Sechste Scene.

[56] Straße.

Sophie verschleyert. Hinter ihr hastig Winter.


WINTER. Nein, keinen Schritt weiter! Jetzt muß ich Erklärung haben. Wirf den Schleyer zurück, schöne Unbekannte, oder ich werde zum ersten Mahl in meinem Leben gegen eine Dame unartig, und brauche Gewalt.

SOPHIE. Was wünschen Sie, mein Herr?

WINTER. Dich zu verehren, anzubethen, dich zu besitzen! Ja, du bist es, die seither meine Phantasie[56] beschäftigte, du bist es, die diese Nacht mir wieder im Traume erschienen; du bist es, die mir immer vorschwebt. Entschleyere dich, und gib mir Gewißheit!

SOPHIE entschleyert sich. Wozu diese Schwärmerey? Ich sah Sie oft, Heinrich, ohne daß Sie mich bemerkten. Wie kann ich Ihnen jetzt so plötzlich auffallen.

WINTER. Das weiß ich nicht. Allein in meinem Innern drängt es mich. Sieht sie freudetrunken an. Du bist die Königinn meines letzten Traumes; sprich, heißt du Sophie?

SOPHIE. Sophie, ist mein Nahme.

WINTER. So hat das Geschick dich mir bestimmt! Eine Stimme nannte mir heute Nacht deinen Nahmen; lebendig standest du vor mir; das ist eine himmlische Ahndung, du mußt sie erfüllen.

SOPHIE. Sie sind verlobt!

WINTER. Verlobt! Verlobt aber nicht verheirathet. Gerne will ich Emilie lassen; hätte ich es doch nie gedacht, daß eine einzige Nacht, ein einziger lebhafter Traum so viel Einfluß auf mich haben könnte.

SOPHIE. Vergessen Sie Ihre gute Emilie nicht.

WINTER. Emilie ist wohl gut; mein einziger[57] Wunsch war sie zu besitzen, doch nun ich sie besitzen darf, langweilt sie mich in den ersten 24 Stunden. Vom Schicksal mit Glücksgütern überhäuft wollt ich ihr ein rauschendes Leben anbiethen, sie will mich in öde Steppen führen; ich will Ball, Schmaus und Spiel auf einander folgen lassen, sie spricht von geräuschlosen häuslichen Freuden; ich will meinen Freunden einen Feen-Pallast errichten, mich an meinen Verfolgern rächen, sie wünscht in ein einer Hütte mit mir zu leben, und meine Feinde zu versöhnen. Ach hätte ich sie nie gesehen!

SOPHIE. Um mit einer andern ebenfalls unglücklich zu seyn!

WINTER. Nein, wenigstens mit dir nicht, schöne Sophie. Ein Wesen, daß mit solcher Gewalt anzieht, kann nur ein paradiesisches Leben verbürgen. Sophie sey die Meinige.

SOPHIE. Nie! – Daß ich hieher folgte geschah bloß, Ihnen ebenfalls ein Geständniß meiner innigen Liebe zu machen. Ja ich bin Ihnen mit ganzer Seele zugethan, das wollt ich laut bekennen, allein nie Sie besitzen, das hab ich mir gelobt. – Ein Mann, der so wankelmüthig ist, kann nie ein Weib glücklich machen.

WINTER. Ich habe dich ja früher nicht gekannt,[58] auch sehnte ich mich nach Emilien nur, weil die Weigerung ihres Vaters mich pikirte. Die Sache ist geendet, nun seh ich mit andern Augen. Ein Mädchen, das bloß gutmüthig ist, fesselt mich nicht – Sophie, du sagst, du liebst mich? O so nimm meine Hand und mach mich glücklich. Ich will Emilie vergessen, sie nie mehr sehen, verlassen – genügt dir dieß nicht, so fordere Beweise, ich gebe sie dir –

SOPHIE. Verlassen! Sie tritt ernst zu ihm hin. Verlassen? kann ich das glauben?

WINTER. Ich will fort von hier, nie wieder kommen, mit dir nur leben, bey dir nur seyn. Sey die Meinige! Sieht sie mit Entzücken an. Schönes Mädchen, dessen Zauber meine ganze Seele füllt, ja, ich folge dir. Meine grämliche Braut und ihren ärgerlichen Bater verlassen, freudig will ich das; nur kurzen Aufschub, um mich wenigstens mit Geld bey beyden abzufinden; mehr bedarf ich nicht.

SOPHIE faßt diese Worte. Das klingt ernsthaft, gut, ich will Ihnen glauben. Scheiden Sie von ihr, beruhigen Sie Ihre nun gewesene Geliebte mit Schätzen; wir meiden diese Stadt. Sie schwören mir jedoch einen feyerlichen Schwur, hieher nie mehr zu kommen.

WINTER. Gerne. Sein deutsches Vaterland verlassen, wenn man sich da Schätze gesammelt hat, hab ich ja längst schon von andern gelernt. Ja ich[59] will mich sogar meiner Landsleute schämen, wenn du willst, das soll ja Mode seyn!

SOPHIE umarmt ihn. Ich habe dich, wie ich dich brauche. Daß du auf meine Zukunft denken wirst, glaub ich hoffen zu dürfen. Du hast eine Herrschaft zwey Meilen von hier gekauft –

WINTER. Sie sey dein; du hast zu wählen. Was von meinen Schätzen übrig bleibt, theile Emilie und ihr Vater. Kann ich doch nicht verarmen, so lang ich lebe!

SOPHIE. O mein Heinrich, verstoße mich nur nie! Laß nur nie mehr einen Gedanken an Emilie erwachen. Und gib mir schriftlich Gewißheit, daß du ewig, Beziehend und scharf bezeichnend. ewig der Meinige seyn willst!

WINTER. Ewig! Er faßt sie glühend an. Ewig! Schaudert. Wie ergreift mich doch das Wort so heftig. Fester. Ja, ja ich hab es wohl überlegt, ewig will ich der Deinige seyn, nie will ich meine Braut mehr freundlich an mich drücken, sie nie mehr sehen, ja, ja das schwöre ich dir!


Schrecklicher Schlag.


SOPHIE thut einen gräßlichen Schrey auf, und sinkt an seine Brust.

WINTER. Taschenspielerey! Wer bekräftigt meinen Schwur da oben? Übermüthig. Ja, dein will ich seyn so lang ich lebe, das schwöre ich!! Hebt die Hand. Blitz und noch heftigerer Donnerschlag.[60]

SOPHIE. Zu Hilfe!

WINTER. Den Spuck will ich bald vertreiben. Rust. Dämilion! meinen Mantel!


Ein Mohrenknabe bringt den Mantel.


WINTER nimmt ihn und hängt ihn ausbreitend über die Schultern.


Die Gegend wird schnell hell und freundlich; der Donner schweigt.


WINTER. So schütz' ich dich! So führe ich dich in deine Wohnung. Die Documente erwartest du, und dich selbst erwarte ich heute Abend; ich will meine Abreise noch mit einem glänzenden Ball feyern; ich werde dich abhohlen – dann steht uns die Morgensonne nicht mehr hier! – Komm, holdes Mädchen! Komm' du mein herrlichstes Ideal, ich eile, die höchsten Freuden des Lebens mit dir zu theilen!

SOPHIE triumphirend, halb für sich und in feuriger Bewegung. Er ist mein!

WINTER hüllt sie in seinen Mantel, und führt sie ab. Ewig dein!


Quelle:
Bäuerle, Adolf: Doctor Faust's Mantel. Ein Zauberspiel mit Gesang in zwey Acten. Wien 1819, S. 56-61.
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