Neunter Auftritt.

[78] Vorige. Durch die Mitte, nachdem der Vorhang von dem Gerichtsdiener aufgeschlagen worden, treten ein: Graf, Gerichtsschreiber, zwei Advokaten, ein zweiter Gerichtsdiener. Wenn sie eingetreten sind, werden die Schranken geschlossen, hinter denen sich aufstellt: Antonio, Dienerschaft, Landleute.


GERICHTSDIENER den Stab erhebend. Seine Excellenz, der Herr Graf Almaviva, oberster Erb-, Lehn- und Gerichtsherr! Der Graf nimmt seinen Platz auf dem Lehnstuhl unter dem Baldachin ein. Unter ihm der Friedensrichter. Gerichtsschreiber und Advokaten an einer, mit Akten und Schreibzeug bedeckten Tafel. Bartholo und Marzelline treten rechts, Figaro links, die Gerichtsdiener zu beiden Seiten der Schranken. Im Volk Bewegung.

GRAF. Im Talar, Herr Friedensrichter? Es handelt sich nur um einen häuslichen Streit. Das gewöhnliche Kleid wäre genug gewesen.

FRIEDENSRICHTER. Ex...Ex...Excellenz sind zu gnädig. Aber ich gehe niemals ohne Ta..la..lar. Wegen der Form,[78] wissen Sie. Mancher la..lacht über den Richter im kurzen Ro..Rock, der beim blo..bloßen Anblick des Talars zi..zittert. Die Form, die Fo..Fo..Form.

GRAF. Der Gerichtstag beginne!

FRIEDENSRICHTER. Schrei ...Schrei ...Schreiber, verlest die Sachen.

SCHREIBER aus den Akten lesend. Der hoch-, hochwohl- und wohlgeborene Herr, Dom Pedro, Georgio, Hidalgo de los altos y fieros Montes y otros Montes, wider Alonzo Calderon, jungen Theaterdichter. Es handelt sich um ein durchgefallenes Lustspiel, das Keiner verfaßt haben will und Jeder auf den Anderen schiebt.

GRAF. Sie haben Beide Recht. Man weise die Klage ab. Wenn sie wieder zusammen arbeiten, soll, damit ihr Werk Glück mache in der großen Welt, der Edelmann seinen Namen, der Dichter sein Talent dazu hergeben.

SCHREIBER aus einem zweiten Aktenstück. Andreo Petruchio, Taglöhner, gegen den Steuereinnehmer, wegen willkürlicher Schätzung.

GRAF. Die Sache gehört nicht vor meinen Stuhl. Ich diene meinen Leuten besser, wenn ich sie beim König beschütze. Fortzufahren.

SCHREIBER ein drittes Aktenstück vornehmend. Barbara, Hagar, Magdalena, Nicolina Marzellina, ledig und volljährig Marzelline knixt. gegen Figaro ... Taufname offen gelassen.

FIGARO. Anonymus.

FRIEDENSRICHTER. Anonymus – was für ein Hei- heiliger ist das?

FIGARO. Der meinige!

SCHREIBER aufzeichnend. Gegen Anonymus Figaro. Stand?

FIGARO stolz. Edelmann!

GRAF. Edelmann?

FIGARO. Wenn es des Himmels Wille gewesen wäre, könnte ich der Sohn eines Fürsten sein. Gelächter unter den Zuhörern.

GRAF achselzuckend. Fahrt fort!

GERICHTSDIENER. Stille vor Gericht!

SCHREIBER lesend. Besagte Marzelline, als Klägerin, thut[79] und erhebt, auf Grund eines schriftlichen Eheversprechens, Einsprache gegen die anderweite Verehelichung des Beklagten, besagten Figaro's. Die Klägerin vertritt Medizinae Doktor Bartholo aus Sevilla, während Beklagter seine Sache selbst führen wird, wenn der Gerichtshof solches erlaubt, gegen den Gebrauch.

