Dritter Auftritt.

[91] Ein zweiter Eilbote dringt vor.


WACHE.

Wer da?

EILBOTE.

Courrier vom Hofe.

WACHTHABENDER OFFICIER in's Zelt hinein.

Courrier vom Hof!

EILBOTE stöhnend.

Der Generalfeldmarschall

Hat nichts zu sagen.

ALLE OFFICIERE erstaunt.

Wie?

EILBOTE.

Nichts zu befehlen –

»Schön!« sagt er, »Alles gut!«

ALTER OBRISTWACHTMEISTER.

Sonst weiter nichts?

EILBOTE.

Es ist aber heute großes Schauspiel

In Jauer.

ALLE.

Schauspiel?

VON WIRBELZOPF.

Hundeschauspiel oder

Concert von Katzen – so was.

FELDCOURRIER.

Richtig! das

vergaß ich. Es sind viele Fremde da:

Die Frau Dauphin, der Doctor Stirn, und Andre.

Man giebt ein großes Fest, und ein Tedeum,

Tedeum, glaub' ich, nannten sie's.

ZWEITER EILBOTE.

Geschwätz!

Laß mich ausreden! Ich bin unterrichtet[91]

Von Allem, weiß die Sach', ich hab's vom Koch.

Der ganze Hof mit allen hohen Gästen

Und niedrigen (denn es sind Todtengräber

Darunter, sagt der Koch) geht in das Tollhaus,

Wo Hofkomödie wird aufgeführt und Bal

En domino. Der Tollhauswärter ist

Zum Oberhofmarschall, und ich weiß nicht

Wie viele Tolle Hosenträger-Ritter –

ERSTER COURRIER corrigirend.

Ritter vom Hosenbande –

ZWEITER EILBOTE.

Schweig! ich bin

Der letztens Abgereiste. War ich doch

Selbst mit dem Leibkoch in der Tollhausküche,

Wo's drüber jetzt und drunter geht.

PRINZ VON KOTBUS.

Bei'm Teufel!

Da muß ich hin.

COMMANDANT DER FESTUNG.

Ich auch – die Festung läuft

Ja nicht davon.

VON WIRBELZOPF.

Ich auch – wir haben Zeit –

MEHRERE STABSOFFICIERE.

Wir auch.

VON WIRBELZOPF.

Die Wache haben, müssen bleiben.

EINIGE.

Versteht sich, ja!

ANDERE.

Versteht sich, nein!

ALTER OBRISTWACHTMEISTER ernst.

Der Prinz

Von Kotbus hat die Wach'.

VON WIRBELZOPF.

Ich weiß – allein

Er giebt sie einem Andern – und als Prinz –[92]

ALTER OBRISTWACHTMEISTER bestimmt.

Prinz hin, Prinz her! – er bleibt.

VON WIRBELZOPF.

Was, Schwerenoth!

Wer hat hier zu befehlen?

ALTER OBRISTWACHTMEISTER.

Ich!

VON WIRBELZOPF lacht.

Man sattle

Die Pferde des gesammten Generalstabs!

Auch die des Prinzen, gleich!

ALTER OBRISTWACHTMEISTER steht vom Tisch auf, zur Wache.

Herbei! verhaftet

Den General!

VON WIRBELZOPF fährt auf vom Tisch, zieht.

Schockdonner Schwerenoth!

COMMANDANT DER FESTUNG zum Obristwachtmeister.

Nur nieder mit dem Hundsfott!


Grauer Mantel reibt sich die Hände. Wache eilt herbei.

Alle springen vom Tisch auf.


ALTER OBRISTWACHTMEISTER zieht ebenfalls.

Bin fertig!


Sie fechten. Allgemeiner Tumult im Zelt, Lärm und Geschrei. Die Einen laufen gegen die Anderen mit gezücktem Degen, fluchen und toben. Der Obristwachtmeister wird verwundet. Die Pferde werden indessen außen vorgeführt. Der Prinz von Kotbus springt durch die Mitte der Fechtenden über den Tisch, schwingt sich auf seinen Schimmel, und sprengt davon. Die Meisten, etwas

schwer von Wein, fallen im blinden Gefecht mehr oder weniger verwundet zu Boden. Die romanischen Soldaten, Tataren, Kalmucken, Kosaken springen von ihren Erbsentöpfen auf, und ergreifen ihre Gewehre. Die Zigeuner schreien Zetermordio. Die Marketenderin läuft wie eine Furie mit fliegenden Haaren um das Zelt. Die Trommeln werden gerührt. Das Futter-Rufen im Hintergrunde bringt von Zeit zu Zeit vernehmlich durch den Tumult im Vordergrunde. Man hört endlich eine Stimme, von der linken Seite des Zeltes her, rufen:


Still! Im Namen Seiner Hoheit

Des Herzogs![93]

EINIGE.

Hört ihn!

ANDERE.

Hört ihn nicht! Er kömmt

Vom Generalfeldmarschall.

WACHTHABENDER OFFICIER meldend.

Adjutant!

SOLDATEN draußen.

Des Herzogs eigner Adjutant! Respect!


Quelle:
Baggesen, Jens: Der vollendete Faust oder Romanien in Jauer. Jens Baggesen's Poetische Werke in deutscher Sprache, Bd. 3, Leipzig 1836 [Nachdruck: Bern, Frankfurt am Main, New York 1985], S. 91-94.
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