2. Wie sehr Bertha ob der neuen Liebeserkenntnisse aus dem Häuschen kam

[358] Besagter Edelknappe hieß Johannes von Sacché und war ein Vetter des Herrn von Montmorency, welchem um dem Tode Johanns die Lehen und Güter derer von Sacché wieder zufallen mußten. Er war zwanzig Jahre alt, und da er wie ein Feuerbrand glühte, so fiel es ihm nicht leicht, den ersten Tag zu verleben. Als der alte Imbert davonsprengte, da sprangen die beiden Basen zum Guckfenster ob des Ausfalltores, um ihm länger nachblicken zu können, und winkten aus Leibeskräften Abschiedsgrüße. Als dann aber die Staubwolke in der Ferne verdämmerte, stiegen sie hinab und gingen in den Saal.

»Was wollen wir jetzt tun?« fragte Bertha die angebliche Sylvia. »Liebst du Musik? Schön, dann wollen wir zusammen musizieren. Vielleicht singen wir eins von den hübschen alten Spielmannsliedern, ist dir das recht? Dann komm mit zur Orgel, komm, sei lieb!« Und sie nahm Johann bei der Hand und zog ihn zu dem Pfeifenklavier, wo der Bursch sich flugs so zierlich wie ein[358] Mägdelein davorsetzte. Kaum hatte er ein paar Töne angeschlagen und Bertha den Kopf zugewandt, um mit ihr zugleich anzufangen, da rief diese: »Ach, liebste Base, wie schaut mich dein Auge so heiß und wild an. Mein Herz erbebt davon so seltsamlich!«

»Just das hat mich zugrund gebracht,« flötete die falsche Sylvia. »Ein edler Lord droben in Engelland sagte mir, ich hätte schöne Augen, und küßte sie, und das schuf mir solche Wonnen, daß ich unterlag.«

»So nimmt die Liebe ihren Weg durchs Auge?«

»Nein, dorten werden Cupidos Pfeile geschmiedet, teuerste Bertha,« rief er und überschüttete sie mit einer ganzen Wolke feurigster Geschosse.

»Komm, wir wollen singen!« So sangen sie denn und zwar ein Werbelied Christines von Pisa, das Johann erwählt hatte, weil darinnen gar heftig von Liebe geredet wird. »Ach, teuerste Base, wie voll und gewaltig deine Stimme ist! Sie packt meine Seele!«

»Wo?« fragte die verdammte Sylvia.

»Hier!« rief Bertha und wies auf ihr holdes Zwergfell, wo die Laute der Liebe viel besser wahrgenommen werden als im Ohre, weil das Zwergfell dem Herzen so nahe liegt. »Nein, lassen wir das Singen, es erregt mich zu sehr. Komm mit zum Fenster, dort wollen wir bis zur Vesperstunde Handarbeiten machen.«

»Ach, teuerste Base meiner Seele, ich verstehe nicht eine Nadel zu halten, weil ich zu meinem Unheil gewohnt bin, meine Finger anderweitig zu betätigen.«[359]

»Womit denn bringst du deinen Tag hin?«

»Ach, ich lasse mich vom Wirbel der Liebe forttragen, da wird der Tag zum Augenblick, der Monat zum Tage, das Jahr zum Monate. Und wenn das immer so bliebe, könnte man die Ewigkeit wie eine Erdbeere schlucken; denn gleich dieser ist das alles eitel Duft, holde Süße und unsagbare Wonne.« Und damit senkte der Bengel seine schönen Augenlider und tat tieftraurig, wie ein armes Mägdelein, das von seinem Liebsten verlassen wurde und um ihn weint, ihn halten möchte, ihm gern alle Treulosigkeiten vergäbe, wenn er nur wieder zu dem holden Stalle, zu seiner einsamen Geliebten zurückkehren wollte.

»Sag' mir, erschließt sich die Liebe auch im Ehestand?« »O nein! da doch im Ehestand alles Pflicht, in der Liebe freiester Herzensentschluß ist. Dieser Unterschied verleiht jeder Zärtlichkeit einen holden Balsam, wie er diesen zarten Blüten der Liebe geziemt.«

»Ach, wir wollen nicht weiter davon reden; mir wird schier bänger zu Mut, als bei der Musik.« Und stracks pfiff sie einem Diener, der ihren Sohn herbeiholen mußte. Kaum erblickte Sylvia das Kind, da rief sie:

»Ach, welch ein Liebesengelchen!« Und sie küßte ihn auf die Stirn.

