Zehnter Auftritt.

[34] Vorige. Durch die Mitte Gräfin, Figaro. Hinter ihnen, allmählig und schüchtern eintretend Schloßdienerschaft und Landleute, unter diesen Fanchette.


FIGARO einen Brautkranz mit langem Schleier in der Hand tragend, zu der Gräfin, welcher er die Thüre öffnet. Nur die gnädige Frau Gräfin können uns bei Sr. Excellenz dem Herrn Grafen diese außerordentliche Gunst auswirken.

GRÄFIN unsicher, zum Grafen. Sie sehen, mein Gemahl, daß die guten Leute mir einen Einfluß bei Ihnen zuschreiben, den ich freilich nicht besitze. Indeß ist ihr Anliegen an Sie nicht unbillig.[34]

GRAF seine Verlegenheit hinter gezwungener Artigkeit gegen die Gräfin versteckend. Ihr Fürwort, Gräfin, könnte auch Unbilliges möglich machen.

FIGARO zu Susannen, leise. Hilf mir!

SUSANNE leise, zu Figaro. Alles vergebens!

FIGARO wie oben. Frisch gewagt!

GRAF zu Figaro. Was verlangt man von mir?

FIGARO mit tiefer Verbeugung vortretend, während Landleute und Dienerschaft einen Halbkreis bilden, in officiellem Festrednerton. Gnädigster Herr und Gebieter! Nachdem Euer Excellenz als Liebesopfer für Hochdero Frau Gemahlin ein gewisses grundherrliches Vorrecht abzuschaffen geruht haben ...

GRAF ärgerlich einfallend. Nun, da es denn einmal abgeschafft ist, warum immer wieder davon anfangen?

FIGARO mit Ironie fortfahrend. ...so ist es an der Zeit, daß die Tugend eines so gütigen Herrn öffentlich gefeiert werde. Mir kommt sie am heutigen Tage so sehr zu statten, daß ich, als der Erste, bei meiner Hochzeit sie zu verherrlichen wünsche.

GRAF verwirrt. Du beschämst mich, Freund. Die Abschaffung eines schmachvollen Vorrechts ist nur eine Pflichterfüllung gegen die gute Sitte. Ein Spanier kann um die Schönheit werben, aber ihre Gunst nicht wie einen Sklavendienst erzwingen wollen. Dies ist die Tyrannei eines Vandalen, nicht das gute Recht des castilischen Edelmannes.

FIGARO Susannen dem Grafen vorführend. Möge denn diese, meine verlobte Braut, den jungfräulichen Schleier nebst Kranz, das Sinnbild von Euer Excellenz reiner menschenfreundlicher Gesinnung, aus den Händen ihres gnädigen Herren zu empfangen das Glück haben, und jedwede Hochzeit bei Euer Excellenz Unterthanen in derselben Weise feierlich begangen werden. Winkt den Umstehenden.

ALLE. Bitte, gnädiger Herr!

SUSANNE zu dem Grafen, der den von Figaro dargebotenen Kranz zu nehmen zögert. Excellenz, warum einer Huldigung ausweichen, die Ihnen in jeder Beziehung so wohl ansteht?

GRAF bei Seite. O die Falsche![35]

FIGARO. Betrachten Sie sie nur, gnädiger Herr. Niemals wird eine schönere Braut die ganze Größe Ihres Opfers besser offenbaren.

SUSANNE. Nichts von meiner Schönheit; reden wir nur von unseres gnädigen Herren Tugend.

GRAF für sich. Sie spotten meiner.

GRÄFIN dem Grafen näher tretend. Auch ich lege mein Fürwort ein; diese Festlichkeit wird mir eine stäte Erinnerung sein an die glückliche Zeit Ihrer Liebe zu mir.

GRAF. Zum Zeichen, daß sie nicht geschwunden ist, willige ich ein.

FIGARO. Unser gnädiger Herr soll leben!

ALLE. Vivat hoch!

GRAF für sich. Ich bin gefangen. Laut. Damit aber die festliche Handlung gehörig vorbereitet werde, verschiebe ich sie bis später; Für sich. jetzt rasch nach Marzellinen geschickt!

FIGARO zum Pagen, der traurig zur Seite gestanden. Nun, Windbeutel, du freust dich nicht mit?

SUSANNE. Der Aermste ist in Verzweiflung, weil ihn der gnädige Herr fortjagt.

GRÄFIN. Gnade für ihn, mein Gemahl!

GRAF. Er verdient sie nicht.

GRÄFIN. Er ist noch so jung.

GRAF. Aelter, als Sie glauben.

CHERUBIN zum Grafen ängstlich, zugleich schelmisch. Gnädigster Herr, wenn ich leichtsinnig gewesen bin, so soll die strengste Verschwiegenheit über Alles ....

