Neunter Auftritt.

[31] Graf. Cherubin beide versteckt. Susanne. Basilio.


BASILIO durch die Mitte hereinschleichend. Auch hier ist er nicht!

SUSANNE. Wer nicht? Wen sucht man bei mir in so unziemlicher Weise?

BASILIO immer umherspürend. Wen sollte man bei einer Braut anders suchen als den Bräutigam?[31]

SUSANNE. Und wer könnte bei einem Mädchen so keck eintreten, als Herr Basilio?

BASILIO wie oben. Zwar der gnädige Herr Graf möchten ebenfalls hier zu finden sein, und am Ende nicht minder ein gewisser Page.

SUSANNE verlegen. Don Cherubin?

BASILIO nachspottend. Der liebe, leibhaftige Cherubin, der auf seinen Engelsfittigen Fräulein Susanne vom frühen Morgen bis in den späten Abend umflattert, he?

SUSANNE. Das ist gelogen, boshafter Mensch!

BASILIO. Hab' ich ihn nicht unlängst noch an dieser Thür patrouilliren sehen? Oder hätte das vielleicht unserem Susannchen gar nicht gegolten?

SUSANNE hastig. Wem anders als mir?

BASILIO. Zuletzt war es wohl gar ein zarter Auftrag, ein Brieflein an die gnädige Gräfin, die er ja bei Tafel mit den Augen förmlich verschlingen soll! Daß er sich nur in Acht nimmt vor dem gnädigen Herrn; Excellenz sind einigermaßen kitzlich in diesem Punkte!

SUSANNE zornig. Und Meister Basilio einigermaßen niederträchtig, einen jungen Menschen zu verleumden, der ohnehin bei seinem Herrn in Ungnade gefallen ist!

BASILIO. Hab' ich das Gerücht erfunden? Das ganze Schloß spricht davon, die halbe Stadt.

GRAF hervortretend. Die Stadt spricht davon?

SUSANNE. Nun ist's aus!

BASILIO schadenfroh. Der Herr Graf!

GRAF. Basilio, man soll den Pagen suchen, festhalten, fortjagen.

BASILIO. Wie bedaure ich, hier eingetreten zu sein und gestört zu haben!

SUSANNE. Auch das noch!

GRAF zu Basilio. Sie wird ohnmächtig. Rasch, den Lehnstuhl.

SUSANNE Basilio zurückdrängend. Ich setze mich nicht. Pfui der Schande, ein armes Mädchen so zu überfallen![32]

GRAF. Wir sind zu zwei, mein Kind, also hat's keine Gefahr für dich.

BASILIO. Hätt' ich gewußt, daß der gnädige Herr mich hörten, nie würde ich dem armen Pagen nach geredet haben. Ich that es nur, um Susannchens Gefühle zu erforschen.

GRAF. Er soll zurück zu seinen Anverwandten, reichlich beschenkt, aber entlassen, ohne Gnade.

BASILIO. Excellenz, wegen eines Stadtgeschwätzes?

GRAF. Ein Taugenichts ist er, den ich gestern erst bei der Tochter des Gärtners ertappte.

BASILIO immer hämisch. Bei Fanchette? Ei, ei!

GRAF. Er war versteckt in ihrer Kammer.

SUSANNE. Wo Excellenz auch Geschäfte hatten?

GRAF. Sieh doch, eifersüchtig!

BASILIO. Ein vortreffliches Zeichen!

GRAF zu Susannen. Ich suchte deinen Oheim Antonio, meinen Trunkenbold von Gärtner, um ihm Befehle für deinen Hochzeitsstrauß zu geben. Ich klopfe; man öffnet mir lange nicht. Endlich kommt deine Muhme Fanchette, verwirrt und verlegen. Dies macht mich aufmerksam. Ich plaudre mit ihr, sehe mich um, suche. Hinter der Thür hing eine Gardine, oder war's ein Kleiderstock mit Tüchern drüber, – kurz, ein verdächtiges Stück Möbel. Ich, ohne mir etwas merken zu lassen, geh' sachte, sachte drauf zu, hebe behutsam den Vorhang auf Pantomime, die Erzählung begleitend. und erblicke – Hier hebt der Graf den Vorhang auf und gewahrt den Pagen. Ha, was ist das?

BASILIO. Der Herr Page! Ei, ei!

GRAF. Heute noch besser, wie gestern!

BASILIO. Heute am allerbesten!

GRAF zu Susannen. Und Sie, Mademoiselle, schämen sich nicht, als Braut dergleichen Abenteuer zu bestehen? Um meinen Pagen zu empfangen, wollten Sie allein sein? Zu Cherubin. Du aber, unverbesserlicher Bösewicht, unterstehst dich, der Kammerjungfer deiner Herrin und Pathin nachzustellen, der Braut des Mannes, den du Freund nennst? Nichts da! Ich werde nicht dulden, daß[33] Figaro, ein Diener, den ich schätze, dem ich Schutz schuldig bin, das Opfer solcher Betrügereien wird.

SUSANNE. Weder Betrug, noch Opfer! Der Page war schon hier, als Excellenz eintraten.

GRAF. Wehe ihm, wenn du die Wahrheit sprichst!

SUSANNE. Er bat mich um ein Fürwort der gnädigen Gräfin bei Excellenz. Ihre Ankunft erschreckte ihn so, daß er zu dem Lehnstuhl seine Zuflucht nahm.

GRAF. Gelogen! Als ich eintrat, setzte ich mich in demselben Lehnstuhl nieder.

CHERUBIN ängstlich. Ach, gnädiger Herr, ich steckte dahinter.

GRAF. Noch einmal gelogen! Dahinter steckt' ich selbst.

CHERUBIN. Da macht' ich Platz und schlüpfte hinauf!

GRAF. Eidechse, Schlange! So hast du gehorcht?

CHERUBIN. Nicht doch, gnädiger Herr! Ich hielt mir beide Augen zu, um nichts zu hören.

GRAF. Lügen über Lügen. Zu Susanne. Aus deiner Heirath mit Figaro wird nichts.

BASILIO. Fassung, gnädiger Herr, man kommt.

GRAF den Pagen aus dem Lehnstuhl herabziehend. Ob du heruntergehst? Der Schlingel bliebe bis zum jüngsten Tage da droben hocken!


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 31-34.
Lizenz:
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