»Komm, du mein Kindlein,« sagte die Mutter, auf deren Schoß er alsbald hüpfte. »Komm, du mein einzig Glück, du meine Seligkeit, meine Krone, mein Püppchen, meine Perle, mein Schatz, mein Sonnenschein, mein Herzelein.[360]

Laß mich deine Händelein schlecken, dich in die Ohrläppchen beißen; gib deinen Kopf, laß mich dein Haar küssen. Sei glücklich, du mein Blütenzweig, damit ich auch glücklich bin.«

»Ach, teure Base,« rief Sylvia, »du sprichst Liebesworte zu ihm.«

»Was hat Liebe mit einem Kindeleien zu schaffen?«

»Gar viel! Und darum haben die Heiden die Liebe als ein Kindelein dargestellt!«

Und so klang es: Liebe hier, Liebe dort, während die zwei zieren Basen mit dem Kinde spielten, bis das Abendessen kam.

»Wünschtest du nicht ein zweites?« flüsterte Johann in einem passenden Augenblick in der Base holdes Ohr, das er dabei mit seinen heißen Lippen streifte.

»Ach, Sylvia, ja! Und gern wollte ich hundert Jahre in der Hölle braten, wenn der Herrgott mir diese Freude schüfe. Aber mein Gürtel mag nicht schwellen, obgleich sich mein Gatte die schrecklichste Mühe gegeben hat. Nein, ein einzig Kindelein zu haben, ist nichts! Bei jedem Schrei im Schlosse fahre ich in die Höh! Ich fürchte Mensch und Tier um dieses Engleins willen, fürchte sein Fechten und seine Waffenübungen, alles, alles! Ich lebe nur mehr in ihm und liebe selbst dieses Bangen, weil es mir beweist, daß er ja noch heil und am Leben ist. Nur für ihn bete ich und ... ach, ich könnte bis morgen reden, und hätte nicht die Hälfte gesagt!« Und dann preßte sie ihn wider ihre Brust, wie nur Mütter[361] ihre Kinder an sich zu drücken wissen, mit all der körperlosen Kraft, die in ihrem Herzen glüht. Und wenn ihr mich nicht versteht, dann sehet zu, wie die Katze ihre Jungen im Maule trägt.

Der arme Schlingel hatte bisweilen in Bangen vermeint, er täte nicht recht, das verödete Feld mit holden Freuden zu bepflanzen; nun aber ward er durch ihre Worte ganz beruhigt und sagte sich, daß er nur Gottes Willen erfülle, wenn er diese Seele den Freuden der Liebe gewänne. Und darin dachte er wohl. Nach der Vesper forderte Bertha nach der guten alten Sitte (gegen die sich die Damen heutzutage auflehnen), ihre Base auf, bei ihr im Prunkbette zu schlafen. Um nicht aus der Rolle zu fallen, ererwiderte Sylvia, wie sie darob beglückt sei. Als dann also die Nacht kam, gingen die zwei in die Kemenate, die mit wundervollen Teppichen und Stickereien geschmückt war, und Bertha entkleidete sich voll Anmut mit Hilfe ihrer Zofen. Der Edelknappe war natürlich zu verschämt, um sich von diesen anrühren zu lassen, wurde puterrot und sagte zu dem Bäslein: ›er sei gewöhnt, sich selbst auszukleiden, seit der Herzliebste das nicht mehr besorge, dessen zarte Gewandtheit alle Zofendienste ihr zum Ekel gemacht habe. Dann tauchten auch die süßen Worte wieder im Gedächtnis auf, die der Freund gesagt, all die Torheiten, die er begangen habe, wenn er sein Schätzelein seiner letzten Hülle entkleidete, danach ihm (d.h. Sylvia) leider Gottes heute noch das Wasser im Munde zusammenlaufe.‹ Darob verwunderte sich Bertha gar sehr[362] und so ließ sie ihre Base ihre Nachtgebete und sonstigen Abendvorbereitungen hinter den Bettvorhängen erledigen. Denn dahinter war der Schlingel eiligst geschlüpft, um durch einen Spalt der Schloßherrin untadelige Schönheit und ihre holdseligen Reize zu bewundern. Und da Bertha vermeinte, ein beklagenswertes Mägdelein in ihrer Stube zu haben, so ließ sie keine ihrer Gewohnheiten: sie wusch sich die Füßlein, ohne besorgt zu sein, ob sie selbige etwas hoch emporhob, zeigte ihre blendenden Schultern und tat kurz alles, was Frauen tun, bevor sie zu Bett gehen. Schließlich schlüpfte sie unter die Bettdecke, machte es sich bequem und küßte dann ihre Base auf die Lippen, die ihr gar heiß schienen.