FIGARO sich erhebend. Der Gebrauch ist häufig nur ein Mißbrauch. Eine nur einiger Maßen gebildete Partei kennt ihre Sache besser als gewisse Advokaten, welche unter kaltem Schweiß, mit vielem Geschrei, Alles wissend, nur die Sache nicht, ohne Bedenken ihren Klienten zu Grunde richten, die Zuhörer langweilen, die Richter einschläfern und hernach so stolz sich aufblasen, als hätten sie eine ciceronianische Rede verfaßt. Ich werde in wenig Worten die Sache klar machen. Meine Herren ...

SCHREIBER unterbrechend. Ihr seid nicht Kläger, sondern habt als Beklagter nur zur Vertheidigung das Wort. Treten Sie vor, Herr Doktor, und lesen Sie das Versprechen.

BARTHOLO. Es ist bündig.

FRIEDENSRICHTER. Man hö..höre es an. Stille vor Gericht!

BARTHOLO sehr umständlich, seine Brille abwischend und aufsetzend. »Ich Endesunterzeichneter bekenne hiermit von Dame Marzelline die Summe von zweitausend Piastern als baares Darlehen empfangen zu haben. Diese Summe werde ich ihr auf ihr Verlangen jeder Zeit zurückzahlen und statt der Zinsen aus Erkenntlichkeit sie heirathen.« Gezeichnet: Figaro. – Unser Antrag geht auf Zahlung der Summe nebst Kosten und auf Erfüllung des Eheversprechens. Er räuspert sich und fährt im Rednertone fort. Meine Herren! Seit dem Urtheil Salomonis des Weisen ward kein interessanterer Rechtsfall vor keinem Gerichtshofe der Welt verhandelt. Eheversprechungen kannten bereits die Alten: der große Alexander versprach die Ehe der schönen Thalestris ...

GRAF fällt ungeduldig ein. Bevor wir so weit zurückgehen, äußere sich Beklagter, ob er seinen Schein anerkennt?

FRIEDENSRICHTER. Beklagter, was popo-propo-oppo-poniret Ihr gegen euren Schein?

FIGARO. Daß er aus Versehen oder absichtlich falsch gelesen worden ist. Es heißt darin nicht: Diese Summe werde ich[80] zurückzahlen, und sie heirathen; sondern es lautet: diese Summe werde ich zurückzahlen, oder aus Erkenntlichkeit sie heirathen. Ein kleiner Unterschied, sollt' ich meinen. Bewegung unter dem Volk.

GRAF. Was steht im Schein?

BARTHOLO. Und!

FIGARO. Oder!

FRIEDENSRICHTER. Und oder – oder. Oder – und – und – oder. Gelächter. Ruft Still-ille vor Gericht.

GERICHTSDIENER. Still-ille vor Gericht.

GRAF. Schreiber, überzeug' Er sich selbst.

SCHREIBER dem Bartholo das Papier überreicht, liest anfangs murmelnd, abgebrochen. »Endesunterzeichneter .... zweitausend Piaster .... bares Darlehen.« Aha! Diese Summe werde ich ihr auf ihr Verlangen jeder Zeit zurückzahlen Hält das Papier nah vor's Auge. und ... oder ... Das Wort ist undeutlich. Es ist ein Klax darauf.

FRIEDENSRICHTER. Man zeige mir den Kla-a-ax!


Friedensrichter, Advokaten, Schreiber stecken alle die Nasen in das Papier und flüstern mit einander.


BARTHOLO. Wir behaupten, daß es die conjunctio copulativa Und ist. Wonach Beklagter mit der Klägerin sich kopuliren zu lassen gemüßigt sein dürfte.

FIGARO in gleich pedantischem Tone. Wir repliziren, daß es conjunctio adversativa Oder sei, so daß Klägerin entweder bezahlt oder geheirathet werden wird. Ist er Pedant, so bin ich es doppelt; spricht er Latein, so rede ich Griechisch. Ich vernichte ihn.

GRAF. Wie ist der Fall zu beurtheilen?

BARTHOLO. Um zu Ende zu kommen und nicht Silben zu stechen, acceptiren wir: es heiße »Oder«.

FIGARO. Ich bitte, dies zu Protokoll zu nehmen.

