Vierter Auftritt.

[45] Gräfin. Susanne. Cherubin.


SUSANNE. Nur herein, Herr Offizier. Wir sind sichtbar.

CHERUBIN der sich scheu nähert. Ach, wie mich dieser Titel betrübt, gnädige Frau. Er mahnt mich, daß ich scheiden muß von dieser Stelle, von einer Frau Pathe, die so gütig ist ...

SUSANNE. Und so schön.

CHERUBIN seufzend. Ach ja!

SUSANNE nachahmend. »Ach ja!« Der gute Junge mit seinen langen, scheinheiligen Augenwimpern. Komm, kleiner Spaßvogel, singe der gnädigen Gräfin deine Romanze. Sie überreicht das Notenblatt.

GRÄFIN es entfaltend. Von wem mag sie sein?

SUSANNE. Wie der Schuldige roth wird, über beide Wangen!

CHERUBIN. Darf man denn nicht ... lieben ...

SUSANNE drohend. Ich werde alles sagen, Schelm.

GRÄFIN. Singt er sie auch selbst?

CHERUBIN. Gnädige Frau, ich bebe.

SUSANNE lachend. Tralalala. Wenn gnädige Frau befiehlt, gehorcht der schüchterne Dichter. Ich werde ihn begleiten.

GRÄFIN. Nimm meine Guitarre. Die Gräfin liest sitzend im Notenblatt nach. Susanne steht hinter ihr und präludirt, die Noten über der Gräfin Schulter einsehend. Vor ihr steht, mit niedergeschlagenen Augen, der kleine Page. Die Gruppe stellt ganz das berühmte Bild Vanloo's dar: Spanische Konversation.


Romanze.

Melodie: Held Marlborough zieht zu Felde etc.


Mein Rößlein, sollst mich tragen

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

Durch Berg und Thal zu jagen,

Wohl über Stock und Stein.


Wohl über Stock und Stein

Hinritt ich ganz allein;

Wo dunkle Tannen ragen,[45]

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

Da hub ich an zu klagen,

Und Thränlein flossen drein.


Ja, Thränlein flossen drein;

Ich grub in einen Stein

Den Namen nicht zu sagen,

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

Drauf zog in lust'gem Jagen

Der König hin am Rain.


Der König zog am Rain

Sammt Hofstaat groß und klein;

Die Kön'gin kam zu fragen,

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

»Was hast du schwer zu klagen?

Willst du nicht fröhlich sein?


Willst du nicht fröhlich sein,

Gesteh' dein Leides ein!« –

Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen,

Drin hab' ich seit viel Tagen

Herzliebchens Bild getragen,

Die holde Pathe mein.


Die holde Pathe mein,

Sie lieb' ich, treu und rein.

Die Königin zu sagen

Begann: »Du sollst nicht klagen«,

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

»Ich will dir Pathe sein.


Ich will dir Pathe sein,

Sei du der Page mein;

Du magst dir nach Behagen,

Wenn sie dich ausgeschlagen«,

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

»Meiner Damen schönste frein.«
[46]

Ich eine Andre frein?

O nein, Frau Kön'gin, nein!

Ihre Fesseln will ich tragen

(Ach, mein Herz, mein Herz thut mir schlagen)

Bis einst im schwarzen Schragen

Ich ruhig schlafe ein!


GRÄFIN. Recht einfach, sogar voll Empfindung.

SUSANNE die Guitarre weglegend. O was Empfindung betrifft, verspricht der junge Mann etwas. Hat man Ihm, Herr Offizier, denn auch gemeldet, daß Er im heutigen Festspiel eine Frauenrolle darstellen soll? Nun möchten wir gern vorher wissen, ob eins meiner Kleider Ihm paßt.

GRÄFIN. Ich fürchte: nein.

SUSANNE mißt sich mit ihm. Gleiche Größe. Erst nehmen wir ihm den Mantel ab. Sie thut es.

GRÄFIN ängstlich. Wenn Jemand käme!

SUSANNE. Thun wir denn etwas Böses? Doch will ich die Thüre verschließen. Wenn wir nur einen passenden Kopfputz hätten.

GRÄFIN. Nimm von meiner Toilette ein Morgenhäubchen. Susanne ab in das Kabinet.


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 45-47.
Lizenz:
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