»Bist du denn krank, Sylvia, daß du so sehr glühest?« fragte sie.

»Immer glühe ich so, wenn ich im Bett liege,« entgegnete diese. »Denn alsdann kommen mir die süßen Zärtlichkeiten ins Gedächtnis, die ›Er‹ erfand, um mir Freude zu schaffen, und die mir noch ärger einheizten.«

»Ach, teure Base, erzähle mir mehr von diesem ›Er‹. Erzähle mir von den Seligkeiten der Liebe, da ich doch mit einem Greise lebe, des schneeweißes Haar mich vor solchen Gluten bewahrt. Das wird eine gute Kasteiung für mich sein und dein Unglück kann so zwei armen Frauenzimmern von Nutzen werden.«

»Ich weiß nicht, ob ich dir gehorchen soll, schönste Base,« sagte der listige Bursch.[363]

»Und warum nicht?«

»Ach, weil es besser ist zu zeigen als zu sagen!« rief er und tat einen schweren, schweren Seufzer. »Und dann habe ich Angst, da mein Lord mich so mit Wonnen überschüttet hat, daß du etwas davon abbekommen könntest, vielleicht nur ein Bröckchen, aber das würde genügen, um dir zu einer Tochter zu verhelfen – einer Tochter, weil diese Freuden auf dem Umwege über mich schon etwas abgeschwächt sein werden.«

»Sag mal: glaubst du, daß das eine Sünde wäre?«

»Im Gegenteil! Hier wie im Himmel würde eitel Freude herrschen! Die Englein würden himmlische Düfte über dich ausgießen und himmlische Weisen dazu spielen.«

»So sag es mir denn,« rief Bertha.

»Also, paß auf, wie mein Liebster mich zu lichtester Freude entflammte.« Und damit nahm Johann sie in seine Arme und umhalste sie mit namenloser Glut, und das ist sehr begreiflich, denn sie lag beim Lampenschimmer in den weißen Linnen dieses verdammten Bettes wie die zierlichen Staubfäden der Lilie mitten in deren jungfräulichem Blütenkelch: »So hielt er mich umfangen, wie ich dich jetzt halte, und sagte mit seiner wunderzarten Stimme, der die meine nie gleichkommen kann: ›Ach, Sylvia, du meine ewige Liebe, du mein tausendfältiger Schatz, du meiner Tage, meiner Nächte Seligkeit; du bist lichter denn der Tag, anmutsvoller denn alles auf der Welt; ich liebe dich heißer denn Gott und wollte eines tausendfachen Todes sterben für all das Glück, das du mir[364] spendest.‹ Und dann küßte er mich, nicht so grob wie die Ehemänner das tun, sondern schnäbelnd wie Tauben.«

Und um ihr sogleich die verheißenen Vorzüge dieser Kunst zu zeigen, saugte er allen Honig von Berthas süßen Lippen und unterwies sie, wie ihr Zünglein, das einem Rosenblatte oder dem Zünglein einer Katze glich, gar herzbeweglich reden könne, ohne ein einzig Wort zu sagen. Aber Johann wurde bei diesem Spiel immer feuriger, dehnte seine Küsse bald auch bis zu ihrem Hals aus, von dort weiter bis zu den holdesten Früchten, die eine Frau ihrem Kinde darreichen kann. Und ein Hundsfott, wer an seinem Platze gewesen wäre und hätte es nicht ebenso gemacht.

»Ach!« ächzte Bertha, die in Liebesglut geriet, ohne es zu merken. »Das ist freilich etwas anderes! Das muß ich Imbert erzählen.«

»Bist du von Sinnen, teure Base? Sage nur deinem alten Gatten so etwas nicht, denn er hat nicht weiche, zarte Hände wie ich, und sein stacheliger Bart paßt schlecht zu solchem Wonnespiel.« Und so fuhr der hübsche Schlingel in seinen Belehrungen fort, bis das arme unschuldige Ding in den Ruf ausbrach: »Ach, nun sind die lieben Englein gekommen! Ach, wie hold war ihre Musik, die nun wieder entschwunden ist, wie hell flammte ihr himmlisches Leuchten, vor dessen Glanz meine Augen sich schlossen!«

Und sie lag da, von der Last so vieler Seligkeiten ganz[365] erdrückt. Die waren auf sie eingestürmt wie rauschende Orgeltöne, hatten sie geblendet wie gleißendes Morgenrot, glitten jetzt durch ihre Fibern wie zartester Duft und raubten ihr das Leben, um dies Leben einem Kindlein zu geben, einem Kindlein der Liebe, das mit ganz anderem Gepränge seinen Einzug hält, als irgend ein anderes. Kurz, Bertha vermeinte im Paradies zu sein, so war sie voller Seligkeit, und als sie aus ihrem Wonnetraum in Johanns Armen erwachte, da flüsterte sie: »Warum bin ich nicht in Engelland getraut worden!«

