stehen Sie doch auf! Er will hin, das Bild schließt sich. Nein, das leid ich nicht; das ist mir einmahl zu raß – Er will wieder hin. Da muß der Teufel sein Spiel haben. – Schreyt gegen die Kellerwand. Herr von Husar, ich bitte Sie, stehen Sie doch auf! Oder ich, brauch mein Hausrecht!

WINTER. Ruhig, ruhig! Wozu das tolle Zettergeschrey! Ist uns nicht alles in die Hände gegeben? Können wir uns nicht mittels unserer kostbaren Geschenke gegen jede Gefahr schützen, und an unsern Feinden rächen? Muth gefaßt, Treuhold! laß uns dem Schicksal danken, das uns so glücklich macht; und dann mit raschen Schritten an unser großes Werk –


Duett.


WINTER.

Dir Schicksal Dank, wir wollen eilen,

Der Schatz ist uns, Faust's Mantel mein!

Nun heißt es Gold und Güter theilen,

Und wie ein König froh zu seyn!

Wer einen solchen Mantel findet,

Dem steht das Weltall zum Geboth,

Wer ihn um seine Schultern bindet,

Kennt keinen Kummer, keine Noth.

FLEDERMAUS.

Dir Schicksal Dank, für diese Gabe,

O dieses Käppchen ist so schön![24]

Bleibt ewig meine beste Habe,

Denn was ich wünsche muß gescheh'n.

Smaragden, Perlen und Rubinen

Sind mein, und Ball und Spiel und Schmaus,

Trink' Goldtinktur aus Caraffinen,

Und theile hohe Gnaden aus.


Beyde.


FLEDERMAUS.

Die schönsten Weiber zu besitzen,

WINTER.

Das kostet uns nur einen Laut,

FLEDERMAUS.

Die besten Weine zu verspritzen

WINTER.

Wird diesem Mantel anvertraut;


Zusammen.


FLEDERMAUS.

O Käppchen, Käppchen meines Lebens,

WINTER.

O Mantel, Mantel meines Lebens,

Wir sind mit ganzer Seele dein,

Nein, du beglückst uns nicht vergebens –

Wir werden ewig dankbar seyn!


Im raschen fröhlichen Laufe der Musik eilen beyde freudentrunken ab. Das Theater verwandelt sich in eine kurze Straße.


Quelle:
Bäuerle, Adolf: Doctor Faust's Mantel. Ein Zauberspiel mit Gesang in zwey Acten. Wien 1819, S. 18-25.
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