GRAF rasch einfallend, mit Verlegenheit. Schon gut, schon gut!

FIGARO. Was hast denn du zu verschweigen?

GRAF wie oben. Genug, sage ich. Jedermann bittet für ihn. So sei er denn begnadigt. Mehr als das. Ich verleihe ihm eine Fähndrichsstelle in meinem Regiment.

ALLE. Vivat hoch!

GRAF laut. Jedoch füge ich die Bedingung hinzu, daß er heute noch nach seiner Garnison in Catalonien abgeht.

FIGARO bittend. Morgen, Excellenz, morgen![36]

GRAF befehlend. Heute!

CHERUBIN militärisch grüßend. Ich gehorche.

GRAF. Nimm hier sogleich Abschied von deiner Pathin; ihr verdankst du deine Beförderung.

CHERUBIN geht zur Gräfin, will reden, vermag es nicht, beugt ein Knie vor ihr.

GRÄFIN mit gerührter Stimme. Geh denn, mein Kind, wenn man dich nicht einmal heute noch hier behalten will. Ein neuer Beruf erwartet dich; folge ihm in Ehren. Bleibe deines Wohlthäters eingedenk und dieses Hauses, das deine zarte Jugend schirmte. Sei gehorsam, wacker, tüchtig. Wir werden deine Laufbahn mit Theilnahme begleiten. Cherubin erhebt sich und geht an seinen Platz mit freudestrahlenden Augen zurück, von Figaro und Susanne beglückwünscht.

GRAF leise zur Gräfin. So bewegt, Gräfin?

GRÄFIN halblaut. Ich leugne es nicht. Welche Zukunft kann dem Kinde in dem rauhen Kriegerstande beschieden sein? Zudem, Verwandte haben mir ihn empfohlen, ich bin seine Pathin.

GRAF bei Seite, einen Blick mit Basilio wechselnd, der während der ganzen Scene ihn beobachtet und gelegentlich ihm einen Wink gegeben. Basilio hatte Recht. Laut. Junger Held, umarme zum Abschied auch Susannen; Figaro neckend. es ist zum letzten Male.

FIGARO. Warum, gnädiger Herr? Wird er doch seine Winterquartiere bei uns aufschlagen. Komm lieber in meine Arme, zukünftiger Feldmarschall. Umarmung. Ja, ja, mein Söhnchen, nun ist's vorbei mit dem leichtfertigen Pagenthum, vorbei mit den Streifzügen in die Frauengemächer, mit Kuchen und Früchten vom Nachtisch, Blindekuh im Grünen und Pfänderspielen am Kamin. Jetzt geht der Dienst an, der sauere, eiserne Dienst. Alle Wetter! Ich seh' dich schon als sonnverbrannten Vaterlandsvertheidiger, auf der Schulter eine schwere Muskete, den Säbel an der Seite, rechts um, links um machen; geschwinder Schritt, marsch! Ahmt die Trommel nach und marschirt mit Cherubin umher. Vorwärts also zum Siege, zum Ruhme; wanke nicht unterwegs; wenn nicht eine zufällige Musketenkugel ...

SUSANNE. Wie entsetzlich!

GRÄFIN. Welche Prophezeiung![37]

GRAF. Wo nur Marzelline bleibt?

FANCHETTE sich hastig, mit einem Knix, hervordrängend. Gnädiger Herr, die ist in's Dorf gegangen, mit dem dicken Doktor aus der Stadt.

GRAF. Bartholo hier?

FANCHETTE. Sie sah erhitzt aus und böse, und sprach ganz laut, und focht mit den Armen, so, und der Herr Doktor hatte zu thun, sie zur Ruh' zu bringen, und meinen Vetter Figaro nannten sie mehrere Male.

GRAF. Vetter? Noch nicht!

FANCHETTE halblaut zum Grafen, auf Cherubin deutend. Gnädiger Herr, sind Sie noch böse von wegen gestern?

GRAF hastig einfallend. Nicht doch. Geh' nur! Fanchette zieht sich knixend zurück.

FIGARO. Ein wahres Glück, daß Marzelline fern ist. Sie würde unser Fest gestört haben.

GRAF für sich. Nur Geduld, sie wird es stören. Laut, der Gräfin seinen Arm bietend. Gehen wir, Gräfin. Basilio erwarte ich bei mir. Geht mit der Gräfin durch die Mitte ab, Alle folgen, nach tiefen Verbeugungen Susanne noch einmal umkehrend.

SUSANNE den Grafen kopirend. Figaro erwarte ich bei mir.

FIGARO sie hinausgeleitend. Siehst du? Doch durchgesetzt!

SUSANNE abgehend. Tausendkünstler!


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 34-38.
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