»Teuerste Herrin,« rief Johann, der vor Entzücken außer sich war, »du bist nun mir getraut und hier in Frankreich, und das ist wahrlich besser, denn ich bin ein Mann, der dir tausendmal sein Leben dahingäbe, wenn er könnte!«

Die Ärmste stieß einen durchdringenden Schrei aus und sprang aus dem Bette wie der Blitz. Sie sank vor dem Betstuhle in die Knie, faltete die Händlein, weinte mehr Perlen, als jemals Maria Magdalena getragen hatte, und sprach: »Ach, wehe mir, ich bin tot! Ich wurde von einem Teufel verführt, der in Engelsgestalt zu mir kam. Ich bin verloren, bin sicherlich eines schönen Kindleins Mutter worden und bin doch nicht schuldiger als du, Heilige Jungfrau. So flehe du zu Gott um Gnade für mich, wenn ich keine bei den Menschen finden kann, oder laß mich sterben, damit ich nicht vor meinem Herrn und Gatten in Scham zu erröten brauche!«

Als Johann hörte, daß Bertha nichts böses wider ihn[366] sagte, da erhob er sich voll Beklommenheit über die Art, wie Bertha dieses holde Duo aufnahm. Wie diese aber merkte, daß ihr Engel Gabriel sich regte, da sprang sie flugs auf, blickte ihn mit tränenfeuchten Augen an, die in heiligem Grimme funkelten (wobei sie noch viel schöner wurden) und rief: »Wenn Ihr mir nur einen Schritt näher kommt, so werfe ich mich dem Tod in die Arme!« Und sie griff nach einem Stilett, wie die Damen es trugen. Und dieser tragische Anblick ihrer Pein war so erschütternd, daß Johann erwiderte:

»Nicht dir, sondern mir geziemt es, in den Tod zu gehen, o, du meine holde Liebste, die ich heißer liebe, denn jemals ein Weib auf diesem Erdenrund geliebt wurde!«

»Hättet Ihr mich geliebt, dann würdet Ihr mich nicht so ins Unglück gestürzt haben! Denn ich stürbe lieber, ehe ich meines Gatten Vorwurf verdiente.«

»'Ihr stürbet sicherlich?« fragte er.

»Ohn' jedes Zögern!« rief sie.

»Dann werdet Ihr also vor Eurem Gatten Gnade finden, wenn ich von Dolchstichen zerfleischt daliege, und Ihr könnt ihm sagen, daß Eure Unschuld überlistet wurde, daß Ihr aber seine Ehre durch den Tod des verräterischen Verführers gerächt habt. Das wird mein größtes Glück sein, für Euch zu sterben, da Ihr verweigert, für mich zu leben.« Diese zärtlichen Worte ließen neue Tränen in Berthas Augen quellen, und der Dolch entglitt ihren Händen. Johann sprang herzu, packte ihn, stieß ihn sich in die Brust und rief: »Solches Glück ist[367] mit dem Tode nicht zu teuer erkauft!« Und dann fiel er wie ein Klotz zu Boden.

Bertha war so entsetzt, daß sie ihre Zofe herbeirief. Und die Zofe war nicht minder entsetzt, als sie im Zimmer ihrer Herrin einen bewußtlosen Mann liegen sah und sehen mußte, wie ihre Herrin selbigen stützte, und rief: »Was habt Ihr getan, teurer Freund?!« Denn Bertha glaubte ihn tot und gedachte nun der erlebten unsagbaren Wonnen, gedachte seiner wundersamen Schönheit, die jeden, selbst Imbert, zu dem Glauben veranlaßt hatte, er sei ein Mägdelein. In ihrem wehen Schmerze erzählte sie der Zofe alles, weinte und schrie, es sei wahrlich genug, ein Kindlein unterm Herzen zu tragen, und man brauche ihr nicht noch das Herz mit dieses Mannes Tod schwer zu machen. Als der Jüngling das hörte, da versuchte er die Augen zu öffnen. Aber man sah nur das Weiße hervorschimmern und auch das nur wenig.

»Ach, edle Frau, schreiet nicht!« sagte die Zofe. »Wir müssen unseren Verstand beisammen halten und diesen Rittersmann erretten. Schnell will ich zur Dorfnärrin laufen, damit kein Medicus oder Physicus in dies Geheimnis eingeweiht wird. Die ist eine Hexe und wird Euch zu Gefallen diese Wunde so zauberhaft verheilen, daß keine Spur davon bleibt.«

»Lauf'!« rief Bertha. »Für deine Hilfe werde ich dich allezeit lieben und viel Gutes an dir tun.«

Vor allem aber vereinbarten die beiden, tiefstes Stillschweigen über die ganze Geschichte zu bewahren und[368] Johann vor aller Augen zu verbergen. Dann ging die Zofe in die finstere Nacht hinaus, um die Dorfnärrin zu suchen. Ihre Herrin geleitete sie selbst bis zum Ausfallstor, weil die Wache ohne ihren Befehl das Gatter nicht geöffnet hätte, und dann lief Bertha wieder zu ihrem schönen Liebsten, der besinnungslos dalag, weil unaufhaltsam das Blut aus der Wunde strömte. Tiefbewegt schlürfte sie etwas von diesem Blute, da es doch Johann für sie vergossen hatte. Seine große Liebe und die Gefahr, in der er schwebte, gingen ihrem Herzen gewaltig nahe, und so küßte sie das Antlitz dieses holden Liebesknechtes, verband die Wunde, die sie mit ihren Tränen benetzte, und sagte zu ihm, er solle doch nicht sterben und sie wolle ihm gern ihre Liebe spenden, um ihn nur wieder zum Leben zu bringen. Und während sie immer deutlicher des Unterschiedes zwischen diesem blitzeblanken Jüngling mit seinem holden Jugendflaum und dem alten Knacker mit seiner gelben, faltigen, borstigen Haut inne ward, verliebte sie sich auch immer heftiger in Johann, und sie gedachte dabei des Unterschiedes, der ihr in der erlebten Wonnestunde zum Bewußtsein gekommen war. Die Erinnerung daran ließ ihre Gefühle noch zärtlicher, ihre Küsse so zuckersüß werden, daß Johann wieder zur Besinnung kam: sein Blick belebte sich, er schaute Bertha an und bat sie mit schwacher Stimme um Vergebung. Aber sie gebot ihm Schweigen, bis die Dorfnärrin gekommen sei. Und so verwandten die beiden die Zeit dazu, mit sich Blicken ihre Liebe auszudrücken – wenn auch in denen[369] von Bertha nur Mitgefühl lag: aber Mitgefühl ist unter solchen Umständen der Liebe aufs allerengste verwandt. Die ›Dorfnärrin‹ war eine alte, verwachsene Vettel, die mehr als verdächtig war, Necromantie zu treiben, auf Besen zum Hexen-Sabbat zu fahren und was die Hexen sonst noch für schöne Gewohnheiten haben. Besonders, daß sie im Stall, das heißt in der Dachrinne, einen Besen bestieg, behaupteten die Leute wiederholt beobachtet zu haben. Wahr ist eigentlich nur, daß sie heilende Mittel und Salben besaß und den Damen in gewissen Fällen, aber auch den Herren so ausgezeichnete Dienste leistete, daß sie in schönster Ruhe dahinlebte, ohne auf einem Scheiterhaufen (statt wie andere Leute auf dem Federbett) ihre schöne Seele auszuhauchen, und das, trotzdem die Ärzte mächtig hinter ihr her waren und behaupteten, sie verkaufe Gift. Daß sie damit nicht so Unrecht hatten, wird der Verlauf dieser Geschichte erweisen. Die Zofe kam also mit der Dorfnärrin auf einem abgetriebenen Grautier so schnell als möglich angetrabt, und so gelangten sie zum Schloß, ehe noch der Tag ganz heraufgedämmert kam. Als die alte Hexe in das Gemach kam, fragte sie: »Na, was gibt's, Kinderchen?« Das war nämlich so ihre Art, mit den großen Herrschaften vertraulich zu tun, weil ihr die immer sehr klein vorkamen. Sie setzte ihre Brille auf, untersuchte sehr gewandt die Wunde und meinte dann: »Ei, ei, das schöne Blut – du hast ja davon gekostet, Schätzchen. Alles sehr gut, denn es ist nach außen geflossen.«[370]

Dann wusch sie die Wunde mit einem feinen Schwamm, während Herrin und Zofe atemlos zuschauten. Kurz und gut, die Närrin erklärte mit gewichtiger Miene, daß der junge Herr von dieser Verletzung bald genesen würde, obgleich er, wie sie in seiner Hand gelesen habe, just ob der Folgen dieser Nacht eines gewaltsamen Todes sterben müsse. Dies chiromantische Todesurteil erfüllte Bertha und ihre Dienerin mit Schaudern und Entsetzen. Aber die Närrin verschrieb dann gleich die nötigen Heilmittel und versprach, in der nächsten Nacht wiederzukommen; und wirklich kam sie vierzehn Tage lang jede Nacht heimlich an, und die Zofe erzählte im Schloß: das Fräulein Sylvia sei durch eine Entzündung am Unterleib auf den Tod erkrankt, was geheim bleiben müsse, damit die Hausherrin, ihre Base, nicht in ihrer Ehre geschädigt würde. Dieser Schnack stellte die Leute sehr zufrieden, und wenn einer dem andern die Geschichte erzählte, dann nahm er allemal den Mund mächtig voll.

