Die Leuchttürme.

[5] Rubens, Gefild der Rast, Strom der Vergessenheiten,

Ein Ruhbett blühnden Fleischs und doch von Liebe leer,

Darin das Leben wogt in ruhelosen Weiten,

Wie im Azur die Luft und wie das Meer im Meer.


Da Vinci, Spiegel, draus sich tiefe Träume heben,

Wo selger Engelschar stillfrohes Lächeln glänzt,

Die in geheimem Duft das Schattenland durchschweben,

Das sich mit Gletschern und mit schlanken Pinien kränzt.


Rembrandt, ein Armenhaus, von Murmeln bang verdüstert,

Wo aller Schmuck der Wand ein Kruzifix allein,

Wo weinendes Gebet aus Schmutz und Lumpen flüstert,

Die kalt und hart durchstrahlt ein winterlicher Schein.


Buonarotti, Nacht, wo in des Dunkels Schweigen

Sich Herakles' Gestalt mit Christusbildern mengt,

Wo Riesenwesen starr der Dämmerung entsteigen

Und die gestreckte Hand das Leichentuch zersprengt.


Der Faunen freche Glut, des Faustkampfs zornig Toben,

Du, dem aus schmutzgem Troß die Schönheit sich gebar,

Hinfällger, gelber Mann, das Herz von Stolz gehoben,

Puget, gramvoller Fürst im Reich der Sträflingsschar.


[6] Watteau, ein Karneval, wo manche edle Herzen

Wie Schmetterlinge irrn in wechselvollem Glanz,

Gewande, leicht und bunt, erhellt von tausend Kerzen,

Die die Verzückung sprühn dem tollen Wirbeltanz.


Goya, ein schwerer Traum, wo Finsternisse zürnen,

Geburten, die man kocht in zaubertrunkner Wut,

Im Spiegel alte Fraun und junge, nackte Dirnen,

Die Strümpfe glättend, schön für der Dämonen Glut.


Ein Blutsee, Delacroix, mit bösen Engelscharen,

Beschattet durch ein Holz von Fichten, ewig grün,

Wo in vergrämter Luft fremd tönende Fanfaren

Gleich einem Seufzerhauch von Weber fern verglühn.


Dies Lästern, dieser Fluch, dies Weh von Klagesängen,

Dies Heulen, dies Tedeum, dieser wilde Schmerz,

Sie sind ein Widerhall aus tausend irren Gängen,

Ein göttlich Opium für unser sterblich Herz.


Es ist ein Ruf, den man durch tausend Wachen kündet,

Es ist ein Losungswort, das tausendfach erschallt,

Es ist ein Leuchtturm, der auf tausend Festen zündet,

Ein Schrei von Jägern ists, verirrt im großen Wald.


[7] Denn klarer kann sich, Herr, kein Zeugnis offenbaren,

Das unsrem innern Wert je eine Stimme leiht,

Als dieser glühnde Schrei, der rollt von Jahr zu Jahren

Und sterbend untergeht am Rand der Ewigkeit.

Quelle:
Baudelaire, Charles: Blumen des Bösen. Leipzig 1907, S. 5-8.
Lizenz:
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Die Blumen des Bösen (Auswahl)
Die Blumen des Bösen
Les Fleurs du Mal /Die Blumen des Bösen: Franz. /Dt
Die Blumen des Bösen: Französisch/Deutsch
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