Die Litanei Satans.

[136] Du Cherub, herrlicher als die Gefährten alle!

Gott ohne Ruhm! Gestürzt in allgewaltgem Falle,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


O König des Exils, der unrecht ward verbannt,

Und der, wenngleich besiegt, stets stärker neu erstand,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


O du, allweiser Fürst in unterirdschen Reichen,

Du Heiland jeder Angst, die Menschen läßt erbleichen,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Der Aussatzkranken selbst und Parias verleiht

Durch Liebe den Genuß von Edens Seligkeit,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Der zur Geliebten die Verwesung sich erkoren,

Die jene Törin dir, die Hoffnung, hat geboren,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


[137] Der Todgeweihten gibt den Blick voll stolzem Trotz,

Ein Volk verdammend von der Höhe des Schafotts,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du, welcher weiß und kennt, in was für nie entdeckte

Geklüfte Gott voll Neid den Edelstein versteckte,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du, dessen klarer Blick die Kammern überfliegt,

Wo der Metalle Volk versargt im Schlummer liegt,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du, dessen mächtge Hand am Abgrund sicher leitet

Den Menschen, der im Schlaf längs hoher Zinnen schreitet,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du, der des Säufers alt Gebein durch Zauberkraft

Selbst unter Rosseshuf heil und geschmeidig schafft,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


[138] Du, der zum Trost des Manns, den Elend ganz verzehrt hat,

Uns des Salpeters und des Schwefels Kraft gelehrt hat,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Der auf des Krösus Stirn der Mitschuld Zeichen brennt,

Des Seele käuflich ist und kein Erbarmen kennt,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du, der in Aug und Herz den Mädchen das Ergetzen

An offnen Wunden gab und an zerlumpten Fetzen,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Der stets der Forscher Licht, der Stab der Flüchtgen war,

Beichtger Erhängter und verfolgter Sträflingsschar,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Du Vater aller, die geschreckt von Wetterstrahlen

Vor Gottes grimmem Zorn aus Eden bang sich stahlen,


Erbarm dich, Satan, mein und meiner tiefen Qualen!


Gebet.

[139] Preis, Satan, dir und Ruhm in hoher Himmel Pracht,

Wo einstmals du geherrscht und in der Hölle Nacht,

In der besiegt du träumst in schweigendem Palaste!

Gib mir, daß unter der Erkenntnis Baum einst raste

Mein Geist, dir nahgesellt, zur Stunde, da dein Haupt

Gleich neuen Tempels Dach sein reich Gezweig umlaubt!


Quelle:
Baudelaire, Charles: Blumen des Bösen. Leipzig 1907, S. 136-140.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
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Die Blumen des Bösen
Les Fleurs du Mal /Die Blumen des Bösen: Franz. /Dt
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