Aber wenn die Leute meinten, die Krankheit wäre so lebensgefährlich gewesen, dann irrten sie gewaltig: das gefährliche war die Genesungszeit, denn je kräftiger Johann wurde, um so schwächer wurde Bertha, und am Ende wurde ihre Schwäche so groß, daß sie sich ohne Widerstand in das gleiche Paradies führen ließ, wohin Johann sie schon einmal geführt hatte. Kurz, ihre Liebe wuchs ins Endlose. Aber während sie in Wonnen schwelgte, ward sie durch der Närrin drohende Prophezeihung von Angst schier umgebracht, litt in ihrer Frömmigkeit[371] wahre Folterqualen, und bebte in Furcht vor dem Herren Imbert. Diesem mußte sie natürlich schreiben, daß er sie mit einem zweiten Kindlein beschenkt habe, mit dem sie ihn bei seiner Rückkehr zu erfreuen hoffe; aber das war eine solche Riesenlüge, daß das keimende Kindlein in seiner Kleinheit dagegen ganz verschwand. An dem Tage, da Bertha ihrem Manne diesen verlogenen Brief schrieb, ging sie Johann weit aus dem Wege, denn sie weinte so arg, daß all ihre Schnupftücher trieften, Und als Johann merkte, daß sie ihn mied, da glaubte er, sie habe eine Wut auf ihn; und da er so wenig von ihr lassen mochte, wie die Flammen von einem Holzscheit, das sie einmal ordentlich ergriffen haben, so weinte auch er wie eine Gießkanne. Als dann aber Bertha zur Vesper die Spuren dieser Tränen an Johanns Augen wahrnahm, trotzdem er sie so sorgfältig abgewischt hatte, da ging ihr das nahe und sie sagte ihm den Grund ihres Leides, gestand ihm ihre schauderhafte Angst vor der Zukunft, hielt ihm vor, wie schwere Schuld sie beide sich aufgeladen hätten, und predigte so wahrhaft schön und christlich, schmuckte ihre Worte mit so himmlischen Zähren und so zerknirschten Gebeten, daß ihre Frömmigkeit sein Herz bis ins Innerste hinein erschütterte. Denn diese naive Mischung von Liebe und Reue, Schuld und Edelmut, Schwäche und Kraft hätte, wie die Alten zu sagen pflegten, einen Tiger vor Rührung zum Lamm verwandelt. So war es auch nicht verwunderlich, daß Johann sich genötigt sah, ihr auf sein ritterliches Ehrenwort zu schwören:[372] er würde ihr in allem und jedem aufs Wort folgen, wenn sie etwas zur Errettung ihrer beiden Seelen in dieser Welt wie in der jenseitigen für nötig hielte.

Als Bertha seinen guten Willen und sein Vertrauen zu ihr sah, da warf sie sich ihm zu Füßen und rief: »O, teurer Freund, mags auch eine Todsünde sein: ich muß dich lieben, weil du so gut und mitleidsvoll zu mir bist. Wenn du willst, daß ich immer voller Wonnen an dich denke, daß der Strom dieser Tränen Einhalt findet, dessen Ursprung so hold und herzerquickend ist« – hier ließ sie sich einen Kuß rauben, um ihm ihre Worte zu bestätigen; dann fuhr sie fort: » ... wenn du willst, daß die Rückerinnerung an unsere himmlischen Seligkeiten, an die Engelsmusik und den Duft süßester Liebe nicht wie brennend Gift wühlt, sondern mich in schlimmen Stunden tröstet, dann tue, was die Jungfrau in einem Traume von dir zu heischen mir befahl, als ich zu ihr flehte, sie möge mir doch in diesem Falle den rechten Weg weisen. Da erschien sie mir und ich schilderte ihr nun die furchtbare brennende Qual, die ich im Bangen um das Kindelein litte, das ich schon unter meinem Herzen verspürte, und um dessen wahren Vater, der dem anderen zum Opfer fallen und durch einen gewaltsamen Tod seine Vaterschaft büßen sollte, maßen die Närrin doch sicherlich richtig in der Zukunft gelesen habe. Da lächelte die Jungfrau gar hold und sagte: die Kirche böte uns für unsere Vergehen die Vergebung, wenn wir ihre Gebote erfüllten; dafür müsse man sich selbst der Pein des Höllenfeuers überantworten,[373] ehe der Himmel seinen Zorn ausgösse. Und dann wiss sie mit ihrem Finger auf einen Johann, der dem richtigen völlig glich, nur daß er so gekleidet war, wie du in Zukunft sein solltest, ja, wie du es sein wirst, wenn du Bertha mit unauslöschlicher Liebe ergeben bist.«