BARTHOLO. Wir stimmen bei. Eine so erbärmliche Ausflucht wird Beklagten nicht retten. Prüfen wir die Schrift, wenn »oder« darinnen steht. Er liest. »Die Summe ... werde ich ihr zurückzahlen, oder sie heirathen.« Das ist, als wenn in einem Recepte geschrieben stünde: Patient wird zwei Gran Rhabarber einnehmen, oder eine halbe Unze Sennes. Eins von beiden muß er nehmen, um gesund zu werden.[81]

FIGARO. Keineswegs. Das Beispiel steht so: Entweder die Krankheit wird den Patienten umbringen, oder der Arzt mit seinen Mitteln. Ein reiner Gegensatz. Nur eines Todes kann er sterben. So auch in meinem Falle: Entweder ich zahle, oder ich heirathe. Beides ist nicht zu verlangen.

BARTHOLO heftig werdend. Schöne Zahlung, das.

SCHREIBER. Stille vor Gericht.

BARTHOLO. Das nennt solch ein Schurke seine Schulden bezahlen.

FIGARO. Führt der Herr Vertheidiger seine eigene Sache?

BARTHOLO. Ich vertrete Dame Marzelline.

FIGARO. So reden Sie Unsinn, so viel Sie wollen, aber keine Beleidigungen. Als man, aus Besorgniß vor der Leidenschaftlichkeit der Parteien, vor Gericht Vertheidiger und Sachwalter zuließ, wollte man ihnen nicht das Recht ertheilen, ungestraft zu beleidigen. Das heißt, die edelste Anstalt herabwürdigen.


Die Richter haben inzwischen insgeheim unter sich berathen.


ANTONIO auf sie hindeutend, zu Marzelline. Was haben denn die mit einander zu zischeln?

MARZELLINE. Der oberste Gerichtsherr ist bestochen worden, er besticht den Friedensrichter, dieser die Uebrigen, und ich verliere den Prozeß.

BARTHOLO für sich, murrend. Das fürchte ich.

FIGARO heiter. Muth, Marzelline.

SCHREIBER gegen Marzelline gewendet. Das ist zu stark; ich zeige Sie an und verlange zur Ehre des Gerichtshofes, daß diese Sache vor der andern verhandelt werde.

GRAF. Nicht so, Schreiber. Ich spreche nicht, wo es eine persönliche Beleidigung gegen mich gilt. Ein spanischer Richter ist kein türkischer. Genug an den anderen Mißbräuchen. Um nicht selbst einen weiteren zu begehen, werde ich mein Erkenntniß motiviren; der Richter, welcher das nicht thut, ist ein Feind der Gesetze. Was kann Klägerin verlangen? Heirath, wenn nicht Bezahlung. Beides zumal ist ausgeschlossen.

SCHREIBER. Stille vor Gericht.[82]

GRAF. Wie erwidert Beklagter? Daß er nicht heirathen will. Dies ist ihm gestattet.

FIGARO erfreut. Ich gewinne.

GRAF. Aber da sein Versprechen sagt: »welche Summe ich zurückzahlen oder sie heirathen werde«, so verurtheilt der Gerichtshof Beklagten, der Klägerin zweitausend Piaster zu zahlen, oder sie zu heirathen, und das noch am heutigen Tage. Von Rechtswegen. Er steht auf.

FIGARO erstarrt. Ich habe verloren.

ANTONIO frohlockend. Ein treffliches Urtheil.

FIGARO. Warum trefflich?

ANTONIO. Weil du nun meine Nichte doch nicht kriegst. Schön' Dank, Excellenz.

GERICHTSSCHREIBER. Das Gericht ist geschlossen.

ANTONIO. Das Alles erzähle ich Susannen. Ab.


Die Zuhörer gehen allmählig ab, ebenso die Gerichtspersonen, bis auf den Friedensrichter. Die Uebrigen kommen wieder in den Vordergrund.


Quelle:
Beaumarchais [Pierre-Augustin Caron de]: Figaro's Hochzeit. Leipzig [o. J.], S. 78-83.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Figaros Hochzeit oder Der tolle Tag
Die Figaro-Trilogie: Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht / Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit / Ein zweiter Tartuffe oder Die Schuld der Mutter

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon