Elfter Auftritt

[326] Vorige. Welting.


WELTING zweifelhaft. Herr Baldinger –? Baldinger weist auf Hermine.

HERMINE. Herr Welting, Sie wissen, mein Vetter hat obgesiegt; allein er überläßt mir mit dieser Urkunde den ganzen Gegenstand unseres Streites.

WELTING. Nicht möglich!

HERMINE. Wenn ich ein solches Geschenk auch nicht annehmen kann –

BALDINGER dazwischen halb für sich. Nicht annehmen!

HERMINE. So geht doch klar daraus hervor, daß mein Cousin Baldinger nie in's Geheim gegen mich gehandelt, wie Sie mich glauben machen wollten. Wir sind vollkommen ausgesöhnt. Mögen Sie, mag die Welt es wissen, deren Repräsentant Sie sind. Vor dieser Welt – was man so nennt – reich' ich meinem Vetter mit vollem bewegten Herzen die Hand, und nenne ihn meinen Freund.

WELTING. Ihren Freund? Ich verstehe, schöne Frau.

BALDINGER tritt hart an ihn. Was verstehen Sie?

WELTING. Daß Sie der Freund Ihrer Cousine geworden sind, Herr Baldinger.

BALDINGER wie oben. Und was weiter?

WELTING. Nichts weiter, als daß ich überboten wurde.

BALDINGER. Herr –

HERMINE. Abscheulich!

WELTING. Sie haben mich schnöde abgewiesen, reizende Frau: Sie verachten die Welt, die ich repräsentiren soll – aber diese Welt sieht scharf und hell – man streut ihr nicht so leicht Sand in die Augen. Der industrielle Herr Baldinger verschenkt eine halbe Million; die galante Frau von Löwenberg schlägt dieß Geschenk aus: welch eine Fülle von Großmuth, von Sentiments! Wie wird meine Welt darüber erstaunen! Ich eile nach Ihrem Wunsch, gnädige Frau, ihr diese Fakten mitzutheilen – nichts als die Fakten – und lasse Ihnen beiden Zeit, Ihre vollkommene Aussöhnung noch mehr zu vervollkommnen. Will gehen.[326]

BALDINGER. Halt, Herr! Sie sollen, Sie müssen –

WELTING. Und was, Herr Baldinger? Mit einer Pantomime. Doch nicht –? Warum nicht gar! Ich bin ein Börsespekulant.

BALDINGER heftig. Und ein –

HERMINE. Ruhig, Vetter!

WELTING. Lassen Sie ihn. Auf ein Paar Expektorationen kommt's mir nicht an. Ich habe kaltes Blut.

BALDINGER der sich faßte. Kaltes Blut? Ganz recht! Und ich mit meiner Hitze, meinem heißen Blut – Aber Sie, Mann mit dem kalten Blut! Merkten Sie denn nicht, sahen Sie nicht –? Ha, ha ha! Sie konnten glauben, daß die Cousine –? Ha ha ha!

WELTING. Sie lachen?

HERMINE besorgt. Was haben Sie, Vetter?

BALDINGER. Nichts, nichts – ich lache über den Zufall, über das Mißverständniß, das uns fast an einander brachte.

WELTING. Mißverständniß?

BALDINGER. Allerdings. Ein Wort kann es lösen, konnte es längst gelöst haben – aber meine verwünschte Hitze!

HERMINE für sich. Was hat er vor?

BALDINGER. Die Cousine reichte mir ihre Hand – nicht wahr, Herr Welting? Sie nannte mich ihren Freund – ist es nicht so? Ihre Hand, Hermine! – Glauben Sie wirklich, Herr Welting, diese Hand verschenke sich – für Geschenke? – Hermine sagen Sie doch diesem Mann, daß Sie mich – achten.

HERMINE. Wahrhaftig, ja! Ich achte Sie, wie den Besten, den Edelsten der Menschen. Diese Stunde hat mir Ihr Wesen in seinem vollsten, reinsten Lichte gezeigt. Ich werde nie aufhören, Sie zu achten, Vetter, Sie zu verehren, sollten wir auch in Zukunft verschiedene Wege –

BALDINGER der ängstlich auf jedes ihrer Worte lauschte, fällt ihr rasch in die Rede. Genug, Cousine, genug! Herr Welting ist jetzt überzeugt von Ihrem Wohlwollen, von Ihrer Neigung gegen mich.

HERMINE. Vielleicht mehr als er sollte! Sein spöttisches Lächeln gibt zu erkennen.

BALDINGER. Das ist ja eben das Mißverständniß! Ha, ha, ha! Ein so feiner Mann, ein Welting, sollte noch immer nicht einsehen, in welchem Verhältniß die Cousine eigentlich zu mir steht?

WELTING. Wie, Herr Baldinger?

HERMINE. Vetter –

BALDINGER. Klären Sie ihm doch das Räthsel auf, Cousine – doch nein! Lassen Sie mich sprechen, Zu Welting mit Ernst. Ich verzeihe Ihre Unart, Herr Welting, denn sie beruhte auf einem Irrthum; aber in Zukunft haben Sie mehr Respekt – vor meiner Braut.

HERMINE für sich. Himmel!

WELTING stotternd vor Erstaunen. Br ... Braut?

BALDINGER. So ist es.

WELTING. Braut? Ihre Braut?

BALDINGER. Ja wohl.

WELTING. Folglich sind Sie – der Bräutigam!

BALDINGER. Der Schluß begreift sich leicht.

WELTING. Leichter als die Prämissen. – Braut? Ich gratulire. Wirklich Braut? – Welches unerwartete Ereigniß! Zu Hermine. Der Repräsentant, die kleine Welt geht, um es der großen Welt mitzutheilen. Ab.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 326-327.
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