Alsbald richtete Johann sie auf und versicherte sie seines unbedingten Gehorsames, während er sie auf die Knie nahm und küßte. Da nun sagte ihm Bertha, daß dies künftige Gewand die Mönchskutte sei, und während sie vor Bangen bebte, er könne ihre Bitte abschlagen, bat sie ihn, ins Kloster zu gehen, und zwar in Marmoustier bei Tours. Und dabei schwor sie ihm zu, sie wolle ihm eine letzte Liebesnacht gewähren und dann fortan weder ihm noch sonst irgend jemanden auf dieser Welt angehören; und jedes Jahr wollte sie ihn zum Lohne einmal zu sich rufen, damit er das Kindlein sehen könne. Johann, den ja sein Eid band, versprach seiner Liebsten, um ihretwillen in das Kloster gehen zu wollen, und schwur hoch und heilig ihr solchermaßen in alle Ewigkeit getreu zu bleiben und fortan keine anderen Liebesfreuden mehr kosten zu wollen als die, so er durch ihre himmlische Huld empfangen habe und an deren süßer Erinnerung er fürder zehren wolle. Und Bertha sagte ob solch holder Worte: wäre auch ihre Sünde noch so groß gewesen, und stünde ihr durch Gottes Ratschluß auch noch so schweres bevor – dieses Glück würde ihr helfen alles zu ertragen; denn sie würde dem Bewußtsein leben, nicht einem Manne, sondern einem Engel angehört zu haben.[374]

Und dann krochen sie in ihr Nestlein, darinnen sich ihre Liebe erschlossen hatte, um all den holden Blümelein ein letztes Lebewohl zu bieten. Sicherlich ist auch Herr Cupido bei diesem Abschiedsfest zu Gaste gewesen, denn nie auf dem weiten Erdenrunde erlebte je ein Weib seligere Wonnen, ward je einem Manne himmlischeres Glück zuteil. Die Eigenheit der wahren Liebe besteht darin, daß man um so reicher beschenkt wird, je mehr man gibt, und umgekehrt, so wie in gewissen mathematischen Berechnungen eine Zahlenreihe sich bis ins Unendliche wiederholt. Manche Leute, die von höherer Mathematik nichts verstehen, machen sich das am leichtesten klar, wenn sie in einen venetianischen Doppelspiegel schauen, der das gleiche Bild hunderttausendfältig wiederspiegelt. So auch vervielfältigen sich in den Herzen eines Liebespaares die Blüten, die ihren Liebeswonnen entsprießen, bis in kosende Tiefen hinein, die das Pärlein mit Staunen darüber erfüllten, wie viel Seligkeit darin Platz hat. Bertha und Johann hätten gern gewollt, daß diese Nacht ihr Leben beschließen möge, und wie endlich sehnsuchtsheiße Erschöpfung ihre Fieber durchzitterte, da vermeinten sie, Amor wolle sie auf den Flügeln eines Todeskusses von hinnen tragen; und sie hielten stand, so oft sich das auch wiederholte.

Am nächsten Tage sollte Sylvia abreisen, denn Meister Imberts Rückkehr stand bereits nahe bevor. Sein armes Weib überschüttete ihre Base mit Tränen und Küssen; immer war's der letzte Kuß und das dauerte bis zur[375] Vesperstunde. Da mußten sie endlich scheiden und Johann schied von ihr, obgleich sein Blut vom Herzen trof wie das Wachs von der Osterkerze. So wie er es versprochen hatte, eilte er nach Marmoustier und ließ sich unter die Novizen aufnehmen. Dem Herrn von Bastarnay aber sagte Bertha: Sylvia sei mit dem Lord davongegangen, und da Lord das englische Wort für Edelmann ist, so hatte sie in diesem Punkt wenigstens nicht gelogen.

Als der Edelmann seine teure Bertha ungegürtet sah, maßen sie einen Gürtel schon nicht mehr tragen konnte, da war seine Freude ohne Grenzen. Aber damit begannen erst recht die Folterqualen Berthas, die nicht zu lügen verstand und um jedes unwahren Wortes willen zum Betschemel lief und ihr Blut zu den Augen hinausweinte, derweile sie in Gebeten zerschmolz und sich der Gnade aller Heiligen des Paradieses anempfahl. Und sie betete so inbrünstig, daß der Herr sie erhörte, was man wohl beachten mag, denn sonst wäre einem das weitere ganz unverständlich. Gott also befahl dem Erzengel Michael dafür zu sorgen, daß dies büßende Weib bereits auf Erden alle Höllenqualen erdulden möge, um dann aller Sünden ledig im Paradiese seinen Einzug zu halten. Daher stieg Michael aus des Himmels Höhen hernieder zur Pforte der Hölle und lieferte die drei Seelen dem Teufel aus, indem er ihm Bertha, Johann und das Kind bezeichnete und sagte, er dürfe sie während ihres Erdenlebens nach Herzenslust quälen. Und da der Teufel durch Gottes Willen der Vater alles Übels ist, so erklärte er,[376] er wolle schon dafür sorgen, daß des Erzengels Botschaft erfüllt würde. – Inzwischen ging hienieden das Leben seinen ruhigen Gang: Bastarnays zartes Weib gab dem schönsten Kindlein des Erdenrundes das Leben, einem Bengel wie Lilien und Rosen, hold wie ein wahres Jesuskindelein, lachend und schelmisch wie ein heidnischer Amor; er wurde Tag für Tag immer schöner, derweile sein älterer Bruder mählig die Affenfratze seines Vaters bekam und diesem am Ende zum Erschrecken ähnlich sah. Der Kleine aber glich seinem Vater und seiner Mutter, und die Vereinigung all der körperlichen und geistigen Vollkommenheiten dieser beiden schuf ein wahres Wunder an bezaubernder Anmut und blendendem Verstande. Und der Anblick dieses leibhaftigen Wunders ließ dem Herrn von Bastarnay oft sagen: er gäbe seine ewige Seligkeit gern daran, wenn er den jüngeren Sohn mit dem älteren vertauschen könnte, und er wolle versuchen, des Königs Gunst für einen solchen Rechtsakt zu erflehen. Bertha wußte nicht aus und ein, denn sie liebte den Sohn Johanns und hing nurmehr wenig an dem anderen Sohne, aber sie schützte gerade diesen immer vor den bösen Absichten ihres Ehemannes. Immerhin war sie mit dem Weg, den die Dinge nahmen, recht zufrieden, betäubte ihr Gewissen durch Lügen und meinte, daß alles gut sei, als bereits zwölf Jahre dahingegangen waren, ohne daß etwas anderes als banger Zweifel in ihrem Innersten ihre Freude am Dasein getrübt hätte. Jahr für Jahr, so wie sie es einander zugeschworen hatten,[377] kam der Mönch aus Marmoustier, den niemand im Schlosse kannte als allein die Zofe, verbrachte den ganzen Tag dort und schaute sein Kind an. Schon mehrmals hatte Bertha ihn angefleht, er möge doch auf dies Recht verzichten. Aber dann wies Johann auf das Kind und sprach: »Du siehst ihn alle Tage und ich sehe ihn nur einmal jährlich!« Und dann fand sie kein Wort der Erwiderung.

Wenige Monate vor des Kronprinzen Ludwig letzter Erhebung wider seinen Vater war das Kind an der Schwelle seines zwölften Jahres angelangt und alles sprach dafür, daß es einmal ein großer Gelehrter werden würde, so wohl war es bereits in allen Wissenschaften beschlagen. Nie hatte sich der alte Bastarnay so sehr in seiner Vaterschaft gesonnt und so beschloß er, ihn nach Burgund zum Hofe mitzunehmen, allwo der Herzog Karl versprach, diesem viellieben Sohn zu einer Stellung zu verhelfen, um die ihn Prinzen beneiden sollten. Denn er wußte so kluge Menschen zu schätzen. Als denn alles solchermaßen in schönster Ordnung war, da – schien es dem Teufel an der Zeit, seine Tätigkeit aufzunehmen. Er nahm seinen Schwanz beim Wickel und tunkte ihn so hübsch mitten in all dieses Glück, um nach Herzenslust darin herumzuquirlen.

Quelle:
Honoré de Balzac: Die drolligen Geschichten welchselbige der wohledle Herr von Balzac als Festtagsschmaus für alle Pantagruelskindlein in den Abteien der Touraine sammelte und ans Licht zog. Berlin [o.J.], S. 358-378.
Lizenz:

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